Wie die Schweiz vom Schurkenstaat zum Musterland wurde

Der Filz wurde dank der Bundesverfassung zum Treiber des Fortschritts und die Eisenbahn zu dessen Lokomotive. Das zeigt ein neues Buch.

Zürcher Hauptbahnhof um 1870: Die Eisenbahn war die Lokomotive des Fortschritts Foto: ETH-Bibliothek

Zürcher Hauptbahnhof um 1870: Die Eisenbahn war die Lokomotive des Fortschritts Foto: ETH-Bibliothek

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«Nie wird mit der Schweiz etwas anzufangen und consequent auszuführen sein», schrieb ein Gesandter des Grossherzogtums Baden 1829 an seine Regierung. Ein in österreichischen Diensten stehender Spitzel nannte sie 1843 die «cloaca magna von Europa».

Aber nur wenige Jahre später schickten ausländische Diplomaten ganz andere Berichte nach Hause. Sie lobten Ruhe und Pünktlichkeit der Verwaltung und die Perfektion der Verkehrsunternehmen. «Man kann gewiss sagen, dass die kleine Schweiz einer der grössten Industriestaaten der Welt ist», stellte ein Diplomat 1864 fest.

Innert kürzester Zeit vom Schurkenstaat zum Musterland, vom Entwicklungsland zum Industriestaat: Wie war das möglich? Antworten auf diese Frage gibt Joseph Jung, ehemaliger Chefhistoriker der Credit Suisse und Publizist, in seinem neuen Buch «Das Laboratorium des Fortschritts».

Die Voraussetzungen für die Schweiz waren denkbar schlecht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sie in wichtigen Bereichen den Anschluss verloren. Während in Grossbritannien, Deutschland und Frankreich zum Beispiel schon Tausende von Eisenbahnkilometern gebaut waren, gab es 1848 in der Schweiz erst eine einzige Strecke von 23 Kilometer Länge: die «Spanischbrötlibahn» von Zürich nach Baden.

Den Grund für die Rückständigkeit sieht Jung in der politischen Architektur. Bis 1848 glich der Staatenbund einem Pulverfass. 1832 zündeten Kleinfabrikanten und Heimarbeiter in Uster eine mechanische Spinnerei und Weberei an, 1833 kam es zur gewaltsamen Teilung des Kantons Basel, 1840 schossen Ober- und Unterwalliser aufeinander. 1847 kämpften im Sonderbundskrieg die liberalen Kantone gegen die katholisch-konservativen Landkantone.

Verfassung entfesselt eine ungeheure Dynamik

In manchen ländlichen Gebieten herrschte bittere Armut. Das Ausland schickte Hilfsgelder in das Entwicklungsland, aber die Schweizer konnten sich nicht über die Verteilung einigen. So musste die Gemeinde Flawil «mehr als zwanzig Jahre warten, bis die Nothilfe eintraf», hält Jung fest.

Die Schweiz wurde zum Auswanderungsland. Jung schildert die Gründe, erzählt von den Abgeschobenen, dem Kindersklavenmarkt in Friedrichshafen oder den Bündner Zuckerbäckern. Er schildert die Schicksale von zahlreichen Auswanderern, die zu Reichtum und Ruhm kamen, wie zum Beispiel der Thurgauer Ulrico Hoepli als Verleger in Mailand oder Alfonsina Storni als Dichterin in Argentinien.

Die Wende bringt die neue Bundesverfassung von 1848. Sie ist geprägt vom liberalen Geist der Sieger des Sonderbundskriegs. Aber sensible Bereiche wie Bildung, Religion und Kultur beliess sie in kantonaler Kompetenz. Die wirtschaftspolitischen Neuerungen – Vereinheitlichung von Massen und Gewichten, Aufhebung der Binnenzölle, Einführung des Schweizer Frankens, Handels- und Gewerbefreiheit und Eigentumsgarantie – entfesselten eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik und brachten gleichzeitig eine ungeahnte politische Stabilität. «Die Bundesverfassung von 1848 war ein geniales Werk», ist Jung überzeugt. Sie machte die Schweiz zum Experimentierfeld von Wirtschaft und Wissenschaft – zum «Laboratorium des Fortschritts».

Entscheidend für den Aufschwung war die Eisenbahn. Mit dem Eisenbahngesetz von 1852 übertrug das Parlament die Kompetenz zur Konzessionierung von Bahnprojekten den Kantonen und überliess Bau und Betrieb der Privatwirtschaft. Anders als in Deutschland oder Frankreich wurde die Streckenführung in den Anfängen nach wirtschaftlichen Kriterien bestimmt, was eine ungeheure Dynamik entfachte. Innert weniger Jahrzehnte baute die Schweiz das dichteste Bahnnetz der Welt. Der Filz als «Zauberformel» für den damaligen Erfolg

So wurde die Eisenbahn zur Lokomotive des Fortschritts. Der Modernisierungsschub, den sie auslöste, erfasste andere Bereiche, vor allem Tourismus, Banken und Versicherungen. «Die Bahnen verbanden Regionen und Kulturen. Bahnhöfe, Brücken, Viadukte, Rampen und Tunnels waren die Pfeiler und Stützen, auf denen die neue Schweiz entstand», so Jung.

Die 48er und die Zauberformel

Die starke Betonung von Persönlichkeiten gilt in der Historikerzunft nicht gerade als modern. Aber es brauchte «Köpfe und Hände, die den Neubau Schweiz in Angriff nahmen», insistiert Jung. Anhand zahlreicher Beispiele erzählt er, wie die Pioniere und Unternehmer, die vom Glauben an den Fortschritt beseelte «Generation der 48er», in horrendem Tempo die moderne Schweiz schufen.

Was heute verpönt wäre, bezeichnet Jung gar als «Zauberformel im jungen Bundesstaat»: die Verbandelung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Spitzenpolitiker gründeten Bahngesellschaften, Fabriken und Banken. «Hotelkönige, Unternehmer, Fabrikanten, Handelsherren und Grosskapitalisten gaben den Ton an und zogen die Fäden ungeniert im Vordergrund», schreibt Jung.

Verkörperung dieses Typus war der Bahnunternehmer Alfred Escher. In jeweils unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Funktion unterschrieb er 1853 gleich viermal einen Vertrag zum Bau und Betrieb der Bahnstrecke von Zürich nach Dietikon.

Die erstaunlichen Errungenschaften der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirken bis heute nach. Mit seinen faszinierenden Geschichten aus dieser wilden Gründerzeit macht Jung Geschichte fassbar.

Erstellt: 08.12.2019, 13:24 Uhr

Joseph Jung

Joseph Jung, 64, ist Historiker und Publizist. Seine Biografien über Alfred Escher und Lydia Welti-Escher waren Bestseller. Jung ist Titularprofessor der Universität Freiburg im Üechtland. Bis 2014 war er Chefhistoriker der Credit Suisse und bis 2016 Geschäftsführer und Leiter Forschung der Alfred-Escher-Stiftung.

Joseph Jung: Das Laboratorium des Fortschritts – Die Schweiz im 19. Jahrhundert, 678 Seiten, NZZ Libro, 2019, ca. 58 Franken (erscheint am 10. Dezember)

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