Liegt im Eisfeld noch die Mumie von «Schnidi»?

Am Schnidejoch entdeckten Archäologen uralte Lederreste von einer Hose und von Schuhen. Auch Köcher, Pfeile und Bogen lassen vermuten, dass dort vor Urzeiten ein Mensch umkam.

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Es war im September 2003. Der Jahrhundertsommer hatte den Gletschern in den Alpen zugesetzt. Auch ein unscheinbares Eisfeld am Schnidejoch im Berner Oberland, das seit wenigen Jahren nicht mehr mit dem Tungel-Chilchligletscher am Wildhorn verbunden war, schrumpfte so sehr wie niemals zuvor. Da entdeckten zwei Wanderer, ein Ehepaar aus Thun, etwas Ungewöhnliches: Dort oben, in rund 2700 Meter Höhe, weit über der Baumgrenze, fanden sie auf den Steinen neben dem Eis ein Objekt aus Birkenrinde.

«Dem Ehepaar ist es zu verdanken, dass wir auf die reichhaltige Fundstelle aufmerksam wurden», sagte Albert Hafner vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern letzte Woche auf einer Tagung (TA vom 22.8.). Seitdem haben die Archäologen dort über 300 weitere Objekte gefunden. Das Besondere ist, dass auch organische Materialien, also Holzreste, Bast, Wolle oder Leder im Eis ausserordentlich gut erhalten geblieben sind.

Alpenpass in warmen Zeiten

Die Funde stammen aus unterschiedlichen Epochen vom Neolithikum und der frühen Bronzezeit über die Eisenzeit bis zur Gegenwart. «Während fünf Perioden diente das Schnidejoch als transalpine Route», sagte Mathias Trachsel, Klimaforscher an der Universität Bern. Das heisst, in diesen Zeiten musste die Vereisung so gering gewesen sein, dass das Schnidejoch passierbar war. Nur in Warmzeiten ist der Weg begehbar als eine Verbindung zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis. «Bei kaltem Klima war es schwer, den Gletscher zu überqueren», erklärte Trachsel. Tatsächlich stimmen die Klimamodelle der Berner Forscher, wann sich die Alpengletscher zurückzogen und wann sie wieder wuchsen, perfekt mit den Zeiten überein, als die Menschen dort ihre Utensilien hinterliessen.

Das erste Fundstück, das Objekt aus der Birkenrinde, gehört zu den ältesten. Es stellte sich als ein urzeitliches Futteral heraus, ein Behältnis für Pfeile und Bogen. Das war eine Sensation, denn die Altersbestimmung von der ETH Zürich mithilfe der sogenannten Radiocarbondatierung ergab, dass die Überreste des Futterals aus dem Neolithikum stammen. Den Behälter für Pfeil und Bogen hatte demnach jemand vor nahezu 5000 Jahren dort hinterlassen.

Später entdeckten die Forscher auch Pfeile und sogar die Sehne eines Bogens am Rande des schmelzenden Eisfeldes. «Doch wo war der Bogen?, fragten wir uns», erzählte Peter Suter vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Den bekamen die Fachleute auf einem ungewöhnlichen Weg. Denn zwei Tage nach dem Thuner Ehepaar hatte 2003 eine deutsche Wandergruppe am Schnidejoch Halt gemacht. Ein Mitglied fand den Bogen und nahm ihn mit nach Wiesbaden. «Zwei Jahre stand er bei dem Mann zu Hause neben dem Klavier, bis er eine Sendung im Fernsehen über die Funde beim Schnidejoch sah und sich bei uns meldete», so Suter. Jetzt sind Pfeile, Bogen und die Teile des Futterals wieder vereint. Die Forscher sind sich sicher, dass die Einzelstücke zusammengehören. Der 160 Zentimeter lange Bogen sei in einem sehr guten Zustand, sagte Suter. Die Experten haben ihn mit modernsten Methoden untersucht, zum Beispiel mit einem Computertomografen, sodass sie die Jahresringe im Holz zählen konnten. Ebenso durchleuchteten sie das eine Ende des Futterals. Die Aufnahme zeigte, dass dort noch zwei Pfeilspitzen aus Feuerstein stecken.

«Ötzi» 500 Jahre vor «Schnidi»

Doch wer hat sein gefülltes Futteral dort oben verloren? Ein Jäger, ein Hirte, ein Händler? Und warum? «Sehr wahrscheinlich ist dem Menschen dort oben etwas zugestossen», sagte Hafner. So wertvolle Gegenstände, Pfeil und Bogen, die früher quasi eine Lebensversicherung waren, verlor man nicht einfach. Die Berner haben den mysteriösen Besitzer des Futterals «Schnidi» getauft, analog zu «Ötzi», dem Gletschermann, den Wanderer vor 17 Jahren nahe der Ötztaler Alpen entdeckten. Während Ötzi etwa 3300 vor Christi das Hochgebirge bezwang, war Schnidi zirka 500 Jahre nach ihm unterwegs. Menschliche Überreste fanden die Archäologen am Schnidejoch jedoch nicht. Auch nicht in den Falten einer Lederhose, deren eines Bein als unansehnliches graues Knäuel auf dem Geröll lag. Ein weiterer spektakulärer Fund, der aus der gleichen Zeit wie das Futteral stammt.

