Das Phantom der Medizin

Die altägyptische Ärztin Merit Ptah galt lange Jahre als Ikone der Frauenbewegung. Doch sie existierte gar nie.

Bilder, die angeblich Merit Ptah zeigen, gibt es viele – zum Beispiel diese Statue einer Frau namens Merit von circa 1300 v. Chr. Foto: Alamy Stock Photo

Bilder, die angeblich Merit Ptah zeigen, gibt es viele – zum Beispiel diese Statue einer Frau namens Merit von circa 1300 v. Chr. Foto: Alamy Stock Photo

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Es gibt sie als T-Shirt-Motiv, wo sie ein bisschen an Cleopatra aus den «Asterix»-Comics erinnert. Ein Krater auf dem Planeten Venus ist nach ihr benannt. Sie ist auf Decken und Souvenirs verewigt. Sie gilt als Vorbild für Frauen in der Wissenschaft, insbesondere in der Medizin. Als erste Chefärztin wird sie verehrt, zudem als weise Heilerin und Kräuterkundige aus dem alten Ägypten. Einige ihrer Fans sind sich sicher, dass sie dunkelhäutig gewesen sein muss.

Merit Ptah, von der hier die Rede ist, müsste sich angesichts dieser Verehrung und Mutmassungen längst im Sarkophag umdrehen – was 4500 Jahre nach ihrem vermuteten Ableben nicht leicht ist, im konkreten Fall aber noch aus anderen Gründen unmöglich: Die von Legenden umrankte Ärztin hat es nie gegeben. Sie ist eine Erfindung aus den 1930er-Jahren.

Der Medizinhistoriker Jakub Kwiecinski von der amerikanischen Johns Hopkins University in Baltimore zeichnet im «Journal of the History of Medicine and Allied Sciences» nach, wie sich aus einem Irrtum und nachlässiger historischer Recherche eine Figur entwickelte, die zur Ikone der Frauenbewegung aufsteigen konnte. Jahrzehntelang galt sie als Vorbild für jene Frauen, die es in der Männerdomäne Medizin zu etwas bringen wollen. «Überall stiess ich auf Merit Ptah – dann habe ich wie ein Detektiv ihre Spuren zurückverfolgt», sagt Kwiecinski. «Sie tauchte auf, wenn von Frauen in den Naturwissenschaften die Rede war, in Sachbüchern und sogar in Computerspielen.»

War es eine Verwechslung?

Trotz dieser Erwähnungen in der Populärkultur gab es aber keine Beweise, dass sie wirklich existiert hat. Schon bald wurde Kwiecinski klar, dass aus dem alten Ägypten keinerlei Belege für eine Ärztin mit dem Namen Merit Ptah überliefert sind. Die Legendenbildung nahm demnach in den frühen 1930er-Jahren ihren Lauf, als die Ärztin, Medizinhistorikerin und Aktivistin Kate Campbell Hurd-Mead den Plan fasste, ein Buch über Frauen in der Medizin zu schreiben.

Es sollte alle Länder und Zeiten umfassen. Das Werk erschien 1938, und darin berichtet die Autorin von der Öffnung eines Grabes im Tal der Könige, bei dem «das Bild einer Ärztin namens Merit Ptah» zu sehen war, angeblich die Mutter eines Hohepriesters, «von dem sie als Chefärztin bezeichnet» wurde.

Es gab zwar eine Frau mit diesem Namen im Alten Reich, allerdings gibt es keinerlei ­Quellen, die ihre therapeutischen Tätigkeiten oder Fähigkeiten belegen – auch nicht, dass sie in anderer Form als Ärztin oder Heilerin tätig war; zumal in der medizinischen Hierarchie des alten Ägypten wohl kaum Chef-, Fach- und Oberärzte bekannt waren. Nicht mal als «Legende» oder «kontroverser Fall» taucht Merit Ptah in den einschlägigen Listen der Historiker auf. Zudem gibt es im Tal der Könige gar keine Gräber aus dem Alten Reich, die auf die Zeit von etwa 2700 bis 2200 vor Christus datiert werden.

Womöglich hat Hurd-Mead ihre Figur der Merit Ptah mit einer Dame namens Peseschet verwechselt, die ungefähr zur selben Zeit gelebt haben soll und deren Grab 1929 entdeckt wurde; allerdings ungefähr 700 Kilometer weiter nördlich, nahe Gizeh.

Die Geschichte verbreitete sich besonders unter Hobby-Historikern und Aktivistinnen. Das trug zu ihrer Popularität bei.

Je nach Übersetzung wurde Peseschet als «Aufseherin» oder «Vorsteherin» der Heilerinnen bezeichnet. Die Ausgrabung dieser Frauenfigur wurde damals in mehreren Büchern beschrieben, von denen sich einige auch in Hurd-Meads Privatbibliothek befanden. «Leider hat Hurd-Mead dann in ihrem eigenen Buch den Namen der tatsächlichen Heilerin verwechselt, genauso wie ihre Lebensdaten und den Ort ihrer Grabstätte», sagt Kwiecinski. «Aus diesem groben Missverständnis wurde dann die erste Ärztin überhaupt – und damit Merit Ptah geboren.»

