Schweiz liess KZ-Opfer im Stich

Der junge Heizungsmonteur Albert Mülli reiste 1938 unter Lebensgefahr ins von den Nazis besetzte Wien. Er landete im KZ Dachau.

Albert Mülli nach seiner Verhaftung am 21. November 1938 durch die Gestapo in Wien. Foto: NZZ Libro

Albert Mülli nach seiner Verhaftung am 21. November 1938 durch die Gestapo in Wien. Foto: NZZ Libro

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Wie muss sich Albert Mülli gefühlt haben, als er am 20. November des Jahres 1938 mit einem verschlossenen Koffer am Zürcher Hauptbahnhof den Zug nach Wien bestieg? Der 22-jährige Sanitär- und Heizungsmonteur wusste, dass er sich auf eine gefährliche Reise begab.

Die Nazis hatten Österreich acht Monate zuvor besetzt. Dass sie mit aller Brutalität gegen Juden und den politischen Gegner vorgehen würden, hatten spätestens die Pogrome zehn Tage zuvor gezeigt: 800 Morde an Jüdinnen und Juden, Zerstörung ihrer Wohnungen, Geschäfte, Gebetshäuser und Synagogen. In Zürich mussten die Sozialdemokraten ihre Veranstaltungen seit Monaten vor gewaltbereiten Faschisten schützen, der arbeitslose Heizungsmonteur war im Saalschutz eingeteilt.

Vielleicht war es auch eine Portion Abenteuerlust, die Mülli die Gefahr vergessen liess, vermutet Balz Spörri, Co-Autor des Buches «Schweizer KZ-Häftlinge. Vergessene Opfer des Dritten Reichs». Zwei Wochen zuvor war ein SP-Genosse mit einem verschlossenen Koffer nach Prag gereist, und alles war gut gegangen.

Spörri hat zusammen mit den beiden Journalistenkollegen René Staubli und Benno Tuchschmid in vierjähriger Arbeit die Geschichte der rund vierhundert Schweizer KZ-Opfer aufgearbeitet: Juden, Linke, Randständige, einige auch nur Zufallsopfer, die in eine Polizeikontrolle geraten waren. Ihren individuellen Schicksalen konnte die Bergier-Kommission nicht nachgehen, als sie um die Jahrtausendwende im Auftrag des Bundes die Schweizer Politik gegenüber den Nazis aufarbeitete.

In Wien verhaftet

Mülli vermutete, dass er im verschlossenen Koffer gefälschte Ausweispapiere mit sich führte, die Juden und anderen politisch Verfolgten die Flucht aus Österreich in ein sicheres Drittland ermöglicht hätten. Genaueres wusste er nicht. Er hatte seit September ein paarmal einen Mittelsmann namens «Alfred» in einem Zürcher Café getroffen. «Alfred» hatte ihm beim letzten Treffen den verschlossenen Koffer übergeben, dazu 70 Franken für die Bahnreise.

Hier hat Albert Mülli gewohnt, bevor er seine verhängnisvolle Reise antrat: Gamperstrasse im Kreis 4 am Rand des Gleisfelds. Foto: Reto Oeschger

An der Grenze wurde Mülli nicht kontrolliert und kam am Nachmittag des Folgetages in Wien an. Den Koffer sollte er in der Gepäckablage im Wiener Westbahnhof deponieren, den Ablageschein einem Schuhmacher nahe der Karlskirche überbringen. Als vereinbarte Losung sollte er den Schuhmacher fragen: «Sind die braunen Schuhe fertig?» Was er nicht ahnte: Dieser Schuhmacher stand im Verdacht, die Kommunisten zu unterstützen, sein Laden wurde von der Gestapo überwacht. Als Mülli eintrat, wurde er von drei Männern umringt und verhaftet, der Gepäckablageschein wurde ihm abgenommen.

Laut der 1940 verfassten Anklageschrift des Wiener Generalstaatsanwalts hat Albert Mülli in den doppelten Kofferwänden politische Flugblätter transportiert, überschrieben: «Der Kampf um die Befreiung Österreichs». Die in den Untergrund verdrängte Kommunistische Partei Österreichs rief darin zum Widerstand gegen die Naziherrschaft auf. Dabei lagen fünf Exemplare der «Basler Rundschau» sowie ein Begleitbrief an einen österreichischen Kommunisten. Mülli selber war zeitlebens Sozialdemokrat, aber im Widerstand gegen die Faschisten mit den Kommunisten einig.

Mülli hörte die Schreie von Mitgefangenen, die für «wissenschaftliche Versuche» in siedendes Wasser geworfen wurden.

