Lesen, schmökern, wälzen und – lauschen

Vom Austricksen des Alterns über die seltene Farbe Blau bis zum wunderbaren Wesen der Wälder: Die Wissen-Redaktion empfiehlt 19 spannende Sachbücher.

Interessante Sachbücher, die in keiner privaten Bibliothek fehlen dürfen. Symbolbild: iStock

Interessante Sachbücher, die in keiner privaten Bibliothek fehlen dürfen. Symbolbild: iStock

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Tipp-Nr. 1

Mörderische Bäume und verheerende Brände

Die Würgefeige hat ihren Wirtsbaum erdrosselt und sich so im tropischen Regenwald einen Platz zwischen den Wipfeln ergattert. In den nördlichen Nadelwäldern schaffen Waldbrände, wie sie alle 20 bis 100 Jahre vorkommen, Raum für neuen Bewuchs. Die Zusammenhänge beschreibt Gunther Willinger eindrücklich. Der Biologe warnt zudem vor den menschlichen Eingriffen in die einzigartigen Ökosysteme. Sein Buch bietet eine anschauliche Übersicht über die Wälder in den verschiedenen Klimazonen. Grafiken und vor allem die fantastischen Bilder laden ein zum Blättern, Lesen und Nachdenken. (afo)

Gunther Willinger: «Wälder unserer Erde», TeNeues, ca. 73 Fr.


Tipp-Nr. 2

Die wahre Geschichte von Romulus und Remus

Geschichten des Römischen Reichs fangen häufig damit an, wie der mächtige Stadtstaat im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zur regionalen Macht in Italien aufgestiegen ist. Die britische Historikerin und Archäologin Kathryn Lomas blickt jedoch viel weiter zurück in ihrem Buch. Ihre Geschichte Roms beginnt rund 1000 vor Christus, als die Stadt am Tiber noch eine recht bescheidene Siedlung war. Es gibt kaum schriftliche Quellen aus jener Zeit. Und was es gibt, ist meist erst in späteren Jahrhunderten und mit dem Drang zur Heroisierung verfasst worden. Deshalb bezieht sich Lomas wenn immer möglich auch auf Daten aus Ausgrabungen. So zeigt sie auf anschauliche und unterhaltsame Weise, wie es den Römern gelang, schon recht früh auf ein System zu setzen, mit dem sie auch später ihr Weltreich regierten. Sie banden lokale Eliten ein und setzten auf Verträge und Zusammenarbeit, sobald der Gegner entscheidend geschwächt schien. (abr)

Kathryn Lomas: «Der Aufstieg Roms», Klett Cotta, 542 S., ca. 48 Fr.


Tipp-Nr. 3

Spitzenforschung nahe der Bergspitzen

Wie ein Krankheitskeim Weltklasseforscher nach Arosa und Davos lockte und so zur weltweit längsten Messreihe von Ozonwerten führte, beschreibt der Wissenschaftsjournalist und Tamedia-Redaktor Martin Läubli unterhaltsam und überraschend in seinem Buch. Der deutsche Arzt Carl Dorno gründete 1907 in Davos ein Institut, um die Bergluft zu erforschen. Sie galt als Heilmittel gegen Tuberkulose. Als der Dorno-Schüler und Physiker Paul Götz im nahen Arosa damit begann, die Sonneneinstrahlung systematisch zu analysieren, brachte das erst die Forschung voran und endete dann in einem Streit. Es ist eine Stärke des Buches, dass der Autor auch die menschlichen Verwicklungen beleuchtet. Eine andere ist, wie er die wissenschaftlichen Hintergründe anschaulich vermittelt. Zum Beispiel, wie es heute um die Ozonschicht steht, die sich trotz Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) nur langsam erholt. Herausragend ist zudem die grafische Gestaltung. (afo)

Martin Läubli: «Licht, Luft, Ozon», Haupt-Verlag, 180 S., ca. 42 Fr.


