«Das weibliche Gehirn ist flexibler als das der Männer»

Der Neuropsychologe Ernst Pöppel ist überzeugt, dass dieses Phänomen Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen den Geschlechtern hat.

Ernst Pöppel kritisiert, dass sich die Kommunikation von Maschinen nur am Mann orientiert. Foto: Stefan Nimmesgern (Laif)

Ernst Pöppel kritisiert, dass sich die Kommunikation von Maschinen nur am Mann orientiert. Foto: Stefan Nimmesgern (Laif)

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Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel ging nach seiner Emeritierung nach China, um dort Studenten auszubilden. Dass er auch im Alter von 75 Jahren noch produktiv ist, zeigt seine jüngste Studie, die sich mit neurobiologischen Unterschieden von Mann und Frau befasst. Sie könnte erklären, warum die Kommunikation zwischen den Geschlechtern bisweilen schwierig ist.

Sie lehren und forschen seit den Siebzigern und sind mit 75 Jahren immer noch hoch produktiv. Wie schaffen Sie das?
Es hat sich in unserer Gesellschaft der Irrglauben festgesetzt, dass man in der Wissenschaft nur bis zu einem Alter von ungefähr 30 Jahren wirklich kreativ sein kann. Das ist Unsinn. Viele herausragende Erkenntnisse wurden von deutlich älteren Forschern gewonnen. Natürlich gibt es Ältere, die nicht mehr kreativ sind und die ihre Neugier verloren haben. Doch das kann man eben nicht pauschalisieren.

Was heisst eigentlich Kreativität?
Kreativität ist die Fähigkeit, Elemente aus verschiedenen Wissensinseln miteinander zu verknüpfen, sodass etwas Neues entstehen kann. Deshalb ist ­Wissen durchaus eine Voraussetzung für Kreativität. Es kann mithin in der ­Wissenschaft von Vorteil sein, etwas ­älter zu sein, weil man dann auf einen grösseren Wissensschatz zurückgreifen kann. Ich habe jedenfalls nicht das ­Gefühl, heute schlechter zu denken als vor 40 oder 50 Jahren.

Was sind Ihre jüngsten Forschungsergebnisse?
Ich interessiere mich nach wie vor für die zeitliche Informationsverarbeitung im Gehirn. Bereits vor Jahren konnte ich mit zahlreichen Studien zeigen, dass es beim Menschen ein 3-Sekunden-Fenster der Wahrnehmung gibt. Alles, was innerhalb dieses Zeitfensters ­geschieht, wird subjektiv als Gegenwart erlebt. In China haben wir nun eine neue Methode entwickelt, um die Dauer dieses Zeitfensters direkt im menschlichen Gehirn zu messen. Das bisherige Wissen war ja nur von phänomenologischer Natur.

Haben Ihre Messungen die Existenz eines universellen 3-Sekunden-Fensters der Wahrnehmung bestätigt?
Wir haben bei dieser Studie die Existenz des 3-Sekunden-Fensters erstaunlicherweise nur bei Männern nachweisen können, nicht bei Frauen. Das kann aber eigentlich gar nicht sein, denn aus zahlreichen phänomenologischen Untersuchungen wissen wir ja, dass es ein solches Wahrnehmungsfenster weltweit bei allen Männern und Frauen gibt.

Haben Sie eine Erklärung für diesen Unterschied?
Ich vermute, dass das Zeitfenster der Wahrnehmung bei Frauen eine grössere Variabilität hat als bei Männern. Wenn es nicht – wie bei den Männern – immer ziemlich genau drei Sekunden lang ist, sondern deutlich um diesen Wert herum streut, dann lässt sich mit der von uns verwendeten Experimentiermethode das 3-Sekunden-Messsignal nicht nachweisen. Der Vollständigkeit halber möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass wir diese Experimente ausschliesslich mit Chinesinnen und Chinesen ­gemacht haben. Theoretisch könnte es ja sein, dass diese Ergebnisse nicht weltweit reproduzierbar sind. Wir müssen die Experimente noch mit ­Kaukasiern und anderen Ethnien wieder­holen.

Was erwarten Sie?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich hier um ein generelles Phänomen handelt, das sich überall auf der Welt in ­gleicher Weise nachweisen lassen wird. Da dürfte ein genetisches Programm dahinter­stecken.

