«Selbst Alltagsstress gilt als unerkannte Depression»

Werden Antidepressiva zu schnell verschrieben? Wann helfen sie? Psychiatrieforscher Michael Hengartner gibt Antworten.

«Bei schwer Depressiven können Antidepressiva sinnvoll sein»: Michael Hengartner. Fotos: Dominique Meienberg

«Bei schwer Depressiven können Antidepressiva sinnvoll sein»: Michael Hengartner. Fotos: Dominique Meienberg

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Gemäss einer Studie der Universität Zürich verordnen in der Schweiz vor allem Hausärzte Antidepressiva (zum Bericht). Wenn Ihnen Ihr Arzt so ein Medikament gäbe, würden Sie es einnehmen?
Das ist mir tatsächlich passiert. Ich war wegen Stress im Job und Schlafproblemen wegen der Kinder beim Arzt. Nach fünf Minuten Gespräch wollte dieser mir ein Antidepressivum verschreiben. Ich habe das aber abgelehnt.

Warum?
Ich hatte zwar Stress und Schlafprobleme, aber keine Depression.

Dänische Forscher sagen, dass Antidepressiva nur wenig besser sind als Placebos. Gerade mal bei einem von neun Patienten wirken sie besser als Scheinmedikamente –ein verheerendes Resultat.
In der Tat. Man muss bei Medikamenten beruhend auf dem Schweregrad der Depression immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung machen. Wie hoch ist die Dringlichkeit? Welcher Nutzen tritt möglicherweise ein? Und welcher Schaden durch unerwünschte Effekte droht? Arbeiten wie die erwähnte aus Dänemark zeigen, dass der Nutzen von Antidepressiva im Durchschnitt sehr gering ist. Umgekehrt sind die Risiken in Form von Schlafstörungen, Unruhe oder gestörter Sexualität beträchtlich. Da ist es bei leichteren Depressionen sinnvoll, vor der Einnahme dieser Medikamente Alternativen auszuprobieren – wie Sport oder Psychotherapie.

Raten Sie generell von Antidepressiva ab?
Nein, das nicht. Bei schwer depressiven Patienten kann es durchaus sinnvoll sein, Antidepressiva auszuprobieren. Man muss einfach realistische Erwartungen haben und auf die Nebenwirkungen hinweisen.

Ärzte sagen, man müsse verschiedene Antidepressiva ausprobieren oder sie geschickt kombinieren, dann seien sie durchaus wirksam.
Das sind Behauptungen, welche wissenschaftlich widerlegt sind. Verschreibt man Patienten, bei denen ein Medikament nicht gewirkt hat, ein anderes, so wirkt dieses zweite nicht besser im Vergleich zum ersten. Auch Kombinationen wirken nicht besser, einzig die Nebenwirkungen nehmen zu. Dosiserhöhungen verbessern die Wirksamkeit ebenfalls nicht, wie zahlreiche Studien zeigen.

Eine Studie, an der Sie beteiligt waren, zeigte, dass die Tendenz zum Suizid nach Einnahme von Antidepressiva 2,5-mal höher liegt als mit Placebos. Sind Antidepressiva tödlich?
In gewissen Fällen können sie das sein, ja. Man wusste schon lange, dass Antidepressiva suizidale Handlungen veranlassen können. Sogar gesunde Personen werden bei diesen Mitteln in seltenen Fällen suizidal. Darum kombinieren Ärzte Antidepressiva oft mit Beruhigungsmitteln, um die berüchtigte Agitation der Patienten zu verhindern.

«Der Einsatz von Medikamenten sollte nicht vom Preis abhängen.»

Man hört immer wieder von Entzugserscheinungen, wenn Antidepressiva abgesetzt werden. Machen sie süchtig?
Süchtig ist der falsche Begriff, denn mit Sucht verbindet man das Verlangen nach dem Stoff. Das ist hier nicht der Fall. Antidepressiva haben keine berauschende Wirkung. Aber die Medikamente können körperliche Abhängigkeiten hervorrufen.

