Abnormale Essstörungen

Viele junge Mädchen leiden laut einer Lausanner Studie an einer weitgehend unbekannten Form der Essstörung – sie hungern, um in schwachen Momenten umso mehr zu essen. Ein Teufelskreis.

«Essstörungen finden in unserer Gesellschaft mit ihrem Kult um das Aussehen einen fruchtbaren Nährboden»: Die Lausanner Psychologin Sophie Vust untersucht in ihrer Studie atypische Essstörungen.

«Essstörungen finden in unserer Gesellschaft mit ihrem Kult um das Aussehen einen fruchtbaren Nährboden»: Die Lausanner Psychologin Sophie Vust untersucht in ihrer Studie atypische Essstörungen. Bild: Keystone

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Wenn die Öffentlichkeit über das Problem Essstörungen diskutiert, wird meist über die beiden Krankheitsbilder Anorexie und Bulimie gesprochen. Doch andere, weniger bekannte und offensichtliche Formen von Essstörungen kommen weit häufiger vor.

Laut einer Studie der Lausanner Psychologin Sophie Vust seien meist junge Mädchen einer unauffälligeren Störung des Ernährungsverhaltens betroffen. In einem Buch, das aus ihrer Doktorarbeit entstand, zeichnet die Psychologin das klinische Portrait dieser atypischen Störungen. Demnach entsprechen diese unbekannteren Formen von Essstörungen nicht den Kriterien der Magersucht (Anorexie) oder der Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Oft bleiben sie unbemerkt und verursachen dennoch viel Leid bei den Betroffenen. Laut der Lausanner Studie müssten Präventionskampagnen gegen Übergewicht angepasst werden, da sie die Situation noch verschlimmern könnten.

Schwanken zwischen Kontrolle und Exzess

«Diese jungen Frauen sind erfüllt von Zweifeln über die Ernährung und ihren Körper», sagt Vust. «Sie wechseln ab zwischen Fasten, um abzunehmen, und Krisen, in denen sie alles Mögliche in sich hineinstopfen.» Doch die kompensierenden Verhaltensweisen wie Erbrechen oder übermässiges Sporttreiben treten dabei seltener auf als bei den typischen Essstörungen.

Es entsteht ein Teufelskreis: Die Entbehrungen der Mädchen führen zu «Krisen», in denen sie bei Esswaren schwach werden, die sie sich sonst verbieten würden. Sind die Schleusen erst geöffnet, gibt es kein Halten mehr. Sie essen riesige Mengen, im Verborgenen, ohne sich kontrollieren zu können. Nach der Krise fühlten sie sich noch schlechter, aus Scham und Schuldgefühlen darüber, nachgegeben zu haben, erklärt Vust. Das Mädchen zwinge sich folglich noch ein strengeres Regime auf und bereite somit den Boden für die nächste Krise. Und immer so weiter.

Prävention schiesst am Ziel vorbei

Die atypischen Essstörungen treten mindestens fünfmal häufiger auf als Magersucht (ein Prozent) oder Ess-Brech-Sucht (zwei bis drei Prozent). In manchen Gruppen wie Models oder Tänzerinnen kann eine von fünf Frauen betroffen sein. «Diese Störungen finden in unserer Gesellschaft mit ihrem Kult um das Aussehen und die Schlankheit einen fruchtbaren Nährboden», sagt Vust. «Das ist eine grosse Herausforderung für die öffentliche Gesundheit.»

Die Psychologin hält es für entscheidend, dass die Präventionskampagnen zur Gewichtskontrolle angepasst werden: «Kampagnen gegen das Übergewicht fokussieren oft auf die Ernährung und das Gewicht», sagt sie. Doch diese Botschaften seien bei Essstörungen kontraproduktiv und könnten die Situation sogar verschlimmern, erläutert Vust. Sie verleiten die Mädchen dazu, noch stärker zu kontrollieren, was sie essen - ohne Rücksicht auf ihre psychologischen Bedürfnisse.

Diätwahn muss stärker angeprangert werden

Essstörungen, auch die typischen, stellen immer einen Schutzschild für ein inneres Unwohlsein und Schwierigkeiten dar, die meist verschiedene Ursachen haben. Indem sie sich auf das Essen fokussieren, verdrängen die Jugendlichen ihre anderen Probleme. Diese jungen Frauen hätten oft ein schwaches Selbstwertgefühl, das stark an ihr Äusseres und ihr Gewicht gebunden sei, erklärt Vust. Sie hielten es oft für unverhältnismässig wichtig, was andere von ihnen denken.

Um ihr Ziel zu erreichen, müsse die Prävention vermehrt beim Aufbau des Selbstwertgefühls ansetzen, sagt Vust. Sie solle die Idee vermitteln, dass der Wert eines Menschen an die Person und nicht an seine Leistungen oder sein Aussehen gebunden ist. «Der Druck zum Schlanksein und der Diätwahn müssen stärker angeprangert werden.»

Universitätsspital Lausanne bietet Hilfe für die Eltern

Eines ist allen Essstörungen gemeinsam: Sie verschwinden nicht von selbst. Sie müssen gewöhnlich in einer Therapie in den Griff bekommen werden, sei es individuell oder in der Gruppe. Das Problem beginne meist mit einer Diät: Das Mädchen distanziert sich dabei von ihrer Gefühlswahrnehmung für Hunger und Sattheit. Ziel einer Therapie sei es, dass das Mädchen eben diese Ernährungssignale wieder wahrnimmt, erklärt Sophie Vust.

Daneben gilt es, die Probleme aufzudecken, die sich hinter der Störung verbergen, den Selbstwert aufzubauen und die Bindungsqualität zu verbessern. Die Art der Behandlung hängt vom Alter und vom Schweregrad der Probleme ab. Gruppentherapien sind hilfreich: «Diese Gruppen funktionieren in der Jugend sehr gut, vor allem bei bulimischen Problemen», sagt Vust. Bei jüngeren Mädchen muss bei der Familie angesetzt werden. Eltern seien in solchen Situationen gemäss Vust oft sehr hilflos. Deshalb bietet das Universitätsspital Lausanne eine kostenlose Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern an. (Marie-Christine Mousson / heb/sda)

Erstellt: 11.05.2012, 10:00 Uhr

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Wenn in der Jugend der Schlaf- oder Essrhythmus unregelmässig wird, ist das noch kein Grund zur Sorge, solange dies nur vorübergehend geschieht. Doch wenn die Störungen länger andauern oder die Jugendliche darunter leidet, ist ein Arztbesuch ratsam.

Essstörungen dürfen nicht banalisiert werden, da sie ernste körperliche und psychische Konsequenzen haben können. Etwa 70 Prozent der Mädchen überstehen eine vorübergehende Essstörung sehr gut und finden eine neue, feste Basis. Doch unbehandelt können diese Störungen chronisch werden und sogar zum Tod führen.

Buch

Sophie Vust, «Quand l'alimentation pose problème... Ni anorexie, ni bulimie, les troubles alimentaires atypiques», Editions Médecine & Hygiene, Chêne-Bourg (GE), 2012

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