Das passiert mit einer Leiche nach dem Tod

Der Schriftsteller Linus Reichlin hat den Weg eines Unfallopfers nachverfolgt – von der Strasse bis zum Friedhof.

Du hast dich im Leben verändert, und jetzt veränderst du dich auch im Tod: Ein Frauenkörper aus Marmor. Foto: Getty Images

Du hast dich im Leben verändert, und jetzt veränderst du dich auch im Tod: Ein Frauenkörper aus Marmor. Foto: Getty Images

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Eben noch an einer Party über Klimaschutz gesprochen, Netflix, Make-up für Männer, beim Flirten mit einer Liliane Schluckauf gekriegt, und sie fands nicht lustig, kam also nicht infrage... eben noch beim Einsteigen ins Auto an die Fristerstreckung der Steuererklärung gedacht – und im nächsten Moment müssen sie deine Leiche mit Schneidbrennern aus dem Blech herausoperieren. Die Feuerwehrleute haben beschlossen, das Dach aufzuschneiden, obwohl deine Leiche ungünstig liegt. Es könnte für dich brenzlig werden, denn da sind Temperaturen von über 1000 Grad im Spiel. Aber moderne Autos gleichen mit ihren extra versteiften Wagenseiten und verstärkten Karosserien kleinen Panzern: Es dauert Stunden, sich durch das ganze Material durchzuschneiden, und wenn man Pech hat, sticht man mit der Flamme in die Zündkapsel eines nicht aktivierten Airbags, das ist dann nicht so lustig.

Also schneiden die Feuerwehrleute, wie gesagt, die weichste Stelle, das Dach, auf, und sie tun das vorsichtig – trotzdem fangen deine Haare Feuer. Man muss das Feuer durch den Schnitt im Dach mit einem Handlöscher auspusten, die Feuerwehrmänner fluchen, um zu zeigen, dass es ihnen leid tut. Nach einer Weile können sie das Dach wegheben wie den Deckel einer Blätterteigpastete – und darunter liegst du, deine Haare rauchen noch. Du bist keine schöne Leiche, aber so ist das eben bei Unfällen, der Körper wird auf jede denkbare Weise zerstört.

Der Tod ist keine Privatangelegenheit, er ist etwas Offizielles und Öffentliches.

Die Natur, das Schicksal, Gott – nenn es, wie du willst – spielt jede Möglichkeit durch. In diesem Chaos wirkt das menschliche Bedürfnis nach Bürokratie beruhigend, fast wie ein Sedativum. Dein Körper ist stark versehrt, aber das Einzige, was die Rettungsleute interessiert, ist, dass du einen Leichenschein kriegst, denn ohne ihn können die Mühlen der Bürokratie nicht ruhig und gleichmässig gegen das Entsetzliche anmahlen. Natürlich sieht jeder am Unfallort von blossem Auge, dass du tot bist, aber das muss eben auch amtlich bestätigt werden. Der Tod ist keine Privatangelegenheit, er ist etwas Offizielles und Öffentliches. Man ist erst dann tot, wenn der Arzt einen für tot erklärt – vorher ist man im Zweifelsfall weiterhin steuerpflichtig.

Auch Leichen brauchen Zeit

Der Notarzt führt also gleich hier am Unfallort die Leichenschau durch, und er stellt Körperverletzungen fest, die mit dem Leben unvereinbar sind – das ist eines der vier Merkmale, die auf den Tod eines Menschen hindeuten. Livores (Totenflecken), Rigor Mortis (Totenstarre) und Autolyse (Fäulnis) entdeckt er bei dir nicht, denn du bist noch nicht dazu gekommen, diese Merkmale zu entwickeln: Auch Leichen brauchen Zeit, um etwas zu erledigen, das ist eigentlich ein tröstlicher Gedanke. Du wirst für die Totenstarre noch drei oder vier Stunden brauchen, und das bedeutet, dass du gewissermassen noch eine Zukunft hast, es geschieht immer noch etwas mit dir.