Serge Volken von der Fachstelle für Schuhkunde und historische Lederarbeiten in Lausanne ist von der Beschaffenheit begeistert: «Das ist das einzige nicht verunreinigte Leder aus dieser Zeit.» Dennoch war es zunächst schwierig festzustellen, von welchem Tier die Haut kam. Markus Klek, ein archäologischer Grabungstechniker aus dem Schwarzwald, versucht, die uralten Gerbetechniken nachzuahmen. Er möchte herausfinden, ob die Häute feucht oder getrocknet bearbeitet wurden, mit Klingen aus Knochen oder aus Stein. «Man kann anhand der Porengrösse auf das Tier schliessen, von dem die Haut stammt», erklärte Klek. Das war jedoch bei der Lederhose schwer. «Es war nicht eindeutig, ob sie aus einer Ziege oder einem Schaf gefertigt worden ist», so Klek.

Hose wohl nicht «Made in China»

Das Rätsel konnte erst eine DNA-Analyse lösen. Angela Schlumbaum vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie in Basel hatte ein etwa daumennagelgrosses Stück der Lederhose zur Verfügung, um daraus das Erbgut zu präparieren. Eine schwierige Aufgabe, schliesslich war das Erbgut fast 5000 Jahre alt. In der Regel ist die DNA dann zu Bruchstücken zerfallen. Zudem war aus anderen Funden bekannt, dass das Gerben von Leder die DNA zerstören kann.

Dennoch gelang es Schlumbaum, eine bestimmte Region im Erbgut zu sequenzieren, das heisst die Buchstabenabfolge herauszufinden. Und diese wies eindeutig auf eine Ziege hin. Doch damit nicht genug. Schlumbaum überprüfte auch, zu welcher Rasse das prähistorische Haustier gehört haben könnte. «Das Ergebnis hat uns überrascht», sagte Schlumbaum. Denn das Erbgut der altertümlichen Ziege deutete auf eine Rasse hin, die heute hauptsächlich in Asien vorkommt. Dass die Hose deshalb aber «Made in China» gewesen sein könnte, glaubt Schlumbaum nicht. Ihre Vermutung ist, dass vor Tausenden von Jahren Vorfahren der heute in Asien verbreiteten Ziegen in nahen Gegenden lebten. Menschliche DNA, zum Beispiel von der Haut des Besitzers der Hose, fanden die Forscher jedoch nicht.

Lederpuzzle unter dem Mikroskop

Noch ein Fund könnte Schnidi gehört haben: ein Schuh, in dem vermutlich die Hose steckte. Marquita Volken von der Fachstelle für Schuhkunde und historische Lederarbeiten in Lausanne ist eine Expertin für uralte Fussbekleidung. Sie setzte unter dem Mikroskop die einzelnen Lederlappen zusammen, obwohl sie als Kind nie gepuzzelt hat, wie sie anmerkt. Bei dieser Aufgabe habe ihr jedoch das Fach Logik ihres Philosophiestudiums geholfen. Sie zeichnete zudem ein Modell des Schuhs und fertigte eine attraktive Replik an.

Doch nicht nur Schnidi hinterliess einen Schuh dort oben. Volken hat zahlreiche Lederreste untersucht, hat Riemen zu römischen Sandalen zusammengesetzt oder eine mittelalterliche Schuhsohle zugeordnet. Das wertvollste Lederstück gehörte jedoch zu einem Schuh, der die Fundstelle zusammen mit einem Holzobjekt zu der ältesten in den Alpen macht: Das Lederstück wurde dort 3650 vor Christi verloren, und das Holzgefäss wurde gar um 4500 vor Christi zusammengesetzt.

So reichhaltig all diese zum Teil ausserordentlich gut im Eis konservierten Funde sind, so bleibt doch die Frage: Wo ist Schnidi? Liegt vielleicht auch am Schnidejoch eine seit Jahrtausenden eingefrorene Eismumie? Albert Hafner wiegelt ab: «Wir sind sicher, dass wir die meisten Objekte dort oben gefunden haben.» Doch seit zwei Sommern liegt wieder Schnee auf dem Eisfeld. Könnte in der bisher noch nicht aufgetauten Mitte noch etwas verborgen liegen? Und auch bei Hafner blitzt es kurz auf in seinen Augen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2008, 12:43 Uhr

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