Die Forschung in der Glaubwürdigkeitskrise

Klinische Studien sind zu oft qualitativ ungenügend, werden beschönigt oder bleiben unter Verschluss. Die Ursachen sind nicht nur in Interessenkonflikten zu suchen, sondern auch bei den Forschern selber.

Bei der biomedizinischen Forschung fehlt es oft an Transparenz: Ein Labortest für neue Wirkstoffe. Foto: Dan Kitwood (Getty Images)

Bei der biomedizinischen Forschung fehlt es oft an Transparenz: Ein Labortest für neue Wirkstoffe. Foto: Dan Kitwood (Getty Images)

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Kein Zweifel, die wissenschaftliche Forschung hat massgeblich zum Erfolg unserer Gesellschaft beigetragen. Zu Recht wird sie von der öffentlichen Hand, Industrie und Privaten stark gefördert. Doch das hohe Ansehen der Wissenschaft ist bedroht. Fehlentwicklungen der letzten Jahre haben insbesondere im Bereich der biomedizinischen Forschung dazu geführt, dass heute gar von einer Glaubwürdigkeitskrise gesprochen werden muss.

Das Problem: Resultate aus Labor- und klinischen Studien mit Patienten sind oft falsch und nicht reproduzierbar. Die Folge ist eine seit vielen Jahren korrumpierte Datenbasis, die das medizinische Wissen und die Therapierichtlinien verfälscht. Dies schadet der Reputation der medizinischen Wissenschaft. Die Feststellung «wissenschaftlich belegt» ist zu beliebigem Marketing mutiert.

Die Ursachen für die bedauernswerte Situation sind auf verschiedenen Ebenen zu suchen:

  • Häufig sind klinische Studien quali­tativ schlicht ungenügend, weil sie schlecht konzipiert, durchgeführt und ausgewertet werden.
  • Oft gelangen nur die Studien zur Veröffentlichung, deren positive Resultate den Geldgebern oder den Forschern interessant genug oder nützlich erscheinen. Rund die Hälfte aller Studien bleibt heute – meist wegen negativer Resultate – unter Verschluss.
  • Bei den schliesslich veröffentlichten Studien führen Interessenkonflikte der finanzierenden Industrie und der profitierenden Forscher dazu, dass Resultate deformiert und beschönigt dargestellt werden.
  • Weil Originaldaten in der Regel nicht frei zugänglich sind, besteht kaum Möglichkeit, Studien zu überprüfen. An eine Wiederholung der grossen klinischen Studien für die Medikamentenzulassung durch unabhängige Forscher ist wegen der enormen Kosten schon gar nicht zu denken.

Millionen vom Publikationen

Die Interessenkonflikte der Pharmafirmen spielen bei diesem Missstand bekanntermassen eine zentrale Rolle. Doch was oft ausgeblendet wird: Auch die Forscher selber lassen sich von falschen Anreizen leiten und tragen dadurch Mitschuld. Weltweit sind Zigtausend klinische Studien aktiv und Hunderttausende inaktive in Registern erfasst. Diese unüberschaubare Forschungsaktivität führt jedes Jahr zu Millionen Fachveröffentlichungen. Die wichtigsten wissenschaftlichen Fortschritte werden aber in nur wenigen Hundert gewichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Geschätzte 85 Prozent der Studien gehen ohne relevante Wirkung in der Menge unter.

Das Geld fliesst dessen ungeachtet. Die klinische Forschung wird weltweit mit rund 200 Milliarden US-Dollar finan­ziert, wovon der grösste Teil den Wissenschaftlern und ihren Institutionen zufliesst. Dies führt zu Interessenkonflikten, die potenziell die Qualität beeinflussen. Verschiedene Spannungsfelder tun sich auf: Forschung gegen Patientenbetreuung, Qualität der Forschung gegen Publikationszahl des Forschers und seiner Institution, Forschung gegen Pharmamarketing und schliesslich Forschung gegen Gesundheitskosten.

Doch es geht nicht nur um Interessenkonflikte durch finanzielle Anreize. Eine Rolle spielen auch der allgegenwärtige Leistungsdruck, der Zwang zur Publikation und auf institutioneller Stufe universitäre Rankings und der Wille zum Wachstum.

