Bundesrat warnt Bevölkerung vor Umgang mit Antibiotika

An den Folgen resistenter Bakterien sterben in der Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Menschen. Ein Faktenblatt soll Patientinnen und Patienten besser aufklären.

Bundesrätlicher Appell: Antibiotika sollen nur dann eingesetzt werden, wenn es sie auch wirklich braucht. (Bild: admin.ch)

Bundesrätlicher Appell: Antibiotika sollen nur dann eingesetzt werden, wenn es sie auch wirklich braucht. (Bild: admin.ch)

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Allein in der Schweiz sterben jedes Jahr hunderte Menschen an Infektionen, die durch antibiotikaresistente Bakterien ausgelöst wurden. Der Bund bemüht sich, die tödliche Bedrohung einzudämmen. Er kämpft einen Kampf gegen Windmühlen.

Die Ärzte, die die Medikamente verschreiben, wollen sich vom Bund bei der Behandlung nicht reinreden lassen. Die Patienten verstehen nicht, warum ihre Grippe nicht mit Antibiotika kuriert wird. Und die Bauern, deren Ställe Brutstätten resistenter Keime sind, ändern ihre Produktionsweise auch nicht über Nacht.

Trotz der akuten Bedrohung verzichtet der Bund aber auf verbindliche Vorschriften und setzt auf freiwillige Massnahmen. Und so geht es nur in kleinen Schritten voran. An einer Veranstaltung zwei Jahre nach Lancierung der Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) war am Freitag viel von «Leitlinien» und «Sensibilisierung» die Rede.

Viele Irrtümer

Eine Gelegenheit dafür bietet die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerufene «Antibiotika Awareness Woche», die am Montag beginnt. Fachleute diskutieren an Symposien über die Fortschritte, Interessierte können an Rundgängen und Führungen teilnehmen, zum Beispiel in der ARA Neugut in Dübendorf.

Ein Faktenblatt, das in Arztpraxen und Apotheken aufliegt, soll die Wissenslücken von Patientinnen und Patienten schliessen. Vor allem bei Jungen sind Irrtümer und Missverständnisse über Antibiotika weit verbreitet, wie eine Umfrage ergeben hat.

Der Flyer erinnert zum Beispiel daran, dass der Körper viele Krankheiten selber abwehren kann und dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen. Die Patientinnen und Patienten werden aufgefordert, die Medikamente genau nach den Vorschriften des Arztes einzunehmen und die Behandlung nicht vorzeitig abzusetzen.

Umdenken in den Ställen

Die Ärzteschaft ist ebenfalls in der Pflicht. Derzeit erarbeiten die medizinischen Fachgesellschaften Verschreibungsrichtlinien, die ab 2018 gelten sollen. Falsch abgegebene Medikamente können ebenso zu Resistenzen führen wie falsch angewendete.

StAR hat auch die Bauern im Visier, denn die industrielle Tierhaltung ist eine Brutstätte für antibiotikaresistente Bakterien. In der Enge der Ställe, wo Tiere manchmal flächendeckend mit Antibiotika behandelt werden, entstehen für Menschen tödliche Erreger wie MRSA. Bei Mastpoulets sind kaum weniger gefährliche resistente Campylobacter-Bakterien verbreitet.

In der Landwirtschaft hat das Umdenken längst stattgefunden, der Antibiotikaeinsatz geht seit Jahren stetig zurück. Transparenz über den Verbrauch unter Schweinezüchtern, ein Kälbergesundheitsdienst oder komplementärmedizinische Angebote sollen den Verbrauch weiter drücken.

Wirksame Vorschriften

Einen messbaren Fortschritt hat StAR bei den so genannten kritischen Antibiotika gebracht, zu welchen es keine Alternativen gibt. Allein im letzten Jahr ist der Verbrauch um 25 Prozent zurückgegangen. Es handelt sich um einen der wenigen Bereiche, in welchen der Bundesrat verbindliche Vorschriften erlassen hat: Kritische Antibiotika müssen vom Tierarzt von Fall zu Fall verschrieben werden. Vorher konnten die Bauern solche Medikamente auf Vorrat kaufen.

Handfest ist auch das vom Parlament beschlossene Informationssystem Antibiotikaverbrauch. Die Datenbank wird derzeit programmiert und ist ab 2019 operativ. Ziel ist es, den Einsatz von Antibiotika und die Resistenzen in der Tiermedizin genau überwachen zu können. Technische Massnahmen sind auch bei den Abwasserreinigungsanlagen im Gang. Die meisten werden mit zusätzlichen Reinigungsstufen ausgerüstet, um Antibiotika aus dem Abwasser entfernen zu können.

Trendwende nicht geschafft

In den anderen Bereichen sind die Resultate im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen weniger greifbar. «Es gibt keinen eindeutigen Trend», sagte StAR-Projektleiterin Karin Wäfler vor den Medien. MRSA-Infektionen nehmen zwar ab, was vor allem auf Fortschritte bei der Spitalhygiene zurückzuführen ist. Resistenzen bei Darmbakterien nehmen jedoch zu. Das ist besonders bedenklich, weil diese ihre Resistenz auf andere Erreger übertragen können.

An den folgen resistenter Bakterien sterben in der Schweiz jedes Jahr mehrere hundert Menschen. Die EU schätzt die Zahl der Toten auf 25'000 pro Jahr, weltweit sind es laut WHO 700'000. Für die Organisation handelt es sich denn auch um eine «globale Gesundheitskrise». (nag/sda)

Erstellt: 10.11.2017, 19:59 Uhr

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