Du hast dich im Leben verändert, und jetzt veränderst du dich auch im Tod, und dieser Prozess der Veränderung wird niemals enden, er ist ewig. Die Atome deines Körpers werden eines Tages von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden und in ihnen weiterleben, sie werden als Regen vom Himmel auf die Schirme Verliebter fallen, die sich darunter küssen. Wenn man einen Zuckerwürfel in den Kaffee legt und dann umrührt: Ist das schlimm? Genau das wird mit dir passieren – nicht mehr und nicht weniger.

Du bist keine schöne Leiche, aber so ist das eben bei Unfällen, der Körper wird auf jede denkbare Weise zerstört: Zersplitterte Windschutzscheibe. Foto: Getty Images

Aber erst einmal unterschreibt der Arzt den Leichenschein, das ist deine Eintrittskarte in den nächstgelegenen Kühlraum. In deinem Fall wird das der eines Instituts für Rechtsmedizin sein, denn du bist ein Unfallopfer, und als solches wirst du polizeilich beschlagnahmt, so verlangt es das Gesetz. Ein Unfalltod wird von Amts wegen nicht als natürlicher Tod eingestuft. Wer weiss, vielleicht hat dir ja auf der Party jemand Ketamin in deinen Drink gemixt, und auf der Autobahn begann es dann bei Tempo 120 zu wirken. Oder dein Unfall war ein getarnter Suizid, das wäre für den Sachbearbeiter deiner Lebensversicherungsgesellschaft interessant zu wissen.

An der Unfallstelle erscheinen nun also zwei diensthabende Angestellte eines Bestattungsunternehmens, die den Auftrag haben, dich in die Rechtsmedizin zu transportieren. Dass es nur zwei sind, ist auf deine gesunde Ernährung und das Joggen zurückzuführen. Hättest du deine Lust auf Salami und Chips nicht erfolgreich gezügelt, hätte der Chef der Rettungskräfte bei der Übermittlung des Transportauftrags von einem adipösen Leichnam gesprochen: Dann wären die Bestatter zu dritt angerückt und nicht als Duo.

Die beiden begutachten deine Verletzungen und debattieren darüber, ob es notwendig ist, dich in einem Body Bag zu transportieren, oder ob sie dich ohne Bag auf einer Trage mit einem Roll-In-Gestell in den Leichenwagen schieben sollen. Ja, es ist unappetitlich, aber es geht hier nun mal um die Menge von Körperflüssigkeiten, die aus dir austreten, und es geht auch um Präferenzen. Manche Bestatter bevorzugen bei stark versehrten Leichen Bergungssärge und andere eben Body Bags – spätnachts, wenn alle müde und angespannt sind, kann es diesbezüglich durchaus zu längeren Fachdiskussionen kommen. Schliesslich setzt sich die Meinung durch, dass du in einen Body Bag musst, und darin wirst du nun von den zwei Bestattern unter dem Sternenhimmel in die nächstgelegene Stadt gefahren.

Im Radio des Leichenwagens läuft «Atemlos durch die Nacht». Du hast Helene Fischer geliebt, aber jetzt singt sie für ein Publikum, in dem du nicht mehr mitklatschst. Das Leben findet jetzt unendlich weit von dir entfernt statt, du nimmst nur noch am Rückzug deines besiegten Körpers teil. Dein Körper hat ein Leben lang gegen seinen Zerfall gekämpft, das war alles, was er je getan hat. Es war dir nie bewusst, aber in jeder Minute deines Lebens fand ein gigantisches Ringen gegen die Fäulnis statt. Du hast tonnenweise Gemüse, Fleisch, Zucker und Getreide gegessen und die darin gespeicherte Sonnenenergie herausgebrochen, um zu verhindern, dass Kalziumionen in das Zytoplasma diffundieren.

Was dich ausgemacht hat, war ein chemischer Prozess, der jetzt zum Erliegen gekommen ist.