Tipp-Nr. 4

Absonderliches und Aussersinnliches

Albert war neun Monate alt, als übereifrige Psychologen im Jahr 1919 testeten, ob er sich ebenso konditionieren lasse wie Iwan Pawlows Hunde. Das Kind hatte keine Angst vor Kaninchen, aber es weinte bei lauten Geräuschen. Als die Forscher immer dann, wenn der Junge die Tiere anfassen wollte, auf ein Stahlrohr schlugen, weinte er später bereits dann, wenn er sie nur sah. Der Versuch ist eines von 50 bekannten Experimenten aus der Psychologie, die der britische Autor Adam Hart-Davis in seinem kurzweiligen Buch beschreibt. In einem anderen Experiment fanden US-Psychologen in den 1990er-Jahren heraus, dass Gedankenübertragung möglich gewesen sein könnte. Die Probanden wählten statistisch öfter Filme aus, die zuvor der «Sender der Gedanken» im Nachbarraum gesehen hatte. Anders als Alberts Experiment sollte dieses definitiv wiederholt werden. (afo)

Adam Hart-Davis: «Pawlows Hund», Knesebeck, 176 S., ca. 26 Fr.


Tipp-Nr. 5

Verschwörungsmythen verkaufen uns für dumm

Es gibt reale Verschwörungen. Eine ereignete sich 1939. In Gleiwitz (Oberschlesien) kaperten als polnische Soldaten verkleidete SS-Angehörige einen Radiosender. Die Aktion diente als Vorwand für Hitlers Überfall auf Polen. Mit solchen «False Flag Operations» ist also zu rechnen. Doch wie unterscheidet man Verschwörungsmythen von realen Verschwörungen? Im Buch unterzieht der Autor einige Beispiele einer kritischen Prüfung, etwa zu den Anschlägen vom 11.September2001 und zu einer Erdbebenmaschine in Alaska. Dabei stützt er sich auf physikalische Argumente. Das schärft die Sinne, schliesslich können reale Falsche-Flagge-Operationen eine Bedrohung für die Demokratie sein. «Es ist also unverzichtbar, sich ein qualifiziertes Bild von der Glaubwürdigkeit von Verschwörungsbehauptungen machen zu können», schreibt Holm Gero Hümmler. Im letzten Kapitel gibt er Tipps, wie man sich vor Verschwörungstheorien schützt. (jol)

Holm Gero Hümmler: «Verschwörungsmythen», Hirzel, 223 S., ca. 32 Fr.


Tipp-Nr. 6

Seltene Pigmente und andere blaue Wunder

4,5392 Gramm Yttriumoxid, 5,302 Gramm Indiumoxid, 0,1586 Gramm Manganoxid. Das Ganze mischen und dann im Ofen bei 1300 Grad mindestens sechs Stunden backen. Dies ist das Rezept für das «blaueste Blau», wie der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt in seinem Buch «Blau» schreibt. Das Rezept stammt vom Chemiker Mas Subramanian, der das blaue Pigment mit dem Kürzel YInMn-Blau 2009 rein zufällig entdeckt hatte. Es war das erste neu entdeckte blaue Pigment seit über 200 Jahren. Blau, so lernen wir beim Lesen, ist selten und besonders. Zwar erscheinen uns Himmel und Gewässer in dieser Farbe, aber in der Natur ist Blau tatsächlich wenig anzutreffen. In seinem Buch unternimmt Kupferschmidt quasi eine Reise ins Blaue – und versteht es dabei, die Leser mit seiner eigenen Faszination für diese spezielle Farbe anzustecken. (nw)

Kai Kupferschmidt: «Blau – wie die Schönheit in die Welt kommt», Hoffmann und Campe, 240 S., ca. 35 Fr.


Tipp-Nr. 7

Über scheinbar endlose Steppen bis nach China

Seidenstrasse hiess die Seidenstrasse während ihres jahrhundertelangen Bestehens nie. Erst im 19. Jahrhundert taufte man das Netz von alten Karawanenwegen auf diesen Namen. Das Handelsnetzwerk reichte von Europa über Zentralasien bis nach China, bestand vom 2. Jahrhundert vor Christus bis ungefähr 1400 und umfasste ganz unterschiedliche Landschaften. Nach den Landschaftstypen gliedert Herausgeberin Susan Whitfield auch ihren Text-Bild-Band zum Thema, weil die Landschaft «ein wesentlicher Akteur in jeder Geschichte der Seidenstrasse» sei. Unter den Stichworten Steppe, Berge, Wüste oder Meere vereint die englische Historikerin eindrucksvolle Bilder zum Oberbegriff und Texte zu ganz unterschiedlichen Teilaspekten und Zeitepochen. Einen gelungenen Einstieg in den Band bieten die historische Karten aus mehreren Epochen und Informationen über historische Kartierungen der Region. (abr)

Susan Whitfield (Hrsg.): «Die Seidenstrasse, Landschaften und Geschichte», Wbg Theiss, 480 S., ca. 73 Fr.


