«Unschuldig in den Konflikt geraten»

Eine Vertrauensperson des entlassenen A. S. äussert sich über die verworrene Situation der Herzchirurgie am Kispi Zürich.

Eine Klinik, die zur Spitzenklasse gehören will, muss sich auch an den schwierigen Fällen messen lassen: Eingriff an einem Kinderherzen. Foto: Keystone

Eine Klinik, die zur Spitzenklasse gehören will, muss sich auch an den schwierigen Fällen messen lassen: Eingriff an einem Kinderherzen. Foto: Keystone

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Der Kinderkardiologe und Intensivmediziner Christoph Fink hat vor zehn Jahren mit dem vom Kinderspital Zürich entlassenen Herzchirurgen A. S. am deutschen Kinderherzzentrum St. Augustin bei Bonn zusammengearbeitet. Dort und später am Universitätskinderspital Tübingen leitete Fink die kardiologische Intensivstation. Heute leitet er die Kardiochirurgische Intensivstation am Al Jalila Children’s Specialty Hospital in Dubai. Die Situation am Kinderspital Zürich kennt der Vorarlberger nur von aussen, unter anderem über Mitarbeiter, die früher auf der kardiologischen Intensivstation am Kispi tätig waren. Als Vertrauensperson von A. S. war Fink vor zwei Wochen an einem Gespräch zwischen dem entlassenen Herzchirurgen und der Spitalleitung dabei.

Herr Fink, wie schätzen Sie die Vorgänge ein, die zur Kündigung von A. S. führten?
Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein normaler arbeitsrechtlicher Konflikt. Wenn man aber dahinterschaut, kann man die Entlassung von A. S. auch als eine direkte Folge der Freistellung von Michael Hübler, dem Leiter der Kinderherzchirurgie, verstehen. A. S. hat sich nach meinem Kenntnisstand nicht ungebührlich aufgeführt, sondern ist unschuldig und ungerechtfertigt mitten in einen Konflikt zwischen der Intensivstation und der Herzchirurgie geraten. Offenbar konnte Herr Hübler diesen Konflikt nicht lösen, und so ist mit ihm dann gleich auch noch A. S. entfernt worden. Aber ich kenne die Umstände nicht im Detail.

Wie gut kennen Sie Michael Hübler?
Ich kenne ihn, er kennt mich, vor 25 Jahren hatten wir mal zusammengearbeitet. Herr Hübler hat mich vor etwa einem Jahr angefragt, ob ich Interesse hätte, eine Rolle auf der herzchirurgischen Intensivstation zu spielen, wenn sich die Strukturen am Kispi verändern liessen.

Daraus ist nichts geworden?
Ich glaube, er hat versucht, or­ganisatorisch ein echtes Kinderherzzentrum zu etablieren, wo Kardiologie, Herzchirurgie und Kardio-Intensivstation eine eigene Einheit bilden, so wie es in allen erfolgreichen Kinderherzzentren funktioniert. Dafür müsste man die Herz-Intensivstation aus dem Verband der Kinder-Intensivstationen herauslösen. Am Kispi ist es ja offensichtlich so, dass die Neonatologie-Intensivstation, die allgemein pädiatrische Intensivstation und die kardiologische Intensiv­station eine Einheit bilden.

Warum braucht es ein spezialisiertes Herzzentrum?
Die grossen Herzzentren in Deutschland haben gar keine Allgemeinpatienten, sondern nur Herzpatienten. Das gilt auch für die Kinderherzzentren in St. Augustin, Berlin, München, Bad Oeynhausen oder Leipzig. Das sind alles Einheiten, wo es keine anderen Operationen oder andere Intensivpatienten gibt ausser Herzpatienten. Das hat sich praktisch überall bewährt. Zudem sind die Kinderherz-Intensivstationen in den meisten erfolgreichen Unikliniken unter dem Dach der Kinderkardiologie, in Tübingen ist es so, in Hannover, Kiel, Giessen und Göttingen. Und der Abteilungsleiter ist immer ein Kinderkardiologe.

Am Kispi funktioniert das anders?
Letztlich arbeiten immer Menschen zusammen. Man kann kein Organigramm machen, das immer funktioniert. Aber so eine klare Trennung von Herzchirurgie und herzchirurgischer Intensivstation, das habe ich noch nie erlebt. Das kann nicht klappen! Der Grund, warum das Kind auf die Intensivstation kommt, ist, dass ihm der Herzchirurg den Brustkorb aufschneidet, ihm das Herz still legt und danach wieder zum Schlagen bringt. Er hat dadurch ein extrem hohes Interesse, dass die Behandlung gut wird. Und er hat auch die stärkste emotionale Bindung zu einem operierten Kind. Wenn ein Kind stirbt, ist es das Kind, das er operiert hat und dessen Eltern er beraten hat, der Operation zuzustimmen.

Todesfälle und Komplikationen bleiben immer am Herzchirurgen hängen?
Ja, denn die Zahlen sind nur seine Zahlen. Es gibt keine Mortalitätszahlen für die Herz-Intensivstation, nur für die Herzchirurgie. Bei vielen Operationen hängt der Erfolg stark vom Herzchirurgen ab. Bei schweren Herzfehlern aber, wie dem hypoplastischen Linksherzsyndrom, bei dem die Kinder mit nur einer Herzkammer geboren werden, macht die Intensivstation etwa 40 Prozent des Erfolgs aus.

Warum?
Natürlich, wenn ein Chirurg schlechte Arbeit abliefert, kann auch die beste Intensivstation nichts mehr ausrichten. Aber beim hypoplastischen Linksherzsyndrom kann das Kind auch nach bester Chirurgie auf der Intensivstation sterben, wenn man dort Fehler macht. Eine Klinik, die sich selbst als Spitzenklasse bezeichnet, muss sich eben auch an den schwierigen Fällen messen lassen – zum Beispiel am hypoplastischen Linksherzsyndrom.