Wenn du mit einem Schälchen mit Trockenfrüchten gemütlich vor dem Fernseher hocktest, hat dein Körper die Trockenfrüchte in Reih und Glied antreten lassen und sie dann in die Schlacht gegen deine verfluchten Darmbakterien geschickt. Die Darmflora hat eine gute Presse, aber in Wirklichkeit sind diese Bakterien nur so lange hilfreich, wie sie durch die Sauerstoffzufuhr daran gehindert werden, sich maximal zu vermehren. Diese kleinen Mistkerle haben dein Leben lang nur auf ihre grosse Stunde gewartet, auf den Moment, der jetzt gekommen ist. Du dachtest, dass du lebst, um dich beruflich zu verbessern, eine hübsche Frau zu heiraten, einen zitronengelben Porsche zu fahren, dann mit einer Yogalehrerin dich auf einem Demeter-Hof in Irland niederzulassen und den Tag mit Achtsamkeitsübungen zu beginnen. Aber in Wirklichkeit hast du immer nur gelebt, um nicht zu verfaulen.

Du dachtest, dass deine Wünsche, Hoffnungen, dein Können, dein Wissen und dein Charme dich ausgemacht haben. Aber was dich ausgemacht hat, war ein chemischer Prozess, der jetzt zum Erliegen gekommen und durch einen anderen ersetzt worden ist, der deinen Darmbakterien besser gefällt. Jetzt beginnen sie damit, dich von innen zu verdauen, während Helene Fischer im Radio deiner Bestatter «Atemlos, schwindelfrei, grosses Kino für uns zwei» singt.

Ein letztes Mal geschminkt

In der Rechtsmedizin wissen sie schon, dass du kommst, sie haben ein Kühlfach desinfiziert, und sie sind froh, dass keine Obduktion angeordnet wurde. Sie hätten dich dann nämlich reinigen müssen, und du musst verstehen, dass sie bei Fällen wie dir immer froh sind, wenn ihnen das erspart bleibt. Selbst nach vielen Jahren Berufserfahrung haben sie sich an einen solchen Anblick nicht gewöhnt, sie haben nur gelernt, damit umzugehen. Sie träumen nicht mehr, wie am Anfang, drei Wochen lang davon, sie müssen sich nicht mehr übergeben, sie reiben sich nicht mehr 4711 in die Nasenlöcher. Aber sie raten den Neuen, das zu tun, aus irgendeinem Grund wirkt 4711 besser als jedes andere Eau de Cologne. Chanel N° 5 wäre möglicherweise noch wirksamer, aber es ist ja auch eine Kostenfrage.

In einem solchen Raum liegst du dann für ein paar Stunden: Rechtsmedizin in Frankfurt am Main. Foto: Keystone

Die Rechtsmedizinerin, die deinen Body Bag öffnet, ist verheiratet, sie hat zwei Kinder. Sie sind sieben und neun Jahre alt und glauben, dass ihre Mutter eine ganz normale Ärztin ist. Die Wahrheit will die Rechtsmedizinerin ihnen später sagen, wenn sie alt genug sind, um es zu verstehen. Es ist nun mal so: Kein kleines Kind möchte, dass seine Mama vor dem Abendessen die Herzen von Toten in eine Schale gelegt hat. Du musst dich daran gewöhnen, dass du jetzt etwas bist, mit dem die Lebenden nichts zu tun haben wollen: Man will dich nicht sehen, man will dich nicht riechen, man will nicht hören, wie deine Gase entweichen.

Selbst die Menschen, die dich lieben und die in diesem Augenblick von deinem Tod erfahren und furchtbaren Schmerz empfinden, werden nicht kommen. Sie werden sich nicht um deinen Leichnam kümmern, denn dein Anblick wäre gerade für sie entsetzlich, sie würden es nicht ertragen, dich so zu sehen. Es ist eine Gnade für sie, dass Fremde ihnen die Pflicht der Totenversorgung abnehmen: diese Rechtsmedizinerin, die Bestatter und später dein Thanatopraktiker. Du bist in deren Welt der Kunde, und sie sind in deiner Welt die treuen Gefährten, die dich als Einzige noch anfassen und ansehen und mit einem gewissen Respekt behandeln.

