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Mammutkeule, garniert

Dank modernen Messmethoden lässt sich die Speisekarte der Neandertaler rekonstruieren.

Roland Knauer

Die Lebensweise der Neandertaler vor rund 250'000 Jahren war viel weniger primitiv als bisher angenommen. Illustration: Alice Turner (Getty Images)Klicken, um das gesamte Bild zu sehen.

Wer von Neandertaler spricht, meint meistens ein primitives Wesen, weit weg von den Fertigkeiten des modernen Menschen. Sie seien viel weniger flexibel gewesen, waren viele Forscher bisher überzeugt. Umso mehr überrascht es, wenn Hervé Bocherens vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) an der Universität Tübingen sagt: «Die Neander­taler waren uns viel ähnlicher als bisher vermutet.» Gewissheit geben ihm seine Untersuchungen zum Alltag und zum Speiseplan des Frühmenschen im Rhonetal im Fachblatt «Quaternary Science Reviews».

Unten im Tal jagten demnach die Neandertaler im Wald gerne Pferde und Nashörner. Dort brachte die Rhone den Bäumen das ganze Jahr über genug Wasser, das der Fluss aus den Alpen noch heute in den Süden Frankreichs in die Nähe von Valence trägt. Auf einer Ebene hoch über dem Tal reichten die Niederschläge vor 250'000 Jahren wohl genau wie heute nur noch für Buschland aus, das im Mittelmeerraum als Macchie bezeichnet wird. Wer dort jagte, hatte es auf Hirsch und Büffel abgesehen. Die Neandertaler lebten damals in beiden Landschaften.

Hervé Bocherens und sein Forscherteam stützen sich auf eine raffinierte und doch bestechend einfache Kette von Indizien, die auf sogenannten Isotopen-Analysen beruhen. Der Begriff Isotop steht dabei für unterschiedlich schwere Atomsorten eines bestimmten Elementes. So wiegt zum Beispiel das leichtere Kohlenstoff-Isotop 12C zwölf Einheiten, und das viel seltenere 13C ist 13 Einheiten schwer. Beim Sauerstoff wiederum gibt es das 16 Einheiten schwere 16O und das schwerere sowie deutlich seltenere 18O.

Isotope verraten Essgewohnheit

In kühleren Regionen wie den Alpen, die vor 250'000 Jahren von einer Eiskappe bedeckt waren, kommt das schwerere 18O im Wasser noch seltener vor als in wärmeren Regionen. Diesen Mangel an 18O sehen die Forscher auch noch weit flussabwärts im Rhonewasser. Auf der Ebene hoch über dem Unterlauf der Rhone lagen die Temperaturen damals wie heute deutlich über denen im Alpenraum. Und prompt steckt dort im Wasser viel mehr 18O.

Diese Unterschiede spiegeln sich später auch in den Tieren wider, die von diesem Wasser getrunken haben. Finden die Forscher also bei Pferden und Nashörnern auffällig niedrige 18O-Werte, dürften diese Arten damals im waldigen Rhonetal gelebt haben. In Hirschen und Büffeln sind die 18O-Werte dagegen relativ hoch, diese Tiere sollten also auf der Ebene Wasser getrunken und dort wohl auch gelebt haben.

Zähne erzählen Geschichten

Daneben untersucht das Forscherteam auch das seltene Kohlenstoff-Isotop 13C. Nehmen Pflanzen Kohlenstoff auf, der die Grundlage allen Lebens bildet, bevorzugen sie die leichtere Variante 12C. Dabei gibt es allerdings kleinere Unterschiede zwischen verschiedenen Pflanzen. Fressen Tiere diese Gewächse, übernimmt ihr Organismus diese Variationen. Wird dann die Menge an 13C im Zahnschmelz eines Tieres gemessen, kann daraus ermittelt werden, welche Pflanzen diese Art gefressen hat.

Verspeisten anschliessend Neandertaler diese Tiere, übernahmen auch sie das entsprechende Verhältnis der Kohlenstoff-Isotope. Erforschen die Wissenschaftler den Zahnschmelz von Neandertalern, ­erfahren sie nicht nur, welche Tiere bei ihnen auf der Speisekarte standen, sondern auch, ob diese Tiere im Tal oder auf der Hochebene gelebt hatten.

Viele Hirsch-Knochen

In der Payre-Höhle im Süden Frankreichs finden die Forscher in zwei direkt übereinander liegenden Schichten Teile von Knochen und Zähnen, die von verschiedenen Tieren und manchmal auch von Neandertalern stammen, die dort vor rund 250'000 Jahren lebten. «Zwischen beiden Schichten können durchaus tausend Jahre gelegen haben», vermutet Hervé Bocherens.

In dieser Zeit aber änderten sich die Verhältnisse von 18O und 13C in den Zähnen der Tiere praktisch nicht. Daher sollten auch die Umweltverhältnisse gleich geblieben sein, insbesondere sollte es in dieser Zeit weder deutlich wärmer noch deutlich kälter geworden sein. Während die Isotope der in der unteren Schicht gefundenen Zähne der Neandertaler-Kinder aber nahelegen, dass diese Gruppe im Flusstal Pferde und Nashörner jagte, erzählen die Zahnfunde aus der oberen Schicht eine ganz andere Geschichte: Dort hatten es die Neandertaler auf der Ebene auf Hirsche und Büffel abgesehen. Die auffallend vielen Knochen von Hirschen in dieser Schicht, untermauern diese Beobachtung weiter.

Echte Mammutjäger

Mit dieser Untersuchung haben Hervé Bocherens und seine Mitarbeiter Neuland betreten. Bisher analysierten die Forscher die Ernährungsvorlieben meist mithilfe von Stickstoff- und Kohlenstoff-Isotopen im Kollagen uralter Knochen. Dieses Kollagen aber zerfällt mit der Zeit, und nach hunderttausend Jahren ist ­davon praktisch nichts mehr übrig. Im Zahnschmelz dagegen überdauert das Karbonat viel länger, dort lassen sich also auch noch nach 250'000 Jahren die Isotopen-Verhältnisse und damit die ­Lebensgewohnheiten der damaligen Neandertaler untersuchen.

«Allerdings können wir so bei Allesfressern wie den Neandertalern nichts über den Pflanzenanteil in der Nahrung erfahren», sagt Hervé Bocherens. Da müssen die Forscher dann doch wieder auf das Kollagen in jüngeren Knochen zurückgreifen. Das haben sie auch bei den Neandertalern getan, die vor 40'000 Jahren auf einer Kältesteppe im heutigen Belgien Mammuts jagten. Mit einer weiteren Isotopen-Analyse entlarvten sie die damaligen Neandertaler als Feinschmecker. Etwa ein Fünftel des Speiseplanes war für Grünzeug reserviert. Das Fleisch aber stammte weit überwiegend von Mammuts, zeigen die Analysen des Stickstoff-Isotops 15N und von 13C in den Knochen. Offensichtlich waren die Neandertaler also echte Mammutjäger – und bewiesen damit erneut ihre Flexibilität.

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