Der smarte Warner

Wer alle paar Minuten auf sein Smartphone schaue, bekomme eine Aufmerksamkeitsstörung, sagt der Psychiater Manfred Spitzer. Der Anfang einer neuen Zivilisationskrankheit.

«Die Dosis der digitalen Nutzung macht das Gift», sagt der Psychiater Manfred Spitzer. Foto: Tobias Gerber (Laif)

«Die Dosis der digitalen Nutzung macht das Gift», sagt der Psychiater Manfred Spitzer. Foto: Tobias Gerber (Laif)

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Sind wir noch normal? Ständig nehmen wir unser Smartphone zur Hand, checken Mails und News, nutzen Apps, surfen im Internet oder chatten mit Freunden. Egal wo, starren wir zwischendurch immer wieder gebannt auf das kleine Display. Gibt es etwas Neues? Bloss nichts verpassen. Es könnte ja wichtig sein. Gemäss einer aktuellen Studie der Universität Bonn mit Daten von 60'000 Usern verbringt der Durchschnittsnutzer täglich zweieinhalb Stunden mit dem Smartphone, ­Jugendliche sogar drei Stunden. Im Durchschnitt aktivieren die Besitzer 53-mal am Tag das Handy.

«Was früher das Schweizer Taschenmesser war, ist heute das Smartphone», sagt Manfred Spitzer, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm. «Wir nutzen das High­techgerät als Werkzeug für alles. Wenn uns Fragen im Alltag begegnen, bemühen wir möglichst keine grauen Zellen mehr im Gehirn, um diese zu beantworten, sondern greifen einfach schnell zum Smartphone, Tablet oder Laptop. Im Nu lassen sich damit gesuchte Kontakte, Wegbeschreibungen, Texte oder gleich die geballten Wikipedia-Informationen abrufen.» Dies sei eine fatale Entwicklung, die uns auf Dauer dumm, krank und abhängig mache.

«Auf Dauer macht es uns dumm, krank und abhängig.»

Der Psychiater Manfred Spitzer ist dafür bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und Dinge auch gern mal zuspitzt. Im vergangenen Herbst kam sein neues Buch «Cyberkrank» heraus, in dem er vor gesundheitlichen Risiken unseres digitalisierten Lebens warnt. Im Gegensatz zu seinem vorherigen Buch «Digitale Demenz» habe es nun zum Glück keinen medialen Shitstorm mehr gegeben, sagt Spitzer. Im Gegenteil, es sei erstaunlich ruhig geblieben und er habe sehr viele höfliche Anfragen für Vorträge bekommen. Als Professor sei er unkündbar und könne deshalb auch unbequeme Dinge sagen, die gegen den Mainstream seien. Er sehe dies auch als seine Aufgabe. Denn wenn er als Mediziner und Gehirnforscher nicht auf die ­Gefahren hinweise, wer mache es dann? Facebook, WhatsApp oder Google ganz bestimmt nicht.

Unser Treffen findet hinter verschlossenen Türen statt, in Spitzers Büro mit Sitzecke und Konferenztisch im zweiten Stock einer der kleinsten Psy­chiatrischen Kliniken Deutschlands, die über 69 vollstationäre und 23 tagesklinische Behandlungsplätze verfügt. Die Klinik liegt mitten in Ulm, am unteren Safranberg, unweit vom höchsten Kirchturm der Welt, dem Ulmer Münster, und der Donau, dem zweitlängsten Fluss Europas. Spitzer, der von seinem Arbeitszimmer aus auf die Universitätsstadt am Rand der Schwäbischen Alb blickt, trägt heute nicht den üblichen weissen Arztkittel, sondern wie ein Manager Schlips und Anzug. Draussen im Gang warten bereits die nächsten Besucher. Eine Besprechung nach der anderen.

Internet-Junkies in der Klinik

Dennoch nimmt er sich Zeit für das Gespräch, weil es ihm ein echtes Anliegen ist, seine Botschaft zu vermitteln und die Menschen geradezu wachzurütteln. Denn er kennt Extremfälle, die zum Beispiel beim Onlinerollenspiel «World of Warcraft» nur noch stundenlang herumballern und die Wohnung nicht mehr verlassen. Er habe sogar Patienten gehabt, die aufgrund ihrer Spielsucht nicht mehr aufs WC gegangen seien, sondern einen Kehrichteimer neben den Computer gestellt hätten. Solche Internet-Junkies hätten bei der Therapie ähnliche Entzugssymptome wie Drogenabhängige.