Nachdem der Rechtsmedizinerin an deiner Leiche nichts Verdächtiges aufgefallen ist, wirst du zur Bestattung freigegeben und verbringst den Rest der Nacht in einem Kühlfach bei 5 Grad plus, eine Temperatur, die deine wild gewordenen Darmbakterien im Zaum hält. Im Fach neben dir liegt ein pensionierter Lehrer, der beim Verdrahten einer Deckenlampe von der Leiter gestürzt ist – das ist der Fluch der Altbauwohnungen mit ihren hohen Decken. Im Fach über dir liegt eine junge Frau, die sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat. Sie ist von der Rechtsmedizinerin besonders aufmerksam untersucht worden, denn diese kennt die Statistik: In der Schweiz und in Deutschland bleibt jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt. Die anderen Fächer sind heute Nacht leer und summen leise.

Es ist schon merkwürdig, dass du ganze drei Tage lang in der Rechtsmedizin liegst.

In den frühen Morgenstunden schwärmen dann im ganzen Land die Angestellten der Bestattungsinstitute aus, um in den Kühlräumen der Krankenhäuser und der Rechtsmedizin die Neuverstorbenen einzusammeln, die über einen gültigen Totenschein und die polizeiliche Freigabe verfügen. Sie kommen auch in deinen Kühlraum, aber sie holen nur den Lehrer – die junge Frau und du, ihr müsst bleiben. Die Frau liegt schon seit sieben Tagen hier, das kommt manchmal vor, vor allem, wenn keine Verwandten oder Freunde sich melden, und das ist bei ihr der Fall. Du warst sozial besser integriert, du hattest eine Ex-Frau und eine Freundin, ihr wolltet im Herbst heiraten, du hattest zwei Brüder, mit denen du jeden Winter zum Kitesurfen nach Teneriffa gefahren bist, du hattest viele Freunde, die dir noch einen Gefallen schuldeten – es ist schon ein bisschen merkwürdig, dass du trotzdem ganze drei Tage lang in der Rechtsmedizin liegst, bevor endlich um halb fünf Uhr morgens zwei Bestatter dich aus dem Fach holen.

Was du nicht weisst, ist, dass es zwischen deinen Brüdern und deiner Freundin zu Meinungsverschiedenheiten kam: Soll es einen Abschied am offenen Sarg geben? In Frankreich ist das üblich, und deine Freundin ist Französin. Aber deine Brüder behaupteten, dass du das niemals gewollt hättest, du seist nur schon aus ökologischen Gründen ein Fan von Kremierungen gewesen und habest einmal sogar ganz deutlich gesagt, dass du nicht möchtest, dass jemand deine Leiche sieht. Deine Freundin schlug einen Kompromiss vor: offener Sarg, dann Kremierung.

Auch wenn du schwerer wärst, gäbe es denn passenden Sarg für dich: Ein Sarg in Übergrösse in einem deutschen Bestattungsinstitut. Foto: Keystone

Auch der Bestatter hielt das für die beste Lösung, worauf deine Brüder ihm vorwarfen, dass er für deine Freundin nur deshalb Partei ergreife, um mehr zu verdienen. Denn bei einer Urnenbestattung wird ein schlichter Sarg verwendet, den die Angehörigen nicht zu Gesicht bekommen, im Grunde dient er im Wesentlichen als Brennholz, daran verdient der Bestatter nicht viel. Wenn aber vor der Kremierung eine Trauerfeier am offenen Sarg stattfindet, werden die Angehörigen einen wählen, der nicht wie Brennholz, sondern wie eine letzte Heimstätte aussieht, und naturgeöltes Eichenholz mit Messinggriffen hat natürlich seinen Preis.