Seinen Eltern hatte der arbeitslose Heizungsmonteur gesagt, er müsse kurz nach Basel, um ein paar Apparate zu holen, und werde spätestens in ein paar Tagen zurück sein. Daraus wurden schliesslich sechseinhalb Jahre Abwesenheit und die quälende Ungewissheit der Eltern, ob ihr Sohn überhaupt wieder zurückkehren würde. Albert Mülli wurde erst von einem Wiener Strafgericht wegen Hochverrats zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Verbüssen der Strafe verhängte das Gericht Schutzhaft über den Zürcher, er wurde ins KZ Dachau bei München überführt.

Was der Häftling mit der Nummer 29331 dort erlebt hat, lässt sich inzwischen in den Geschichtsbüchern nachlesen: Hunger, Kälte, Misshandlung durch sadistische Wachen, entkräftete Mithäftlinge, die an Typhus und anderen schweren Krankheiten litten, und der jederzeit drohende Abtransport in ein Vernichtungslager. Mülli sah Gaskammern, auf den ersten Blick ähnlich wie ein Brausebad, aber ohne Wasseranschluss. Er hörte die Schreie von Mitgefangenen, die für «wissenschaftliche Versuche» in siedendes Wasser geworfen wurden.

Dass der junge Zürcher die sechseinhalb Jahre überlebt hat, war in erster Linie dem Umstand zu verdanken, dass er als gelernter Sanitär für die Nazis von grossem Nutzen war. So wurde Mülli zeitweilig in Aussenstationen von Dachau eingesetzt, erst in der Putzkolonne eines SS-Kommandanten, dann beim Umbau von Häusern des SS-Vereins «Lebensborn» (dessen Zweck es war, die Zahl «arischer» Geburten zu erhöhen). Er war in privaten Villen von SS-Führern tätig und schliesslich beim Umbau zweier Hotels in Garmisch-Partenkirchen. Dort wurde er im April 1945 von US-Truppen befreit.

Als er zurückkam, erhielt er eine Rechnung für die verpasste Militärpflicht während der Haft.

Kurz vor Kriegsende kam Albert Mülli frei. Dies war aber nicht das Verdienst der Schweiz. Sie tat für ihren oppositionellen Landsmann nur das Nötigste, wenn überhaupt. Als er vor dem Gericht in Wien stand, besorgte sie ihm zwar einen Anwalt: Dieser «Strafverteidiger» war allerdings NSDAP-Mitglied und SS-Hauptsturmführer. Das Auswärtige Amt in Bern interessierte sich mehr für die Originalfassung des überbrachten Briefes als für Müllis Schicksal. Der Nachrichtendienst hoffte, damit den Kommunisten in der Schweiz auf die Spur zu kommen. Und als die Nazis Mülli gegen einen in der Schweiz inhaftierten Deutschen austauschen wollten, antwortete das Auswärtige Amt mit einer unverbindlichen diplomatischen Note.

Man wollte den linken Sanitärmonteur offenkundig nicht zurückhaben. Als er schliesslich doch zurück war, schickte man ihm eine Rechnung für die verpasste Militärpflicht während seiner Zeit in der Haft und im KZ und fichierte ihn noch bis 1989 weiter auf insgesamt 83 Seiten. Noch 1961, als Mülli an einem Treffen ehemaliger KZ-Häftlinge in der Schweiz teilnehmen wollte, wurde sein Telefon von der politischen Polizei abgehört.

Von Albträumen geplagt

Mülli führte später ein ruhiges Leben, gründete eine Familie und hatte drei Töchter. Er wurde nach längerer Arbeitssuche von einer jüdischen Sanitär- und Heizungsfirma eingestellt, war danach unter anderem auch als VBZ-Kondukteur und Abwart im Schulhaus Letten tätig. Wer im Zürich der 60er-Jahre Tram fuhr, wäre nicht auf die Idee gekommen, dass da einer in Uniform die Billette knipste, der Uniformen zwei Jahrzehnte zuvor ganz anders erlebt hatte. Der langjährige Zürcher SP-Präsident und «P.S.»-Redaktor Koni Loepfe, der mit Mülli 20 Jahre im selben Block an der Sihlfeldstrasse gewohnt hat, sagte den Buchautoren: «Er hatte sich mit dem Leben arrangiert.»

Erst im Alter kehrte der Schrecken zurück. Mitte der Neunzigerjahre von Demenz betroffen, wurde Albert Mülli laut seinen Töchtern im Pflegeheim Entlisberg von schweren Albträumen geplagt. Während Besuchen soll er Häftlings- und Blocknummern heruntergerattert haben. 1997 erlöste ihn der Tod.

Erstellt: 30.12.2019, 22:21 Uhr

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