Bericht mit bitterem Nachgeschmack

Die EU-Kommission hat den Süssstoff Aspartam überprüft und erklärt ihn für unbedenklich. Doch Ernährungsforscher werfen den Behörden vor, kritische Studien zu wenig zu berücksichtigen.

Beliebte Kaugummis: Mehrere Studien kritisieren, der Süssstoff Aspartam habe negative Folgen für die Gesundheit.

Beliebte Kaugummis: Mehrere Studien kritisieren, der Süssstoff Aspartam habe negative Folgen für die Gesundheit. Bild: Martin Rütschi/Keystone

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Die Welt wird immer süsser. Das Geschäft mit dem Zucker boomt. Mit etwa 3 Prozent pro Jahr wächst der weltweite Zuckerabsatz schneller als die Bevölkerung. Noch stärker, wenn auch auf kleinerem Niveau, legt der Süssstoffmarkt zu. Süssstoffe wie Saccharin, Aspartam oder Cyclamat sind nicht nur bei Konsumenten begehrt, die auf Extrakalorien und Zucker verzichten wollen (oder müssen), sondern auch bei der Industrie. Denn sie sind wesentlich billiger als Zucker.

Der Absatz von Aspartam dümpelt allerdings vor sich hin. Medienberichte über eine krebserregende Wirkung setzen dem künstlichen Süssstoff zu. Konsumenten berichten zudem von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Krampfanfällen und Stimmungsschwankungen.Wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre schüren das Misstrauen. Am Europäischen Ramazzini-Institut in Bologna erhielten Hunderte Mäuse ihr Leben lang kleine Mengen Aspartam. In der Folge litten die Versuchstiere häufiger an Leber- und Lungenkrebs als die Kontrollgruppe. In einer dänischen Studie mit fast 60'000 schwangeren Frauen erhöhte der Konsum von Getränken mit künstlichen Süssstoffen das Risiko für eine Frühgeburt – und zwar bereits ab einem Getränk pro Tag. Wer hingegen zuckerhaltige Getränke konsumierte, wies kein erhöhtes Risiko auf.

Diese Studienergebnisse alarmierten Politiker bis in die EU-Spitze. «Obwohl es widersprüchliche wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, hören wir darüber von offizieller Seite nie etwas», ärgerte sich die französische EU-Abgeordnete Corinne Lepage vor zwei Jahren in einem Interview.

Sicherheitsprüfung vorgezogen

Nun hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) eine Sicherheitsbewertung von Aspartam vorgenommen. Gestern hat sie die Resultate veröffentlicht. Darin kommt sie zum Schluss, dass der Konsum von Aspartam nach wie vor unbedenklich sei. Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage mitteilt, schliesst es sich dieser Beurteilung an.

Die Studie wurde wegen ihrer Brisanz früher als geplant durchgeführt: Ursprünglich wäre Aspartam erst 2020 im Detail untersucht worden – entsprechend einer EU-Verordnung, die verlangt, dass alle vor 2009 zugelassenen Zusatzstoffe eine neue umfassende Sicherheitsprüfung durchlaufen müssen. Die EU-Kommission beschloss aber, die Sicherheitsprüfung vorzuziehen.

Kritische Studien unterbewertet

Bei ihrem Urteil, Aspartam zu verzehren sei unbedenklich, bezieht sich die Efsa auf eine Menge von 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Dieser ADI-Wert (Acceptable Daily Intake) entspricht der Menge einer Substanz, die ein Leben lang täglich konsumiert werden kann, ohne dass dabei eine Gesundheitsgefährdung zu erwarten ist. Um den ADI-Wert zu erreichen, müsste eine 75 Kilogramm schwere Person täglich fünf Liter Süssgetränke zu sich nehmen. Dies tun wohl nur wenige. In Europa beträgt die durchschnittliche Aufnahme weniger als ein Viertel davon. Kinder erreichen leicht höhere Werte als Erwachsene – vermutlich wegen der vielen künstlich gesüssten Kinderlebensmittel und ihrem tiefen Körpergewicht.

Sind damit also alle Zweifel vom Tisch? Nein, ganz im Gegenteil. Der neue Bericht dürfte die Aspartam-Kontroverse sogar weiter anheizen. Bereits im Januar, als die Efsa ihren Bericht für ein öffentliches Gutachten präsentierte, geriet sie heftig unter Beschuss.

Einer der Kritiker ist Erik Millstone, Professor für Wissenschaftspolitik an der britischen Universität von Sussex. Millstone hat den Bericht in einem fast 70-seitigen Dossier Studie um Studie zerpflückt. «Die Efsa stützt sich auf viele mangelhaft durchgeführte und falsch rapportierte Industriestudien aus den 70er-Jahren», sagt Millstone. Bereits in der amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA) hätten die Studien zu einem achtjährigen Streit geführt, bevor der Süssstoff 1981 schliesslich zugelassen wurde.

