Ohne Vertrauen geht gar nichts

Fake News, Verschwörungstheorien, Lügen: Vertrauen wird gerade in heutigen Zeiten oft hinterfragt. Dabei ist es unser wichtigstes immaterielles Gut.

Wem können wir heute vertrauen? Eine Wissenschafterin protestiert gegen alternative Fakten in Berlin. Foto: Getty Images

Wem können wir heute vertrauen? Eine Wissenschafterin protestiert gegen alternative Fakten in Berlin. Foto: Getty Images

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Ich habe spät in meinem Leben Auto fahren gelernt. Wenn man fünfzig ist, wird es teuer; ich würde ebenso viele Fahrstunden brauchen, wie ich Jahre alt sei, meinte meine Fahrlehrerin begeistert nach der ersten Lektion.

Der Vorteil ist, dass man sich über manches, was einem in jungen Jahren selbstverständlich erscheint, unversehens wundern kann. So ist mir jener sonnige Tag in frischer Erinnerung, als ich – ich hatte erst den Lernfahrausweis – mit einem Kollegen über den Albispass fuhr.

Auf der Landstrasse herrschte kaum Verkehr, ab und zu tauchte auf der Gegenfahrbahn ein Auto auf, und ich fühlte mich schon wie ein routinierter Formel-1-Pilot, als mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. «Ist es nicht unglaublich», sagte ich zu meinem Beifahrer, «welches Vertrauen man zu den anderen Verkehrsteilnehmern hat, die einem doch alle fremd sind? Was garantiert mir, dass die junge Frau in jenem Volvo nicht an Narkolepsie leidet? Der forsche BMW-Fahrer nicht Selbstmordgedanken hat? Und unser Leben in einem Frontalzusammenstoss endet, für den ich nichts kann?»

«Der Mensch», schrieb der Soziologe Niklas Luhmann, «hat zwar in vielen Situationen die Wahl, ob er in bestimmten Hinsichten Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn.»

Vertrauen, sagt Luhmann in seiner wegweisenden Monografie zum Thema, dient der «Reduktion von Komplexität»: Würden wir stets alles in Erwägung ziehen, was schiefgehen könnte, würden wir jedes Risiko vermeiden wollen, wären wir nicht handlungsfähig.

Vertrauen wird umso mehr beschworen, je angeschlagener es ist.

Heute ist «Vertrauen» ein Werbeslogan. Autohändler und Ärzte, Staatsmänner und Deodorant-Hersteller, Babybrei-Produzenten und Hedge-fonds-Manager versprechen Vertrauen und fordern es ein; ja, nicht nur Menschen sollen wir vertrauen, sondern auch der Technik, der Wissenschaft, den Netzwerken und Dienstleistern des Internets, der Regierung und den staatlichen Institutionen. Der Verdacht kommt auf, Vertrauen werde umso mehr beschworen, je angeschlagener es ist infolge der häufigen Skandale in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Einander vertraut haben Menschen wohl schon immer. Doch bis zum Beginn der Aufklärung und der Moderne wird in unserem Kulturkreis darüber kaum mehr gesagt, als was in der Bibel steht: «Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.» (Psalm 118,8) Weder auf «Fürsten» noch auf den eigenen «Verstand», nur auf Gott ist Verlass, sagt das Buch der Bücher.

Der Bruch im europäischen Denken, was das Gott- und Weltvertrauen anbelangt, erfolgte 1755 mit der Katastrophe von Lissabon. Sie wurde zum Mahnmal der Moderne, wie der Untergang der Titanic zum Mahnmal der Technik wurde. Ein Erdbeben, ein Grossbrand, ein Tsunami; in Lissabon, einer Blüte der Zivilisation, wurde damals deutlich, dass die Gewalt der Natur nicht den moralischen Prinzipien des Menschen gehorcht, sondern unterschiedslos Sünder und Tugendhafte trifft.

Die Basis der Gesellschaft

Der Psychoanalytiker Erik Erikson hat dann 1950 das Gottvertrauen als «Urvertrauen» zwischen Mutter und Säugling säkularisiert. Wie jenes mit der Erschaffung des ersten Menschen, kommt dieses mit der Geburt eines jeden zur Welt und bildet das Fundament für Vertrauen jedweder Art.

Der Bedeutungswandel des Begriffes durch die Jahrhunderte lässt sich anhand der Definitionen in Wörterbüchern verfolgen. Gibt Johann Heinrich Zedlers «Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste» (1732–1750) noch zu bedenken, dass es sicheres Vertrauen nur unter «wahren Christen» in ihrem Verhältnis zu Gott gebe, definiert 1801 Johann Christoph Adelungs Wörterbuch Vertrauen als «ein Ding dem andern mit zuversichtlicher Erwartung der Sicherheit desselben übertragen». Dieses «Ding» kann auch die eigene Person sein: «So vertraut sich ein Kranker dem Arzte», steht als Beispiel.

