Der Sänger am Operationstisch

Martin Meuli hat eine Vorliebe fürs Unkonventionelle. Er wäre beinahe Opernsänger geworden, nun ist er Chefchirurg am Zürcher Kinderspital und operiert Föten im Mutterbauch.

Er liebe die Chirurgie, sagt Martin Meuli, weil es ein «vibrierendes Fach mit einer gewissen Aggressivität» sei.

Er liebe die Chirurgie, sagt Martin Meuli, weil es ein «vibrierendes Fach mit einer gewissen Aggressivität» sei. Bild: Sabina Bobst

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Wer sich mit Martin Meuli zum Interview verabredet, landet schnell einmal im Operationssaal. Noch bevor der Chefarzt der Chirurgie am Kinderspital Zürich Gelegenheit hat, sich warmzureden, steht eine Assistentin im Türrahmen und schaut erwartungsvoll: «Offene Nierenbiopsie, es wäre wichtig.» Kurz darauf steht Meuli grün gekleidet mit Käppi und Mundschutz in einem Raum voller Bildschirme und piepsender Geräte. Dahinter liegt ein narkotisiertes sechsjähriges Mädchen mit freigelegten Nieren; darum herum ein gutes Dutzend Ärzte und Operationsassistenten. Sie wussten nicht, wie weiter, riefen den Chef.

Pionier in seinem Fach

Nun rätseln sie mit Meuli, was es mit den Nierenzysten der Patientin auf sich hat. Die Atmosphäre ist konzentriert, aber locker. Es wird auch gelacht. Nach einer halben Stunde meldet das Labor den Befund der untersuchten Gewebeproben: ein gutartiger Tumor. Erleichterung. Die Operation kann ohne den Chef weitergehen.

Martin Meuli ist in seinem Fach ein Pionier. Diesen Sommer konnte er die erfolgreiche Operation von zwei Ungeborenen im Mutterbauch vermelden (TA vom 29. 7.). Eine Europapremiere, die für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Die beiden Föten hatten eine Spina bifida, einen offenen Rücken, was lebenslange Behinderungen zur Folge hat und für viele Paare ein Abtreibungsgrund ist. Es ist ein Erfolg, auf den der 56-Jährige über 15 Jahre lang hingearbeitet hat.

2007 machte der selber kinderlose Kinderchirurg Schlagzeilen mit der ersten Trennung von siamesischen Zwillingen in der Schweiz seit 24 Jahren. Seine ursprüngliche Spezialität sind aber Operationen von Kindern mit schweren Verbrennungen. Meuli hat massgeblich dafür gesorgt, dass das Zürcher Kinderspital in Europa das führende Zentrum ist.

«Basta, jetzt ist es so!»

Auf dem Rückweg vom Operationssaal singt Meuli leise vor sich hin. Normalerweise tut er dies laut und mit voller Inbrunst. Musik, insbesondere klassische, sei seine geheime Liebe, sagt er. «Ich wusste lange Zeit nicht, ob ich bei der Medizin bleiben soll.» Er hat lange Gesang studiert und wurde mit 31 beim Internationalen Opernstudio des Opernhauses Zürich aufgenommen. Was ein Sprungbrett für eine professionelle Sängerkarriere hätte werden können, erübrigte sich just in dem Moment, als er eine Stelle als Oberarzt am Kinderspital angeboten bekam. Er entschied sich schweren Herzens für die Medizin. «Ich sagte mir: Basta, jetzt ist es so!», erzählt Meuli und klopft theatralisch auf seinen Schreibtisch.

Die Entscheidung war offensichtlich richtig. Als er sich 2003 an verschiedenen Orten für eine Professur als Kinderchirurg bewarb, stritten sich am Ende Bern und Zürich um ihn. Bern war zuerst, doch Zürich legte das bessere Angebot vor. Anders als gewisse Kollegen tappte Meuli nicht in die Chefarztfalle: «Man darf seine Macht nicht missbrauchen und seine Leute schlecht behandeln», sagt er, «im Gegenteil, sie müssen sich maximal entfalten können.» Auch legt er viel Wert auf eine intensive Nachwuchsförderung. «In drei bis fünf Jahren werden wir ein paar Leute haben, die fähig sind, grosse Kliniken zu leiten.»

Auch mal ausgefallene Ideen

Die Mitarbeiter schätzen ihn. Ernst Reichmann, Leiter des Forschungslabors der Chirurgischen Klinik, sagt: «Martin Meuli vereint auf besondere Art Kreativität und Charisma.» Er könne dadurch Projekte entwickeln und gleichzeitig andere mitreissen. «Er sorgt so dafür, dass seine Ideen auch umgesetzt werden», sagt Reichmann. Es sind manchmal auch ausgefallene Ideen, wie am letzten Verbrennungskongress in Zürich. Dort dirigierte Chefarzt Meuli am Abend einen Chor in der Frauenbadi, vom Becken aus, mit Schwimmring um den Bauch, vor Forschern und Medizinern aus der ganzen Welt. Während Meuli in seinem Chefsessel sitzend erzählt, unterbrechen ihn immer wieder Telefonanrufe.

