Porträt

Der Forscher mit der surrenden Hand

Der Psychologe Bertolt Meyer kam ohne linken Unterarm auf die Welt. Heute versteckt er seine Prothese nicht mehr. Und er hat das Anderssein zu seinem Forschungsthema gemacht. Ein Porträt.

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«Wollen Sie die alte Hand mal sehen?», fragt Bertolt Meyer. Flink kramt der deutsche Sozialpsychologe von der Universität Zürich in seiner Tasche und legt die Prothese mit einem hautfarbenen Plastiküberzug, der durchs Tragen vergilbt und verfärbt ist, auf den Tisch in seinem Büro. Sie sehe grauenhaft aus und strahle den Charme eines Sanitätshauses der 70er-Jahre aus, findet der 36-jährige Wissenschaftler. Er benutze sie nur noch zum Velofahren, um die neue Prothese für den Fall eines Sturzes zu schonen.

Mit grosser Selbstverständlichkeit bewegt er die Finger seiner neuen, transparenten Hightechhand, die durch das edelgraue Silikon und all die filigranen Metallelemente elegant wirkt. Mit dieser Prothese kann er vieles machen, das mit der alten nicht möglich war, zum Beispiel fotografieren. Für Meyer, der vor seinem Psychologiestudium in Hamburg und Berlin einige Semester Informatik studiert hat und sich selbst als Gadget-Freak bezeichnet, gehört die neue Hand in die gleiche Kategorie wie ein iPhone: Das Ding sei einfach cool.

Als er zur Kaffeetasse greift, surren die Elektromotoren dezent. Ein Geräusch, das ihn immer begleitet, aber nicht stört. Unangenehm war es ihm indes früher, als seine Prothese noch wie die Hand einer Schaufensterpuppe aussah. Diese plumpe Art der Tarnung führte dazu, dass einige Leute seine Behinderung zuerst gar nicht bemerkten, danach aber umso heftiger reagierten und geschockt waren.

Was Vorurteile mit uns machen

Mittlerweile sieht man indes auf den ersten Blick, dass ihm die linke Hand fehlt und sie durch moderne Technik ersetzt wird. «Ich sende nach aussen nun nicht mehr das Signal, dass ich etwas verstecken muss und die Sache mir selbst unangenehm ist», sagt Bertolt Meyer. Es ist jetzt sofort klar und für alle gut sichtbar, dass er anders ist. Er trage damit auch ein wenig zur Vielfalt unserer Gesellschaft bei.

Genau das ist auch sein Fachgebiet am Psychologischen Institut. Dort erforscht er, wie Menschen in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft miteinander umgehen und zusammenarbeiten. Aufgrund der zunehmenden Globalisierung und des fortschreitenden demografischen Wandels verändert sich die Arbeitswelt in den westlichen, demokratischen Industriestaaten derzeit rasant. Wie wirkt sich dies auf ein Team aus? Inwieweit beeinflussen Vorurteile das Verhalten, die Zufriedenheit und die Leistung am Arbeitsplatz?

Meyer konnte unter anderem mit einer Studie zeigen, wie stark uns Stereotype auch unbewusst lenken. Beim Lösen von Aufgaben bekam beispielsweise jeweils der einzige Mann aus dem Team sofort die Kompetenz für Mathematik zugeschrieben. Die einzige Frau in einer anderen Gruppe war dagegen im Nu die anerkannte Expertin für emotionale Intelligenz. Eine sehr klassische und klischeehafte Zuordnung.

Vielfalt gegen den Stillstand

Erstaunlich war, dass sich die von ihrer Gruppe ausgewählten Personen plötzlich mehr und mehr durch diese neue Rolle aufplusterten und auf diesem Gebiet so viel Selbstvertrauen gewannen, dass sie besser abschnitten als bei einem zuvor durchgeführten Kontrolltest. «Das ist das Krasse», sagt Meyer: Die Leute wüchsen über sich hinaus und verbesserten ihre Leistung – aber nur, wenn sie genau in dieses Stereotyp passten.

