«Auf Gesetzesebene gibt es grosse Lücken»

Man müsse Menschen mit Behinderungen bei der Entwicklung von Produkten und Technologien vermehrt einbeziehen, fordert der an einer Muskelschwäche erkrankte Brian McGowan.

Für Brian McGowan ist die Rollstuhlgängigkeit zu stark im Fokus, Seh- oder Hörbehinderungen kommen zu kurz. Foto: Getty Images

Für Brian McGowan ist die Rollstuhlgängigkeit zu stark im Fokus, Seh- oder Hörbehinderungen kommen zu kurz. Foto: Getty Images

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Herr McGowan, was erwarten Sie persönlich vom Cybathlon?
Ich wurde angefragt, ob ich den Bereich Gleichstellung abdecken könnte. Aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen ist der Cybathlon etwas Spannendes, aber auch etwas Zwiespältiges. Ich habe darum angeregt, eine Podiumsdiskussion zum Thema Gleichstellung von Behinderungen zu organisieren.

Was meinen Sie damit?
Ich muss da etwas ausholen. Der moderne Behinderungsbegriff definiert sich als Wechselspiel zwischen indivi­dueller Einschränkung und Umwelt­faktoren. Früher betrachtete man die Behinderung immer nur als individuelle Einschränkung. Wenn man die Rehabilitation einseitig in den Vordergrund stellt, ist das meiner Ansicht nach ein Stück weit ein Rückfall in dieses alte ­Behinderungsbild, in eine Zeit, wo Behinderung kein politischer Begriff oder keine soziale Kategorie war, wie dies heute etwa bei Gender der Fall ist. Wenn man Gleichstellung und Behinderung – auch nur am Rande – thematisieren will, dann muss man die andere Seite, die Umweltfaktoren, unbedingt auch mit rein­nehmen. Es war meine Motivation, diese Seite der stark rehabilitations­lastigen Seite des Cybathlon hinzu­zufügen.

Sind Sie mit der Zusammenarbeit mit den Cybathlon-Organisatoren zufrieden?
Der Cybathlon wird zum ersten Mal so durchgeführt, das muss man berücksich­tigen. Natürlich würde ich es mir wünschen, dass die Gleichstellungsfrage auch am Hauptevent mehr Thema wäre. Wenn aber die Medien beide Teile thematisieren, dann bin ich zufrieden.

Wird in der Schweiz genug gemacht für Menschen mit Behinderungen?
Auf Gesetzesebene haben wir noch grössere Lücken, auch verglichen mit den meisten EU-Staaten. Man muss allerdings sagen, dass Gesetze bei uns oft konsequenter umgesetzt werden als in anderen Staaten. Im Bereich ÖV waren wir ziemlich lange weit hinten, haben aber mächtig aufgeholt und sind jetzt, international gesehen, recht weit vorne. Es gibt jedoch andere Bereiche wie etwa Bildung oder Arbeit, wo das Behindertengleichstellungsgesetz fast nichts dazu sagt. Aus Sicht der Gleichstellung sind diese Bereiche praktisch ungeregelt.

Wenn ich Sie richtig verstehe, orten Sie da Bedarf.
Ja, grossen Bedarf, auch grossen Regelungsbedarf. Bundesrat Alain Berset hat eine neue nationale Behindertenpolitik angekündigt. Da hoffen wir, dass gewisse Schritte auch gemacht und Lücken geschlossen werden können.

Was sind Ihre Forderungen an die Behindertenpolitik?
Ein wichtiger Punkt ist, die Arbeitgeberseite besser einzubinden, wofür es verschiedene Wege gibt. Der Bund ist da ein Vorbild. Er hat sich zum Beispiel selber verpflichtet, Menschen mit Behinderungen anzustellen. Auch die Stadt Bern hat sich eine Quote auferlegt.

Muss man alle Arbeitgeber in die Pflicht nehmen?
Quoten sind selten der Weisheit letzter Schluss. Ich sehe sie wenn schon als mögliche Übergangslösung.

