Das alarmierende Schweigen am Arbeitsplatz

Jeder Fünfte in der Schweiz leidet an Depressionen. Oft ist die Ursache beim Job zu suchen. Gerade dort aber ist das Thema tabu. Besonders gross ist die Angst, diskriminiert zu werden. Was ist zu tun?

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«Psyche krank? Kein Tabu!». Unter diesem Titel hat die Werner Alfred Selo Stiftung heute im Kanton Zug eine Kampagne gestartet. Sie soll die Menschen dazu bringen, sich nicht zu verstecken, sondern über ihre psychische Krankheit zu reden.

«Psychische Krankheit unterliegt immer noch einem grossen Tabu», sagte Stiftungsratspräsidentin Marylou Selo in Zug vor den Medien. Das Schweigen treibe viele Betroffene und Angehörige in einen Teufelskreis aus Scham und Isolation.

Bestätigt fühlt sich die Stiftung durch eine zusammen mit Pro Mente Sana in Auftrag gegebene nationale Studie zum «Stigma psychischer Erkrankungen». Sie belegt, dass diese Erkrankungen im Arbeitsbereich immer noch das grösste Tabu sind. Nur 25 Prozent der rund 700 Befragten würden sich gegenüber dem Vorgesetzten outen, und nur jeder Zehnte würde unter Arbeitskollegen über psychische Probleme sprechen.

56 Prozent sind der Meinung, dass psychisch Kranke im Arbeitsumfeld diskriminiert würden. Zwei Drittel der Befragten glauben zudem, dass psychisch Kranke öffentlich diskriminiert werden, und selbst im privaten Umfeld sieht noch fast jeder Dritte diese Gefahr. 36 Prozent finden, dass psychisch Kranke eine Last für die Gesellschaft sind.

Vor allem Männer schweigen

Besonders Männer und ältere Menschen schweigen das Thema psychische Krankheit tot, während Frauen und Jüngere offener darüber sprechen. Zugleich zeigten sich aber jüngere, leistungsorientierte Personen härter in ihren stigmatisierenden Urteilen, heisst es in der Studie.

Die Westschweizer sind gegenüber dem Thema generell verschlossener als die Deutschschweizer. 52 Prozent der Romands erachten psychisch Kranke als gesellschaftliche Last, würden psychisch Kranke seltener in einer Klinik besuchen und zeigen eine höhere Skepsis gegenüber psychiatrischen Angeboten.

Über die Krankheit zu sprechen, sei der erste Schritt, um die Früherkennung zu verbessern, Betroffene nicht länger auszugrenzen und Suizide zu verhindern, zeigte sich Selo überzeugt. Das Schweigen habe fatale Folgen: In der Schweiz nehmen sich täglich vier Personen das Leben – das sind mehr, als im Strassenverkehr ums Leben kommen.

Es sei Zeit, die Realität psychisch kranker Menschen offen auszusprechen und Vorurteile abzubauen, sagte der Zuger Gesundheitsdirektor Urs Hürlimann als Schirmherr der Kampagne. Das Zuger Gesundheitsamt habe deshalb die psychische Gesundheit zu einem Schwerpunktthema gemacht.

Mit lebensnahen Botschaften Mut machen

Vorurteile abzubauen, ist auch das Ziel der Stiftung Werner Alfred Selo mit ihrer auf fünf Jahre angelegten Kampagne. Den Auftakt macht eine auffällig violett-weisse Plakataktion. Auf Bodenklebern heisst es etwa: «Ich bin am Boden. Bei Klebern kann das sein. Bei Menschen auch.»

Auf Abfallkübeln steht: «Mir gehts dreckig. Bei Kübeln kann das sein. Bei Menschen auch.» Laut Selo vermitteln die lebensnahen Botschaften «das, was wir Menschen oft verschweigen». Die Aussagen auf den Plakaten sollen Mut machen, ebenso offen über psychische Krankheiten zu reden wie über körperliche.

Die 1994 gegründete Werner Alfred Selo Stiftung engagiert sich seit 20 Jahren für die Erforschung und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen. Ein besonderes Augenmerk richtet sie auf Depressionen und affektive Störungen.

Die in Zug und in den USA lebende Marylou Selo gründete die Stiftung im Gedenken an ihren Vater, den deutschen Erz- und Metallhändler Werner Alfred Selo, der nach einem lebenslangen Leidensweg mit chronischer Migräne und Depression Suizid beging. (wid/sda)

Erstellt: 19.08.2013, 12:02 Uhr

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«Eine Krankheit wie jede andere auch»: Stiftungsratspräsidentin Marylou Selo.

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