Zur weiteren Verbreitung und Popularisierung der Heilerin ­trugen mehrere Umstände bei. Einerseits galt und gilt das alte Ägypten als geradezu märchenhaftes Land, «jenseits von Zeit und Raum», wie Kwiecinski es nennt, was sich perfekt für eine Legendenbildung eignet. Andererseits verbreitete sich die Geschichte unter ­Hobby-Historikern und Aktivistinnen.

Bald schon galt sie als erster historischer Beleg für den Kampf um Gleichberechtigung. Nicht der Fehler und die Verwechslung an sich seien bemerkenswert, sagt ­Kwiecinski, sondern die ­Entschlossenheit, in der erfundenen Figur einen Beleg für die vergessene Geschichte von Ärztinnen zu sehen – und dafür, dass die Medizin niemals exklusiv männlich gewesen sein kann.

Wahrheit nicht so wichtig

«Völlig überraschend finde ich das nicht», sagt der Medizinhistoriker Volker Roelcke von der Uni Giessen. «Merit Ptah ist wohl eine besonders markante Variante eines verbreiteten Phänomens, nämlich dass Menschen als Indi­viduen und als Gruppen das Bedürfnis haben, ihre Überzeugungen und ihr Selbstbild plausibel und glaubhaft zu machen, indem sie ihnen eine möglichst lange Vorgeschichte geben, die sich idealerweise mit einer prominenten Person verbinden lässt.»

Der Historiker Eric ­Hobsbawm hat für dieses Phänomen in den 1980er-Jahren die Formel von der «invention of tradition» geprägt, der Erfindung einer Tradition. Eine ehrwürdige Vorgeschichte adelt den Einzelnen oder die Gemeinschaft; kaum jemand möchte seine Ahnenfolge auf eine Dynastie von Strauchdieben und Halunken zurückgeführt wissen.

Schon früh in der Medizingeschichte – und bis heute – berufen sich Ärzte und Medizinfunktionäre auf den Hippokratischen Eid. Um dessen Namensgeber ranken sich diverse Geschichten, historisch gesichert ist wenig. Die Legende stammt wohl am ehesten aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, obwohl der historische Hippokrates vermutlich schon im vierten oder fünften vorchristlichen Jahrhundert gelebt hat. «Das angeblich überzeitliche ärztliche Ethos wird einer historiografisch ziemlich nebulösen Figur zugeschrieben», sagt Roelcke.

Tatsächlich ist das gesamte Corpus Hippocraticum mit seinen etwa 70 Schriften jedoch eine erst Jahrhunderte später entstandene Sammlung, die rückblickend einem Autor zugeschrieben wurde – obwohl keine einzige der Schriften eindeutig Hippokrates zuzuordnen ist, wie Medizinhistoriker wissen.

Historiker können solche retrospektiven Erfindungen oder Verfälschungen kaum aufhalten.

Vergleichbare Mythen gibt es in der Medizin noch mehr. So werden der Universalgelehrten Hildegard von Bingen aus dem Mittelalter etliche Überzeugungen oder Praktiken zugeschrieben, mit denen sie bei genauer historischer Analyse nichts zu tun hatte. Ähnliches gilt für Paracelsus, der von Anhängern ­«alternativer» Heilverfahren als Urvater diverser Therapien vereinnahmt wird. Der Medizinhistoriker Thomas Schlich von der kanadischen McGill University hat gezeigt, wie die Idee zur Organverpflanzung eine mehr als tausendjährige Geschichte angedichtet bekam, indem als Beweis dafür die Legende der Heiligen Kosmas und Damian angeführt wurde, die angeblich ein verfaultes weisses Bein durch ein schwarzes ersetzten.

Die Vereinnahmung der erfundenen Merit Ptah zeigt den Wunsch nach frühen Beweisen dafür, dass Frauen hervorragende Ärztinnen sein können und schon im alten Ägypten Führungspositionen innehatten. Mit einer Art Stammbaum belegt Kwiecinski, wie sich besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren rund um den Globus vermehrt Hinweise auf die alte Ägypterin häuften. Bald tauchte sie in diversen Büchern im Index berühmter Frauen auf, was 1994 zu der Benennung des Venus-Kraters durch die Internationale Astronomische Union führte. Mit dem Wikipedia-Eintrag 2006 bekam die Verbreitung der Legende einen weiteren Schub. «Die Figur der Merit Ptah ist ja offenbar nicht völlig frei erfunden, sondern knüpft an historische Wissensfragmente wie die Existenz von Peseschet an», sagt ­Medizinhistoriker Roelcke.

Historiker können solche retrospektiven Erfindungen oder Verfälschungen kaum aufhalten. Das Beispiel von Merit Ptah zeige anschaulich, so Roelcke, den Reiz der historischen Vereinnahmung. Der Wunsch nach Vorbildern sei nur allzu menschlich.

Erstellt: 12.01.2020, 17:51 Uhr

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