«Abtasten allein genügt nicht als Vorsorge»

Jährlich wird in der Schweiz bei 5300 Frauen Brustkrebs entdeckt. Der Schweizer Tumorspezialist Hans-Jörg Senn spricht über Behandlung und Chancen bei Brusttumoren. Gerade wurde er für seine Arbeit geehrt.

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Herr Senn, was bedeutet die Prognose Brustkrebs heute?
Hans-Jörg Senn: Dank optimierter Früherkennungs- und Therapiemöglichkeiten kann Brustkrebs sehr viel besser behandelt werden als noch vor zwanzig Jahren. Auch haben noch wirkungsvollere Chemo- und Hormontherapien, die das Wiederauftreten des Tumors verhindern, die Heilungschancen weiter verbessert. Und: Brustkrebs ist heute kein Tabu mehr. Die Krankheit wird viel offener angegangen.

Dennoch ist der Befund Brustkrebs noch immer ein Schock.
Im allerersten Moment sicher. Wer Krebs hört, denkt erst einmal an Leiden und Sterben. Danach beobachte ich aber, dass die Frauen je nach Persönlichkeit und Lebenssituation ganz unterschiedlich reagieren und mit der Krankheit umgehen.

Bei wie viel Prozent der Frauen wird Brustkrebs im gut behandelbaren Frühstadium entdeckt?
Von den hierzulande rund 5300 pro Jahr neu diagnostizierten Fällen sind zwischen 80 und 90 Prozent der Tumoren auf die Brust beschränkt. In der Westschweiz, in der Mammografie-Reihenuntersuchungen, auch Screenings genannt, Standard sind, werden sie noch früher entdeckt. In diesem Stadium betragen die Heilungschancen heute 70 bis 90 Prozent.

Frauen wird geraten, ihre Brust regelmässig selbst zu untersuchen. Trägt das viel zur Früherkennung bei?
Wenn eine Frau einen Knoten oder sonst eine Veränderung in der Brust spürt, ist es oft schon zu spät. Daher genügt das Abtasten der eigenen Brust nicht als Vorsorgemassnahme. Diese beginnt viel früher: mit der Röntgenuntersuchung der vermeintlich gesunden Brust.

Mammografie-Screenings sind umstritten. Was meinen Sie?
Ein Mammografie-Screening ist keine 100-prozentige Garantie dafür, dass alle Tumoren erkannt werden. Flächendeckend durchgeführt, senkt es jedoch die Brustkrebssterblichkeit um 30 bis 40 Prozent. Mittlerweile ist es in fast allen europäischen Ländern und den USA Standard. Nur in der deutschsprachigen Schweiz sperrt man sich gegen ein flächendeckendes Brustkrebs-Screening. Den Politikern und den Verantwortlichen bei den Krankenkassen ist es zu teuer. Und Frauen befürchten, dass Röntgenstrahlen ihre Gesundheit bedrohen. Ich war froh, als 2008 St.Gallen zumindest als erster Deutschschweizer Kanton das Screening einführten.

Brustkrebs bedeutet immer eine Operation. Wie sehr hängt das Weiterleben einer Patientin von den Fähigkeiten der jeweiligen Chirurgen ab?
Der chirurgische Eingriff ist bei Brusttumoren wichtig, entscheidet aber nicht über das Weiterleben wie etwa bei Darmkrebs. Die Brust ist kein lebenswichtiges Organ, ausserdem ist die Operationstechnik etwas einfacher. Bedeutendere Faktoren für das Überleben sind das Stadium, in dem der Tumor entdeckt wurde, wie aggressiv er wächst und ob er bereits Tochtergeschwulste gebildet hat. Aber natürlich sollten sich Betroffene nur von erfahrenen Chirurgen operieren lassen.

Muss heute noch häufig die ganze Brust entfernt werden?
Bei etwa 20 bis 30 Prozent der Patientinnen ist das leider noch der Fall. Entweder sind die Tumoren zu gross, oder die Brust ist so klein, dass die Entfernung der Geschwulst optisch untragbare Spuren hinterlassen würde. Die Mehrheit der Frauen aber wird heute brusterhaltend operiert.

Und wie verträglich sind mittlerweile Chemotherapien?
Auch da hat sich viel getan. Übelkeit und Erbrechen sind nicht mehr zwangsweise Begleiterscheinungen einer Chemotherapie. Patientinnen von mir gehen in dieser Phase sogar arbeiten.

Aber die Frauen verlieren noch die Haare. Darunter leiden viele.
Das lässt sich noch immer nicht verhindern, aber sie wachsen ja wieder nach. Interessanterweise ist Haarausfall infolge einer Chemotherapie nur in den deutschsprachigen Ländern ein Thema, in den USA, Frankreich oder Spanien aber nicht.

Was für Durchbrüche wird es in den nächsten fünf Jahren in der Brustkrebsforschung geben?
Um in der Grundlagenforschung voranzukommen, bedarf es zahlreicher Studien und Tausender von Patienten. In nur fünf Jahren lässt sich da kein Durchbruch erzielen. Aber die personalisierte Medizin wird in allernächster Zukunft Realität werden.

Können Sie konkreter werden.
Krebserkrankungen sind so verschieden wie die Personen, die davon betroffen sind. Dank moderner Diagnoseverfahren ist heute die Erkennung individueller Merkmale möglich. Etwa das Erbgut des Tumors. Auf dieser Basis werden neue Medikamente und Behandlungen entwickelt, und jede Patientin erhält die Therapie, die für sie optimal ist.

Das klingt vielversprechend. Was sollte in der Schweiz noch in Sachen Brustkrebsprävention und -behandlung passieren?
Ich würde es begrüssen, wenn endlich auch der Rest der Deutschschweizer Kantone ein Mammografie-Screening anbieten würde. Ausserdem sollten wir Fortschritte in der Zertifizierung von Brustzentren machen, damit Ärzte wissen, wohin sie ihre Patientinnen schicken können. Die Richtlinien, die von der Krebsliga Schweiz und der Schweizerischen Gesellschaft für Senologie nach europäischen Normen erarbeitet worden sind, müssen in den Kantonen und den Regionen noch umgesetzt werden.

Hans-Jörg Senn, geboren in Rüti ZH, arbeitete seit 1973 am Kantonsspital St.Gallen. 1998 gründete er das Tumor- und Brustzentrum ZeTuP in St.Gallen, das er bis 2005 leitete. Im September wurde er von der Europäischen Gesellschaft für medizinische Onkologie für seine Verdienste im Kampf gegen Krebs geehrt.

Erstellt: 10.10.2011, 14:22 Uhr

Hans-Jörg Senn zählt zu den weltweit renommiertesten Krebsforschern. (Bild: zvg)

Hans-Jörg Senn

Hans-Jörg Senn wurde in Rüti ZH geboren. Seit 1973 arbeitete er am Kantonsspital St.Gallen. 1998 gründete er das Tumor- und Brustzentrum ZeTuP in St.Gallen, das er bis 2005 leitete. Im September wurde er von der Europäischen Gesellschaft für medizinische Onkologie für seine Verdienste im Kampf gegen Krebs geehrt.

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