Dies alles führt zu nicht immer harmlosen beschönigten Resultaten, deren negative Auswirkungen – oft erst nach Jahren – ihren Weg in die Schlagzeilen finden. Internationale Regeln («Good Clinical Practice») verhindern zwar grobe Fehler und minimieren Schäden für Studienpatienten. Trotzdem werden täglich wegen Verfälschungen und Betrug zurückgezogene Publikationen zitiert (Retractionwatch.com). Die Medien spiegeln diese Fehlentwicklungen, feiern meist kritiklos jede kleine – von Forschern und Universitäten enthusiastisch kommunizierte – Erfolgsmeldung als Durchbruch und schlachten anderseits freudig aufgedeckte Skandale aus.

Es gibt Versuche, den bedenklichen Zustand der klinischen Forschung zu verbessern. In der Schweiz könnten dies die Revision des Heilmittelgesetzes und das Humanforschungsgesetz bringen. Die Absicht ist es, alle klinischen Studien zu registrieren, damit klar wird, ob sie abgeschlossen und publiziert wurden. In den USA werden Zahlungen der Pharmaindustrie an die Ärzte zwingend publiziert, in der Schweiz geschieht dies durch freiwillige Publikation auf Internetseiten der Firmen (Pharma-Kooperations-Kodex). Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat ins FMH-Standesrecht aufgenommene Richtlinien für die wissenschaftliche Integrität und für Interessenkonflikte zwischen Ärzten und Industrie erarbeitet.

Mehr Bürokratie

Auf einer mehr praktischen Stufe passen sich aktuell die kantonalen Ethikkommissionen an die geänderten gesetzlichen Anforderungen an. Dies führt zu vermehrter Bürokratie und Kosten und stört naturgemäss besonders die betroffenen Forscher. Spürbare Bewegung zeigt sich bei den grossen Verlagen von Fachzeitschriften, welche stringentere Evaluationen bezüglich Statistik, Methodik und Plagiate einführen und so wieder festen Grund erreichen wollen.

Doch die meisten, zweifellos wichtigen Initiativen zielen bislang einzig auf die pharmazeutische Industrie. Die profitierenden Universitäten und akademischen Forscher sind hingegen wenig reguliert, was Interessenkonflikte betrifft. Es fehlt eine systematische Anstrengung, Transparenz in die zahlreichen Geldflüsse zu bringen. Das zuständige Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), der Nationalfonds als Geldgeber und die Fakultäten wären in der Pflicht. Sie hätten die Aufgabe, analog zum «Office of Research Integrity» (ORI) und seinen universitären Analoga in den USA, einen Kulturwechsel anzustossen. Die Schweiz sollte beispielhaft wegweisende Akzente setzen, um die global deutlich angeschlagene Reputation der klinischen Forschung zu verbessern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2015, 19:48 Uhr

Qualitätsdebatte
Täglich zurückgezogene Studie

Diskussionen um die Qualität der Forschung werden von Wissenschaftlern oft nur ungern geführt. Sie fürchten sich vor zusätzlichen bürokratischen Vorschriften und Vertrauensverlust. Dennoch nimmt die Öffentlichkeit die Problematik zunehmend wahr. «Es war eindeutig kein gutes Jahr», schrieb zum Beispiel unlängst die «New York Times» in einem Leitartikel, nachdem innert weniger Monate drei vielbeachtete Studien zurückgezogen worden waren. Das war allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Webseite Retractionwatch.com berichtet schon länger täglich von fehlerhaften Studien, in vielen Fällen im Bereich Biomedizin.

Vergangenen Freitag zum Beispiel ging es um eine Veröffentlichung mit Lungenkrebs-Zellkulturen im renommierten Fachblatt «Nature», die sich nicht reproduzieren liess. In der gleichen Woche haben Autoren in «PLOS Biology» berechnet, dass sich alleine in der vorklinischen Forschung mehr als 50 Prozent der Studien nicht reproduzieren lassen, was nur schon in den USA 28 Milliarden Dollar kostet. 2014 schätzten Wissenschaftler im «Lancet», dass gar 85 Prozent aller Investitionen in die biomedizinische Forschung verschwendet werden. Die Zahl mag zu hoch gegriffen sein, die Problematik bleibt dennoch, wie der Onkologe Reto Obrist darlegt. Eine ausführliche Version ist unlängst im «Swiss Medical Weekly» erschienen.

Reto Obrist

Der ehemalige Chefarzt und Direktor des Departements Onkologie des Kantons Wallis ist Institutsrat des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic. Zudem sitzt er im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für medizinische Onkologie (SGMO) und war bis 2009 Direktor der Dachorganisation Oncosuisse.

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