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Homo sapiens ist viel älter als gedacht

In Marokko ist ein Forscherteam unseren Ahnen auf die Spur gekommen – und hat Erstaunliches herausgefunden.

Rekonstruktion des Schädels eines Homo sapiens von der Fundstelle Jebel Irhoud.

Die Geschichte unserer eigenen Art reicht viel weiter zurück als bislang geglaubt. Bereits vor rund 300'000 Jahren lebten im heutigen Marokko frühe Vertreter des Homo sapiens, wie neu entdeckte Fossilien aus einer Höhle am Berg Djebel Irhoud jetzt zeigen. Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (MPI-EVA) in Leipzig fanden dort, rund 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, in jahrelangen Grabungen die Überreste von mindestens fünf Menschen, darunter drei junge Erwachsene, ein Teenager und ein Kind. Dies berichtet das Forscherteam um den Paläoanthropologen Jean-Jacques Hublin in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature».

Die jetzt gefundenen Ahnen waren uns schon sehr ähnlich. Vor allem ihr Gesicht entsprach weitgehend dem der heutigen Menschen. «Die Vorfahren aus Djebel Irhoud würden heute mit einem Hut auf dem Kopf in einer Menschenmenge kaum auffallen», sagt Hublin. Auch ihr Gehirn war in etwa gleich gross wie das des modernen Menschen, einzig die Form des Hinterkopfs unterschied sich leicht. Die Djebel-Irhoud-Menschen hatten einen weniger runden, leicht verlängerten Schädel und vermutlich auch ein kleineres Kleinhirn als wir. Das Gehirn des Homo sapiens habe sich seither wohl graduell weiterentwickelt, sagt Hublin, es habe sich immer besser vernetzt und organisiert.

Philipp Gunz, MPI-EVA Leipzig
Philipp Gunz, MPI-EVA Leipzig
Shannon McPherron, MPI-EVA Leipzig
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Die marokkanischen Ahnen lebten zu einer Zeit, als es im Maghreb feuchter war als heute, sagt Shannon McPherron vom MPI-EVA, Hauptautor eines zweiten Artikels in «Nature». In diesem beschreiben die Forscher diverse Steinwerkzeuge aus der damaligen Zeit, welche sie in Djebel Irhoud gefunden hatten. Demnach gingen die Irhoud-Frühmenschen auf die Jagd – sie hatten vor allem Gazellen auf ihrem Speiseplan –, und sie beherrschten die Kunst des Feuers.

Die wahren Wurzeln unserer eigenen Art

Die ältesten bislang bekannten Funde des Homo sapiens stammen aus Äthiopien und sind knapp 200'000 Jahre alt. Ostafrika galt denn auch lange als «Garten Eden» der Menschheit. Diese Theorie wird durch die neuen Funde allerdings widerlegt. «Die jetzt gefundenen Knochen sind viel älter als alle anderen gefundenen menschlichen Überreste, die etwas mit Homo sapiens zu tun haben», sagt Hublin. «Sie verkörpern die wahren Wurzeln unserer Spezies.» Die Djebel-Irhoud-Knochen sind auch deutlich älter als ein etwas rätselhafter, ca. 260'000 Jahre alter Schädelfund aus Südafrika.

Das heisst aber nicht, dass die Wiege der Menschheit jetzt unbedingt in Marokko zu suchen ist. Es sei wohl viel komplexer, sagt Hublin. Zur damaligen Zeit lebten in Afrika vermutlich mehrere Arten der Gattung Homo (etwa der Homo naledi in Südafrika), die sich möglicherweise immer wieder trafen und sich auch kulturell und sexuell vermischten. Wo und wann der Homo sapiens genau entstanden sei, könne man daher nicht sagen. «Es gibt keinen Garten Eden in Afrika», sagt Hublin. «Wenn schon, ist ganz Afrika der Garten Eden.»

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