Es ist schon möglich, dass der Bestatter nicht uneigennützig die Meinung deiner Freundin teilte. Beim Abschied am offenen Sarg ist ja ausserdem eine kosmetische Behandlung des Verstorbenen nötig, in deinem Fall die aufwendige Behandlung eines Unfallopfers mit Gesichtsverletzungen – aber c’est la vie, auch Bestatter müssen leben.

Was du ebenfalls nicht weisst, ist, dass deine Freundin deinen Brüdern angeboten hat, die Bestattungskosten vollumfänglich zu übernehmen, worauf sie plötzlich mit allem einverstanden waren, von dem sie zuvor behauptet hatten, dass du es niemals gewollt hättest. Nun stand deiner Abholung aus dem Kühlfach nichts mehr im Weg.

Du bist beim Thanatopraktiker

Einige Stunden später liegst du im Thanatopraxieraum des Bestatters. Es wird dich nicht interessieren, aber sonderbarerweise sind fast alle Bestatter schlank, so auch deiner. Um im harten Konkurrenzkampf zwischen den Bestattern bestehen zu können, hat er eine Zusatzausbildung zum Thanatopraktiker gemacht. Wenn du Amerikaner oder Chinese wärst und in die Heimat rückgeführt werden müsstest, würde er die Methoden des modern embalming anwenden, um dich für den langen Transport mit unterbrochener Kühlkette haltbar zu machen.

Bei dir geht es um Rekonstruktion, um die Herstellung eines friedlichen und natürlichen Gesichtsausdrucks.

Er würde via deine Halsschlagader eine formaldehydhaltige Lösung in deine Adern pumpen, während er gleichzeitig durch die Drosselvene dein Blut abliesse. Danach würde er in der Nähe deines Nabels mit einem Skalpell dein kaltes Fleisch durchschneiden, damit die Gase entweichen können, die deine Darmbakterien bei der Verdauung deines Gewebes produzieren, und durch die Schnittöffnung würde er konzentriertes Formaldehyd in deinen Bauchraum strömen lassen: Das würde deinen Darmbakterien gar nicht gefallen. In deinem Fall kann darauf aber verzichtet werden, du wirst nicht viele Stunden in einem verschweissten Zinksarg durch die Lüfte reisen. Das bedeutet nicht, dass du für deinen Thanatologen eine einfache Aufgabe bist, ganz im Gegenteil: Bei dir geht es um Rekonstruktion, um die Herstellung eines friedlichen und natürlichen Gesichtsausdrucks, hier muss er seine ganze Kunst aufbieten.

Zunächst einmal muss er dich ruhigstellen, das ist noch keine Kunst, das ist Routine. Es wird dich vielleicht verwundern, aber eine der Hauptaufgaben eines Bestatters bei der Totenversorgung besteht darin, den Toten ruhigzustellen. Du bist zwar tot, aber dein Körper arbeitet weiter, natürliche Energien bewegen ihn, als wären da unsichtbare Marionettenfäden. Deine geschlossenen Augenlider wollen wieder hochrutschen, so als würdest du in die Welt blicken wollen. Dein Unterkiefer will nach unten fallen, als würdest du als Nächstes etwas sagen. Die Totenstarre zieht deine Muskeln zusammen, sodass dein einer Arm in unnatürlichem Winkel vom Körper absteht, als wäre er von unsichtbaren Fäden hochgezogen worden. Dein Bart wächst, deine Nägel gleichfalls – doch das ist nur eine Täuschung: Durch die Dehydrierung deiner Haut zieht diese sich zurück, sodass die Stoppeln und Nägel umso stärker hervortreten und es so aussieht, als wären sie gewachsen.

