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«Die Krankheit ist letztlich einfach das Symptom»

Laut Fachärztin Maria Wertli heilen Rückenschmerzen meist spontan ab. Ein MRI liefere selten eine Erklärung.

Nicht immer sinnvoll: Ein MRI ist während der Akutphase in den ersten sechs Wochen nur empfohlen, wenn Alarmsymptome vorhanden sind.

Nicht immer sinnvoll: Ein MRI ist während der Akutphase in den ersten sechs Wochen nur empfohlen, wenn Alarmsymptome vorhanden sind. Bild: EPA/Lex Van Lieshout/Keystone

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Rückenschmerzen sind verbreitet. Die Wissenschaft scheint mit dem Leiden aber einige Mühe zu haben.
Im Rahmen meiner Forschungen habe ich mich eingehend mit der wissenschaftlichen Literatur auseinander­gesetzt. Dabei stiess ich auf zahlreiche ­Wissenslücken. Therapien, die wir Ärzte eigentlich als evidenzbasiert bezeichnen, sind oft gar nicht so eingehend untersucht. Dies trifft vor allem auf die sogenannten prognostischen Faktoren zu, welche beeinflussen können, ob eine ­bestimmte Behandlung besser oder schlechter nützt.

Welche Faktoren beispielsweise?
Es spielt für den Behandlungserfolg zum Beispiel eine Rolle, ob ein Patient bereits eine Vorerkrankung wie einen Herzinfarkt hatte. Oder ob er unter Depressionen leidet. Solche Einflüsse werden auch in gut gemachten Studien selten berücksichtigt. Ganz schlecht ist es, wenn eine Person mit Rückenschmerzen einen IV-Antrag gestellt hat. Während einer Rentenprüfung kann man Betroffene fast nicht mehr in den Arbeitsprozess zurückbringen. Wir selber haben die Rolle von Angst als prognostischem Faktor ­unter­sucht. Wenn sich ein Patient vor Schmerzen oder einer Wiederverletzung des ­Rückens fürchtet, funktioniert die übliche aktivierende und rückenstärkende Behandlung nur schlecht. Wird die Angst zusätzlich behandelt, sind die Erfolge viel besser.

Offenbar gibt es zu Rückenschmerzen kaum ­grosse Übersichtsstudien, wie sie bei anderen Krankheiten verbreitet sind.
Das hängt damit zusammen, dass die ­Ursachen von Rückenschmerzen nicht durch einen Bluttest oder ein bildgebendes Verfahren klar diagnostiziert werden können. Die Krankheit ist letztlich einfach das Symptom Rückenschmerz, für das sich eigentlich keine einfach ­lokalisierbare Erklärung findet.

Aber eine Untersuchung im ­Magnetresonanztomografen wäre doch auch eine Option?
Das stimmt, aber das MRI gibt Ihnen keine Antwort. Natürlich drängen die Patienten darauf. Aber wenn wir keine Hinweise haben, dass etwas wirklich auf den Nerv drückt oder ein Tumor vorhanden ist, findet man im MRI in der ­Regel keine Erklärung für den Rückenschmerz. Studien zeigen, dass der Krankheitsverlauf durch solche Aufnahmen eher schlechter wird. Darum ist ein MRI während der Akutphase in den ersten sechs Wochen nur empfohlen, wenn Alarmsymptome vorhanden sind. Zwei Drittel der Fälle heilen in diesem Zeitraum ohnehin spontan ab.

Bei ­Rückenschmerzen scheint die Psyche eine wichtige Rolle zu spielen.
Es ist sicher kein psychosomatisches Leiden. Aber die Psyche beeinflusst den Umgang mit den Schmerzen. Die einen gehen sie aktiv an und versuchen ihren Alltag weiterzuführen wie bisher. Problematisch sind die Patienten, die sich bei unspezifischen Rückenschmerzen nicht mehr bewegen und möglichst im Bett bleiben. Das ist zwar verständlich, aber eigentlich genau das Falsche. ­Dadurch werden Blockierungen und muskuläre Probleme verstärkt und chronifiziert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2014, 02:32 Uhr

Maria Wertli


Die Internistin forscht an der Uni Zürich und ist Oberärztin am Kantonsspital Winter­thur. Sie spricht am Freitag am Denkfest im Volkshaus Zürich.

www.denkfest.ch

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