«Crispr gehört nun der Welt»

Emmanuelle Charpentier hat das Werkzeug mitentwickelt, das die Gentechnik revolutioniert hat. Sie sieht die Gefahren der neuen Technologie – die Verantwortung liege aber nicht mehr bei ihr.

«Es ist nicht mein Job, Politikern zu sagen, was sie zu tun haben»: Emmanuelle Charpentier. Foto: Bianca Fioretti (Wikimedia)

«Es ist nicht mein Job, Politikern zu sagen, was sie zu tun haben»: Emmanuelle Charpentier. Foto: Bianca Fioretti (Wikimedia)

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Die Französin Emmanuelle Charpentier (48) war massgeblich an der Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 beteiligt. Mit dieser Technik können Forscher präzise einzelne Gene eines Lebewesens verändern – und das viel einfacher und günstiger als bisher. In unglaublich kurzer Zeit hat diese Technik weltweit die Arbeit in molekularbiologischen Laboren stark verändert. Für ihr Wirken hat Charpentier schon fast jeden Wissen­schaftspreis gewonnen, den es gibt – der Nobelpreis dürfte noch folgen.

In seinem neuen Roman «Elefant» beschreibt Martin Suter eine Welt, in der die Gentechnik einen ­rosafarbenen Mini-Elefanten ­hervorgebracht hat, der im Dunkeln leuchtet. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von solchen Utopien hören?
Das gehört ins Reich der Fantasie, die Menschen haben solche Vorstellungen ja schon lange. Ein pinkfarbener ­Elefant, das wird so bald nicht passieren. Aber es zeigt, dass die Menschen verstanden haben, dass Crispr eine machtvolle Technik ist. Die Genschere ist ein ­Instrument, um Forschern die Arbeit zu erleichtern. Man kann schon seit Jahrzehnten an der DNA arbeiten und sie verändern. Crispr ist bloss einfacher und effizienter und deshalb auch demokratischer. Weil mehr Forscher es benutzen können.

Fast wöchentlich wird eine neue Anwendung von Crispr bekannt. Wozu sollte die Genschere Ihrer Meinung nach benutzt werden – und wo ist die Grenze?
Crispr ist dazu da, Menschen zu helfen, vor allem um Krankheiten zu heilen. Das könnte schon bald gelingen bei Erkrankungen, die auf einen einzelnen Gen­defekt zurückzuführen sind. Aber das ist sehr anspruchsvoll. Ich bin jedoch strikt dagegen, den Menschen mit seinen heutigen Eigenschaften irgendwie zu optimieren. Diese Fantasie gibt es ja. Wenn man das wirklich versucht, dann müsste man nämlich gleichzeitig sehr viele Gene verändern. Das ist ungemein komplex, dafür fehlt das nötige Wissen. Dazu kommt eine ethische Frage: Es bräuchte auch einen sehr guten Grund, um diese Grenze zu übertreten. Einen solchen Grund sehe ich im Moment nicht.

Wie können Sie verhindern, dass jemand mit der Genschere in die menschliche Keimbahn eingreift und so das Erbgut des Menschen dauerhaft verändert?
Man kann da nie sicher sein. Es ist ein Dilemma: Sind die Regeln für die Anwendung von Crispr zu locker, könnten etablierte wissenschaftsethische Standards verletzt werden. Wenn man aber zu restriktiv herangeht, könnte das Grundlagenforscher in ihrer Arbeit beeinträchtigen. Beides wäre nicht gut.

Sie haben Crispr massgeblich ­mitentwickelt. Wenn jemand damit etwas macht, was Sie zutiefst ­ablehnen, würden Sie sich dafür mitverantwortlich fühlen?
Ich war daran beteiligt, den Mechanismus der Genschere zu begreifen. Man hat dann rasch erkannt, welches Potenzial dahintersteht, wie nützlich sie sein kann. Als Grundlagenforscherin mache ich meine Arbeit um der Erkenntnis willen, ich will die Dinge verstehen. Crispr gehört aber nicht länger mir, es gehört nun der Welt.