Etwa neun Prozent aller Menschen nehmen heute Antidepressiva ein. Das erzeugt beachtliche Kosten. Sind diese gerechtfertigt?
Diese Frage müssen sich den Krankenkassen stellen. Grundsätzlich finde ich, dass der Einsatz von Medikamenten nicht vom Preis abhängen sollte. Wenn Medikamente aber ein unvorteilhaftes Schaden-Nutzen-Verhältnis haben, dann ist es generell fragwürdig, sie einzusetzen – nicht nur wegen der finanziellen Kosten, sondern auch wegen der unerwünschten Wirkungen.


«Wissenschaftler, die von etwas überzeugt sind, suchen in ihren Daten so lange, bis sie die scheinbaren Belege dafür gefunden haben.»: Michael Hengartner in Zürich-West.

Stichwort psychiatrische Unterversorgung: Ist es wirklich so, dass viele Depressionen unentdeckt und unbehandelt bleiben?
Nein. Noch in den 70er- und 80er-Jahren waren Depressionen eine sehr seltene Krankheit, auch weil damals wohl tatsächlich viele Fälle unentdeckt blieben. Die Psychiatrie wollte dann aber als biomedizinische Fachdisziplin wahrgenommen werden und definierte 1980 die Depression vollkommen neu. Die neue Diagnose umfasste auch leichte und vorübergehende Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, welche man früher nicht als Depression erachtete. Es ergaben sich auch enge Kollaborationen mit der Pharmaindustrie, der sich hier schlagartig grosse Absatzmärkte eröffnete. In den 90er-Jahren ging man dazu über, mitunter selbst gewöhnliche Alltagsbelastungen als unerkannte Depressionen zu bezeichnen. Es gab von der Pharmaindustrie bezahlte Kampagnen, um die Leute auf ihre angeblichen Depressionen hinzuweisen und sie aufzufordern, zu ihrem Arzt zu gehen. Heute muss man sagen, dass Depressionen klar überdiagnostiziert sind. Häufiger werden bei Gesunden fälschlicherweise Depressionen diagnostiziert und behandelt, als dass bei depressiven Personen fälschlicherweise keine Diagnose gestellt wird.

«Niemand sieht in die Originaldaten der Pharmaindustrie hinein, nicht einmal die Zulassungsbehörden.»

Zuerst hatte man also ein Medikament, und dann suchte man sich die Patienten dazu.
Ja, durchaus. Studien haben gezeigt, dass Hausärzte unzähligen Patienten Antidepressiva verschreiben, die nicht einmal die liberalen Diagnosekriterien einer leichten Depression erfüllen. Allen Frances, ein bekannter amerikanischer Psychiater, bezeichnete dies als «Medikalisierung der Traurigkeit».

Die Pharmaindustrie steht unter Verdacht, sie halte Studien zurück, die keine oder gar negative Effekte von Antidepressiva zeigen. Wird nur publiziert, was die Pillen in günstigem Licht zeigt?
Absolut. Wir haben es hier mit einem grundsätzlichen Problem in der Medizin und anderen Fachdisziplinen zu tun. Es ist ein allgemeines Phänomen, dass Wissenschaftler, die von etwas überzeugt sind, in ihren Daten so lange suchen, bis sie die scheinbaren Belege dafür gefunden haben. In der Medizin, aber auch in der Psychologie oder in der Biologie ist die Fachliteratur darum massiv verzerrt. Niemand sieht aber in die Originaldaten der Pharmaindustrie hinein, nicht einmal die Zulassungsbehörden. Darum bestehen noch immer grosse Spielräume für die selektive Publikation von Studiendaten. Es ist eine der grössten Bedrohungen der Medizin, dass die Wirksamkeit von Medikamenten durch wissenschaftlich unredliche Methoden aufgebläht wird, während gewisse Nebenwirkungen einfach nicht erwähnt werden.

Welche Rolle spielt die Gewinnmaximierung der Industrie dabei?
Eine grosse. Ein Medikament kostet in der Entwicklung viele Millionen Franken. Wenn dann kurz vor der Zulassung die Studiendaten nicht so sind, wie man sich erhofft hat, drohen grosse finanzielle Investitionen vergebens gewesen zu sein. Wenn Milliarden Franken an Umsätzen locken, ist eben die Versuchung da, bei den Studienergebnissen zu schrauben. Aber auch der Profilierungsdrang von Wissenschaftlern spielt eine Rolle.

