Der Heuschnupfen lässt sich nicht einfach wegstechen

Akupunktur gegen Pollenallergie ist beliebt. Doch nun zeigt eine grosse Studie, dass sie kaum hilft.

Akupunktur ist als Ergänzung, nicht als Alternative zur schulmedizinischen Heuschnupfentherapie sinnvoll: Eine Patientin mit Akupunkturnadeln.

Akupunktur ist als Ergänzung, nicht als Alternative zur schulmedizinischen Heuschnupfentherapie sinnvoll: Eine Patientin mit Akupunkturnadeln.

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Es war bislang Glaubenssache, ob Akupunktur bei Heuschnupfen hilft oder nicht. Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen zeigten widersprüchliche Ergebnisse und lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. Doch nun könnte eine unlängst im Fachblatt «Annals of Internal Medicine» erschienene Studie mehr Klarheit schaffen. Sie ist dafür genügend gross und methodisch hochstehend.

Für Anhänger der Akupunktur fallen die Resultate der Mediziner um den Naturheilkundeprofessor Benno Brinkhaus vom Berliner Universitätsklinikum Charité allerdings ernüchternd aus: In der Studie fühlten sich die Patienten nach der Behandlung zwar besser und brauchten weniger Medikamente. Doch die Veränderungen waren so gering, dass es fraglich ist, ob sie im Alltag eine Rolle spielen. In den Worten der Autoren: «Die Verbesserungen sind möglicherweise nicht klinisch bedeutsam.»

Widersprüchliche Interpretation

Auch Edzard Ernst, prominenter Kritiker der Komplementärmedizin und emeritierter Professor der britischen Universität Exeter, findet anerkennende Worte für die Studie. Sie habe praktisch alle Merkmale einer gründlichen Forschungsarbeit, schreibt er in seinem Blog. Seine Einschätzung ist bemerkenswert positiv, denn für die Komplementärmedizin-Forschung der Berliner Charité hat er sonst kaum ein freundliches Wort übrig. Pikantes Detail: Brinkhaus und zwei weitere Studienautoren gehören zu den engen Anwärtern für die Nachfolge des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Zürich. Ernst hatte vergangenen Herbst die Berufungskommission wegen des Auswahlverfahrens unter Protest verlassen.

Doch so gut gemacht die Studie ist, die Interpretation der Ergebnisse ist nicht eindeutig. So relativiert Erstautor Brinkhaus seine eigenen schriftlichen Formulierungen in der Publikation. Gegenüber dem TA erläutert er: «Aufgrund der Studie kann man sagen, dass Akupunktur bei Heuschnupfen nach acht Wochen wirkt.» Dass dies nicht so im Paper stehe, habe damit zu tun, dass man bei der Zeitschrift eine vorsichtige Interpretation der Ergebnisse bevorzugte.

In der Studie behandelten an verschiedenen Zentren 46 spezialisierte deutsche Ärzte insgesamt 422 Heuschnupfenpatienten. Die Hälfte der Probanden wurde jeweils an zwölf Sitzungen über acht Wochen verteilt mit Akupunktur behandelt. Von den anderen Patienten erhielt ein Teil gleich viele Behandlungen mit Scheinakupunktur, bei der die Nadeln an falschen Punkten und nur oberflächlich gesetzt wurden; der Rest erhielt keine Akupunkturtherapie. Alle Patienten durften Antihistaminika gegen ihre Symptomen einnehmen, falls dies erforderlich war.

Mehr Medikamente

Nach zwei Monaten befragte man die Probanden zu ihren Symptomen und wie viel Heuschnupfenmedikamente sie einnahmen. Dabei zeigte sich: Akupunkturpatienten litten im Vergleich zum Rest etwas weniger unter Heuschnupfensymptomen und nahmen durchschnittlich nur noch halb so häufig Antihistaminika. Zwei Monate später war der Effekt verschwunden, wobei dann auch «der Pollenflug nicht mehr so stark war», wie Brinkhaus sagt. Die Nachuntersuchung ein Jahr später ergab dann wieder die gleichen Unterschiede im Vergleich zur Scheinakupunktur. Allerdings waren die selbst deklarierten Symptome auch bei den Scheinakupunktierten besser als zu Beginn der Studie und der Medikamentenverbrauch bei allen Probanden im Schnitt höher als vor der Akupunkturbehandlung im Vorjahr.