Jedenfalls befindest du dich in einem Zustand relativer Unruhe, und um dich zu chillen, wie man flapsigerweise sagen könnte, massiert der Thanatopraktiker deine Gelenke, auf ähnliche Weise wie ein Physiotherapeut. Er dehnt und streckt sie, bis sich die starren Muskelfasern entspannen und dein in die Höhe stehender Arm sich gefügig niederlegt. Danach verschliesst er deine Körperöffnungen, die Nasenlöcher, den Rachen, die Ohren mit absorbergetränkten Wattestreifen, auch den Anus. Alles wird verschlossen, und es wird nicht mit Absorber gespart, denn man möchte nicht, dass jetzt noch irgendeine Körperflüssigkeit austritt. Deine vielen klaffenden Wunden bedeuten für deinen Thanatopraktiker zusätzliche Arbeit. Es ist denkbar, dass er innerlich murrt, während er Schnittpulver auf die Wunden streut und sie mit Halbkreisnadeln zunäht und dabei immer vor Augen hat, was ihm noch bevorsteht: die Rekonstruktion deines Gesichts.

Es tröstet ihn vielleicht, dass dein Unterkiefer intakt ist, die Ligatur – das Zubinden des Mundes – ist somit reine Routine. Ein geübter Stich mit der Chirurgennadel durch Gaumen, Nasenscheidewand und Kinn, das Festziehen des Baumwollfadens, das Verknoten des Fadens in der Mundhöhle: Jetzt ist dein Mund für immer zu. Er wurde übrigens auf europäische Art verschlossen: Die amerikanischen Bestatter bevorzugen für den Mundverschluss einen Nadelinjektor und Draht – geht schneller und hält noch ein bisschen länger als ewig. Jetzt die Augenlider. Es könnte nichts Schlimmeres geschehen, als dass, wenn deine Freundin am offenen Sarg einen letzten Blick auf dich wirft, du diesen Blick erwiderst, weil deine Lider wegen der Austrocknung hochrutschen. Deswegen schiebt dein Bestatter dir genoppte Augenkappen aus PVC unter die Lider, die dadurch zuverlässig fixiert werden: Auf ewig sind deine Augen geschlossen.

Und jetzt folgt die Königsdisziplin. Die linke Seite deines Gesichts ist stark verwundet, hier muss dein Thanatopraktiker modellieren, mit restaurativem Wachs, das er mit einem Haarföhn erwärmt, bevor er es mit einem Spachtel aufträgt. Noch nie hat sich jemand so intensiv um dein Gesicht gekümmert, es ist fast so, als würdest du von einem Bildhauer porträtiert werden, der sich jede Besonderheit deines Gesicht einprägt und dort, wo nichts ist, genau das Richtige hinzufügt. In diesem Moment gibt es niemanden auf der Welt, der dein Gesicht so gut kennt wie dein Thanatopraktiker, und du kannst darauf vertrauen, dass sein Ehrgeiz geweckt ist, dich so aussehen zu lassen, als wärst du auf einem Liegestuhl unter einem Sonnenschirm eingeschlafen. Das wird deinen Angehörigen ein wenig den Schmerz nehmen, denn sie werden glauben, dass du nicht gelitten hast. Dazu ist eine Menge Wachs notwendig, ganz zu schweigen von den abdeckenden Make-up-Pasten, die der Thanatopraktiker auf dein fertiges Gesicht aufträgt, eine davon heisst Camouflage Illusion.

Die Trauerfeier ist für dich nur ein kurzer Moment des Wiederauftauchens vor dem endgültigen Verschwinden.

Ein kleiner Fehler ist ihm allerdings unterlaufen: Er hat vergessen, dich vor dem Schminken zu rasieren. Also entfernt er das Make-up im Kinnbereich wieder und reibt die Kinnhaut mit Feuchtigkeitscreme ein, um einen Rasurbrand zu verhindern – das sind dunkle Flecken, die beim Rasieren toter Männer manchmal entstehen, weil die Haut von Toten trocken wie Pergament ist, nur viel dünner. Aber dein Thanatopraktiker ist ein Meister, er führt die Rasierklinge mit exakt dem richtigen Druck über deine verdorrte Haut. Danach schminkt er dein Kinn ein zweites Mal mit Camouflage Illusion. Er trägt auf deine Lippen Lip Color Creme Taupe auf, das sieht natürlich aus, wie die Lippen eines Lebendigen, und er fixiert nun diese natürliche Farbe, indem er sie mit Lip Fix überpinselt. Zum Schluss kämmt er dich mit einem Wegwerfkamm, ohne dass er genau sagen könnte, warum man dazu eigentlich Wegwerfkämme benutzt. Es wäre vielleicht pietätlos, mehrere Verstorbene mit demselben Kamm zu kämmen?

