Aus dem Koma geholt

Neurowissenschaftler haben es geschafft, einen Wachkoma-Patienten in einen anderen Bewusstseinszustand zu bringen. Als er seine Lieblingsmusik hörte, begann er zu weinen.

Dank der immer besseren Kenntnisse des Gehirns kann mit Reizen einiges bewirkt werden: Gehirn aus einer belgischen Sammlung. Foto: Yves Herman (Reuters)

Dank der immer besseren Kenntnisse des Gehirns kann mit Reizen einiges bewirkt werden: Gehirn aus einer belgischen Sammlung. Foto: Yves Herman (Reuters)

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Niemand hatte mehr damit gerechnet, 15 Jahre nach jenem Autounfall, der den Patienten aus dem Leben geschleudert hatte. Bei dem sein Gehirn mit aller Wucht gegen die Schädelknochen gestossen war, die Schädelbasis zerbarst. 15 Jahre, nachdem die Neurologen ihm auf der gängigen Skala für Bewusstseinsstörungen leidige fünf Punkte gegeben hatten, nur knapp über dem schlechtesten Wert. Der Mann reagierte nicht auf Ansprache. Er gab nur unverständliche Laute von sich. Er reagierte, wenn überhaupt, nur noch auf Schmerzreize. Der Patient lag im Wachkoma; von einer Besserung war heute, nach all den Jahren, nicht mehr auszugehen. Und doch: Der 35-Jährige schaffte es jetzt, Kontakt mit seiner Umwelt aufzunehmen.

Dabei halfen Neurowissenschaftler allerdings kräftig nach. Sie prüften nämlich ein neues Verfahren an dem Patienten, so berichtet es ein französisches Forscherteam um Angela Sirigu vom CNRS in Bron im Fachblatt «Current Biology». Ihr ehrgeiziges Vorhaben: Menschen, die seit Jahren im Wachkoma liegen, in einen anderen Bewusstseinszustand zu bringen. In einen Zustand, der ihnen erlaubt, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren.

Dafür beschlossen sie, das Gehirn des Patienten über den Vagus-Nerv zu stimulieren, einen der besonders wichtigen Leitungsbahnen im menschlichen Körper, die zum Beispiel die inneren Organe versorgt, Bewegungen von Kehlkopf und Rachen steuert, Geschmacksempfindungen vom Zungengrund weiterleitet. Die Nervenreizung, so hoffte es Angela Sirigu, würde verschiedene Hirnbereiche aktivieren.

Er drehte seinen Kopf

Über mehrere Wochen hinweg steigerten die Forscher die Stromstärke, mit denen sie den Vagus-Nerv reizten. Nach einem Monat beobachteten die Neurowissenschaftler, wie der Patient plötzlich ihren Aufforderungen nachkam. Wenn sie ihn baten, einen Spiegel mit den Augen zu verfolgen, gelang ihm das plötzlich. Wenn sie ihn baten, den Kopf zur Seite zu drehen, tat er das ebenfalls. Er lächelte und weinte sogar, als sie ihm seine Lieblingsmusik vorspielten. «Das Gehirn eines Patienten kann sich also noch erholen, wenn längst alle Hoffnung aufgegeben wurde», sagt Angela Sirigu. Statt fünf Punkten erreichte der Patient nun zehn Punkte auf der 23-Punkte-Skala für Bewusstseinsstörungen. Und nahm damit eine wichtig Hürde: Er war aus dem Wachkoma in einen minimalen Bewusstseinszustand gelangt.

Das bestätigten auch die Untersuchungen der elektrischen Ströme und des Stoffwechsels in verschiedenen Hirnbereichen. Sie waren nicht nur einzeln vermehrt aktiv. Die Ableitung über verschiedene Elektroden an der Schädeldecke zeigte auch, dass die Areale intensiver untereinander kommunizierten. «Ein eindrucksvoller Fallbericht», sagt Andreas Bender, Chefarzt des Therapiezentrums Burgau, der sich seit Jahren mit Wachkoma-Patienten beschäftigt.

Grundprinzip: Reizung

Die französische Studie reiht sich in eine Anzahl von Untersuchungen, die Wachkoma-Patienten mittels Reizung verschiedener Nerven einen winzigen Schritt weit ins Leben zurückholen sollen. Mal wurde zum Beispiel ein Nerv am Handgelenk dauerhaft stimuliert, aktuell versucht eine belgische Forschergruppe, das Gehirn der Betroffenen mittels Gleichstrom zu aktivieren. «Das Grundprinzip ist immer das Gleiche», sagt der Neurologe Bender. Es müsse sich aber noch zeigen, welche der Methoden besonders schonend ist. Und welche Patienten sich dafür besonders eignen.

Lange Zeit legten Mediziner mit einem simplen Test fest, ob Patienten gute oder schlechte Chancen haben, aus ihrer Bewusstlosigkeit zu erwachen. Dafür reizten sie Nerven an den Unterarmen der Betroffenen mit Stromstössen und prüften, ob die Grosshirnrinde der Patienten aktiviert wurde. Inzwischen hat das Verfahren jedoch an Bedeutung verloren, etwa in der neuen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom September 2012.

Mit den Gedanken nach aussen kommuniziert

Moderne Testmethoden haben den Blick auf Wachkomapatienten verändert. Seit wenigen Jahren nutzen Neurologen zum Beispiel die Positronenemissionstomografie, die den Energieverbrauch der Hirnzellen darstellt. Oder sie verwenden das hoch auflösende Elektroenzephalogramm (EEG), um die Hirnströme direkt zu messen. Andere begutachten die Betroffenen mit Hilfe der funktionellen Kernspintomografie fMRT, um mehr über die Hirnaktivität ihrer Patienten zu erfahren – wie zum Beispiel bei Scott Routley.

Dem Neurowissenschaftler Adrian Owen von der University of Western Ontario etwa gelang es vor fünf Jahren, mit Scott Routley Kontakt aufzunehmen - einem Patienten, der seit zwölf Jahren im Wachkoma lag. Allein mit der Macht seiner Gedanken lernte Routley, erstmals wieder mit seiner Aussenwelt zu kommunizieren. Wenn er «nein» sagen wollte, sollte er sich ein Tennisspiel vorstellen. «Ja» signalisierte er, indem er in Gedanken durch die eigene Wohnung spazierte. Owen konnte dann anhand unterschiedlicher Hirnaktivitätsmuster im fMRT die Antworten seines Patienten ablesen. Und feststellen, dass Scott Routley durchaus bei Bewusstsein war.

Eben solche Patienten eigneten sich wohl besonders für eine Nervenstimulation, sagt der Neurologe Bender. Für jenen kleinen Schritt, zurück ins Leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 13:07 Uhr

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