Tipp-Nr. 8

Ausserordentliche Naturschönheiten

Würdevoller hat einen wohl noch kein Lemur angeblickt. Dieser Halbaffe ist ein Katta, die bekannteste Art der nur auf Madagaskar heimischen Lemuren. Der Fotograf Pedro Jarque Krebs hat mehr als 100 spektakuläre Tierfotografien in seinem Bildband zusammengefasst. Darunter eine Elenantilope mit Kalb, ein Fisch fangender Pelikan, eine fürsorgliche Wallabymutter und natürlich wundervoll gemusterte Zebras. Die kunstvollen Bilder und die kurzen Texte sind ein Plädoyer für den Artenschutz – manchmal jedoch etwas zu pathetisch. (afo)

Pedro Jarque Krebs: «Fragile», TeNeues, 220 S., ca. 73 Fr. Foto: Pedro Jorque Krebs


Tipp-Nr. 9

Das Rauschen des Orinocos in den Ohren

In diesem Jahr sind einige Bücher zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt erschienen. Wer nicht so gerne liest und trotzdem etwas über die Reisen und das Leben des Ausnahmeforschers erfahren möchte, dem sei das eindrückliche Hörprojekt von Hans Sarkowicz empfohlen. Da liest einem der Schauspieler Ulrich Noethen mit sonorer Stimme Schriften von Alexander von Humboldt vor. Man hört die kratzende Schreibfeder und das Plätschern des Flusses Orinoco, den Humboldt erforschte. Überraschend deutlich kommt so die Wortgewalt zur Geltung, mit der Humboldt seine oft dramatischen Erlebnisse schildert. Das Hör-Feature basiert auf weitgehend unbekannten Schriften von Humboldt, die ein Team der Universität Bern in diesem Jahr herausgegeben hat. Auch der Leiter, Oliver Lubrich, kommt zusammen mit anderen Forschern zu Wort. Schöner kann man kaum in die Geschichte eintauchen. (afo)

A. v. Humboldt: «Der unbekannte Kosmos des Alexander von Humboldt», Hans Sarkowicz (Hrsg.), Der Hörverlag, ca. 57 Fr.


Tipp-Nr. 10

Die Gesetze der Physik als Gutenachtgeschichte

Das ist ein Ball. Mit diesem Satz und einem Bild eines Balls beginnt das Buch. Dieser Ball hat Masse, lautet der nächste Satz auf Seite 2. Mit einfachsten Sätzen und Bildern erklärt der Autor, was ein gekrümmter Raum ist und dass Schwarze Löcher Gravitationswellen abstrahlen. Jetzt kennst du die Allgemeine Relativitätstheorie, heisst es dann auf Seite 24. Ganz entsprechend erklärt Chris Ferrie die Quantenphysik, die Raketenwissenschaft, den Elektromagnetismus und mit Co-Autorinnen die Astrophysik und die Evolution. Das Buch ist sicher ein witziges Geschenk, wohl nicht für Babys, aber für Kleinkinder. Aber ob ein Kleinkind wirklich versteht, was ein gekrümmter Raum ist, und ob es Sätze wie «Die Energie ist quantisiert» nachvollziehen kann, sei dahingestellt. Vielleicht aber lernt der eine oder andere vorlesende Erwachsene mehr, als er bisher von diesen Theorien verstanden hat. (jol)

Chris Ferrie: «Allgemeine Relativitätstheorie für Babys» und andere Bücher der «Baby-Universität», Loewe, 26 S., ca. 16 Fr.