Infografik: Crispr/Cas9 - eine Schere fürs ErbgutZum Vergrössern klicken.

Was auch passiert, Sie sind raus?
Viele Wissenschaftler bekommen diese Technik für ihre Forschung kostenlos zur Verfügung gestellt. Crispr gehört jetzt den Biologen, darum liegt die Verantwortung für das, was damit gemacht wird, bei der Forschergemeinde. Ausserdem sind ja längst Politiker und Ethiker daran, Regeln für den Einsatz dieser Technik aufzustellen. Auch sie tragen ihren Teil dazu bei, die Forschungsergebnisse in eine moralisch gewünschte Richtung zu lenken.

Wie kann man verhindern, das Crispr zu unethischen Zwecken benutzt wird?
Ich würde mir wünschen, dass wir uns weltweit darauf verständigen, wo die Grenzen sein sollen. Klar ist, dass immer Grundlagenforschung möglich sein muss. Aber wenn es um die praktische Anwendung geht, muss man sehr genau festlegen, wo der Punkt ist, an dem es heisst: bis hierhin und nicht weiter. Diesen Konsens müssen wir finden – und alle sich daran halten.

«Meine Professoren sagten mir: Was immer du im Labor tust, erschaffe keinen multiresistenten Keim, der Menschen tötet.»Emmanuelle Charpentier

Wann kamen Sie als ­Grundlagenforscherin das erste Mal mit ethischen Fragen in Berührung?
Das war sehr früh, gleich am ersten Tag meines Masterstudiums am Pasteur-Institut in Paris. Ich arbeitete daran, ein Bakterium im Labor zu isolieren. Dieser Erreger ruft beim Menschen schwere Erkrankungen hervor, und die Probe, mit der ich damals arbeitete, war resistent gegenüber allen Antibiotika. Der Keim hatte zuvor bei einem 85-Jährigen eine Entzündung im Gehirn ausgelöst. Er starb daran. Meine Professoren sagten mir: Was immer du im Labor tust, erschaffe keinen multiresistenten Keim, der Menschen tötet. Von da an war mir klar, man muss immer vorsichtig sein.

Es gibt einen Unterschied zwischen den Sicherheitsvorschriften im Labor und der Frage, was eine ­bahnbrechende Technik wie Crispr möglich macht.
Uns war schnell bewusst, dass Crispr die Genetik enorm voranbringen könnte. Aber eben nur, weil die Genschere effizienter ist als Vorgängertechnologien. Die Hoffnungen und die Ängste der Menschen, die mit einer künstlichen Veränderung des Genoms verbunden sind, sind seit Jahrzehnten dieselben. Da ist die Hoffnung, dass man Menschen mit schweren Erbkrankheiten eines Tages heilen kann, dass man mit optimierten Pflanzen etwas gegen den Hunger in der Welt unternimmt oder mit Bio-Kraftstoffen Energieprobleme löst. Das alles gab es vor Crispr auch schon.

Während die Forschung immer schneller vorankommt, brauchen gesellschaftliche Debatten Zeit. Ist das ein Problem?
Ich wünschte mir, dass die Anstrengungen etwas besser koordiniert wären. Denn die Folgen der unzähligen Anwendungen von Crispr sind nicht auf die jeweiligen Länder begrenzt, sie sind weltweit. Es sollte überall Konsens sein, dass Wissenschaftler die Integrität des Menschen schützen, das wäre eine gute globale Ethik. Gleichzeitig brauchen Wissenschaftler aber auch Arbeitsbedingungen, die ihnen Fortschritte in der Grundlagenforschung ermöglichen.