Zum Vertrauen gehört die Enttäuschung.

Zehn Jahre später erwähnt Joachim Heinrich Campe in seinem fünfbändigen «Wörterbuch der deutschen Sprache» neben dem Arzt auch den Kaufmann: «Ein Kaufmann hat Vertrauen, wenn man ihm sein Geld und Geldes Werth in gewisser Hoffnung, dass es sicher bei ihm sein werde, übergiebt oder überlässt (er hat Credit).» Das «Deutsche Wörterbuch» von Jacob und Wilhelm Grimm bringt es 1956 auf den Punkt: «Man traut einem Menschen, wenn man ihm nichts Böses zutraut – man vertraut ihm, wenn man mit Sicherheit Gutes von ihm erwartet.»

Wie die Sprache uns erlaubt, über Dinge zu reden, die es nicht oder noch nicht gibt, so nimmt auch das Vertrauen Zukunft vorweg. Während in der Kolonialzeit Handelsschiffe an ferne Gestade geschickt wurden in der Erwartung, der Kapitän bringe sie mit Schätzen befrachtet zurück, werden heute Internet-Start-ups von Risikokapitalisten finanziert in der Erwartung, aus der Garagentüftelei werde etwas, womöglich ein Gigant wie Apple, Google oder Facebook. Ein Risiko in der Tat; zum Vertrauen gehört die Enttäuschung.

Vertrauen schenkt man auch den Gesetzgebern, die man als – wieder abwählbare – Repräsentanten bestimmt.

Seit dem späten 18. Jahrhundert werden in den modernen Gesellschaften Europas und Amerikas Vertrauensfragen zu einem Leitmotiv des Handelns. Dem vorangegangen war ein neues Verständnis des politischen Vertrauens, das seine Premiere in England hatte. Anders als in Kontinentaleuropa hatten sich im Inselreich absolutistische Regierungsformen nicht durchsetzen können.

Als es im Machtkampf zwischen Parlament und Krone 1649 zum Showdown kam, stand die Frage im Zentrum, an wessen Vertrauen der König gebunden ist – an das Gottes, des Parlamentes oder des Volkes? Charles I. berief sich auf das Gottvertrauen, wurde angeklagt, das Vertrauen von Parlament und Volk enttäuscht bzw. gebrochen zu haben, wegen Hochverrats verurteilt und geköpft. Fortan stand nicht mehr das Vertrauensverhältnis der Untertanen zum König im Mittelpunkt, sondern das zwischen Parlament und Wählern.

Vor diesem Hintergrund ist der Philosophenstreit zwischen John Locke und Thomas Hobbes entstanden; ein Streit, der zwei politische Lager bis heute trennt. Mit seinen 1689 anonym publizierten «Treatises of Government» legte Locke das theoretische Fundament der modernen bürgerlichen Gesellschaft; ein Zusammenschluss von Individuen im Interesse der Wahrung von Freiheit und Eigentum. Dieser Akt des Vertrauens, meinte Locke, beende das im Naturzustand herrschende Misstrauen eines jeden gegenüber jedem. Vertrauen schenkt man auch den Gesetzgebern, die man als – wieder abwählbare – Repräsentanten bestimmt.

In der Demokratie ruht unser Vertrauen aufeinander auf der Gewalt des Staates.

Hobbes dagegen, der Verfasser des «Leviathan» von 1651, mochte den Menschen, die er prinzipiell für unberechenbar hielt, nicht trauen. Er sieht den Naturzustand als Krieg aller gegen alle, den nur die Unterwerfung durch den Staat beenden kann. In seinem Sozialkontrakt hält nicht das Vertrauen, sondern der «Schrecken» die Menschen im Zaum.

Wer von beiden hat recht – Locke, der Vordenker der Aufklärung, oder Hobbes, der Begründer eines aufgeklärten Absolutismus? Progressive neigen Locke zu, Konservative Hobbes.

Jan Philipp Reemtsma, der Hamburger Mäzen und Publizist, der 1996 entführt und 33 Tage in einem Keller gefangen gehalten wurde, lädt in seinem Buch «Vertrauen und Gewalt» zu einem Gedankenexperiment. Was würde geschehen, wenn die Regierung erklärte, die Staatsgewalt sei für zwei Wochen ausser Kraft gesetzt, sodass jeder straflos tun dürfte, was immer er möchte? Selbst wer an die Friedfertigkeit seiner Mitmenschen glaubt, würde kaum die Hand dafür ins Feuer legen, alles würde weitergehen wie gewohnt. Wer würde noch im Vertrauen, nicht ausgeraubt oder umgebracht zu werden, aus dem Haus gehen? Was würde passieren, wenn es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen käme? Würde man sich verteidigen können, und wer würde einem helfen?

