Akuter Atemwegsinfekt mit fataler Kettenreaktion

Ein Antibiotikum war bei einem alten Bauern für den Riss beider Achillessehnen verantwortlich.

Der in gewissen Antiobiotika verwendete Wirkstoff Levofloxacin kann zum Riss der Achillessehne führen: Ärztin der Schweizer Armee bei einer Untersuchung.

Der in gewissen Antiobiotika verwendete Wirkstoff Levofloxacin kann zum Riss der Achillessehne führen: Ärztin der Schweizer Armee bei einer Untersuchung.

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Alles hatte mit einer Bronchitis begonnen. Dagegen bekam der 91-jährige Bauer für eine Woche ein Antibiotikum, und damit nahm das Schicksal seinen fatalen Lauf.

In den nächsten vier Tagen verspürte der Senior Fersenschmerzen. Als er am siebten Tag von seinem Traktor absteigen wollte, schoss ihm ein Schmerz in die Fersen, und der 91-Jährige, der sich bis dahin selbst versorgt und seinen Hof bewirtschaftet hatte, konnte nicht mehr richtig gehen. Insbesondere das Auf-den-Zehenspitzen-Stehen war praktisch unmöglich – ein klassisches Symptom bei der ­ärztlichen Untersuchung. Seine Fersen waren geschwollen. Ausserdem entdeckten die Mediziner dort kleine Blutungen in der Haut und beim Abtasten zwei Dellen über den Fersenbeinen, an dem die Achillessehnen ansetzen. Um sich überhaupt noch fortbewegen zu können, behalf sich der Landwirt – mehr schlecht als recht – mit einem Gehstock.

Schuld daran waren beidseits gerissene Achillessehnen, und die Ursache dafür war das Antibiotikum, stellten die Ärzte fest. Der Levofloxacin genannte Wirkstoff gehört zur Gruppe der Fluorchinolone. Das sind wirksame Antibiotika, die leider unangenehme Nebenwirkungen haben können. Dazu zählen Entzündungen der Achillessehne bis hin zum Riss. Letzteres passiert statistisch höchstens einer bis zwei von 10'000 Personen, die ein solches Antibiotikum bekommen.

Warum, ist noch immer schleierhaft. Möglicherweise sind die Fluorchinolone giftig für die Sehnenzellen, oder sie führen zu ihrer Minderdurchblutung. Auf jeden Fall stören sie die Vermehrung und die Funktion der Sehnenzellen.

Fünf Wochen im Gips

Die unerwünschten Wirkungen auf die Achillessehnen können innerhalb von 48 Stunden nach Behandlungs­beginn auftreten, eventuell sogar noch Monate nach dem Ende der Einnahme. Im Schnitt dauert es etwa 13 Tage, bis Symptome an den Sehnen auftreten. Die Probleme sind umso wahrscheinlicher, je ­höher sie dosiert sind, je älter der Patient ist, je schlechter seine Nieren den Wirkstoff ausscheiden und je belasteter seine Sehnen sind, zum Beispiel beim Badmintonspiel.

Zudem sind offenbar nicht alle Fluorchinolone gleich giftig für die Sehnen. Entzündet sich die Sehne, helfen nur sofortiges Absetzen des Medikaments und Ruhigstellen der betroffenen Gliedmasse.

Doch das hatte der Patient offen­kundig nicht gewusst. Damit seine gerissenen ­Sehnen heilen konnten, verpassten ihm die Ärzte für fünf Wochen links und rechts einen ­speziellen Gips. Dabei werden die Füsse so ruhig gestellt, dass die Zehenspitzen leicht nach unten zeigen, weil dies die Achillessehnen entlastet. Anschliessend musste der 91-jährige Landwirt mehrere Wochen lang spezielle Schuhe tragen.

Hatte der Patient anfangs noch fröhlich und zufrieden gewirkt, verdüsterte sich seine Stimmung zusehends. Seine längst vergessen geglaubte Depression hatte ihn wieder eingeholt. Als er das Spital zehn Wochen später erneut aufsuchte, war er abgemagert, teilnahmslos und schwermütig. Rund zehn Kilo hatte der Landwirt in der kurzen Zeit abgenommen. Wie auch hätte er mit den Gipsbeinen, wie gewohnt, sein Essen zubereiten und wie seine sozialen Kontakte pflegen ­sollen, von den Pflichten auf dem Hof ganz zu schweigen?

Als wäre das nicht schon genug, schnappte er beim Besuch im Spital noch eine Lungenentzündung auf. Es folgten: Nierenversagen, Blutvergiftung, Herzversagen und Herzinfarkt. Elf Wochen nach der Diagnose der Achillessehnenrisse verstarb der 91-Jährige, der bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er das Antibiotikum bekam, zufrieden auf seinem Hof gearbeitet hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2015, 19:10 Uhr

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