Klinisch relevant oder nicht – gross scheint der gefundene Effekt nicht zu sein. Zu diesem Resultat kommt auch eine Studie mit 240 Patienten aus Südkorea und China bei ganzjährigem allergischem Schnupfen, etwa gegen Hausstaubmilben. Zwar wirkte die Akupunkturtherapie besser als Scheinakupunktur, doch der Unterschied sei nicht gross und könne auch «zufällig zustande gekommen sein», schreiben die Autoren um den Koreaner Sun-mi Choi im Fachblatt «Allergy». Zudem hätten sich auch Unterschiede zwischen keiner Behandlung und Scheinakupunktur gezeigt. Das bedeute, dass entweder auch Scheinakupunktur wirksam sei oder ein Placeboeffekt auftrete, so die Autoren.

Bei beiden Studien kann zudem nicht ausgeschlossen werden, dass die akupunktierenden Ärzte ihre Patienten bewusst oder unbewusst beeinflusst haben. Schliesslich mussten sie wissen, wann sie nach Lehrbuch und wann sie zum Schein akupunktierten. Zudem waren alle Patienten gegenüber der Akupunktur aufgeschlossen, was das schlechtere Abschneiden der Kontrollgruppe ohne Akupunktur erklären könnte.

Aus eigener Erfahrung als Therapeut ist Brinkhaus überzeugt, dass positive Effekte der Akupunktur vor allem nach zwei bis drei Jahren wirklich zum Tragen kommen. Angesichts der bestenfalls beschränkten Wirksamkeit sieht er die Akupunkturbehandlung bei Heuschnupfen in erster Linie als Ergänzung und nicht als Alternative zur herkömmlichen schulmedizinischen Therapie.

Aufwendig und teuer

Peter Schmid, Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich, betont, dass Akupunktur in der Studie nur als symptomatische Therapie funktionierte. «Sie hat keine Langzeiteffekte wie eine Desensibilisierung», sagt er. Zudem sei sie Medikamenten nicht überlegen. «Die wahren Domänen der Akupunktur sind etwa chronische Schmerzen. Dort ist sie voll etabliert und auch für uns gerade bei Patienten mit Schmerzmittelunverträglichkeit eine sehr geschätzte Option», sagt der Allergologe.

Hinzu kommt, dass der zusätzliche Aufwand für die acht Akupunkturbehandlungen zu jeweils 20 bis 30 Minuten bei Heuschnupfen recht hoch ist. Und zudem nicht billig, was auch Brinkhaus einräumt: «Unter dem Strich verursacht die Behandlungsmethode natürlich Mehrkosten.»

Erstellt: 10.05.2013, 19:25 Uhr

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Pollenallergie-Behandlung
15 Prozent probieren Akupunktur

Akupunktur ist bei Heuschnupfenpatienten beliebt. In einer deutschen Studie gaben 15 Prozent aller Pollenallergiker an, ­irgendwann im Leben Akupunktur aus­probiert zu haben. Damit ist die Methode nach Homöopathie und Eigenbluttherapie die am meisten verwendete komplementärmedizinische Methode bei Heuschnupfen. Häufig kommt die sogenannte ­Ohrakupunktur zum Einsatz, die in der aktuellen Heuschnupfen-Studie auch bei rund 40 Prozent der Akupunkturen ­eingesetzt wurde.


Die Gründe, weshalb Pollenallergiker sich für Akupunktur entscheiden, seien vielfältig, sagt Anita Meyer, Vorstands­mitglied der schweizerischen Gesellschaft für Akupunktur und chinesische Arznei­mitteltherapie (Sacam). Etwa weil die Desensibilisierung zu wenig wirke oder weil Patienten nicht gerne dauernd antiallergische Mittel oder sogar Kortison nehmen wollten. Ihre Praxis in Frauenfeld würden während der Allergiesaison ­geschätzte 5 bis 10 Prozent aller Patienten wegen einer Pollenallergie aufsuchen.


Auch bei Allergologen gilt Akupunktur als eine der komplementärmedizinischen Methoden, von denen zumindest nicht abgeraten wird. «Akupunktur ist durchaus eine Option, bei der bei Atemwegallergien ein gewisser Effekt gezeigt werden konnte», sagt Peter Schmid, Leiter der Allergie­station am Universitätsspital Zürich. Allerdings sei der Placeboeffekt bei allen Allergiebehandlungen mit rund 20 Prozent generell hoch. (fes)

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