Das Podiumsgespräch findet im ETH-Hauptgebäude statt. Ist dieser für Menschen mit eingeschränkter Mobilität gut erschlossen?
Das Gebäude kenne ich noch aus meiner Studienzeit. Ich habe zwar an der Uni studiert, aber immer wieder mal Vorlesungen an der ETH besucht. Im Hauptgebäude müssen Personen mit einer Mobilitätsbehinderung zum Teil riesige Umwege machen. Ich hatte zum Beispiel Arabischunterricht in einem Raum, den man eigentlich gleich beim Haupteingang über nur sechs Treppenstufen erreichen konnte. Ich musste das ganze Gebäude durchqueren, dann mit dem Lift zwei Stockwerke hoch, das Gebäude wieder durchqueren, mit einem zweiten Lift ein Stockwerk runter, und dann das ganze Gebäude erneut durchqueren, bis ich endlich dort war. Es gab auch viele Hörsäle, wo ich den Platz nicht frei wählen konnte. Ich konnte oft nur in der hintersten Reihe sitzen, was es mir zum Beispiel verunmöglichte, in grossen Hörsälen dem Dozenten Fragen zu stellen.

Hat sich seither etwas geändert?
Die Situation ist fast noch genau gleich. An der ETH gäbe es viele Möglichkeiten für Verbesserungen. Die ETH selber würde auch gerne mehr machen, sie wird aber immer wieder vom Denkmalschutz ausgebremst. Als Historiker habe ich zwar ein Ohr für solche Anliegen, doch wenn bei einem öffentlichen Gebäude die Funktion hinter die Form zurücktreten muss, dann erfüllt das Gebäude seine Funktion nicht mehr.

Die ETH ist stark bei technischen Entwicklungen für individuelle Reha-Lösungen. Vermissen Sie da den gesellschaftlichen Aspekt?
Gerade die ETH sollte Entwicklungen nicht nur auf der individuellen Rehaebene vorantreiben, sondern auch dazu nutzen, in der Umwelt neue Lösungen zu finden. Ich könnte mir neue Technologien vorstellen, um Niveauunterschiede für Menschen mit Mobilitätsbehinderungen leichter überbrückbar zu machen, oder solche für Menschen mit Sehbehinderungen, die eine einfachere Orientierung im öffentlichen Raum ­ermöglichen. Das wären Beispiele, wie Technik die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung fördern kann.

Wo harzt es sonst noch bei der Gleichstellung?
Rückt man Gleichstellung in den Vordergrund, muss man die Menschen mit Behinderungen miteinbeziehen. Heute werden zum Beispiel sehr viele ­Produkte entwickelt, die niemand gebrauchen kann. In der IT-Branche ist es selbst­verständlich, viele Usertests durch­zuführen. Im Behinderungsbereich ist das leider noch immer nicht der Fall.

Beim Cybathlon geht es in erster Linie um Menschen mit Mobilitätsbehinderungen. Gehen da Seh-, Hör- oder andere Behinderungen nicht etwas vergessen?
Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn man von hindernisfreiem Bauen spricht, ­denken neun von zehn Architekten an «rollstuhlgängig». Die anderen Aspekte gehen vergessen. Daher habe ich auch darauf gepocht, dass auf dem Podium ­jemand mit einer Sehbehinderung dabei ist. Es darf nicht sein, dass bei einer ­Diskussion über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung nur Rollstuhlfahrer unter sich sind.

In knapp zwei Wochen messen sich Menschen mit körperlichen Behinderungen dank neuster technischer Assistenzsysteme am Cybathlon in Kloten. Im ­Vorfeld dieses Wettkampfs diskutieren Experten und Betroffene morgen Dienstag an der ETH über die Bedeutung der Technologie für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Wir sprachen mit dem Initianten des Podiums, Brian McGowan. Der 36-Jährige ist seit seiner Kindheit wegen einer Muskelerkrankung auf den Rollstuhl angewiesen.

Podiumsdiskussion «Ist Hightech der Schlüssel zur Gleichstellung?» Di, 27. 9. 16, 18.30 Uhr, ETH Zürich, Rämistrasse 101, Audimax HG F 30 (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2016, 17:47 Uhr

Brian McGowan, Präsident Verein Sensability.ch
Der Historiker, Religions- und Politikwissenschaftler hat unter anderem die Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern aufgebaut und geleitet. Heute präsidiert er den Verein Sensability.ch. Die Organisation «von Menschen mit Behinderungen für Menschen ohne Behinderungen» berät rund um die Themen Gleichstellung und Behinderung. Der 36-jährige Zürcher lebt seit seiner Kindheit mit einer Muskelerkrankung im Rollstuhl.

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