Spezialistin für das Grauen

Die Literaturwissenschaftlerin Zoë Lehmann Imfeld schlägt eine neue Lesart von Gothic Tales vor: Der Schlüssel für deren Verständnis sei die Religion, sagt sie.

Mit der kritischen Distanz einer Agnostikerin studierte Zoë Lehmann Theologie. Foto: Daniel Rihs (13 Photo)

Mit der kritischen Distanz einer Agnostikerin studierte Zoë Lehmann Theologie. Foto: Daniel Rihs (13 Photo)

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Im Jahr 1904 veröffentlichte der englische Gelehrte Montague Rhodes James (1862–1936), genannt M. R., eine Sammlung mit Geistergeschichten, die er über die Jahre nebenbei geschrieben hatte. Als Wissenschaftler an der Cambridge University widmete er sich hauptsächlich religiösen Schriften aus dem Mittelalter – Bibelübersetzungen, alten Manuskripten, Abhandlungen etwa zur Apokalypse und Ähnlichem. Und hier hatte M. R. James höchste Ansprüche. Seine Geistergeschichten hingegen, so notierte er im Vorwort des schmalen Erzählbandes, seien nichts Erhabenes: «Falls es den Erzählungen gelingt, den Leser angenehm erschauern zu lassen, wenn er eine dunkle Strasse entlanggeht oder an einem ersterbenden Feuer sitzt, dann ist der Zweck meines Schreibens erfüllt.»

Die Anglistin Zoë Lehmann hat dem Autor, dessen Werk sie für ihre Dissertation intensiv studiert hat, seine nonchalante Behauptung nicht abgekauft. Sie sagt: «M. R. James war ein äusserst ernsthafter Gelehrter, der zeitlebens nach verlässlichen Schriftstücken und letztlich der ‹Wahrheit› suchte – es hätte nicht zu ihm gepasst, diese Prinzipien in seinen Geistergeschichten ausser Acht zu lassen.»

«Vor einer theologischen Betrachtung scheuen viele Forscher zurück.»

Zoë Lehmann (36) ist Literaturwissenschaftlerin am Englischen Seminar der Universität Bern. Am 21. Juni wird die gebürtige Engländerin an der Konferenz «Gender and Excellence» des Nationalfonds mit dem Marie-Heim-Vögtlin-Preis 2016 geehrt. Der Preis will hoch qualifizierte Doktorandinnen dabei unterstützen, die akademische Laufbahn und Familienplanung zu vereinbaren. Lehmann Imfeld ist mit einem Schweizer verheiratet und Mutter zweier Kinder, sieben und fünf Jahre alt. Den Preis bekommt sie für ihre unkonventionelle Forschung zur Schauergeschichte, in Englisch Gothic Tale — diesem populären literarischen Genre, das vor allem im viktorianischen England zur Blüte gelangte. Mary Shelleys «Frankenstein», «Dracula» von Bram Stoker oder «Dr Jekyll and Mr Hyde» von Robert Louis Stevenson sind bekannte Beispiele, ebenso die Erzählungen von Edgar Allan Poe. «Es gab in der viktorianischen Literatur kaum Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die nicht zwischendurch auch Gothic Tales schrieben», sagt Zoë Lehmann.

Unser Treffen findet auf der Grossen Schanze in Bern statt. Zoë Lehmann sitzt an einem Tisch auf der Terrasse und geniesst die Aussicht über die Berner Altstadt. Ihr rot gefärbtes Haar trägt sie französisch geflochten, über ihren schmalen Schultern liegt ein dunkelblauer, fester Mantel. Es ist trotz Sonne empfindlich kalt. Lehmann trinkt von ihrer Chai Latte, dann fährt sie mit M. R. James fort. Er ist einer von vier Autoren, die sie untersucht hat. In Wahrheit seien die Geschichten des Beinahe-Pfarrers sehr wohl «erhaben», mehr noch: durchdrungen von einer Fülle religiöser Symbole und Motive. Sie erklärt: «Das Religiöse neben dem Dunklen, Dämonischen: Das sind zwei Seiten von ein und derselben Medaille. Diese Paarung findet man eigentlich in allen Gothic Tales.»