«Am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass es mit fast jeder Technik möglich ist, anderen Menschen Schaden zuzufügen.»Emmanuelle Charpentier

Wenn sich gesellschaftliche ­Debatten nicht beschleunigen lassen – wäre es dann nicht an der ­Wissenschaft zu sagen, wir treten jetzt mal etwas auf die Bremse?
Man muss da zwei Dinge unterscheiden. In der Grundlagenforschung gibt es ja schon umfangreiche Regelwerke, etwa Sicherheitsvorschriften und Dokumentationspflichten für Labore. Da sehe ich kein besonders drängendes ethisches Problem, denn es geht letztlich darum, die Biologie besser zu verstehen. Die Anwendung dieser Erkenntnisse ist etwas anderes. Da kommt es auf das Ziel der Forschung an, ob sie ethisch vertretbar ist oder nicht. Es heisst jetzt zum Beispiel: Oh, Studenten spielen auf eigene Faust mit Crispr herum. Das mag ja sein. Aber Studenten hätten auch immer schon auf eigene Faust mit Chemikalien experimentieren können: Hey, das ist cool – et voilà, Explosion! Am Ende läuft es doch darauf hinaus, dass es mit fast jeder Technik möglich ist, anderen Menschen Schaden zuzufügen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Politikern dabei helfen wollen, gute Entscheidungen für die Regulierung der Wissenschaft zu treffen. Hören die Ihnen zu?
Es ist nicht mein Job, Politikern zu sagen, was Sie zu tun haben. Aber ­natürlich fühle ich mich dafür zuständig, ihnen diese neue Technologie und mögliche Anwendungen zu erklären. In Frankreich hat das Parlament eine Art Thinktank eingerichtet, eine ­parlamentarische Arbeitsgruppe, die weltweit Experten zum Genome Editing befragt. Ich finde das ein gutes Konzept, um die Möglichkeiten dieser Technologie zu erörtern.

Europa debattiert, ob ­Pflanzensorten, die mit Crispr entwickelt wurden, Gentechnik sind und daher nicht angebaut werden sollten. Sind solche Entscheidungen nur eine Frage von Information?
Nein. Aber Politiker müssen mit Wissenschaftlern aus der Pflanzenforschung sprechen, denn im Mittelpunkt sollten Informationen darüber stehen, wie diese Technik funktioniert und was man damit tun kann. Natürlich muss man auch überlegen, welche Ackerpflanzen sinnvoll wären mit Blick auf den Klimawandel oder Regionen, in denen die Bevölkerung extrem wächst. Die Forscher wiederum sollten Crispr als eine Chance begreifen, sich über eine neue Definition von genetisch veränderten Pflanzen Gedanken zu machen.

Viele sagen ja, es gehe in der ­Debatte lediglich darum, ­Überzeugungsarbeit im Sinne von Konzernen wie Monsanto zu leisten.
Ich bin mir nicht sicher, ob die grossen Konzerne überhaupt all das abdecken werden und alle Entwicklungen anstossen, die einen Bauern heute interessieren. Ein Biobauer möchte ökologisch sinnvolle Pflanzen anbauen, und er kann gemeinsam mit einem Pflanzenzüchter Crispr benutzen, um das zu tun und zugleich höhere Erträge zu erzielen. Es geht hier also nicht um Monsanto. Aber vielleicht ist die Angst zu gross, dass mithilfe der Gentechnik nur wenige Blockbuster-Pflanzen gezüchtet werden, die alle anderen verdrängen. Man darf auch nicht vergessen, dass man in der konventionellen Pflanzenzüchtung viel weniger vorhersehen kann, was mit den Genen passiert. Man kreuzt die Pflanzen, und das Erbgut wird durcheinandergewirbelt. Bei Crispr können die Züchter und Bauern selbst bestimmen, was sie brauchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 20:29 Uhr

Emmanuelle Charpentier

Entdeckerin der Genschere

Die 48-jährige Biochemikerin und Genetikerin Emmanuelle Charpentier gilt als Shootingstar der Biologie. Zusammen mit der US-Amerikanerin Jennifer Doudna (UC Berkeley) entdeckte die Französin 2012, damals an der Universität Umeå in Schweden, das Potenzial der Genschere Crispr/Cas9 für die Grundlagen- und angewandte Genforschung. Seit Anfang Oktober 2015 forscht Charpentier als Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. (TA)

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