«Ich halte Vielfalt für eine der wichtigsten gesellschaftlichen Ressourcen, die wir haben», sagt Meyer. Wo sie fehle, gebe es keine Innovation und keine Entwicklung. Eintönigkeit und Gleichheit bedeuten für ihn Stillstand. Natürlich habe dies auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Besonders treffend habe dies der Sozialpsychologe Jens Förster einmal formuliert: «Re-Search» (also Forschung) sei auch immer «Me-Search». Das ist bei ihm hängen geblieben. Deshalb forscht er auch an Dingen, zu denen er einen persönlichen Bezug hat und die ihn wirklich interessieren.

«Man weiss nicht genau, woran es liegt»

Zusammen mit der Psychologin Janine Grütter hat er jetzt in der Fachzeitschrift «Journal of Applied Social Psychology» eine Studie über die Integration von Sonderschülern im Kanton Zürich veröffentlicht. Das Fazit der Untersuchung: Es hängt massgeblich von der Einstellung der Lehrperson ab, ob ein Kind von seinen Gspänli akzeptiert wird oder nicht. Dass dies letztlich mit mehr Arbeit verbunden sei, wisse er aus eigener Erfahrung. Zum Beispiel hatten seine Eltern ihn damals ein paar Jahre ins Judo geschickt. Der Sensei sei sehr gefordert gewesen, da er ja nur mit einer Hand die Würfe habe machen können. Doch es sei für ihn ein unvergessliches Erlebnis gewesen, dazuzugehören.

Bertolt Meyer ist aufgrund einer sehr selten vorkommenden angeborenen Fehlbildung, einer sogenannten Dysmelie, ohne linken Unterarm auf die Welt gekommen. «Man weiss nicht genau, woran es liegt», sagt er. Und familiäre Häufungen gebe es auch nicht. Im Vergleich zu anderen Behinderungen sei es jedoch ein ziemliches Luxusproblem, da er im Alltag sowie in dem Job, den er sich ausgesucht habe, funktioniere. Er bedauere lediglich, dass er nicht Klavier spielen könne.

Zwei Elektroden auf dem Arm

Als Säugling hatte er zuerst ein Patschhändchen aus Holz, damit er das Gefühl dafür bekam, dass dort noch etwas war. Im Kindergartenalter erhielt er dann in Hamburg eine Eigenkraftprothese. Sie wurde unterhalb des noch vorhandenen Ellbogens befestigt und verfügte über eine Zange, die sich anhand von eingeübten Schulterbewegungen und einem ausgetüftelten Seil- und Gurtsystem zum Greifen öffnen und schliessen liess.

«Ich habe diese Prothese lange nicht getragen, da sie beim Klettern auf dem Spielplatz nur störte», sagt Meyer. Ohne sei er viel schneller gewesen. Erst später in der Pfadi war sie für ihn nützlich, um Feuer zu machen oder ein Zelt aufzustellen. Als er erwachsen war, bekam er eine massgeschneiderte, elektrisch angetriebene Prothese – jene, die er heute nur noch als Ersatz zum Velofahren benutzt. Sie wurde technisch nicht weiterentwickelt.

Seit 2009 trägt er eine moderne Handprothese vom Typ i-Limb der Firma Touch Bionics. Das britische Start-up-Unternehmen schenkt ihm inzwischen jedes Jahr ein neues Modell, da er sich zur Verfügung stellt, die technischen Fortschritte zweimal jährlich an Messen live vorzuführen. Um die Prothese zu bewegen, liegen zwei Elektroden auf seinem Arm. Sie messen die elektrische Spannung an der Hautoberfläche, die dadurch entsteht, dass er einen ganz spezifischen, kräftigen Muskel bewegt, der eigentlich für das Anwinkeln des Handgelenks zuständig wäre.

Das Bier im Zangengriff

Mithilfe einer App auf dem Smartphone hat er drei Monate lang immer wieder geübt, die Prothese richtig zu steuern. Dabei wird das durch die Muskelbewegung erzeugte Signal auch auf dem Display visuell dargestellt, sodass er lernen kann, wie stark, oft und schnell er entweder den Muskel zum Beugen oder jenen zum Strecken bewegen muss. «Im Prinzip ist es ähnlich wie ein Klick oder Doppelklick mit der Maus», erklärt Meyer. Und Übung mache den Meister.