Die dann folgende Trauerfeier ist für dich nur ein kurzer Moment des Wiederauftauchens vor dem endgültigen Verschwinden. Dieses eine Mal noch nimmst du an einem sozialen Anlass teil, bist Mensch unter Menschen, wirst angeschaut, erzeugst Gefühle, und Gedanken drehen sich um dich als körperliche Person. Dieses eine Mal noch wird deine Leiche von deinen Angehörigen mit dem Menschen, der du warst, in Verbindung gebracht. Deine Leiche hat, während sie dich anschauen, noch einen Vornamen. Und sie hat eine Vergangenheit, ein gewesenes Leben, an das sich deine Freundin, deine Brüder und die anderen, die gekommen sind, erinnern, und weil sie sich erinnern, behandeln sie deine Leiche, als wärest du es, der daliegt, und nicht nur lebloses Gewebe.

Dieser Moment wird nicht lange währen, denn hinter dem Vorhang stehen bereits zwei Männer, für die du sehr wohl lebloses Gewebe bist. Kaum hat der Letzte deiner Angehörigen die Kapelle verlassen, schieben sie deinen Sarg in einen Leichenwagen mit verdunkelten Fenstern – und ab jetzt bist du allein. Ab jetzt wird keiner der Menschen, die sich vor deinem endgültigen Verschwinden noch mit dir beschäftigen, mehr über dich wissen als deinen Namen und dein Geburts- und Sterbedatum, und dein Name wird sie nicht interessieren. Denn von jetzt an bist du etwas, das entsorgt werden muss, es sind immerhin achtzig Kilo verderbliches Gewebe: Das muss jetzt so schnell wie möglich weg. Sie stellen deinen Sarg im Kühlraum des Krematoriums in die Wartereihe, deiner ist der elfte Sarg, vor deinem stehen zehn andere, die früher da waren als deiner.

Wenn die Bestattungsangestellten das Licht ausmachen, liegen in dem stockdunklen, fensterlosen Raum elf tote Menschen, die alle zuvor noch beweint worden sind, denen Kinder Zeichnungen auf den Sarg legten, oder ein Freund klopfte als letzten Gruss ans Holz – doch jetzt ist es hier so still wie nirgendwo sonst auf der Welt. Im Stockwerk über dir fräst ein Angestellter die Identifikationsnummer, die dir zugeteilt wurde, in einen Schamottstein, aber man hört es nicht. Wenn du noch etwas empfinden könntest, würdest du dich erst jetzt, in diesem Raum mit den vielen Särgen, wirklich tot fühlen.

Deine letzten Momente

Am nächsten Morgen werden die Särge, einer nach dem anderen, zu den Öfen gerollt. Deiner ist ein Flachbettofen, die nötige Vorheiztemperatur von 750 Grad ist noch nicht ganz erreicht, du musst noch ein bisschen warten. Ein Angestellter vergleicht die Nummer auf dem Zettel, der an deinem Sarg klebt, mit der auf dem Schamottstein und legt den Stein auf den Sarg. Jetzt hebt sich die Ofentür. Dein Sarg wird von der Sargeinfahrmaschine in die Hauptbrennkammer geschoben, die harmlos aussieht, keine Flammen, einfach nur eine saubere, steinerne Kammer, nicht viel anders als in einer Holzofenbäckerei. Jetzt wäre die letzte Möglichkeit, deinen Sarg noch mal rauszuholen, noch mal den Deckel zu öffnen, noch mal einen Blick auf dein Gesicht zu werfen. Aber so etwas kommt nie vor, und es würde auch nichts ändern: Alles, was als Nächstes kommt, muss unaufhaltsam geschehen.

