Das steckt hinter den mysteriösen Lungenerkrankungen in China

Experten haben die Ursache einer unbekannten Lungenkrankheit gefunden: Es ist ein Verwandter des Sars-Virus.

Bereits 59 Menschen steckten sich mit dem neuen Virus an. Bild: Lee Jin-Man, AP/Keystone

Bereits 59 Menschen steckten sich mit dem neuen Virus an. Bild: Lee Jin-Man, AP/Keystone

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Am Flughafen in Peking stauen sich die Menschen an den Kontrollstationen, die sonst nur nachlässig genutzt werden. Reisende aus der chinesischen Millionenstadt Wuhan werden an Flughäfen und Bahnhöfen auf Fieber kontrolliert. Selbst Passagiere aus anderen Regionen werden bisweilen überprüft. Auch in Hongkong, wo zwei Schnellzüge pro Tag aus Wuhan ankommen, müssen die Passagiere ihre Körpertemperatur messen lassen. Die Stadt stockte ihr Personal eigens für diese Kontrollen auf. In Krankenhäusern sind die Besuchszeiten verkürzt worden. Wer seine Angehörigen sehen will, muss eine Gesichtsmaske tragen. Mitte der Woche sah man auch in einigen Flugzeugen in China mehr Menschen als sonst Masken tragen.

Die ganze Nervosität begann am Silvestertag, als bekannt wurde, dass in der Stadt Wuhan mehrere Menschen mit Lungenentzündung in Kliniken lagen, ohne dass man so recht erklären konnte, was die Krankheit ausgelöst hatte. Zwischen dem 12. und dem 29.Dezember erkrankten insgesamt 59 Menschen. Zu den Symptomen zählten hohes Fieber, Atemnot und beschädigte Lungen. Sieben Betroffene befinden sich laut offiziellen Angaben in kritischem Zustand.

Betroffene hatten auf Fischmarkt gearbeitet

Schnell zeigte sich eine Gemeinsamkeit der Kranken: Mehrere von ihnen hatten auf einem Fischmarkt der Stadt gearbeitet. Nach allem, was bekannt wurde, verkauften die Händler dort nicht nur Fische, sondern auch andere lebende Tiere wie Hühner, Fledermäuse und Murmeltiere. Es ist daher möglich, dass sich die Patienten bei Tieren infiziert haben. Starke Hinweise darauf, dass sie sich bei anderen Menschen angesteckt haben, gibt es dagegen bislang nicht. Sicher ausgeschlossen ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung aber auch noch nicht. Die Marktstände jedenfalls sind seit Anfang des Jahres geschlossen, das Gelände wurde desinfiziert.

Seither ist offenbar niemand mehr erkrankt. «Der Ausbruch scheint momentan unter Kontrolle zu sein», sagt Jimmy Whitworth, Professor of International Public Health an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Am Mittwoch hat sich die Lage weiter entspannt. Denn die chinesische Academy of Engineering gab bekannt, sie hätten die Erreger der Lungenentzündung identifiziert: Es handle sich um ein Coronavirus.

Zuvor tappten die Experten tagelang im Dunkeln. Symptome und Röntgenbilder sprachen zwar für ein Virus, doch die Liste mit den Hauptverdächtigen leerte sich schnell. Ausgeschlossen wurden die Erreger der saisonalen Grippe, der Vogelgrippe und die für viele Atemwegserkrankungen verantwortlichen Adenoviren. Auch die gefürchteten Erreger von Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome) und Mers (Middle East Respiratory Syndrome) wurden nicht gefunden. Beide gehören wie das jetzt identifizierte neue Virus zu den Coronaviren und können schwere, auch tödliche Lungenentzündungen auslösen. Ihr Ausschluss war eine gute Nachricht, doch der Erleichterung folgte bald die Ratlosigkeit. Wenn es keines der bekannten Viren ist, was verursacht dann die Leiden, fragte man sich.

Mit der Bekanntgabe vom Mittwoch haben die Spekulationen nun ein Ende gefunden. Nicht wirklich überrascht, dass das identifizierte Virus mit dem Sars-Virus verwandt ist, gibt sich Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und Mitentdecker des Sars-Virus. Es sei nicht verwunderlich, sagt Drosten, wenn ein Sars-ähnliches Virus auf den Menschen übergeht.