Tipp-Nr. 11

Wer nicht altert, wird nicht krank

Wenn Mediziner, wie heute üblich, jeweils eine einzige Krankheit behandeln, steigt die Lebensdauer der Patienten kaum. Mit zunehmendem Alter folgen dann nämlich andere Krankheiten. Deshalb müssen die Prozesse des Alterns aufgehalten werden, ist der Harvard-Forscher David A. Sinclair überzeugt. Bereits jetzt sind einige bekannt, darunter Schäden im Erbgut, Veränderungen im Stoffwechsel oder Entzündungen, hervorgerufen von gealterten Zellen. Sinclair ist der Ansicht, dass es viel einfacher sein sollte, die Alterung zu bekämpfen als Krebs zu heilen. Ein Spinner ist der Genetiker dennoch nicht. Er erklärt den Lesern – manchmal etwas zu detailliert – den Stand der Alterungsforschung und die Möglichkeiten für die Zukunft. Dabei überlegt er auch, wie eine Welt mit einer grossen Anzahl an über 120-Jährigen aussehen könnte – gesunden Hochbetagten wohlgemerkt. Ein zu Diskussionen anregendes Lesevergnügen. (afo)

David A. Sinclair: «Das Ende des Alterns», Dumont, 512 S., ca. 36 Fr.


Tipp-Nr. 12

Wie Schmetterlinge Fledermäuse verwirren

Der am Mittelmeer lebende Erdbeerbaumfalter ist mit einer Flügelspannweite von neun Zentimetern der grösste Tagfalter Europas. Der im Hochgebirge heimische Apollofalter nutzt seine weissen Flügel, um Sonnenstrahlen auf seinen dunklen Körper zu reflektieren und sich aufzuwärmen. Und der Gebänderte Wollbär imitiert Ultraschalllaute von widerlich schmeckenden Faltern, damit Fledermäuse ihn nicht fressen. Er gehört zu den Nachtfaltern, von denen es zehnmal so viele gibt wie Schmetterlinge, die am Tag unterwegs sind. Diese und zahllose weitere staunenswerte Informationen erhält der Leser von der Biologin Elke Zippel. Und als ob damit das Buch über Schmetterlinge nicht schon bemerkenswert genug wäre, kommen noch kunstvolle Zeichnungen vom Illustrator Johann Brandstetter hinzu, sodass man das Buch gar nicht mehr weglegen möchte. (afo)

Johann Brandstetter, Elke Zippel: «Wie Schmetterlinge leben», Haupt-Verlag, 224 S., ca. 44 Fr.


Tipp-Nr. 13

Eingefrorene Nase in der Wüste

Kamele sollen innerhalb von nur 15 Minuten bis zu 200 Liter Wasser aufnehmen können, Staub aus der Sahara düngt den Amazonas-Regenwald, Wüstenbäume wie die Senegal-Akazien liefern einen Stoff, der unentbehrlich ist für Cola, weil das Gummiarabikum dafür sorgt, dass der schwarze Farbstoff nicht verklumpt. Wer durch die Einöde reist, kann im Sand sogar steinernes Handwerkszeug von Menschen aus der Jungsteinzeit finden. Der Geograf und Fotograf Michael Martin ist von Wüsten fasziniert, seit er als Jugendlicher mit dem Mofa nach Marokko reiste. Sein Buch ist eine Mischung aus Reiseberichten, wissenswerten Hintergrundinformationen und dramatischen Bildern. Die hat er zum Teil mit vollem Einsatz fotografiert. Einmal fror dabei Michael Martin seine Nasenspitze an der Kamera fest – und das in der Wüste. (afo)


Tipp-Nr. 14

Die Wikinger trugen keine Hörner an den Helmen

Unser Bild von den Wikingern war lange Zeit von historischen Quellen geprägt, die Zeitgenossen verfasst hatten, die den Wikingern nicht gerade wohlgesonnen waren. Das liegt daran, dass die Nordmänner selbst kaum schriftliche Spuren hinterlassen haben. Seit die Archäologie mehr zur Forschung über die frühen Skandinavier beiträgt, wandelt sich das Bild. Zwar waren die Wikinger durchaus für Überfälle und Raubzüge verantwortlich, aber sie waren vor allem auch weit gereiste, weltoffene Handelsleute, die mit ihren raffiniert konstruierten Schiffen bis nach Nordamerika und ans Schwarze Meer gelangten und sich teilweise in fernen Ländern niederliessen.

