«Die ADHS-Welle kommt»

Gemäss der WHO leiden in der Schweiz 265'000 Erwachsene an einem Aufmerksamkeitsdefizit. Mit gravierenden Folgen. Fachkräfte warnen vor einer vorschnellen Medikamentenverschreibung.

Hat gelernt mit seiner Krankheit umzugehen: Komiker Michael Grossenbacher.

Hat gelernt mit seiner Krankheit umzugehen: Komiker Michael Grossenbacher.

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265'000 erwachsene Menschen in der Schweiz leiden an der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – Tendenz steigend. Bisher ist die Störung bei Kindern bekannt, jetzt warnen Experten vor einer Welle bei Erwachsenen, schreibt die «Sonntagszeitung».

Dass die Zahlen steigen, belegt eine Studie der grössten Schweizer Krankenkasse, Helsana. «Der Trend bei Erwachsenen, welche Ritalin und Analoga verschrieben bekommen, geht klar nach oben», sagt Helsana-Sprecherin Claudia Wyss gegenüber der «Sonntagszeitung».

Schwerwiegende Folgen

«Die ADHS-Welle kommt», warnt der Freiburger Psychiater und ADHS-Spezialist Christophe Kaufmann. Wenn Erwachsene mit ADHS nicht behandelt würden, habe dies oft schwerwiegende Folgen. Sie seien potenzielle Raser auf der Strasse, hätten häufiger ungeschützten Geschlechtsverkehr, verübten öfter Gewalt, konsumierten eher Drogen oder hätten schwere seelische Krisen.

Das Bundesamt für Gesundheit hat reagiert. Seit dem 1. Juni ist das Medikament Concerta zur Behandlung von ADHS unter verschiedenen Bedingungen vollumfänglich kassenpflichtig in der Grundversicherung.

Prominente ADHS-Fälle

Unter den 265'000 betroffenen Erwachsenen befinden sich auch prominente Namen: So sollen etwa der Multimillionär Bruno Franzen und der Kabarettist Michael Grossenbacher (Bagatello) von der Krankheit betroffen sein. Letzterer hat die Symptome seit seiner Kindheit und inzwischen gelernt mit der Krankheit umzugehen.

Er habe das Glück, dass er seine emotionalen Schübe auf der Bühne voll ausleben könne, sagt Grossenbacher gegenüber der «Sonntagszeitung». Es sei aber auch enorm wichtig, dass er mit seinem Umfeld gut kommuniziere, dass dieses seine abrupten Stimmungswechsel aufnehmen könne.

Dominique Eich-Höchli warnt, dass ADHS zu einer neuen Modekrankheit hochstilisiert werde. Mit einer vorschnellen Diagnose würden nicht selten alte Leiden überdeckt. Medikamente dürften nur verschrieben werden, wenn gleichzeitig eine individuelle Therapie gestartet werde. (mrs)

Erstellt: 12.06.2011, 08:37 Uhr

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