Auch in der Demokratie ruht unser Vertrauen aufeinander auf dem Fundament einer uns selten bewussten, meist unsichtbaren, aber mächtigen Gewalt – der des Staates. Wir haben ihm das Monopol darauf gegeben und ihn verpflichtet, davon Gebrauch zu machen.

Heute rühren die psychischen Krankheiten daher, dass wir zu viel von unserer Sicherheit aufgegeben haben.

Die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, die Hobbes und Locke eröffnet haben, hat Sigmund Freud als Gegensatz von Kultur und Triebregungen neu thematisiert. In seinem Essay «Das Unbehagen in der Kultur» beschreibt er ihn als Tauschgeschäft – je mehr man vom einen will, desto weniger hat man vom anderen. Freud meinte 1930, wir hätten zu viel von unserer persönlichen Freiheit der Sicherheit geopfert.

Der 2007 verstorbene polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman, der einflussreiche Theoretiker der «flüssigen» Moderne, sah es umgekehrt: Heute, meinte er, rührten die psychischen Krankheiten nicht mehr wie zu Freuds Zeiten daher, dass wir zu viel von unserer Freiheit, sondern daher, dass wir zu viel von unserer Sicherheit aufgegeben hätten. Dies, weil jeder nun selber dafür verantwortlich sei, die Probleme zu lösen, die nicht er, sondern die Gesellschaft geschaffen habe.

Dem Ruf nach einem «starken Mann» seien genau deshalb in manchen Ländern viele Wähler gefolgt. Ihr Vertrauen in Staat und Politik ist erschüttert. Nicht wegen der Migration, von der immer geredet wird, sondern wegen der fundamentalen Veränderung im Verhältnis von Kapital und Arbeit.

«Der ungeschriebene Vertrag zwischen Kapitalist und Arbeiter ist einseitig gebrochen worden.»Zygmunt Bauman, Soziologe

Das klassische Modell dieses Verhältnisses war die Ford-Fabrik. Die Arbeiter waren abhängig von Henry Ford, in dessen Unternehmen sie ihren Lebensunterhalt verdienten, er war abhängig von ihnen, die ihn reich und mächtig machten. Beide wussten, dass sie zum Zusammenleben verurteilt sind; ein, wenn man so will, symbiotisches Verhältnis haben.

Das ist heute nicht mehr so. Ein Arbeiter oder Angestellter muss jederzeit damit rechnen, dass der Unternehmer sein Kapital irgendwohin verlagert, wo es Arbeitskräfte gibt, die sich mit zwei Dollar Tageslohn zufriedengeben und nie streiken. «Der ungeschriebene Vertrag zwischen Kapitalist und Arbeiter», so Bauman, «ist einseitig gebrochen worden. Die Arbeitgeber können hingehen, wo sie wollen, aber die Arbeitnehmer sind immer noch ortsgebunden.»

Luhmann lesen!

Damit ist nicht nur das Vertrauen der Belegschaft in ihren Betrieb und seinen Besitzer lädiert, sondern auch das Vertrauen untereinander. Jeder Mitarbeiter wird zum potenziellen Feind des anderen, da er hofft, die nächste Runde der Rationalisierung, des Downsizing und Outsourcing werde nicht ihn, sondern den Kollegen treffen.

«Früher», sagt Bauman, «produzierte eine Fabrik im Stil von Ford, was immer sie herstellte, auch Solidarität. Die heutige Fabrik dagegen produziert, was immer sie auch herstellt, Rivalität.» Der Nationalstaat hat nicht die Macht, dieses Problem zu lösen. Deshalb buhlen die «starken Männer» in Ost und West nicht mit einem politischen Programm um die Gunst der Wähler, sondern mit ihrer Person: «Vertraue mir, und alles wird wieder gut.»

Luhmanns Buch «Vertrauen» erschien 1968, dem Jahr, das im Westen für die Rebellion der studentischen Jugend gegen die bürgerliche Gesellschaft steht und im Osten für die Niederschlagung des Versuchs eines «humanen Sozialismus». «Trau keinem über dreissig» war der Slogan in Berkeley, Berlin und Paris – gemeint waren damit nicht die Gerontokraten im Kreml, die Panzer nach Prag schickten.

Wem man vertraut, ist bis heute eine Frage, wo man lebt.

Schenken Sie einem Menschen, der sagt, er habe nie im Gefängnis gesessen, deshalb Vertrauen? Wohl nicht. Und einem, der sagt, er sei im Gefängnis gewesen? Unter Umständen sollten Sie es, gerade deshalb. Stammt er aus einem Land, in dem Oppositionelle eingekerkert, gefoltert und ermordet wurden, hat er sein Leben riskiert, um der Wahrheit und der Menschenwürde willen – etwas, was wir uns selber nicht unbedingt zutrauen.

