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Neandertaler hatten grössere Gehirne

Neandertaler hatten bei der Geburt gleich grosse Gehirne wie wir. Dann aber legten sie zu, wie Zürcher Forscher zeigen.

Das Skelett und der Schädel eines Neandertaler-Babys.
Das Skelett und der Schädel eines Neandertaler-Babys.
PNAS

Menschen haben eine ausgesprochen langsame Lebensgeschichte. Eine Schwangerschaft dauert mit neun Monten relativ lange, ebenso die Zeit bis zur Geschlechtsreife. Und das Gehirnwachstum eines Kindes ist erst im sechsten bis achten Altersjahr abgeschlossen. Weshalb das so ist, beziehungsweise was die Vor- oder Nachteile dieser langsamen Entwicklung sein könnten, ist nicht bekannt.

Möglichweise, so eine Theorie aus den 1940er Jahren, ist unsere hohe Intelligenz eine direkte Folge dieser Lebensgeschichte: Während der langsamen Gehirnentwicklung in den ersten Lebensjahren hat der Mensch genügend Zeit, sich seine hohen kognitiven Fähigkeiten anzueignen.

Nur, die plausibel klingende Theorie wird von empirischen Befunden kaum gestützt. So ist das Gehirnwachstum nach der Geburt beim Menschen nur zehn Prozent langsamer als beim Schimpansen – zu wenig, um den Intelligenzunterschied erklären zu können. Und die kognitive Entwicklung eines Kindes geht nicht Hand in Hand mit der Volumenzunahme seines Gehirns.

Eine alternative Theorie sucht den Grund für unsere gemächliche Entwicklung in der beschränkt vorhandenen Energie. So ist beispielsweise auffällig, dass in der frühkindlichen Periode die Energie hauptsächlich in das Wachstum des Gehirns fliesst, erst später in das Körperwachstum. «Es ist ein Optimierungsproblem», sagt der Paläoanthropologe Christoph Zollikofer von der Universität Zürich. Mit anderen Worten: Der Mensch hat eine langsame Lebensgeschichte, weil er so die vorhandenen Ressourcen optimal einsetzen kann.

Neandertaler hatten ein grösseres Gehirn

Zusammen mit der Paläoanthropologin Marcia Ponce de León von der Universität Zürich und Kollegen aus Japan und Russland hat Zollikofer erstmals die Lebensgeschichte des Neandertalers rekonstruiert («Pnas», online). Denn ein direkter Vergleich mit den ausgestorbenen Vettern sollte zum besseren Verständnis unserer eigenen Spezies beitragen. Die Wissenschaftler fanden, dass der moderne Mensch keineswegs besonders ist: Schwangerschaft, Hirnentwicklung und Lebensgeschichte liefen beim Neandertaler vergleichbar langsam ab.

Die Zürcher Forscher haben den Schädel eines Neandertalerbabys, das vor 40'000 Jahren kurz nach der Geburt gestorben war, mit Hilfe des Computers rekonstruiert (siehe Bild). Gemäss ihren Berechnungen hatte das Neugeborene ein Gehirnvolumen von rund 400 Kubikzentimetern, vergleichbar mit jenem heutiger Menschen. Und auch seine Geburt war ähnlich schwierig.

Dann aber wuchs das Gehirn der Neandertaler schneller, wie Zollikofer und Ponce de León bei der Analyse der Überreste von zwei weiteren Neandertalerkindern herausfanden. Insgesamt hielt die Wachstumsphase beim Neandertaler gleich lange an wie beim modernen Menschen. Die Folge: Neandertaler hatten grössere Gehirne als wir.

Doch das müsse kein Vorteil gewesen sein, erklärt Zollikofer. Weil Homo sapiens weniger Energie für die Gehirnentwicklung brauchte, hätte er möglicherweise mehr Energie als Neandertaler für die Fortpflanzung zur Verfügung gehabt. «Und das wiederum wirkte sich positiv auf die Geburtenrate unserer eigenen Spezies aus», sagt Zollikofer.

Homo sapiens hat sich vielleicht aus diesem Grund erfolgreich gegen seine Vettern mit den grösseren Gehirnen durchgesetzt.

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