Spitzer hat fünf erwachsene Kinder, eine siebenjährige Tochter und zwei Enkelkinder. Als sechsfacher Vater kennt er all die Diskussionen über Verbote des Fernseh- oder Handykonsums. Bereits beim Buch «Digitale Demenz» hat er sich damit intensiv auseinandergesetzt und Studien für Studien als Beleg für seine These herausgesucht. Inzwischen sei er aber längst nicht mehr der einsame Rufer in der Wüste, sagt er stolz. Es freut ihn, dass die Wortschöpfung «Smombie» (Smartphone und Zombie) sogar zum Jugendwort des Jahres 2015 wurde. «Dazu sage ich nur halleluja», sagt er. «Die Jugendlichen haben selbst begriffen, dass sie durch ihre Smartphones letztlich zu willenlosen und seelenlosen Wesen mutieren».

Muss ich mir nicht merken, finde ich doch online!

Und er selbst? Schreibt er keine Mails und arbeitet auch nicht am Computer? Natürlich tue er das alles, antwortet er und lacht. «Doch ich bin schon 57, sodass es mir im Gegensatz zu Kindern oder Jugendlichen, die noch mitten in ihrer Entwicklung stecken und sich kognitive Fähigkeiten erst noch aneignen müssen, nicht mehr schadet.» Mittlerweile benutzt er für seine Vorträge ebenfalls Powerpoint, da es in den Konferenzräumen zumeist gar keine Projektoren für Folien mehr gibt. Er sei kein Technikfeind, betont der Gehirnforscher.

Spitzer findet, dass junge Menschen wieder vermehrt Bücher zu einem Thema lesen sollten und nicht nur bei Wikipedia mit Copy und Paste ihre ­Referate schnell zusammenschustern. «Denn dabei hängen sie die verschiedenen Inhalte nur ziellos und völlig unverdaut irgendwie aneinander», sagt er. Dies führe dazu, dass sie es recht schnell wieder vergessen. Insbesondere wenn jemand kein Vorwissen auf einem Gebiet habe. Klack, klack, klack würden Schüler die Seiten ihres Vortrags einfach durchrattern. Wer Inhalte «digital outsourct», wie man heute zuweilen sagt, hat diese nicht im Gehirn als eigenes Wissen verankert. Und Kinder und Jugendliche würden mit der falschen Einstellung aufwachsen: Muss ich mir nicht merken, finde ich doch online!

Die Kehrseite von WLAN an der Schule

Das Smartphone ist immer dabei und ständig im Einsatz. Am Tag unterbricht der Handy-User durchschnittlich alle 18 Minuten seine Tätigkeit, mit der er gerade beschäftigt ist. Manchmal schaut er auch nur kurz auf die Uhr oder etwa den Facebook-Account. Mit der Folge: «Wenn jemand kontinuierlich abgelenkt ist, erzeugt dies ganz klar Aufmerksamkeitsstörungen», erklärt Spitzer. «Ich finde es deshalb auch unmöglich, dass es jetzt in den Schulen fast überall WLAN gibt und die Schüler in den Pausen nur noch auf ihre Smartphones fixiert sind.» Dabei habe eine Studie der University of Texas vor kurzem gezeigt, dass gerade das Nichtstun zwischen den Lernphasen gut sei, um den Kopf frei­zumachen und Gelerntes im Hirn abzuspeichern, ähnlich wie beim Schlaf. Zudem habe eine ganze Reihe von Studien ergeben, dass WLAN beim ­Lernen störe und es keineswegs fördere.

«Ich will das Rad der Zeit nicht zurückdrehen», erklärt Spitzer. Sicher sei jedoch, dass die Dosis der digitalen Nutzung das Gift mache. Wer als Schüler in seiner Freizeit nichts anderes mehr tue, etwa Sport, Musik oder Theater, sei gefährdet, dass er noch mehr Youtube schaue, sich nur noch durch Likes in den sozialen Medien mit anderen Menschen austausche und noch mehr in Playstation-Games mit dem ferngesteuerten Controller vom Sofa aus herumschiesse. Die realen Freunde und die reale Welt rücke dabei immer weiter weg. Und die Zivilisationkrankheit immer näher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2016, 15:20 Uhr

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