Uralte Fabelwesen mit Zwergbüffel

Anthropologen entdecken in Indonesien die ältesten Jagdszenen und die wohl früheste Kunst der Welt.

Dunkelrote Fantasiewesen: Der Zwergbüffel wird von kleinen Geschöpfen umringt.

Dunkelrote Fantasiewesen: Der Zwergbüffel wird von kleinen Geschöpfen umringt.

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Die Szene ist dramatisch. Sechs seltsame Wesen mit Speeren und Seilen jagen scheinbar übergrosse Rinder und Warzenschweine und erlegen schliesslich ein Tier. Es sind keine Menschen, auch wenn Körperform, Arme und Beine das zunächst vermuten lassen, sondern Fantasiewesen mit Köpfen von Fischen oder Reptilien; eines hat einen Schwanz. Therianthropen nennen Maxime Aubert und Adam Brumm die Wesen, die da an den Wänden der Höhle Leang Bulu Sipong 4 im Südwesten der indonesischen Insel Sulawesi eine wohl uralte Geschichte erzählen – vom Jagen und Töten und möglicherweise vom Beginn religiöser Erfahrungen.

Knapp 44'000 Jahre alt sind die mit dunkelroten Pigmenten gemalten Höhlenzeichnungen. Es sind damit die ältesten Jagdszenen der Welt. Vielleicht sind es sogar die frühesten figürlichen Darstellungen und szenischen Erzählungen überhaupt, wie das australisch-indonesische Team um die beiden Anthropologen der Griffith University in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Nature» schreibt.

Kalkhaltige Wucherungen

In einem Film, den die Forscher online gestellt haben, sieht man die Anthropologen durch den indonesischen Dschungel stapfen, auf Bambusleitern fast acht Meter durch eine enge Öffnung klettern und schliesslich den oberen Raum der Höhle durchqueren, wo an der Wand an zwei Stellen die imposanten Szenen zu sehen sind. Es ist ein gewaltiges Tableau, das sich über fast fünf Meter erstreckt. An zwei, möglicherweise drei Stellen tauchen die kleinen Mischwesen auf, an einer Stelle haben sie sich leicht versetzt im Halbkreis zur Jagd aufgereiht. Die Farben sind mittlerweile eher verblasst.

Einige der Tierbilder, wie die der beiden Sulawesi-Pustelschweine und der Zwergbüffel, Anoas genannt, die heute noch in den Wäldern der Insel leben, sind von weissen Knollen überwuchert. Was für den Betrachter zunächst unschön aussieht, ist für die Forscher ein Glück. Höhlenpopcorn nennen sie diese kalkhaltigen Wucherungen, die sich mit naturwissenschaftlichen Methoden datieren lassen.

Das Höhlenpopcorn sieht für den Betrachter zwar unschön aus, ist für die Forscher aber ein Glück.

Da sie nach der Erschaffung der Bilder im warmfeuchten Milieu der Tropeninsel entstanden, markieren sie so etwas wie das minimale Alter der darunterliegenden Bilder. 43'900 Jahre ergaben die Messungen mit der ­sogenannten Uran-Thorium-Methode. Kein Bild menschenähnlicher Wesen ist bislang älter.

Bei der Messung nutzen die Forscher aus, dass in Wasser gelöstes Uran-238 in die Höhlen eindringt und im Kalk der Sinterablagerungen gebunden und damit fest wird. In diesem Moment beginnt die radioaktive Uhr zu laufen. Die Wissenschaftler bestimmen dann aus dem radioaktiven Zerfall das Alter.

Wilde Schweine und ein Zwergbüffel zieren das gewaltige Tableau, das sich über fast fünf Meter erstreckt. Fotos: Ratno Sardi (Griffith University, Keystone)

Die Fachwelt zeigt sich von den Funden begeistert. Chris Stringer vom Natural History Museum in London nennt sie «eine sehr wichtige Arbeit», auch der Tübinger Archäologe Nicholas Conard sagt, dass er es «grossartig finde, dass diese wichtigen Forschungsergebnisse nun Anerkennung finden». Die Daten nähren zwei wichtige Diskussionen. Wo ist künstlerisches oder sogar religiöses Denken entstanden? Und in welchem Tempo haben Menschen ihre Kunstfertigkeit entwickelt?

Die bislang ältesten bildlichen Darstellungen der Gattung Homo sapiens, farbige Handabdrücke, sind eher symbolischer Natur. Sie tauchten fast zur selben Zeit vor mehr als 40'000 Jahren auf, sowohl in Europa, etwa in der Höhle El Castillo in Spanien oder der Grotte von Fumane in Norditalien, wie auch in Südostasien auf den Inseln Borneo und Sulawesi. Dort sind sie kombiniert mit Tierzeichnungen etwa von einheimischen Wildrindern.