Die Aufsatzsammlung «Die Wikinger» gibt einen guten, leicht zu lesenden Überblick über den aktuellen Wissensstand. Informationen findet man nicht nur zu der Lebensweise und zum Glaubenssystem der Wikinger, sondern auch zu aktuell viel diskutierten Themen wie die Stellung der Frau in den frühen skandinavischen Gesellschaften und zu noch weniger erforschten Bereichen wie den weitreichenden Reisen der Wikinger in den Osten. (abr)

Joern Stäcker, Matthias Toplak Die Wikinger, Propyläen-Verlag, 480 S., 36 Fr.


Tipp-Nr. 15

Das Geheimnis der 100-Jährigen

Was ist das Rezept für ein gutes, erfülltes Leben? Und was ist das Geheimnis, bis ins hohe Alter von 100 oder mehr rüstig und geistig fit zu bleiben? Das sind zentrale Fragen, die alle Menschen umtreiben, ganz besonders aber die Journalisten Klaus Brinkbäumer und Samiha Shafy. Auf der Suche nach Antworten zu diesen essenziellen Fragen haben der ehemalige Chefredaktor des «Spiegels» und die Schweizer «Spiegel»-Redaktorin auf der ganzen Welt Hundertjährige besucht, darunter auch mehrere Schweizer.

Herausgekommen ist ein inspirierendes, kurzweiliges Buch mit dem ungewöhnlichen Titel «Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben», das zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln anregt. Etwa, wenn die 108-jährige New Yorkerin Helen Kahn erzählt, dass sie Salat und Gemüse verachte, dafür kurz angebratene Hamburger, Schokolade und Cocktails möge. Und ja, sie habe 80 Jahre lang geraucht.

Klar, mit diesem Lebensstil würden die wenigsten 100 Jahre alt werden. Aber ein bisschen Spass darf schon sein, wie auch der 100-jährige Walter Diethelm bestätigt: «Man sollte sündigen, aber nicht zu viel.» (nw)

K. Brinkbäumer, S. Shafy: Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben, S. Fischer, ca. 35 Fr.


Tipp-Nr. 16

Meerschweinchen als Klimaretter

Wenn man sich die neuesten Zahlen des «Emission Gap Report» vor Augen führt, den das Umweltprogramm der UNO letzte Woche veröffentlicht hat, dann kann man sich schon etwas hilflos dem Klimawandel ausgesetzt fühlen. Um die globale Erwärmung auf rund 1,5 Grad zu begrenzen, müsste die Emission der Treibhausgase demnach künftig jedes Jahr um 7,6 Prozent sinken. Dabei sind die Emissionen nach wie vor am Steigen. Und es gibt wenig Hinweise, dass die Politik das Ruder schnell genug herumreisst.

Doch sind wir dem Klimawandel wirklich hilflos ausgeliefert? Nein, sagt Christof Drexel in seinem Buch. Um rund ein Drittel können wir unseren CO2 allein durch einen bewussten Lebensstil reduzieren. Anhand kurzer Hintergrundtexte und zahlreicher Grafiken zeigt das Buch sehr anschaulich, was jeder in den Bereichen Ernährung, Mobilität, Urlaub, Freizeit, Haushalt, Wohnen und sonstigem Konsum unternehmen kann, um das Klima weniger stark zu belasten. Was Meerschweinchen damit zu tun haben, erfährt man übrigens im Kapitel über die CO2-Bilanz von Haustieren. (jol)

Christof Drexel: Warum Meerschweinchen das Klima retten, GU, 208 S., ca. 24 Fr.


Tipp-Nr. 17

Die grusligsten Heilmethoden der Medizingeschichte

Quengelnde Kinder können ganz schön auf die Nerven gehen. Für gestresste Mütter war «Mrs. Winslow’s Soothing Syrup» früher ein – vermeintlicher – Segen. Dank eines Schusses Morphium war er «geeignet, jeden Menschen und jedes Tier» zu beruhigen, wie es in der Werbung hiess. Doch manchmal übertrieben es die Eltern auch mit der Sedierung der Säuglinge. Bald nannten Ärzte das von 1845 bis 1930 vermarktete Produkt «Baby-Killer».