«Die Pharmaindustrie finanziert auch Lehrstühle und beeinflusst damit, was überhaupt erforscht wird.»

Wie steht es um die Verbandelung von Kliniken und Ärzten mit der Pharmaindustrie?
In der Psychiatrie hat diese Verbandelung zeitweise erschreckende Ausmasse angenommen. An Fachkongressen in den USA wähnte man sich Ende der 90er-Jahre an eigentlichen Pharma-Jahrmärkten. Die Industrie bezahlte die Forschungsprogramme, Kongresse, Sonderausgaben von Fachzeitschriften, die Weiterbildung und so weiter. Dabei ist erwiesen, dass die Wirksamkeit von Medikamenten überschätzt und die Nebenwirkungen heruntergespielt werden, sobald finanzielle Interessenkonflikte vorhanden sind.

Und heute?
Die Verknüpfungen sind heute zwar nicht mehr so ausgeprägt, aber immer noch da. Man findet kaum einen führenden Psychiater, der nicht jährlich mehrere Tausend Franken an Zuwendungen der Industrie kassiert. Die Pharmaindustrie finanziert auch Lehrstühle und beeinflusst damit, was überhaupt erforscht wird. Es gibt zum Beispiel viele Studien über die Wirksamkeit von Antidepressiva, aber kaum welche über die erwähnten Entzugserscheinungen. Auch wird massenweise nach Biomarkern von psychischen Störungen gesucht, die neue pharmakologische Behandlungen ermöglichen sollen. Es wird aber nahezu gar nichts in die Erforschung soziokultureller Ursachen und die Prävention psychischer Störungen investiert.

«Nur weil ohne Gehirn keine Gefühle erlebt werden, muss eine Depression nicht zwingend eine Störung des Gehirns sein.»

Die Psychiatrie setzt seit den 50er-Jahren auf Medikamente. Seither herrscht die Auffassung, viele psychiatrische Störungen gründeten in Missverhältnissen von Substanzen im Hirn. Ist dieser Ansatz gescheitert?
Dieser Ansatz ist schon lange gescheitert. Führende Psychiater stellen heute zwar in Abrede, dass sie je von einem Ungleichgewicht von Substanzen im Hirn als Ursache für Depressionen überzeugt gewesen seien. Viele Patienten aber hören noch heute von ihrem Arzt, dass solche Ungleichgewichte schuld an ihrer Niedergeschlagenheit seien. Depressive haben aber nicht mehr oder weniger Serotonin im Hirn als Nichtdepressive. Es ist klar widerlegt, dass eine Disbalance irgendwelcher Substanzen im Hirn die Ursache von Depressionen ist. Solche Vorstellungen sind auf Marketingkampagnen der Industrie zurückzuführen. Es gibt nicht mal einen Beweis, dass eine Depression auf eine Erkrankung des Gehirns zurückzuführen ist. Eine neurobiologische Ursache wurde jedenfalls noch nicht gefunden.

Der Mensch ist mehr als seine Säfte im Hirn?
Auf jeden Fall. Nur weil ohne Gehirn keine Gefühle erlebt werden, muss eine Depression nicht zwingend eine Störung des Gehirns sein. Ohne Hirn würde man keine Schmerzen empfinden – aber deshalb ist ein schmerzhafter Beinbruch noch lange keine Erkrankung des Gehirns.

Erstellt: 28.11.2019, 07:58 Uhr

Kritischer Blick auf die Wirkung von Antidepressiva

Michael Pascal Hengartner, 37, ist habilitierter Psychologe und forscht im Bereich klinische Psychologie, Sozialpsychiatrie und Epidemiologie psychischer Störungen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Dozent an der Universität Zürich. Hengartner verfasste mehrere wissenschaftliche Studien, die sich kritisch mit der Wirkung von Antidepressiva auseinandersetzten. (red)

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