Millstone bemängelt auch, die Studien im Bericht seien unterschiedlich bewertet worden. «Die 27 Untersuchungen, die auf eine Gesundheitsgefährdung durch Aspartam hinweisen, sind überaus kritisch analysiert und schliesslich unisono als ‹nicht relevant› für die Sicherheitsbewertung bezeichnet worden», sagt der Brite. Alle diese Studien seien aus unabhängiger Quelle finanziert worden. Die meisten der 80 anderen Studien, die Aspartam als sicher bewerten, seien äusserst wohlwollend in den Bericht aufgenommen worden – obwohl fast alle von Organisationen mit kommerziellen Interessen finanziert worden seien. «Wären die Studien mit gleichen Ellen gemessen worden, würde das Fazit zu Aspartam vermutlich ganz anders aussehen», ist Millstone überzeugt.

Ein weiterer Kritiker des Efsa-Berichts ist Morando Soffritti, wissenschaftlicher Direktor am Europäischen Ramazzini-Institut in Bologna. Die private Stiftung hat sich auf die Erforschung krebserregender Stoffe spezialisiert. 2005 haben Forscher des Instituts eine unabhängige Langzeitstudie zum Krebspotenzial von Aspartam durchgeführt. In dieser und zwei weiteren Fütterungsstudien an insgesamt über 3000 Mäusen und Ratten entdeckten die Forscher erhöhte Tumorraten in Leber, Lunge, Brust und Blut sowie Lymphome. Dabei führten Dosierungen nahe dem ADI-Wert bereits zu signifikanten Resultaten.

Missbildungen bei Kaninchen

Die Efsa lehnt diese Erkenntnisse ab. Sie wirft dem Institut unter anderem methodische Fehler vor – nicht zum ersten Mal. Soffritti reagiert darauf nur noch mit einem Achselzucken. «Unsere Studienergebnisse könnten in einem unabhängigen Versuch überprüft werden. Doch stattdessen findet nur eine endlose und unproduktive Diskussion statt», schreibt der Krebsforscher an die Adresse der EU-Behörde.

Kritisiert wird der Efsa-Bericht auch im Zusammenhang mit Entwicklungs-studien. Die französische Lebensmittelbehörde (Anses) weist auf Versuche mit schwangeren Kaninchen hin, in denen höhere Dosen Aspartam zu Missbildungen der Föten führten. Für eine ausreichende Sicherheitsmarge empfehlen die Franzosen deshalb, den ADI-Wert auf 10 Milligramm zu senken. Doch die Efsa hält an ihren 40 Milligramm fest.

Ein Alleingang kommt für die französische Behörde zwar nicht infrage. Doch die Anses wies bereits letztes Jahr darauf hin, dass der Konsum von künstlichen Süssstoffen für Schwangere keine Vorteile biete. Als Hintergrund nennt die Anses auch die dänische Studie, die ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten bei Konsumentinnen von künstlichen Süssstoffen feststellte.

Ob die restliche Bevölkerung von künstlichen Süssstoffen profitiert und die Substanzen tatsächlich helfen, den Zucker- und Kalorienkonsum einzudämmen, wird derzeit von der Anses untersucht. Die EU erlaubt keine Auslobung von Produkten mit Süssstoffen in Bezug auf das Körpergewicht. Mit gutem Grund, denn mehrere Studien weisen darauf hin, dass Konsumenten von künstlichen Süssstoffen mehr Gewicht zulegen als jene, welche die Finger davon lassen. Woran dies liegen könnte, darüber kann man derzeit nur spekulieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2013, 12:54 Uhr

Aspartam

200-mal süsser als Zucker
Aspartam (E 951) ist ein künstlich hergestellter Süssstoff. Er wirkt etwa 200-mal süsser als Zucker, weil er anders an die Süss-Rezeptoren auf der Zunge bindet. Der Süssstoff ist in der Schweiz seit 1984 zugelassen und weltweit in Tausenden Produkten enthalten – vom Softdrink über Kaugummis bis zum Medikament.

Da Aspartam nur in geringen Mengen zugesetzt wird, liefert es kaum Kalorien. Aspartam wird im Darm in die Eiweissbausteine Phenylalanin und Asparaginsäure sowie in Methanol zerlegt, bevor es vom Körper aufgenommen wird. Alle drei Substanzen kommen auch natürlicherweise in Lebensmitteln vor.

Aspartam-Kritiker sorgen sich vor allem um Phenylalanin und Methanol. Phenylalanin kann in hohen Dosen zu Entwicklungsstörungen führen. Auch für Personen mit genetischer Veranlagung (Phenylketonurie) ist Phenylalanin gefährlich, weshalb Lebensmittel entsprechend gekennzeichnet sein müssen. Methanol ist in grösseren Mengen toxisch und kann im Körper in Formaldehyd umgewandelt werden, das ebenfalls giftig wirkt.
(vbü)

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