Mit ihren Thesen sorgte Zoë Lehmann Imfeld am Englischen Seminar der Universität Bern für eine kleine Sensation: Schauergeschichten wurden kaum je mit einem religiösen Fokus gelesen. Gothic Tales gelten in der Literaturwissenschaft vielmehr als Gegenentwürfe zur religiösen Literatur, die «agnostische Lesart» ist sozusagen gegeben. Zoë Lehmann durchbricht diese klare Trennlinie, die traditionell zwischen Literatur und Religion gezogen wird, und schlägt eine neue Lesart vor.

Boris Karloff als Frankensteins Monster. Foto: Keystone

Zum Beispiel bei M. R. James: In seinen Geschichten treten meistens aufgeklärte Zeitgenossen als Protagonisten auf, die durch ein unheimliches Erlebnis aus der Bahn geworfen werden. «Eigentlich sind diese Protagonisten Wahrheitssuchende, wie M. R. James selbst einer war», erklärt Zoë Lehmann. Im «Album des Stiftsherrn Alberic» etwa besucht ein reisender Archäologe die Kirche eines südfranzösischen Städtchens, wo ihm der Sakristan am Ende des Tages für wenig Geld einen wertvollen, geheimnisvollen Folianten überlässt. Dieser enthält eine Zeichnung, auf der König Salomon im Zweikampf gegen ein seltsames Wesen dargestellt ist.

Als der Besucher den Sakristan verlässt, um zum Hotel zurückzukehren, nötigt ihm die Tochter des Hauses ein Kreuz an einer Kette auf und hängt es ihm um den Hals. Im Hotel wird dem Wissenschaftler das fromme Geschenk lästig, und er legt es auf den Tisch. In diesem Moment materialisiert sich das Wesen aus dem Buch übergross und grauenerregend im Zimmer: «Bleiche Haut, die nichts als Knochen und entsetzlich starke Sehnen bedeckte, schwarze, struppige Haare, die aus einer menschlichen Hand wuchsen, Fingernägel so verhornt und gebogen wie Krallen», schreibt M. R. James. Nur dank dem Kreuz vermag sich der Protagonist am Ende zu retten, innerlich für immer verändert.

Um sich einen theologischen Zugang zu den Geistergeschichten zu erschliessen, wollte es Zoë Lehmann damals genau wissen: Sie studierte neben Literatur zusätzlich Theologie, traf sich an der Uni Oxford sogar mit Benediktinermönchen, um deren Spiritualität zu ergründen. Es war ihr wichtig, in die Bedeutungen religiöser Symbole buchstäblich einzutauchen und sie – mit der Distanz einer kritischen Agnostikerin – verstehen zu lernen. Das war gar nicht so einfach, denn: «Viele Wissenschaftler scheuen vor einer theologischen Betrachtung reflexartig zurück, es ist ihnen zu ideologisch.» Dabei entgehe ihnen vieles, das wichtig sei.

Zwischen Himmel und Hölle

Von der Grossen Schanze aus nehmen wir den Bus zum Berner Münster, «ein wunderbarer Schauplatz für mein Thema», sagt die Anglistin. Tatsächlich stösst man in der spätmittelalterlichen Kathedrale auf zahlreiche Beispiele, in denen Religiöses auf Schauerliches stösst. Da sind etwa die Wasserspeier an der Fassade – Monster mit zum Teil grässlichen Fratzen, die das Böse und den Teufel symbolisieren, Grenzgänger zwischen Himmel und Hölle. Im Innern bleiben wir im vorderen Südschiff am Totentanz-Fenster hängen. Während unsere Blicke über die Scheiben wandern, auf denen 20 Skelette in unterschiedlichen Posen mit ihren «Auserwählten» tanzen, erzählt Zoë Lehmann von ihrem nächsten Projekt: Sie will für ihre Habilitation Science-Fiction-Literatur untersuchen.

«Ich erkenne einige Parallelen zu den Gothic Tales», sagt sie, «gerade, was die Entwicklung der Protagonisten anbelangt.» Um die «Science» zu verstehen, hat sie sich erneut auf ein Experiment eingelassen: Sie arbeitet zurzeit am Center for Space and Habitability der Universität Bern, «als einzige Literaturwissenschaftlerin in einem Institut voller Astrophysiker», sagt sie lachend. Sie habe diese exotische Lage bewusst gesucht. Weil in den exakten Wissenschaften ganz andere Fragen gestellt würden als in der Anglistik, weil hier Resultate richtig oder falsch, überprüf- und messbar seien. Für die Science-Fiction will sie davon ganz viel mitnehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2016, 00:20 Uhr

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