Alles nur Theater?

Neun Studenten spielten die Wärter, neun andere die Häftlinge. Was folgte, waren Folter und Willkür. Doch jetzt steht das berühmte Stanford-Prison-Experiment unter Betrugsverdacht.

Wärter und Gefangener im berühmten Stanford-Prison-Experiment. Foto: Polaris/laif

Wärter und Gefangener im berühmten Stanford-Prison-Experiment. Foto: Polaris/laif

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Am Morgen des zweiten Tages eskalierte die Situation. Die ­Gefangenen blockierten die ­Zellentüren, rissen die Nummern von ihren Kitteln und weigerten sich, Anweisungen des Wachpersonals zu befolgen. Die Männer in Uniform reagierten ohne ­Erbarmen, sprühten mit Feuerlöschern in die Zellen, erstickten den Aufstand und drangsalierten die Häftlinge in der folgenden Zeit auf sadistische Weise – sie zwangen sie zum Beispiel, die dreckigen Toiletten mit blossen Händen zu säubern. Nach sechs Tagen, damals im August 1971, mussten die Vorgänge abgebrochen werden.

Was vor vielen Jahren unter der Regie des Psychologen ­Philip Zimbardo im Keller der kalifornischen Stanford University ­geschehen war, ist seither als Stanford-Prison-Experiment ­bekannt. Die Vorgänge machten Karriere als der wohl berühmteste Versuch der Psychologie. Doch gerade stehen die Studie, ihr ­Autor und die Schlussfolgerungen in der Kritik: Es handele sich um eine Lüge, um ein Theaterspiel, sagen die Fundamentalkritiker; die Methodik sei fragwürdig gewesen, die Schlussfolgerungen überzogen, sagen die moderateren Kritiker. Zimbardo selbst schreibt in einem Statement auf der Website des Stanford-Prison-Experiments, dass er seine Schlussfolgerungen aus den Vorgängen im August 1971 aufrechterhalte.

Das Experiment im Keller der Universität schien zu demonstrieren, dass jeder Mensch zu Grausamkeit fähig ist – dass es die Umstände seien, die ihn dazu bringen, nicht etwa eine innere, grundsätzliche Boshaftigkeit. Zimbardo hatte für seinen ­Versuch 18 Probanden rekrutiert. Neun spielten Häftlinge und trugen mit Nummern versehene Kittel. Den anderen neun wies der Psychologe die Wärterrolle zu, sie zogen Polizeiuniformen an und trugen Gummiknüppel mit sich.

Dann, so zumindest die gängige Erzählart des Versuches, wurden die Teilnehmer sich selbst überlassen, und die Eskalation ergab sich aus der reinen Situation: Alleine das Machtgefälle zwischen Wärtern und Häftlingen sei treibende Kraft gewesen, dass sich die einen in sadistischen Aktionen ergingen und die anderen unterwürfig und apathisch wurden. Eine Schlussfolgerung war, dass es keine ­humane Form der Haft gebe und jede Art von Gefängnis zu einer solchen Eskalation führen könne, wenn nicht gar müsse.

Der Forscher wurde Experte bei Gefängnisrevolten 

Der Rummel um das Stanford-Prison-Experiment war von Beginn an gross. Zimbardo liess die Presse teilhaben und veröffentlichte die ersten Ergebnisse nicht etwa in einem Fachjournal, sondern im «The New York Times Magazine». Als es in US-Gefängnissen in San Quentin und ­Attica reale blutige Revolten gab, bei denen zahlreiche Häftlinge erschossen wurden, war Zimbardo ein gefragter Gast im Fernsehen, um die Tragödien zu deuten. Später wurden zahlreiche Filme über das Stanford-Prison-Experiment gedreht. Es diente als Blaupause, um die Folter von Häftlingen im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis durch US-Militärangehörige zu deuten oder gar den Holocaust zu analysieren. Bis heute findet sich das Stanford-Prison-Experiment in fast allen Psychologie-Lehrbüchern.