Der tödliche Morphium-Sirup ist eines von vielen Beispielen aus dem auf Deutsch erschienenen Buch «Abgründe der Medizin» von Lydia Kang und Nate Pedersen. Das US-Autorenduo vermittelt darin einen Einblick in die «allerübelsten Allheilmethoden aller Zeiten». Die Sprache ist locker bis (etwas sehr) flapsig, der Inhalt manchmal erheiternd, häufig aber haarsträubend bis entsetzlich: Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust, glühende Eisen gegen Liebeskummer, Operationen mit von Eiter und Blut verschmierten Geräten und ohne Narkose, radioaktive Zäpfchen, Arsen-Brotaufstrich für einen schönen Teint – die Liste des Grauens scheint endlos. (fes)

Lydia Kang und Nate Pedersen: Abgründe der Medizin, Riva-Verlag, 352 S., ca. 30 Fr.


Tipp-Nr. 18

Traue nie einer Statistik

Zahlen sind klar und helfen, Zusammenhänge zu erkennen – aber nicht immer. Wo Fallstricke lauern, beschreibt die Ökonomin und Journalistin Sanne Blauw äusserst anschaulich in ihrem lesenswerten Buch. Während die britische Krankenschwester Florence Nightingale Mitte des 19. Jahrhunderts mit Zahlen und Grafiken belegte, dass die meisten Soldaten in den ihr anvertrauten überfüllten Spitälern an vermeidbaren Krankheiten starben, sind Aussagen über grosse Gruppen komplizierter.

Statistiker nutzen dann Stichproben. Dabei ist die Auswahl der Teilnehmer entscheidend sowie die Umstände der Erhebung. Wurde etwa eine Gruppe von Studenten zum Sexualverhalten befragt, so stieg bei den Frauen die Anzahl der Sexualpartner um 70 Prozent, wenn sie glaubten, an einen Lügendetektor angeschlossen zu sein. Wow! Aber: 70 Prozent von welcher Zahl?, lehrt Blauw uns zu fragen.

Ein anderes Beispiel sind Durchschnittswerte. Sie sind für Erhebungen ungeeignet, wenn die Zahlen weit auseinander liegen. So würden nämlich alle Passagiere eines Busses zu Milliardären, sobald Microsoft-Gründer Bill Gates zusteigt. (afo)

Sanne Blauw: Der grösste Bestseller aller Zeiten, Deutsche Verlags-Anstalt, 218 S., ca. 29 Fr.


Tipp-Nr. 19

Die Fussreise durch die Alpen

In einer Zeit, in der die Erhebung von Umweltdaten auf die Spitze getrieben wird, ist das Buch von Dominik Siegrist richtig wohltuend. 119 Tage lang und 1800 Kilometer weit ist der Geograf zusammen mit Freunden von Wien nach Nizza gewandert. Das Projekt nannte sich Whatsalp, das Ziel war, den Zustand der Alpen zu erkunden. Ohne Messgeräte. Informationen lieferten die Sinne und seine zahlreichen Begegnungen mit Bauern, Forschern, Umweltaktivisten oder Tourismusmanager. Entstanden ist eine Art Wanderbuch, das doch keines ist. In lebendiger Sprache beschreibt er die einzelnen Etappen. Das Buch ist aber in erster Linie eine Dokumentation positiver und negativer Beispiele, wie Alpengemeinden versuchen, die Abwanderung und den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern. Etwa indem «Bioniere» in Ramsau in der Steiermark einen Bio-Golfplatz bauen. Oder die französische Gemeinde Tignes eine Indoor-Skihalle auf 2000 m ü. M. plant. Siegrist ist als ehemaliger Präsident der internationalen Alpenschutzkommission Cipra kein unabhängiger «Alpenwanderer». Das Buch lässt aber dem Leser viel Spielraum, seine eigene Meinung zu bilden. (lae)

Dominik Siegrist: Alpenwanderer, Haupt-Verlag, 229 S., ca. 29 Fr.

Erstellt: 21.12.2019, 18:28 Uhr

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