Wem man vertraut, ist bis heute eine Frage, wo man lebt. Nach der Revolution von 1989, dem Fall der Mauer, hatte ich oft Besuch aus Osteuropa. Vom Fenster meiner Wohnung in Zürich sah man auf das Dach eines Altersheims, wo gerade ein Aufbau errichtet wurde. Als eine Freundin aus Warschau fragte, was da gebaut werde, meinte sie auf mein Schulterzucken, es sei bestimmt eine Leichenverbrennungsanlage. Ich dachte, sie scherze, aber ihr war ernst – wer in einem Polizei- und Willkürstaat aufgewachsen ist, hat das Misstrauen gegenüber offiziellen Verlautbarungen im Blut. (Es handelte sich um eine Klimaanlage, wie ich dann in Erfahrung brachte.)

Ein Rechtsstaat hingegen, der auf der Gewaltenteilung basiert mit einer unabhängigen Justiz, setzt Vertrauen voraus und schafft es zugleich. «In Wahrheit», sagt Luhmann, «fundiert der Vertrauensgedanke das gesamte Recht, das Sicheinlassen auf andere Menschen, so wie umgekehrt Vertrauenserweise nur aufgrund einer Risikominderung durch das Recht zustande kommen können.»

In den Wohlstandsgesellschaften des Westens können wir uns auch auf vieles verlassen.

In einfachen, kleinen Sozialsystemen ist zwischen Vertrauen und Recht kaum zu unterscheiden; Vertrauen wird erwartet, Misstrauen ist ein Affront, und ein Vertrauensbruch wird als Unrecht geahndet. Eine Trennung von Vertrauen und Recht wird jedoch unumgänglich, wenn viele Akteure im Spiel sind; Verträge müssen abgeschlossen werden können, unabhängig davon, ob und wer wem faktisch vertraut. Dass das Persönliche dabei nicht ganz unter den Tisch fällt, zeigt sich in der Körpersprache. Obschon alles schriftlich geregelt ist und die Partner bei Vertragsverletzungen klagen könnten, besiegeln sie die Unterzeichnung mit einem Blick in die Augen und einem Handschlag; ein Ritual zur Bekräftigung, dass man auch als Person dahintersteht.

In der heutigen Welt müssen wir vielen und auf vieles vertrauen; doch in den Wohlstandsgesellschaften des Westens können wir uns auch auf vieles verlassen. Wir vertrauen nicht nur unserer Familie und unseren Freunden, sondern auch den Institutionen von Staat und Gesellschaft. Wir vertrauen darauf, dass sie funktionieren, dass Recht und Ordnung herrschen und dass allfällige Verstösse sanktioniert werden.

Etwas anders ist es mit der Wirtschaft. Wir dürfen uns zwar darauf verlassen, dass der Motor unseres Autos am Morgen anspringt, doch das Vertrauen in seinen renommierten Hersteller ist seit «Dieselgate», dem Abgasskandal, nicht mehr das beste. Die Bereitwilligkeit, unsere Daten Facebook und anderen sozialen Netzwerken anzuvertrauen, war wohl naiv. Doch indem diese beteuern, sie hätten nichts anderes im Sinn, als Menschen aus aller Welt einander näherzubringen, reden sie schön, was ein Vertrauensmissbrauch war und ist.

Welchen Quellen vertrauen wir, und weshalb tun wir das bzw. eben nicht?

Auch die traditionellen Medien haben einen Vertrauensverlust erlitten. Wie so etwas einen verunsichern kann, erlebte ich, als ich etwa zehn Jahre alt war und mein Vater mir einen Sachverhalt der Astronomie erklärte. Ich weiss nicht mehr, worum es ging, doch wie es mein Vertrauen erschütterte, weiss ich noch ganz genau. Um mir den Sachverhalt zu verdeutlichen, schlug ich im Lexikon nach, wo das Gegenteil von dem stand, was mein Vater gesagt hatte. Ich war zu jung, seine Autorität infrage zu stellen, aber zu alt, um am Wahrheitsgehalt eines Lexikons zu zweifeln. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er ungerührt, was im Lexikon stehe – es war im Übrigen seines – sei falsch.

Ich war verzweifelt. Welchen Quellen vertrauen wir, und weshalb tun wir das bzw. eben nicht? Die heutige Jugend informiert sich fast ausschliesslich online; Wikipedia, Youtube, Blogs und der Feed aus sozialen Netzwerken sind die Autoritäten, denen sie vertraut. Im Zeitalter der «alternativen Fakten», der Fake News und des World Wide Web herrscht kein Mangel an Bullshit, Hokuspokus und abstrusen Verschwörungstheorien. Der alte Rat, «Trau, schau, wem», ist nicht leicht zu befolgen.

Was ist Treue wert?

