Der Datenprediger

Seit 20 Jahren kämpft Gerd Antes für eine Medizin, die auf wissenschaftlichen Fakten basiert.

Gerd Antes: «Man muss zuspitzen, sonst hört einem niemand zu.» Foto: Lucian Hunziker

Gerd Antes: «Man muss zuspitzen, sonst hört einem niemand zu.» Foto: Lucian Hunziker

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Leise rauscht die Lüftung, sonst herrscht absolute Stille. Gut ein Dutzend Personen sitzen vor ihren Computern und ­lesen. Ab und zu tippt jemand in die ­Tasten, einer trägt einen Kopfhörer, ­niemand spricht. Nur Gerd Antes. Stolz führt er durch die Räume des ersten Stocks im Universitätsklinikum von Freiburg im Breisgau.

Hier befindet sich seit Anfang Jahr der deutsche Ableger der angesehenen Cochrane Collaboration, dem internationalen Netz aus Wissenschaftlern und Ärzten, an dem heute in der Medizin kaum jemand vorbeikommt. In den 25 Jahren seit der Gründung haben die verschiedenen nationalen Cochrane-Zentren unzählige Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zu Nutzen und Risiken von Therapien veröffentlicht.

Nicht selten steckt dabei in den eigentlich trockenen Arbeiten gehörig Zündstoff. Zum Beispiel beim Grippemittel Tamiflu. Hier lieferten sich die Cochrane-Forscher mit dem Hersteller Roche eine jahrelange Auseinandersetzung um Datenzugang, die weltweit für Schlagzeilen sorgte. Bei der Brustkrebsfrüherkennung legt sich das Cochrane-Zentrum in Dänemark ebenfalls seit Jahren quer und stellt die Wirksamkeit der überall propagierten Mammografie-Screenings infrage. Ein anderes Beispiel ist eine systematische Übersichtsarbeit zu ADHS-Medikamenten, die das Fehlen von aussagekräftigen Studien zur Langzeitwirksamkeit offenlegte.

«Lug und Trug», «blanker Unfug», «an die Wand fahren»

«Wir haben bei Cochrane exzellente Kollegen», sagt Antes und stellt damit klar, auf welcher Seite er die besseren Argumente sieht. Der Mathematiker leitet das deutsche Cochrane-Zentrum seit seiner Gründung im Jahr 1997, zuletzt als Co-Direktor, und gilt als ein Wegbereiter der sogenannten evidenzbasierten Medizin im deutschsprachigen Raum – auch in der Schweiz, wo er 2012 bei der ­Gründung des nationalen Cochrane-Zentrums in Lausanne Pate stand.

Der Anspruch der evidenzbasierten Medizin: Die ärztliche Tätigkeit muss wenn immer möglich wissenschaftlich fundiert sein. Nicht Opinionleaders und andere medizinische Autoritäten sollen sagen, welche Behandlung aufgrund ihrer Erfahrung die beste sein könnte. Dies ist die Aufgabe gut gemachter Studien. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. Doch offenbar ist dies bis heute nicht überall der Fall. «Es gibt immer noch Ärzte, die nichts davon wissen wollen», sagt Antes. Diese würden sich dann lieber auf die Erfahrung oder Studien, die zufällig passen, verlassen. «Das kann weit davon entfernt sein, was für den Patienten das Beste ist.»

Antes sitzt jetzt in einem fensterlosen Sitzungszimmer mit grossem Bildschirm und stellt sich den Journalistenfragen. Seine Mimik bleibt die ganze Zeit sparsam. Ein Pokerspiel würde man gegen ihn mit Garantie verlieren. Mit einer Radiostimme formuliert er gewählt und streut immer wieder Reizwörter ein, wie sie nicht nur Journalisten mögen. Dann spricht der Mathematiker von Lug und Trug, blankem Unfug, an die Wand fahren oder rumholzen. «Man muss zuspitzen, sonst hört einem niemand zu», so Antes.