Doch er verliert den Faden nicht. Aus seinem Mund klingt sein Werdegang wie eine unterhaltsame Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen und wohl auch der einen oder anderen sanften Überhöhung aus dramaturgischen Gründen. 1955 in Chur geboren, studierte Meuli Medizin eher zufällig. Weil der Numerus clausus vorzeitiges Einschreiben erforderte und es dafür in der RS ein paar Tage frei gab. Während des Studiums in Zürich sei er nie sehr fleissig gewesen, trotzdem lief es beim Staatsexamen «chäibe guet». Meuli sagte sich: «Jetzt schauen wir mal.»

Das Aggressive an der Chirurgie

Eines war schnell klar: Es musste Chirurgie sein. «Es ist ein aktives, vibrierendes Fach mit einer gewissen Aggressivität», sagt Meuli. «Man sieht sofort, wie es gelaufen ist.» Das habe etwas sehr Lineares und Pragmatisches. Dabei hat seine manuelle Begabung geholfen, die Vorliebe umzusetzen: «Ich hatte immer das Gefühl, dass ich die Hände gut im Griff habe.» Wichtig ist ihm, dass er die professionelle Distanz wahren kann, selbst beim Anblick von Kindern mit schwersten Verbrennungen. «Das lässt einen nicht kalt, doch die Emotionen dürfen nicht eine pragmatische Analyse und Behandlung behindern.»

Das Interesse für die Fötalchirurgie geht zurück auf die Zeit als Oberarzt am Kinderspital, während der Martin Meuli die Verbrennungsabteilung leitete. Dabei sah er die fürchterlichsten Vernarbungen, weshalb ihn die Beobachtung faszinierte, dass bei Föten Wunden ohne Narben heilen. Zusammen mit seiner Frau Claudia, heute ebenfalls Professorin und Chefärztin der Klinik für Plastische, Wiederherstellungs- und Handchirurgie am Kantonsspital Aarau, verbrachte er Mitte der 90er-Jahre zwei Jahre an der University of California von San Francisco, dem damals weltweit einzigen Zentrum für fötale Chirurgie. Dort wurde 1981 der erste Eingriff bei Ungeborenen durchgeführt. «Die fötale Chirurgie ist die jüngste Disziplin der Chirurgie, das Nonplusultra», sagt Meuli. Ehrgeiz, aber auch eine «flammende Faszination» für etwas, was bislang kaum jemandem gelungen ist, treibt ihn an. In Europa befindet sich der einzige Konkurrent in Deutschland. Dort operierten die Ärzte schon früher Ungeborene, weshalb Meulis Europapremiere eigentlich nur eine halbe ist.

Nach fünf Jahren war das Team bereit

Doch erfolgte der in Deutschland durchgeführte Eingriff endoskopisch in einer Schlüssellochoperation. Was auf den ersten Blick gut klinge, sei sehr problematisch, warnt Meuli. Es drohten mehr Komplikationen, weil die kleinen Löcher in der Gebärmutter nicht richtig verschlossen werden könnten. Seit Meuli 1995 zurück in die Schweiz kam, wollte er selber Ungeborene operieren. Knapp fünf Jahre später war das Kinderspital-Team so weit, dass es solche Fötaloperationen tatsächlich hätte durchführen können, und Meuli kündete den Eingriff in den Medien mehrfach an. Doch dann fehlten die Fälle. In der Schweiz kommt Spina bifida rund zehnmal jährlich vor; andere Missbildungen, die hätten operiert werden können, sind noch seltener. Bei den wenigen Fällen, bei denen Fötaloperationen tatsächlich infrage kamen, entschieden sich die Eltern dagegen.

Konkurrenten haben es schwer

Von 2003 bis Ende des vergangenen Jahres verhinderte dann eine grosse Studie in den USA zur Spina-bifida-Operation, dass Meuli den Eingriff machen konnte. Der Grund: Die amerikanischen Spezialisten durften während der Studie nur Patienten aus den USA operieren. Meuli wollte die ersten Eingriffe aber auf keinen Fall ohne die Unterstützung der erfahrenen Kollegen vornehmen. «Ich wollte für die Patienten die bestmögliche Expertise und mich nicht dem Vorwurf möglicher Wurstelei aussetzen.»

Jetzt, da es geklappt hat, will Meuli Zürich zum europäischen Zentrum für Fötalchirurgie machen, wohin die Patienten von überall her hingeschickt würden. «Andere Länder haben es jetzt schwer, aufzuholen», sagt er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2011, 10:35 Uhr

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