Früher als in Europa

Etwas später entstanden in europäischen Höhlen deutlich komplexere Zeichnungen. Die dynamischen Felsbilder von Tieren aus den Höhlen von Altamira und vor allem die 37'000 Jahre alten Meisterwerke aus der Grotte von Chauvet gelten als Meilensteine der menschlichen Entwicklung, ebenso die jüngeren Tableaus aus der berühmten Eiszeithöhle von Lascaux.

Chauvet zeigt nicht nur Tiere, die die Menschen damals jagten, sondern auch bedrohliche Tiere wie Höhlenbären oder -löwen – und auch erstmals ein Mischwesen, halb Mensch, halb Stier. In Süddeutschland tauchten vor knapp 40'000 Jahren die Löwenmenschen von der Schwäbischen Alb auf – in Mammutelfenbein geschnitzte Mischwesen. Bisher gelten sie als die ältesten figürlichen Objekte.

Was die erzählerische Kraft der Bilder angeht, scheint indes Indonesien eine grosse Bedeutung zu bekommen. Das Team um Aubert und Brumm geht davon aus, dass hier auch religiöses Denken von Anfang an wichtig war. «Die Bilder der Therianthropen stellen möglicherweise den frühesten Beweis für unsere Fähigkeit dar, Dinge zu begreifen, die es in der Natur nicht gibt, ein Grundkonzept, das der modernen Religion zugrunde liegt», sagte Adam Brumm. «Die frühen Indonesier schufen Kunst, die schon lange vor der ersten Kunst in Europa spirituelles Denken über die besondere Verbindung zwischen Mensch und Tier zum Ausdruck gebracht hat.»

Warum sollte die Kunst auf Mittel- und Westeuropa beschränkt sein? Das würde keinen Sinn ergeben.Nicholas Conard, Archäologe

Das Verblüffende dabei: Es scheint keine allmähliche Evolution der paläolithischen Kunst von einfach bis komplex gegeben zu haben, «zumindest nicht in Südostasien», sagte Maxime Aubert. «Alle Hauptkomponenten einer hoch entwickelten künstlerischen Tradition waren vor 44'000 Jahren in Sulawesi präsent, einschliesslich figurativer Kunst, Szenen und Therianthropen.»

Wie auch immer die Diskussion weitergeht, an der eurozentrischen These von der Entwicklung komplexer Kunst zweifeln führende Archäologen. Nicholas Conard meint denn auch: «Warum sollte die Kunst auf Mittel- und Westeuropa beschränkt sein? Das würde keinen Sinn ergeben. Kunst, Religion, Musik und komplexe Sprache hatten eindeutig grosse Anpassungsvorteile für die Menschen, sonst wären sie heute keine universellen menschlichen Phänomene mehr.» Das Erzählen von Geschichten gehört zu diesem Repertoire an symbolischen Verhaltensweisen. Conard ist überzeugt, dass Kunst nicht nur einmal in einer bestimmten Region entstanden ist.

Ungefähr so gross wie Vögel

Spannend sind daher nicht allein das pure Alter der neuen Funde und die Frage nach dem Rekordhalter. Wer die frühen europäischen und indonesischen Werke betrachtet, spürt, dass beide auf ihre eigene Art wirken. Möglicherweise kommen hier also die ersten kulturellen Unterschiede in verschiedenen Regionen der Welt zum Vorschein. Nicholas Conard etwa weist darauf hin, dass die Therianthropen von ­Sulawesi ungefähr so gross wie Vögel seien und so wirkten, «als würden sie um den Kopf des Rindes fliegen». Ihre Bewegungen «scheinen eher eine Art von Fliegen oder Springen zu sein», ganz anders als die «geerdeten Bewegungen von Menschen und Landsäugetieren». Letzteres lässt sich auf die Szenen in Chauvet und Lascaux münzen.

Dies würde darauf hindeuten, «dass sich die Tradition der therianthropischen Fantasie in Sulawesi stark von der schwäbischen Höhle oder der Höhle von Fumane unterscheidet», so Conard. Verbindend ist jedoch, dass in beiden Regionen fantastische Wesen und Szenen entstanden sind. Es ist zumindest eine schöne Vorstellung, dass sich da Menschen – egal, wo auf der Welt – vor 44000 Jahren Geschöpfe ausgedacht haben, die durch Geisterwelten fliegen, befreit vom normalen erdenschweren Alltag.

Erstellt: 15.12.2019, 17:55 Uhr

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