Offenbar war am Kispi die Zusammenarbeit zwischen Herzchirurgie und Intensiv­station problematisch. Und dann wurde Michael Hübler freigestellt.
Von aussen betrachtet sieht es so aus, dass das Management des Kinderspitals versteckten Anschuldigungen geglaubt hat, die, wie ich vermute, von Mitarbeitern der Herzchirurgie und der Intensivstation stammen.

Das sind happige Vorwürfe. Haben Sie Belege dafür?
Nein, das habe ich natürlich nicht. Ich stütze mich dabei auf den ganzen Verlauf. Irgendjemand muss zur Kispi-Leitung gegangen sein und gesagt haben, die Zahlen seien miserabel und dass Herr Hübler die Ursache allen Übels sei. Das war sicher nicht er selbst. Er war ja angeblich vom Blitz getroffen, als ihm die Freistellung mitgeteilt wurde. Das Kispi sagt zwar, sie hätten keine aktuellen Mortalitätszahlen, sie nehmen aber anscheinend die Ergebnisse zum Anlass, Herrn Hübler fristlos freizustellen, und dies, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, sich zu rechtfertigen.

Was lief falsch aus Ihrer Sicht?
Die Spitalleitung müsste in einem solchen Fall doch sagen: Wir laden Herrn Hübler zum Gespräch und fragen ihn nach seiner Sicht der Dinge. So ein Gespräch hat aber nach meinem Kenntnisstand gar nicht stattgefunden. Herr Hübler hat keinen Hinweis darauf gehabt, dass ihn jemand absägen will.

Könnte es auch sein, dass Herr Hübler gar nicht wegen der Zahlen, sondern wegen etwas anderem freigestellt wurde?
Das ginge nur wegen unlauterer Aktivitäten. Das schliesse ich, wie ich Herrn Hübler kenne, aus.

Könnte eine gewisse Führungsschwäche von Michael Hübler ein Grund sein?
Ein Herzchirurg ist primär da, um zu operieren. Und wenn er da gute Leistungen bringt, dann hat er seine Aufgabe zu 90 Prozent erfüllt. Herr Hübler hatte ja offenbar bis letztes Jahr versucht, eine neue Struktur aufzubauen, um die Streitereien mit der Intensivstation zu beenden. Letztlich hatte er keinen Erfolg und hat die Zustände akzeptiert. Herr Hübler ist als exzellenter Kinderherzchirurg bekannt und ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Fertigkeit auf der Fahrt von Berlin nach Zürich verloren hat. Persönlich ist er ein ruhiger Typ, der mehr den Kompromiss als den Konflikt sucht. Das ist ihm nun zum Verhängnis geworden, weil seine Gegner viel weniger zimperlich waren. Er ist gefeuert, seine Widersacher sind alle noch im Amt, und das Kinderspital hat einen Scherbenhaufen.

Was würden Sie dem Kispi in dieser Situation anraten?
Erfolgreiche Kinderherzchirurgie kann man nur betreiben mit einer engen Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und Intensivstation, von beiden Seiten. Natürlich lässt sich das einfacher realisieren, wenn man sagt, das ist eine Einheit. Da darf es keine roten Linien geben, da darf es nicht heissen: «Bis da bist du zuständig, ab der Türschwelle bin ich es, und ich kann machen, was ich will.» Es geht immer nur mit gemeinsamen Entscheidungen, unabhängig davon, wie letztlich das Organigramm aussieht. Überall dort, wo die Kinderherzchirurgie erfolgreich ist, gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Kinderherzchirurgen, dem Kinderkardiologen und dem Kinderkardio-Intensivmediziner. Das hat sich so bewährt.

Das Kispi muss nun eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger von Herrn Hübler suchen. Die Vorgänge dürften aber geeignete und fähige Bewerber eher abschrecken, oder?
Ich denke, momentan müsste jemand ziemlich verzweifelt sein, um eine gute Position aufzugeben und nach Zürich zu gehen. Gerade wenn man jetzt weiss, wie schnell man in der Schweiz abgesetzt werden kann. Herr Hübler wäre sicher nicht gekommen, wenn er das gewusst hätte. Aber es gibt immer Leute, die aus irgendwelchen Gründen ihre Stelle aufgeben wollen und dann frei sind auch für solche Positionen. Aber meistens sind das nicht die Besten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.06.2019, 18:06 Uhr

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Was bisher geschah

Im November 2018 kam es zum Eklat am Kinderspital Zürich. Michael Hübler, der Leiter der Kinderherzchirurgie, wurde damals per sofort freigestellt. Über die Gründe des Abgangs wurde Stillschweigen vereinbart. Bis heute haben sich beide Parteien strikt daran gehalten. Michael Hüblers Vertrag läuft aber noch bis Mitte 2020, und er hält nach wie vor die Professur für Kinderherzchirurgie an der Universität Zürich. Nur einen Monat nach Hüblers Freistellung wollte der Herzchirurg A. S. nach einer neunmonatigen Krankschreibung wegen einer Bandscheibenoperation mit Komplikationen an seine Assistenzstelle zurückkehren. Doch am Tag der Rückkehr erhielt er ebenfalls die Kündigung und wurde per sofort freigestellt. Gegen die Begründung der Kündigung – u. a. «ungenügendes Leistungsverhalten» und «fehlender Respekt» – wehrt sich A. S. bis heute. Seit zwei Monaten befindet er sich im Hungerstreik. (nw)

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