Insgesamt kann er jetzt zwischen 24 Griffen wählen. Mit der alten, klobigen Handprothese, die nur einen einzigen Elektromotor enthält, ist nur der einfache Zangengriff möglich. Hinzu kommt, dass diese keine Drucksensoren hat und nur mit Daumen und Zeigefinger zupackt. «Es ist sehr schwierig und anstrengend, auf diese Art und Weise etwas festzuhalten», sagt Meyer. In der Disco ist ihm einmal eine Bierflasche aus der Hand gerutscht, es gab eine Sauerei. Aus Angst, dass so etwas wieder vorkommen könne, habe er Zerbrechliches nicht mehr mit der Prothese gehalten.

Die moderne, 55'000 Franken teure Hightechprothese ist längst Teil seines Körperschemas geworden. Auffallend ist, dass diese Art von Behinderung inzwischen nicht mehr nur als Mangel, sondern bereits auch schon als Vorteil wahrgenommen werden kann. Das zeigt das Beispiel des Sprintstars Oscar Pistorius, der als Mann ohne Beine berühmt wurde. Bevor der Südafrikaner wegen Mordverdachts angeklagt wurde, lief er an den Olympischen Spielen in London mit Karbonfedern und qualifizierte sich für den Halbfinal über 400 Meter.

Faszination statt Mitleid

Während Meyer früher wegen seiner sichtbaren Behinderung von Fremden auf der Strasse bemitleidet und nach alter Denkschule kategorisch als arm und inkompetent eingestuft wurde, sind insbesondere junge, technikaffine Menschen fasziniert von der künstlichen Hand. Sie gehen unvoreingenommen auf ihn zu und finden die Prothese «ein tolles Teil».

«Manchmal geht es sogar so weit, dass sie auch so eine Hand haben wollen», sagt der Sozialpsychologe. Doch dann mache er diese Leute darauf aufmerksam, dass er von der Technik und vor allem vom Strom abhängig sei. Jeden Tag muss er zwei Stunden an die Steckdose. Sein Orthopädietechniker habe ihm von einem Kunden erzählt, der das Aufladen mal vergessen habe. «Als der Mann sich im Tram an einer Stange festhielt, war plötzlich sein Akku leer», sagt Meyer. Er sei nicht mehr weggekommen und habe bis ins Depot mitfahren müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2013, 09:46 Uhr

Bionik

Der künstliche Mensch von London
Ausgehend vom natürlichen Vorbild des menschlichen Körpers, haben Wissenschaftler aus aller Welt einen Roboter aus künstlichen Organen wie etwa Herz, Lunge, Niere und Bauchspeicheldrüse geschaffen. Er heisst Rex und steht seit vier Monaten im Science Museum in London.

Der erste bionische Mensch hat nicht nur artifizielles Blut in seinen Adern aus Kunststoff, sondern auch künstliche Körperteile. Zum Beispiel besitzt er das gleiche Modell einer Hightechprothese, das auch Bertolt Meyer von der Universität Zürich trägt. Der 720'000 Franken teure Rex kann laufen, greifen, sprechen und atmen. Der Prototyp soll zeigen, welche Funktionen des Körpers sich dank moderner Technik gut nachahmen oder sogar ersetzen lassen können.

Der Psychologe Bertolt Meyer hat die Entwicklung dieses Roboters als Moderator der Dokumentationssendung «How to Build a Bionic Man» im britischen Fernsehen begleitet. Für die Sendung hat er sich überreden lassen, dass man von seinem Gesicht einen 3-D-Druck für den Kopf des Roboters macht. «Dies war ein grosser Fehler», sagt Meyer. Er sei total ausgeflippt, als er Rex das erste Mal gesehen habe. Er habe das schreckliche Gefühl gehabt, seine eigene Totenmaske zu sehen. (bry)

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