Der Schamottstein dient zur Identifizierung der sterblichen Überreste nach der Kremierung: Tonscheibe im Krematorium Riehen BS. Foto: Keystone

Dein Sarg rastet ein, hinter ihm senkt sich nun mit einem gemütlichen Geräusch die Tür der Hauptbrennkammer. Und fast sofort schiessen die Flammen empor. Es sind starke, gebündelte Flammen, nicht etwa weich und fliessend wie die eines Lagerfeuers: Es sind Flammen wie aus den Schneidbrennern, mit denen die Rettungsleute das Dach deines Autos aufgeschnitten haben. Eine Stunde lang sprengen diese Flammen die Molekularkräfte, die deinen Körper zusammenhalten. Und auch jetzt hat wieder der Lebenswandel Auswirkungen über den Tod hin aus: Hättest du dich nicht neben dem Joggen noch zweimal die Woche bei Kieser abgemüht und dir so viele leckere, aber fetthaltige Köstlichkeiten verboten, müsstest du jetzt eine Stunde länger brennen, im Extremfall sogar drei Stunden. Andererseits wäre dir das vollkommen egal, was kümmerts dich, wie lange du hier brennst.

Deine Reste fallen in den Aschekasten, der eigentlich Knochenkasten heissen müsste.

Was jetzt noch von dir übrig ist, wird vollautomatisch in die Ausbrennkammer transportiert. Gleichzeitig nimmt die Sargeinfahrmaschine ein Reinigungsgerät auf, das die Hauptbrennkammer säubert, damit der nächste Sarg eingefahren werden kann: Es sollen sich keine Reste von dir im Ofen befinden, wenn dein Nachfolger zu brennen beginnt, hier soll nichts vermischt werden. In der Ausbrennkammer werden noch einmal eine Stunde lang deine Reste durchgeglüht, bis die Mineralisierung dich auf deine blossen Knochen reduziert hat. Die fallen in den Aschekasten, der eigentlich Knochenkasten heissen müsste, denn die Asche eines Menschen besteht ausschliesslich aus seinen Knochen. Im Aschekasten sind nur deine immer noch 1000 Grad heissen Bein- und Armknochen, Rippen, Fuss- und Fingerknochen, Schädelknochen drin.

Die Knochen müssen eine Stunde lang auskühlen, bevor dann ein Angestellter mit einer Magnetbürste alle metallischen Gegenstände wie Sargnägel, Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke rausholt. Dabei zerkleinert er die Knochen auch schon ein erstes Mal, damit die Aschemühle besser damit zurechtkommt. Diese Aschemühle ist der letzte Schritt dieses Prozesses: Aus ihr kommen deine fein gemahlenen Knochen heraus, und das bist jetzt du. Dein Fleisch ist verbrannt, deine Knochen wurden zermahlen und werden in die Aschekapsel gefüllt, oben drauf wird der Schamottstein mit deiner Einäscherungsnummer gelegt. Dann wird die Aschekapsel mit einem Deckel verplombt und in eine Urne gesetzt, die im Krematorium in einem Schliessfach eingeschlossen wird, bis eine befugte Person sie abholt.

Und während das alles geschieht, springt ein Kind im Schwimmbad zum ersten Mal vom Dreimeterbrett. Ein Mann legt einen Verlobungsring unters Kopfkissen seiner Freundin. In einem Park schauen sich ein paar junge Männer auf dem Handy Fotos von Motorrädern an. Die Spatzen zwitschern in den Büschen, und der Wetterbericht verspricht ein weiteres sonniges Wochenende.

Linus Reichlin ist Schriftsteller. Sein neuer Roman – «Keiths Probleme im Jenseits» – erscheint im Herbst.

Erstellt: 12.04.2019, 16:24 Uhr

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