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50 Tote – oder eine Million?

Die gesundheitlichen Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl sind höchst umstritten. Einig sind sich die Forscher einzig darüber, dass die Opferzahlen extrem schwer zu ermitteln sind.

Die Schweiz muss die alten Atomkraftwerke abstellen, sagt Kuznetzow. Am meisten Sorgen bereitet ihm das AKW Leibstadt.
Die Schweiz muss die alten Atomkraftwerke abstellen, sagt Kuznetzow. Am meisten Sorgen bereitet ihm das AKW Leibstadt.
Keystone
Der bisher schlimmste Nuklearunfall der Geschichte: Am 26. April 1986 explodierte Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.
Der bisher schlimmste Nuklearunfall der Geschichte: Am 26. April 1986 explodierte Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.
Keystone
Der Block 4 in Tschernobyl ist seit November 1986 mit einem Betondach bedeckt. Ein neuer «Sarkophag» ist in Planung.
Der Block 4 in Tschernobyl ist seit November 1986 mit einem Betondach bedeckt. Ein neuer «Sarkophag» ist in Planung.
Keystone
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Generell sind sich viele Wissenschaftler in Weissrussland, Russland und der Ukraine zwar einig, dass die Krebserkrankungen in den verstrahlten Regionen zugenommen haben. Neben Schilddrüsenkrebs häufen sich Brustkrebs, Leukämie, Lungen- und Hautkrebs. Auch eine Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde registriert, ebenso eine höhere Kindersterblichkeit und mehr Missbildungen bei Neugeborenen.

Der direkte Zusammenhang mit dem Atomunfall gilt aber als schwer nachweisbar. Andere Faktoren – zum Beispiel Armut und politischer Verfall in den ehemaligen Sowjetrepubliken – könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Greenpeace hat höhere Zahlen

Besonders krass sind die Unterschiede bei der Frage, wie viele Todesfälle mit Tschernobyl in Verbindung gebracht werden können. Die Vereinten Nationen verweisen darauf, dass unmittelbar rund 50 Helfer der Unglücksstelle an der Strahlung starben.

Geht es um die Langzeitfolgen, so spricht die Internationale Atomenergiebehörde von etwa 9000 Todesfällen. Die Umweltorganisation Greenpeace kommt dagegen nach Auswertung von rund 50 Gutachten und Studien auf allein 93'000 Krebstote, die letztlich der Strahlung von Tschernobyl zugeordnet werden können.

800'000 Kinder weniger

Eine gerade veröffentlichte Studie der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW nennt noch dramatischere Zahlen. So seien allein von den rund 800'000 sogenannten Liquidatoren – also den Katastrophenhelfern vor Ort – mehr als 112'000 gestorben. IPPNW prognostiziert für ganz Europa bis 2056 knapp 240'000 zusätzliche Krebsfälle wegen Tschernobyl.

Bis zu 207'500 Kinder würden wegen der Katastrophe mit Genschäden geboren, und die Zahl der Totgeburten und Fehlbildungen sei nach Tschernobyl deutlich angestiegen. Wegen des Unglücks seien in Europa 800'000 Kinder weniger geboren worden als eigentlich zu erwarten.

300'000 ukrainische Katastrophenhelfer

Beteiligte vor Ort schätzen die Zahl der Tschernobyl-Opfer sogar noch höher. Ein Verband der Liquidatoren in Kiew vermutet, dass allein von den 300'000 ukrainischen Katastrophenhelfern inzwischen jeder Zweite gestorben sei. Insgesamt seien eine Million Todesfälle allein in der Ukraine auf das Reaktorunglück zurückzuführen.

Einig sind sich viele Forscher, dass die Zahlen extrem schwer zu ermitteln sind. Das liegt unter anderem daran, dass die Todesursache nicht immer Strahlenschäden zuzuordnen ist. Bei Krebs lässt sich kaum eindeutig nachweisen, ob er von der Strahlendosis oder anderen Faktoren ausgelöst wurde. Häufig kommen mehrere Dinge zusammen. So häuften sich bei den ehemaligen Liquidatoren auch psychische Probleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Selbstmorde.

dapd/bru

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