Was tun? Wenn ich ins Flugzeug steige, vertraue ich den beruflichen Fähigkeiten der Pilotin, jedoch nicht ihr als Mensch; dass sie verheiratet ist und einen Geliebten hat, soll mich nicht kümmern, solange nicht ich ihr Mann bin. Ebenso gelten fachliche Kriterien, um eine Quelle, eine Person oder Institution einzuschätzen: Status, Reputation, Kompetenz, Integrität, Referenzen, Plausibilität und, last but not least, das Motiv: Ist die Quelle, Person oder Institution interessiert, mir die Wahrheit zu sagen oder daran, mich zu täuschen?

«Trau, schau, wem und worin», muss es heute heissen. Nicht nur in den Medien ist ein Vergleich mit anderen Quellen zum selben Thema ratsam. Und überdies gilt es auch die Folgen zu bedenken, wenn man der Quelle vertraut. Ein Lehrbeispiel ist der Irakkrieg.

Es wird oft gesagt, die Regierung von George W. Bush habe gelogen, um die Intervention zu legitimieren. Lügen kann jedoch nur, wer die Wahrheit kennt. Doch am meisten überrascht davon, dass keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, war die Bush-Regierung. Was nicht heisst, dass sie das vom Kongress in sie gesetzte Vertrauen verdient hätte. Sie hat die Quellen, denen ihre Geheimdienste vertrauten, keiner kritischen Prüfung unterzogen.

Im raschen, vom technischen Fortschritt bestimmten Wandel, werden Oasen der Stabilität geschaffen.

Bisweilen ist es mit dem Vertrauen wie mit den guten Vorsätzen, mit denen bekanntlich der Weg zur Hölle gepflastert ist. So hatte der britische Premier Neville Chamberlain 1938 nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens, das Hitler den Weg zum Krieg ebnete, der Welt «peace for our time» verkündet – im Vertrauen, «Herr Hitler», wie er ihn nannte, spiele nach den Regeln wie er selber, der Gentleman. Winston Churchill, sein Nachfolger, hatte das «Ungeheuer», dem die Deutschen ihr Schicksal anvertrauten, schon Anfang der Dreissigerjahre durchschaut. Er hat nicht ihm, sondern sich selber vertraut, seiner Menschen- und Geschichtskenntnis.

Wie das institutionelle, ist auch das persönliche Vertrauen in der Familie, unter Freunden, in Vereinen und Interessengemeinschaften geschichtlich geprägt. Im 19. Jahrhundert bekommt es einen hohen Stellenwert, was die Historikerin Ute Frevert mit der Individualisierung der modernen bürgerlichen Gesellschaft erklärt.

Kann man unter diesen Umständen noch auf Treue bauen, einander vertrauen?

Die Kehrseite der Freiheit von Zwängen des Standes ist die Vereinzelung und die Einsamkeit, die man mit der Suche nach neuen Bindungen zu überwinden hofft. Im raschen, vom technischen Fortschritt bestimmten Wandel, werden Oasen der Stabilität geschaffen. Die Ehe ist nun nicht mehr eine Sache blosser Vernunft mit dem Ziel, die Arbeit zu teilen, das Vermögen zu vermehren, den Besitz zu vererben und religiöse Vorschriften zu befolgen. Sie wird jetzt zu einer Liebesangelegenheit, zur intimsten Bindung neben der zwischen Mutter und Kind.

Gilt das auch im derzeitigen beschleunigten Wandel, wo immer weniger einen Job fürs Leben haben, mobil bleiben wollen oder müssen und sich Beziehungen virtuell leicht knüpfen, aber real schwer halten lassen? Kann man unter diesen Umständen noch auf Treue bauen, einander vertrauen?

Das Felix-Krull-Problem

Zygmunt Bauman verneinte es und kam gar zum Schluss, wir seien dabei, das Lieben zu verlernen. Während man in turbulenten Zeiten wie heute Freunde und Partner benötige, die einen nicht hängen liessen, scheue man die Verpflichtung einer Bindung in der Furcht, etwas zu verpassen.

Der Trend, einen Partner im Internet zu suchen, meint Bauman, folge dem Trend zum Internetshopping; die Beziehungen zwischen Menschen würden wie die Beziehungen zwischen Kunden und Waren. «Es ist kein bewusster Prozess», sagt er, «aber es ist die Art, in der wir lernen, die Welt und die Menschen zu sehen.»

Bedingte Treue und Loyalität auf Zeit begrenzen auch die Dauer von Gemeinschaften wie Vereinen und Interessengruppen; die Gemeinschaft wird ersetzt durch das Netzwerk. Dieses macht den Ein- und Austritt leicht, im Unterschied zum traditionellen Verein, der Wert auf menschliche Bindungen legt und deren Beendung als Vertrauensbruch taxiert. Heute verlangt kaum eine Gemeinschaft noch den ganzen Menschen, und es gilt nicht mehr als Verrat, seine Loyalität à la carte zu gewähren. Stabile Gemeinschaften finden wir fast nur noch auf den unteren Sprossen der soziokulturellen Leiter, vom Kaninchenzüchterverein bis zu den Hells Angels.