Nehmen wir an, Sie würden dieses Phänomen nachweisen.
Das würde bedeuten, dass es in Frauengehirnen eine grössere zeitliche Flexibilität gibt. Das hat Konsequenzen für die Kommunikation. Die zeitliche Organisation im Gehirn wäre also bei Männern statischer und bei den Frauen flexibler. Bei der Kommunikation miteinander stellt sich dann die Frage: Wie können sich die beiden Gehirne synchronisieren, damit eine Verständigung auch wirklich möglich ist?

Dann haben Sie möglicherweise eine neurobiologische Erklärung für den uralten Gemeinplatz gefunden, wonach sich Männer und Frauen niemals richtig verstehen können.
Wenn die Evolution bei Männern und Frauen eine unterschiedliche Flexibilität beim 3-Sekunden-Fenster der Wahrnehmung eingerichtet hat, dann wird es dafür sicherlich gute Gründe geben. Darüber will ich aber nicht spekulieren. Es ist ja auch nicht so, als wäre eine gute Kommunikation zwischen Mann und Frau grundsätzlich nicht möglich. Die Herstellung eines gemeinsamen neuronalen Zeitfensters in der Kommunikation ist offenbar möglich. Aber vielleicht gelingt nicht allen diese Synchronisierung gleich gut.

Könnte eine grössere zeitliche Flexibilität des weiblichen Gehirns auch die Erklärung dafür sein, dass Frauen besser zu Multitasking fähig sind als Männer?
Multitasking gibt es schlichtweg nicht. Das Gehirn kann die verschiedenen Aufgaben immer nur nacheinander angehen. Von einer höheren Fähigkeit zur Anpassung an äussere Ereignisse könnte man eher sprechen. Doch bislang sind das alles nur Hypothesen.

Was wäre, wenn sich Ihre Hypothesen als richtig herausstellen sollten?
Die wichtigsten Konsequenzen sehe ich bei der Optimierung der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Überall arbeiten Wissenschaftler an der Entwicklung von intelligenten Robotern, die auch in der Lage sein sollen, sich mit Menschen zu verständigen. Es geht also um die Frage, wie man den künstlichen Systemen die Kommunikation mit Menschen beibringen kann. Das menschliche Modell ist dabei bislang der junge männliche Ingenieur. Der hat eine ganz bestimmte Art zu denken, und die könnte nach unseren jüngsten Erkenntnissen nicht für alle Menschen optimal sein. Es wäre an dieser Stelle also sinnvoll, auch die weibliche Art des Kommunizierens bei der Programmierung von Robotern zu berücksichtigen.

Das müsste ja die Entwickler von Robotern interessieren.
Die Thematik des 3-Sekunden-Wahrnehmungsfensters ist noch gar nicht im Mainstream der Wissenschaft angekommen. Auch am MIT wird noch nicht ­zwischen inhaltsbezogenen und logis­tischen Funktionen im Gehirn unterschieden. Die zeitliche Informationsverarbeitung ist eine logistische Funktion. Sie ist vergleichbar mit der Management­aufgabe, die Strassen im Gehirn optimal zu bauen. Die heutigen Informatiker gehen jedoch davon aus, dass nur der Inhalt die Weise der Informationsverarbeitung bestimmt. Doch das ist Unfug. Im ostasiatischen Raum ist man indes bereit, sich auf die neue Sichtweise einzulassen.

Sie sagen, dass hinter dem 3-Sekunden-Fenster wahrscheinlich ein genetisches Programm steckt. Könnte es sein, dass bei kleinen Mädchen und Jungen die Zeitfenster zunächst gleich sind und sich der Unterschied erst im Laufe der Zeit durch die Umwelt und die Erziehung entwickelt?
Es ist bei kleinen Kindern bislang noch nicht untersucht worden, welche Unterschiede es im Hinblick auf dieses Phänomen gibt oder nicht gibt. Das sollte man unbedingt tun. Es könnte durchaus sein, dass es da gewisse Entwicklungsprozesse gibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 06:57 Uhr

Ernst Pöppel

Vom Seemann zum Hirnforscher

Ernst Pöppel wurde 1940 in Pommern geboren. Er strebte zunächst eine Karriere als Marineoffizier an. Nach einem Schreiben an den Chef der Marineschule, in dem sich Pöppel gegen die politische Forderung einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen hatte, wurde er fristlos entlassen. Er studierte dann Psychologie und Biologie in Freiburg, München und Innsbruck, habilitierte sich in Sinnesphysiologie an der Universität München und in Psychologie an der Universität Innsbruck. Von 1976 bis 2008 war Pöppel Professor für Medizinische Psychologie an der Universität München, von 1991 bis 1992 war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie. 2005 wurde er mit der Bayerischen Verfassungsmedaille in Silber geehrt. (N. L.)

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