Von Beginn an wurde Zimbardo aber auch für den Versuch und seine Schlussfolgerungen kritisiert. Der Psychologe Leon Festinger, der das Konzept der kognitiven Dissonanz entwickelt hat, meinte, es habe sich nicht um ein Experiment, sondern um ein «Happening» gehandelt. Die Psychologen Alexander Haslam und Stephen Reicher scheiterten 2001 mit einer Replikation des Versuches: In dieser Version waren die Wächter passiv und schüchtern, während sich die Häftlinge rasch Erleichterungen und Privilegien verschafften. Auch Personen, die an den Vorgängen 1971 in Stanford beteiligt gewesen waren, meldeten sich über die Jahre zu Wort und behaupteten sinngemäss, das Ganze sei eher eine Art zielgerichtetes Impro-Theater gewesen.

In diese Kerbe schlagen auch der französische Autor Thibault Le Texier, der gerade ein Buch mit dem Titel «Histoire d’un Mensonge» (Geschichte einer Lüge) veröffentlicht hat, und der Journalist Ben Blum, der Anfang Juni im Digitalmagazin «Medium» einen ausführlichen Text über die vielen Fragen und Ungereimtheiten rund um das Gefängnis-Experiment publiziert hat. Der Kern der Vorwürfe ergibt sich aus Tonaufnahmen, die während des Experiments 1971 aufgenommen wurden und die auf der Homepage der Stanford University zugänglich sind.

Darin ist einer der Experimentatoren zu hören, wie er ­offenbar einen der Wächter zu mehr Strenge und Härte gegen die Häftlinge ermahnt. Das widerspricht der offiziellen Lesart der Vorgänge, wonach die Demütigungen und sadistischen Exzesse sich von alleine sowie ohne Intervention der Psychologen entwickelt hätten. Offenbar stellte auch einer der Mitexperimentatoren drakonische Regeln auf, nach denen die Häftlinge im Keller von Stanford zu behandeln waren.

Einige der Teilnehmer erzählten Ben Blum und anderen Autoren zudem, sie hätten vor allem geschauspielert. Sein Nervenzusammenbruch sei ein einziger Fake gewesen, wird einer der Teilnehmer in dem Artikel im Medium zitiert. Einer der Ex-Wärter behauptet darin, er sei in eine Rolle geschlüpft. Dazu habe er sogar einen Südstaatenakzent aufgesetzt. Seine besondere Erbarmungslosigkeit gegenüber den Häftlingen habe er nur deshalb gezeigt, weil die Psychologen das offensichtlich von ihm erwartet hätten. Er habe so gehandelt, weil er der Wissenschaft helfen wollte, weil es um ein höheres Ziel gegangen sei.

Hatten die Forscher ihre Erwartungen geäussert?

Diese Lesart übernehmen auch Psychologen um Haslam und Reicher, die die Tonaufnahmen ausgewertet haben und ihre Ergebnisse in einer Vorabveröffentlichung zusammenfassen. Auch ihr Fazit ist: Das Verhalten der Teilnehmer sei vor allem davon angetrieben worden, dass die Probanden im Glauben an ein höheres Ziel handelten und die Erwartungen der Psychologen nicht enttäuschen wollten; und davon, dass die Experimentatoren klar die gewünschte Richtung vorgaben.

Allerdings sagten die Forscher auch, dass es überzogen sei, ausschliesslich damit die Brutalität der Wärter zu erklären. Dass es nur die Umstände und das Machtgefälle gewesen seien, wie Zimbardo reklamierte, scheint jedoch auch sehr, sehr gewagt zu sein.

Zimbardo verteidigt seine Arbeit im Netz mit dem Hinweis, das Experiment habe gezeigt, «was jedem von uns passieren könnte, wenn er die Macht sozialer Rollen und von externem Druck auf seine Handlungen unterschätzt».

In einem offenen Brief plädieren nun 119 Wissenschaftler dafür, die vorliegende Evidenz nüchtern auszuwerten und zu analysieren – und dabei auf ­persönliche Angriffe gegen Kollegen zu verzichten. Sie warnen aber auch davor, allzu hemmende Ehrfurcht vor grossen Namen zu haben, auf deren Konto ein gewichtiger Klassiker der Psychologie geht. Denn auch grosse Figuren können grosse Fehler machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 19:04 Uhr

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