Vertrauen ist immer, eine «riskante Vorleistung».

Und doch vertrauen wir immer noch selbst Fremden, auch wenn wir es nicht unbedingt müssten. Am Bahnhof oder im Flughafen bittet man andere Reisende, auf den Koffer achtzugeben, weil man im Presseshop noch eine Zeitung holen will. Jeden der Wartenden? Oder nur den gesetzten Herrn mit Anzug und Krawatte, nicht aber den dunkelhäutigen jungen Mann mit Bart? Ist man ein Rassist, wenn man diesbezüglich wählerisch ist? Lassen wir es dahingestellt.

Vertrauen ist immer, wie Luhmann sagt, eine «riskante Vorleistung». Eine Mutter, die ihr Kind abends einem Babysitter überlässt, vertraut darauf, dass nichts Schlimmes passiert und sie ihren Entschluss nicht bereuen muss, sich einen schönen Abend gemacht zu haben. Eine Garantie hat sie nicht.

Wie Vertrauensbildung funktioniert, lehren uns jene, die sie missbrauchen – die Hochstapler. Sie sind Meister darin, das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen, was das Englische, das im Unterschied zum Deutschen zwei Wörter für Vertrauen hat – trust und confidence – sich zunutze macht. Ein confidence man oder conman ist, wie die englische Fassung von Thomas Manns «Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull» deutlich macht, kein Mann des Vertrauens: «Confessions of Felix Krull, Confidence Man», ist der Titel der Übersetzung.

Vertrauen zu erschleichen verlangt, wo es um hohe Geldsummen oder hohes Ansehen geht, beträchtliche Fähigkeiten. Ein Hochstapler muss das, worauf wir Wert legen bei der Frage, ob wir jemandem vertrauen können, perfekt vortäuschen: Kompetenz, Integrität, Reputation. Und sich erst noch darauf verstehen, Sympathie zu wecken, die jeden Rest von Misstrauen zerstreut.

Vertrauen, ein positiv besetzter Begriff, ist an und für sich neutral.

Hochstapler geben etwa vor, von adliger Abstammung zu sein, akademische Titel zu tragen, über ein grosses Vermögen zu verfügen, einen angesehenen Beruf in leitender Position auszuüben. Dass allein eine Uniform Vertrauen weckt, nutzte der Schuster Wilhelm Voigt, der 1906, als Hauptmann verkleidet, eine Abteilung Soldaten zum Köpenicker Rathaus führte, den Bürgermeister verhaften liess, die Gemeindekasse leerte und in einer Droschke von dannen fuhr. Carl Zuckmayers Theaterstück «Der Hauptmann von Köpenick» sowie mehrere Verfilmungen haben den Stoff populär gemacht.

Wir lachen auch darüber, dass es 1925 einem Mann namens Victor Lustig glückte, einem Schrotthändler den Eiffelturm zu verkaufen. Weniger lustig ist, dass es dem Bankkaufmann Christian E. – das war vor zehn Jahren – gelang, als Chirurg mit zwei falschen Doktortiteln am Klinikum der Universität Erlangen angestellt zu werden, wo er als Notarzt zum Einsatz kam und bei mehr als 190 Operationen, darunter auch Organtransplantationen, assistierte.

Wir schenken Politikern Vertrauen auf Zeit, wählen sie im Wissen, ihnen die Macht bei der nächsten Wahl entziehen zu können.

Woraus wir schliessen: Vertrauen, ein positiv besetzter Begriff, ist an und für sich neutral. Gerade auch in der Halb- und der Unterwelt spielt es eine tragende Rolle; das Vertrauen derer, die zur «Familie» der Mafia gehören; der Vertrauensbeweis, den Kandidaten von Gangs wie den «Crips» oder «Bloods» in Los Angeles erbringen müssen, indem sie wahllos irgendjemanden umbringen.

In dem Mass, wie eine freie Gesellschaft sich entwickelt und die Komplexität der Beziehungen ihrer Mitglieder zunimmt, erweitert sich das personale Vertrauen zum Systemvertrauen. Dessen Merkmal ist, dass wir die Leute, denen wir vertrauen, meist überhaupt nicht kennen. Wir schenken Politikern Vertrauen auf Zeit, wählen sie im Wissen, ihnen die Macht bei der nächsten Wahl entziehen zu können. Luhmann sieht in der Macht denn auch einen von drei Pfeilern, auf denen Systemvertrauen beruht. Die andern beiden sind Wahrheit und Geld.

Macht und Ohnmacht

Während die Sicherung gegen Machtmissbrauch im «Modell moderne Demokratie» eingebaut ist, ist Wahrheit die grundlegende Voraussetzung für eine vernünftige, sachliche Auseinandersetzung. Man kann aus Fakten zwar unterschiedliche Schlüsse ziehen, die Fakten selbst aber sind heilig. Und mit dem Geld verhält es sich ähnlich, wie es der Volksmund über die Gesundheit sagt: Es ist nicht alles, aber ohne es ist alles nichts.