Offen ist aber noch, wie das Virus zuschlägt. Solange dies nicht geklärt ist, ist auch unklar, wie sich Menschen schützen können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfahl Reisenden bislang keine speziellen Präventionsmassnahmen. Sie bestätigte, dass sie die Situation in der chinesischen Stadt genau beobachte. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC legte Reisenden in die Stadt Wuhan allgemeine Hygieneregeln nahe: häufiges Händewaschen, nach Möglichkeit Kontakt zu Kranken und zu Tieren meiden. Auch das Auswärtige Amt veröffentlichte solcherart Ratschläge.

Menschen verhaftet – wegen Falschangaben im Netz

Einige asiatische Länder haben dagegen Einreisekontrollen eingeführt. Und Hongkong hat noch weitere, drastischere Massnahmen ergriffen. Die Regierung verfügte, dass die «schwere, mit dem neuen Erreger assoziierte Atemwegserkrankung» auf die Liste der meldepflichtigen Erkrankungen gesetzt wird. Zu dieser Erkrankung werden alle Fälle von Lungenentzündung oder ähnlichen Beschwerden gezählt, die bei Menschen auftreten, die sich in den letzten 14 Tagen in Wuhan aufgehalten haben.

Angst vor dem Virus: In Hong Kongs Flughafen werden Reisende auf Anzeichen für eine Infektion geprüft. Foto: Keystone/AP

Der Schritt ermöglicht es dem Staat, Massnahmen wie Quarantäneunterbringungen durchzusetzen. Mehrere Menschen wurden bereits mit Verdacht auf die ungeklärte Lungenentzündung isoliert. Bisher konnten bei ihnen jedoch immer bekannte Erreger nachgewiesen werden. Und auch diese Massnahme ist neu: Wer aus Wuhan zurückkehrt, darf vorübergehend kein Blut spenden.

Die Behörden versuchen zu beruhigen, vermutlich, um Panik zu vermeiden. Die Staatsmedien betonen in ihren Berichten, dass die Behörden die Lage bereits unter Kontrolle gebracht hätten. Sie unterstreichen, dass es sich nicht um Sars handle, das 2002 und 2003 mehr als 770 Menschen das Leben gekostet hat. Anfangs hatte es in sozialen Netzwerken Gerüchte gegeben, dass Sars in Wuhan ausgebrochen sei. Das Hashtag #WuhanSars, das für einige Zeit im chinesischen Netz populär war, wird inzwischen zensiert. Mindestens acht Menschen wurden in Wuhan zudem verhaftet, nachdem sie angebliche Falschangaben im Netz geteilt hatten. «Wir müssen ruhig bleiben», schrieb ein Nutzer aus der zentralchinesischen Stadt auf der Kurznachrichtenseite Weibo.

Ruhig zu bleiben aber fällt nicht allen leicht. Denn die Er- innerung an Sars ist nicht nur wegen ihrer Opfer unangenehm, sondern auch wegen Chinas damaligem Umgang mit der Seuche. Als Sars in Südchina auf- tauchte, informierten die chinesischen Behörden die Weltöffentlichkeit erst spät über die Entwicklung. Die Krankheit wurde so unbemerkt nach Hongkong eingeschleppt. Dort wütete das Virus heftig und kostete 300 Menschen das Leben.

Die Menschen misstrauen deshalb den Behörden noch immer. Besonders in Hongkong fürchten viele, Peking könnte auch dieses Mal Informationen zurückhalten. In Onlineforen ziehen viele Hongkonger den Vergleich zum Ausbruch vor 15 Jahren. Ein Sprecher der Hongkonger Organisation für Patientenrechte Hong Kong Patients’ Voices sprach von der Gefahr, dass sich eine ähnliche Situation wiederholen könnte.

Millionen Reisende zum chinesischen Neujahrsfest

Das für China zuständige Regionalbüro der WHO betonte dagegen, dass die Volksrepublik umfassende Kapazitäten habe, um auf Gesundheitsgefahren zu antworten. «Das Land reagiert proaktiv und schnell auf die Vorfälle in Wuhan, indem es Patienten isoliert, Kontakte aufspürt, den Markt reinigt und nach der Ursache sowie weiteren Fällen sucht.»

Dennoch dürfte auch in Peking die Sorge gross sein. In den kommenden Wochen reisen Millionen Menschen für das Neujahrsfest in ihre Heimatorte. Aus der 11-Millionen-Stadt Wuhan werden Hunderttausende ihre Familien in anderen Teilen des Landes besuchen. Die chinesische Eisenbahn rechnet für die Festtage mit mehr als 440 Millionen Fahrten. Noch kann niemand ausschliessen, dass irgendeiner der Reisenden ein neues Virus im Gepäck hat.

Erstellt: 09.01.2020, 14:04 Uhr

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