Babys erkennen eine Fremdsprache mit den Augen

Eine Sprache lernen ist immer Fitness fürs Gehirn. Wer aber zweisprachig aufwächst, ist dabei von klein auf bis ins hohe Alter im Vorteil.

Die Sprachfähigkeit von Kleinkindern wird erforscht: «Bilinguale Kinder können schon von Geburt an zwei Sprachen gut voneinander trennen.»

Die Sprachfähigkeit von Kleinkindern wird erforscht: «Bilinguale Kinder können schon von Geburt an zwei Sprachen gut voneinander trennen.» Bild: Niklaus Brade

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Eigentlich kann ein Baby mit vier bis sechs Monaten noch kein Sprachgenie sein, da es meist nicht einmal ein paar Worte reden kann. In diesem Alter übt es in der Regel erst die Lautbildung, indem es fröhlich vor sich hinbrabbelt und irgendetwas plappert.

Doch nun hat die Psychologin Janet Werker von der University of British Columbia in Vancouver an der Jahrestagung der amerikanischen Wissenschaftsvereinigung (AAAS) in Washington eine Studie vorgestellt, die genau das Gegenteil beweist. Ihr Fazit: Babys in diesem Alter können bereits Fremdsprachen erkennen. Und zwar auch solche, die sie noch nie zuvor gehört haben.

Mundbewegung hilft beim Unterscheiden

Anhand der Saugrate an einem mit einem Messgerät verbundenen Schnuller konnte Janet Werker nachweisen, dass bereits vier Monate alte Babys Muttersprache und Fremdsprache allein an den Mundbewegungen des Sprechers unterscheiden können. Werker zeigte den Säuglingen mehrere Videos ohne Ton, auf denen jeweils die gleiche Person Texte in verschiedenen Sprachen vorlas.An der Studie nahmen Säuglinge im Alter von vier, sechs und acht Monaten teil. Die einen wachsen zweisprachig mit Spanisch und Katalanisch auf, die anderen haben von Geburt an nur eine der beiden Sprachen gehört. Bei den älteren Kleinkindern hat die Forscherin gemessen, wie lange sie sich für das Video in der jeweiligen Sprache interessieren.

Der Clou war nun, dass Zweisprachler beim Betrachten des tonlosen Videos allein durch die Beobachtung der Lippensprache auch Englisch und Französisch voneinander unterscheiden konnten. Säuglinge, die mit einer Sprache aufwachsen, haben diese Fähigkeit zwar auch gezeigt, aber nur in den ersten Monaten, im Alter von acht Monaten geht sie für immer verloren.

Zwei Sprachen, ein Netz

«Diese Studie sowie auch Ergebnisse aus bisherigen Untersuchungen weisen darauf hin, dass bilinguale Kinder schon von Geburt an zwei Sprachen gut voneinander trennen können», erklärt Werker. Es würde sie keineswegs durcheinanderbringen, wie häufig behauptet werde, sondern sei auch beim Erlernen weiterer Sprachen nützlich.

Die Erklärung: Das Gehirn der Zweisprachler verarbeitet Sprache effizienter. Mithilfe bildgebender und elektrophysiologischer Verfahren liess sich feststellen, dass bilinguale Personen für die beiden Sprachen das gleiche neuronale Netzwerk aus ihrer Kindheit benutzen. «Wer eine Sprache erst später lernt, aktiviert neben dem ursprünglichen Netzwerk der Muttersprache ein neues Netzwerk», sagt Ellen Bialystok von der York University in Toronto. Er habe dadurch mehr Mühe und könne – trotz einer hohen Wortschatzkompetenz und Motivation – nie annähernd das Niveau eines Zweisprachlers erreichen.

Als Spätlernender habe man völlig andere Voraussetzungen. Man brauche meist erst einmal einige Zeit, um ein «Gefühl» für die Eigenheiten der Fremdsprache zu bekommen, sagt die Sprachwissenschaftlerin Sonja Kotz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Das Gehirn müsse sich zuerst einmal an die anderen Sprechrhythmen gewöhnen. In der Muttersprache werde dagegen das Gehörte meist ohne grosse Anstrengung fast in Echtzeit verarbeitet. Kaum zu Ende gehört, sei der Sinn eines Satzes auch schon verstanden. Dies sei jedoch nur möglich, weil der Hörer die Wörter oft schon erwartet und das zugrunde liegende neuronale Netzwerk diese intuitiv verarbeitet.

Deutsch und Englisch ähnliche Betonungsmuster

Des Weiteren kommt es sehr darauf an, um welche zusätzliche Sprache es sich bei Spätlernern handelt. Im Deutschen und Englischen gibt es ein ähnliches Betonungsmuster, was das Erkennen von Wortgrenzen im Sprachfluss erleichtert. Im Französischen werden dagegen Silben stark hervorgehoben.

«Deshalb fällt es etwa einem französischen Muttersprachler eher schwer, Deutsch oder Englisch zu sprechen», sagt Sonja Kotz in Washington. Ohne die Melodie der Sprache verinnerlicht zu haben, macht man laut einer neuen Studie des Leipziger Forschungsteams auch mehr Fehler bei der Grammatik.

Hirn bleibt länger fit

Lernen Kinder von klein auf zwei Sprachen, hat dies bis ins hohe Alter einen positiven Einfluss für ihre kognitiven Fähigkeiten. Untersuchungen mit alten Menschen, die bilingual aufgewachsen sind, ergaben, dass sie im Vergleich zu reinen Muttersprachlern später an der Alzheimer-Krankheit oder anderen Arten von Demenz leiden. «Es scheint, dass die Verarbeitung von zwei Sprachen dazu beiträgt, dass das Gehirn länger fit bleibt», sagt Ellen Bialystok. Im Durchschnitt seien die untersuchten Zweisprachler fünf Jahre später an Demenz erkrankt.

Doch was ist mit Menschen, denen nicht von Geburt an zwei Sprachen in die Wiege gelegt wurden? Haben sie eine Chance, mit Übung und Fleiss dies jemals wettzumachen? «Es ist nie zu spät und stets ein gutes Training fürs Gehirn, egal, ab welchem Alter», sagt Sonja Kotz. Man dürfe aber nicht erwarten, dass man dann eine Sprache perfekt beherrschen könne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2011, 19:39 Uhr

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