Das sprang mir in die Augen, als ich in einem Antiquariat Meyers «Grosses Konversations-Lexikon» in 22 Bänden gekauft hatte, die Ausgabe von 1906 bis 1910. Sie gilt als der Höhepunkt der deutschen Lexikografie, unbestechlich präzis und wunderschön mit ihren goldgeprägten Lederrücken, zahlreichen Stichen und farbigen, mit Seidenpapier geschützten Illustrationen. Versonnen blätterte ich in einem Band, als ein Stück Papier zu Boden fiel. Es war eine Banknote, eine echte. Wert: «Fünf Milliarden Mark».

Wie leicht das Geld verschwinden kann, das man in seiner Bank doch sicher wähnte, hat uns die Finanzkrise ab 2007 gezeigt.

Nein, sie hat mich nicht reich gemacht. Sie stammte aus der Hyperinflation im Deutschland der Zwanzigerjahre, wo selbst ein solcher Schein, kaum gedruckt, schon wertlos war und man hastig damit zu kaufen suchte, was immer man ergattern konnte. Das Lexikon, aus dem die Note fiel, wusste noch nichts vom Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe Europas, wusste nichts von der Weltwirtschaftskrise, dem Untergang der Weimarer Republik, der Machtergreifung und den Propagandalügen eines Verführers, der absolutes Vertrauen in seine Person verlangte und das Systemvertrauen ad absurdum führte.

Wie leicht das Geld verschwinden kann, das man in seiner Bank doch sicher wähnte, hat uns die Finanzkrise ab 2007 gezeigt. Macht und Wahrheit, die zwei anderen Säulen des Systemvertrauens, sind in EU-Staaten wie Ungarn, Tschechien und Polen korrumpiert, und in den USA versucht der amtierende Präsident, der mächtigste Mann der Welt, die sakrosankten checks and balances des Systems auszuhebeln.

Ist es ein Zufall, dass in derselben Zeit das personale Vertrauen in Lehrer, Priester und andere Stützen der Gesellschaft ebenso geschwunden ist? Es war der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi, der in den 1780er-Jahren die Erziehung revolutionierte, indem er das Vertrauen den besten «Weg zum kindlichen Herzen» nannte und als Leiter eines Armen- und Waisenhauses das «Zutrauen» und die «Anhänglichkeit» der Kinder mit seiner nimmermüden «Liebe» gewann. Es ist traurig, dass wir heute solche Sätze aus der Feder eines Pädagogen nicht mehr ohne Misstrauen lesen können. Was unter dem Titel «Reformpädagogik» vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Zeit in gerühmten Bildungsstätten wie der deutschen Odenwaldschule geschah, war ein Missbrauch von kindlichem «Zutrauen», von «Anhänglichkeit» und «Liebe»; sexuelle Gewalt unter dem Deckmantel eines erzieherischen Ethos.

Missbrauchtes Vertrauen kann einen Menschen zerstören, falsches Vertrauen gar die Menschheit.

Dem Mächtigen fällt es leicht, Vertrauen zu gewinnen oder zu erzwingen, dem von ihm Abhängigen schwer, Grenzen zu setzen: Wo Macht ist, ist immer auch Ohnmacht. Ob Schule, Kirche oder die Traumfabrik von Hollywood – ins Politische übersetzt funktionierten und funktionieren sie wie das Ancien Régime vor der Revolution. Autokratisch, ohne Trennung von Exekutive und Legislative, ohne eine unabhängige Instanz wie die Justiz, die Klagen entgegennimmt, prüft und Verstösse ahndet.

Missbrauchtes Vertrauen kann einen Menschen zerstören, falsches Vertrauen gar die Menschheit. Wie nahe die Welt am Rand eines Nuklearkrieges zwischen den Supermächten stand, illustriert die Kubakrise von 1962. Sie verlief nur glimpflich, weil Präsident John F. Kennedy in der entscheidenden Besprechung nicht den zur Invasion drängenden Militärs vertraute, sondern dem etwas schüchternen ehemaligen US-Botschafter in Moskau, Llewellyn Thompson.

Sein Rat, den Russen zuzusichern, man werde nicht einmarschieren, um Fidel Castro zu stürzen, wenn sie die Raketen abzögen, erlaubte Chruschtschow, das Gesicht zu wahren und sich als Retter Kubas vor dem US-Imperialismus feiern zu lassen. Robert McNamara, Kennedys Verteidigungsminister, der bei dieser Besprechung dabei war, schossen noch Jahrzehnte danach die Tränen in die Augen, wenn er davon sprach.