Cochrane-Forscher stritten jahrelang mit Hersteller Roche um das Grippemittel Tamiflu. Foto: Keystone

Antes ist heute im deutschsprachigen Raum eine gewichtige Stimme, wenn es um medizinische Studien und Qualität geht. Er vereint Sachkompetenz mit klaren Worten und wird deshalb oft gefragt und gehört. Unlängst kritisierte er in dieser Zeitung den fast religiösen Glauben an den Nutzen des Datensammelns in der Medizin. Er steht auch hin und prangert Praktiken bei Patientenstudien an, etwa das selektive Ver­öffentlichen nur von genehmen Forschungsresultaten oder das Zurückhalten von Rohdaten durch Pharmafirmen. Zuletzt trat er in den deutschen Medien gegen sogenannte Raubverlage an. ­Deren vermeintliche Fachzeitschriften lassen sich das Veröffentlichen von ­Studien durch die Forscher selber teuer bezahlen, ohne sich um Qualitätsstandards zu kümmern.

Gerd Antes liebt den Disput, das Argumentieren und seine Rolle als Fachmann, der die anderen überzeugen muss. «Man darf es aber nicht übertreiben», rät er. Wenn Kritik zu ruppig komme, provoziere man nur und verliere schnell seine Wirkung. «Es muss immer irgendwie mit dem Florett sein – und immer korrekt.»

«Wie sonst wollen Sie herausfinden, ob etwas wirkt?»

Geboren in Neumünster bei Hamburg, studierte Antes in Bremen Mathematik, verwendete diese danach aber ausschliesslich für medizinische Frage­stellungen. Nach dem Berufseinstieg in der pharmazeutischen Industrie und einer Lehramtsausbildung kam er über verschiedene Stationen schliesslich zu Cochrane. «Es war ein riesiger Zufall», erinnert er sich. «Die Gründer fanden in Deutschland niemanden, der hier in dieses Thema einsteigen wollte.» Niemand ausser Antes, offensichtlich der richtige Mann dafür.

Er hat seither nicht nur das Zentrum etabliert. Sein Wirken hinterlässt auch ausserhalb Spuren. Unter anderem ist er Mitinitiator eines deutschen Registers für klinische Studien sowie Mit­begründer des «Netzwerks Evidenz­basierte Medizin». Und er berät und schult ­Mediziner und Journalisten, damit sie über das statistische Rüstzeug für ihre Arbeit verfügen.

Seit Anfang Jahr ist das Cochrane-Zentrum Deutschland eine Stiftung, ­finanziert vom Bund. Für den 69-Jäh­rigen, der im Herbst sein Amt als Leiter des Cochrane-Zentrums abgeben wird, eine grosse Anerkennung. «Das wurde von der Bundesregierung verabschiedet und ist sehr ungewöhnlich, da in Deutschland Gesundheitswesen und Universitäten Ländersache sind», betont Antes und fügt an: «Wir gehören nun weltweit zu den am solidesten finanzierten Zentren.»

Cochrane-Forscher werden manchmal selbst von angesehenen Medizinern  als  Datenfundamentalisten ­kritisiert.

Die Cochrane-Stiftung teilt sich am Uniklinikum den ersten Stock mit dem Institut für Evidenz in der Medizin, das Antes ebenfalls noch bis zum Herbst leitet. Von ärztlicher Tätigkeit ist hier allerdings nichts zu spüren. Das Rohmaterial sind sogenannte randomisierte kontrollierte Studien. Bei diesen erhält ein Teil der Patienten jeweils eine Placebobehandlung oder ein Vergleichsmedikament. Der Zusatz «randomisiert» bedeutet, dass die Teilnehmer zufällig entweder der Studien- oder der Kontrollgruppe zugeteilt werden.

Diese Art Untersuchungen gelten als Goldstandard in der klinischen Forschung, mit der sich die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Behandlung am besten prüfen lässt. Solche Studien sind aufwendig und nicht selten nur schwer umsetz- oder finanzierbar. Cochrane-Forscher werden deshalb manchmal selbst von angesehenen Medizinern als Datenfundamentalisten ­kritisiert. Ein Vorwurf, den Antes nicht gelten lässt. Andere Studienformen wie Beobachtungsstudien seien viel fehleranfälliger und würden zu falschen Schlüssen verleiten, entgegnet er. «Wie sonst als mit kontrollierten Studien und systematischen Übersichtsarbeiten wollen Sie herausfinden, ob etwas wirkt?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 17:57 Uhr

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