Das Atompatt, heisst es oft, habe den Frieden gesichert, da hüben wie drüben die Machthaber Vernunft wahrten und sich auch im Kalten Krieg diesbezüglich vertrauten. Mutual assured destruction, die gegenseitig garantierte Vernichtung – mit dem sinnigen Kürzel MAD –, schuf ein «Gleichwicht des Schreckens».

Fahrlässig ist jedes Vertrauen da, wo die Folgen eines Fehlers unverantwortbar gravierend sind.

Heute wissen wir, dass es ein Vabanquespiel war, nicht nur im Konfliktfall Kuba. Der Buchautor Eric Schlosser dokumentiert in «Command and Control» zahlreiche Unglücksfälle; Atombomben fielen vom Flugzeug, verbrannten bei Abstürzen oder gingen verloren im Ozean.

Als am 3. Juni 1980 Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater von Präsident Carter, morgens um halb drei die Meldung erhielt, 220 sowjetische Interkontinentalraketen seien in Richtung Amerika abgefeuert worden, verlangte er Bestätigung. Sie kam, mit der Korrektur, es handle sich nicht um 220, sondern um 2200 Raketen. Brzezinski entschied sich, seine Frau nicht zu wecken, damit sie im Schlaf sterben könne, und wollte eben den Präsidenten anrufen, als die Meldung kam, es sei ein falscher Alarm – ausgelöst durch einen fehlerhaften Computerchip, der 46 Cent kostete, wie sich später herausstellte. Ob in Menschen oder in Technik – fahrlässig ist jedes Vertrauen da, wo die Folgen eines Fehlers unverantwortbar gravierend sind.

Diese eine Sekunde

«Vertrauen», schrieb 1908 Georg Simmel in seinem Buch «Soziologie», sei «ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um den Menschen». Deshalb bleibt es immer ein Wagnis, verlangt Bereitschaft zum Risiko, ist eine Leistung des Willens. «Der völlig Wissende», folgerte Simmel, «braucht nicht zu vertrauen.»

Wäre es demzufolge nicht besser, statt Entscheidungsträgern auf Zeit zu vertrauen, wie in einer Demokratie üblich, auf vollständige Information und damit Öffentlichmachung von allem zu pochen, was diese mit ihren Beratern, mit Experten, Politikern und Staatsmännern besprechen?

Das ist die Vision von Julian Assange, für den Wikileaks der Anfang der gläsernen Welt ist, von der er und seine Anhänger träumen. Man könnte es sich leicht machen mit dem Argument, dass die bisherigen Enthüllungen sich vorab auf die westliche Welt, namentlich Amerika, beschränkt haben und deshalb strategischen Gegnern und Konkurrenten wie Russland und China in die Hände spielen. Doch darüber hinaus geht es um die Frage, ob die Gewährung von Vertrauen gut ist für die Gesellschaft oder nur für die Mächtigen.

Wäre ich eine Sekunde später vom See abgefahren, würden Sie diesen Text wohl nicht lesen.

Was veröffentlicht ist, wird frei für eine Diskussion, an der jeder und jede teilnehmen kann; egal, ob sachverständig oder nicht. Nicht Reduktion, sondern Reproduktion von Komplexität wäre die Folge von «totaler Information»; zu handeln würde noch schwieriger als jetzt, wo der geringste Fauxpas eines Politikers Schlagzeilen macht, bis sich der Skandal-Appeal erschöpft hat und dem nächsten Platz schafft.

Soll ein Patient das Recht haben, an sämtlichen Gesprächen der Fachärzte über sein Leiden teilzunehmen? Womöglich unter Beizug eines Anwalts? Soll er alles online zur Diskussion stellen dürfen mit dem Ziel, die bestmögliche Therapie zu bekommen? Ich überlasse es Ihnen, sich Gedanken darüber zu machen, ob dies dem Heilungsprozess förderlich wäre oder aber Sie selber um den Verstand bringen würde.

Ich erwähnte eingangs, wie ich mich über das selbstverständliche Vertrauen wunderte, das wir anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber aufbringen. Jahre später, als ich in Amerika lebte, durfte ich mich erneut wundern. Ich war unterwegs auf einer zweispurigen Landstrasse in Nevada am Lake Tahoe entlang, als ein Sportwagen in rasender Geschwindigkeit von der Gegenfahrbahn abkam und in das Auto hinter mir, einen grossen SUV, prallte. Im Rückspiegel sah ich, wie die beiden Wagen durch die Luft flogen und in den Abgrund stürzten. Wäre ich eine Sekunde später vom See abgefahren, würden Sie diesen Text wohl nicht lesen.

Vortrag, gehalten an einem Symposium vom 6. September 2018 in der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

Peter Haffner liest im Rahmen des Buch- und Literaturfestivals «Zürich liest» im Krimitram aus seinem Roman «So schön wie tot»: Samstag, 27. Oktober 2018, 15.00 bis 15.55 Uhr.

Erstellt: 13.10.2018, 13:59 Uhr

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