Die Mikroben-Versteherin

Die Mikrobiologin Emma Slack und ihr Team haben eine Impfung für Schweine gegen potenziell gefährliche Erreger wie E.-coli und Salmonellen entwickelt.

«Wir sind noch ziemlich blind», sagt Emma Slack. Foto: Samuel Schalch

«Wir sind noch ziemlich blind», sagt Emma Slack. Foto: Samuel Schalch

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Wer Emma Slack in ihrem Büro auf dem Campus der ETH Hönggerberg besuchen will, muss sich erst mal durch schier endlos lange, fensterlose Gänge kämpfen. Ihr Büro, ganz zuhinterst in dem Gebäude, ist eher karg eingerichtet, in der Ecke steht ein Cello, der Blick geht in einen Innenhof. Doch bevor wir die Arbeit reden, zeigt uns die Mikrobiologin noch ihre Labors. Auch wegen des Fotoshootings. Als sich der Fotograf dann verabschiedet und wir ins Büro zurückgehen wollen, müssen wir aber vorher noch die Hände waschen. «Wir arbeiten in diesen Labors mit potenziell pathogenen Salmonellen und E.-coli-Bakterien», sagt Slack.

Schon sind wir mitten im Thema. Emma Slack interessiert sich in ihrer Forschung für das Mikrobiom, also für die Gesamtheit der Bakterien, die unseren Darm – und jenen von Nutztieren – besiedeln. «Wir wollen verstehen, wie dieses Ökosystem funktioniert, wie die Bakterien unsere Gesundheit und wie wir umgekehrt die Mikroben beeinflussen.» Man wisse zwar bereits einiges darüber, was eine ungesunde Darm­flora ausmache, zum Beispiel sei eine geringe Vielfalt an verschiedenen Mikroben nicht günstig. Nur: «Wie ein gesundes Mikrobiom aussieht, wissen wir einfach noch nicht», sagt Slack. «Das ist momentan die grösste Frage.»

Jeder Mensch hat eine andere Zusammensetzung der Darmflora

Sowieso, das Mikrobiom ist generell noch voller Rätsel. Man könne zwar einen Katalog der verschiedenen Mikro­organismen erstellen, man könne auch all die Gene der verschiedenen Bakterien katalogisieren, aber was die Mikroben wirklich machen, darüber wisse man nicht viel. Denn die Kataloge sagen nichts darüber aus, ob ein Bakterium gesundheitsfördernd, neutral oder krankmachend ist. So gibt es laut Slack E.-coli-Stämme, die problemlos in unserem Darm leben und der Gesundheit förderlich sind, andere Stämme wiederum seien gefährliche Pathogene und können sogar tödlich sein. Zudem habe jeder Mensch eine andere Zusammensetzung der Darmflora, und diese variiere auch entlang des Darms und abhängig davon, was man gegessen habe.

«Die biochemischen Vorgänge in der Darmflora haben noch sehr viel ‹dunkle Materie›», bringt es Slack auf den Punkt und spielt dabei auf eines der grössten kosmologischen Rätsel an. Selbst beim E.-coli-Bakterium, notabene die am besten untersuchte Mikrobe überhaupt, wisse man nur von 70 Prozent der Gene, was diese tun. «Wir sind noch ziemlich blind.» Slack und ihr Team wollen herausfinden, welche genetischen Stoffwechselwege mit einem gesunden Leben assoziiert sind. «Das ist aber eine Lebensaufgabe», sagt die Frohnatur und lacht dabei.

«Wir verfüttern tote Bakterien. Die Tiere lieben das!»Emma Slack

Das zweite grosse Thema, das Slack interessiert, ist das Zusammenspiel zwischen Mikrobiom und Immunsystem. Dies sei sehr relevant für die Entwicklung von Immunität an den Schleimhäuten, dort also, wo die meisten Infektionen geschehen. Dazu hat sie ein sehr konkretes – und relevantes – Projekt am Laufen. Es geht dabei um potenziell gefährliche E.-coli und Salmonellen in Schweinen. Heute werden die Keime in vielen Ställen mit Antibiotika bekämpft, doch oft entwickeln die Bakterien früher oder später dagegen Resistenzen. Zusammen mit ihrem Forscherteam entwickelt Slack daher eine Impfung gegen E. coli und Salmonellen.

Die simple Idee dahinter: «Wir verfüttern tote Bakterien», sagt Slack, «die Tiere lieben das!» Vier Schweine nehmen an dem Versuch am Kompetenzzentrum für Land- und Ernährungswirtschaft Strickhof in Lindau ZH teil, sie seien gesund und würden gut auf die Schluckimpfung reagieren. Resultate liegen aber noch keine vor. Für eine zweite Impfmethode benutzt Slacks Team nicht tote Bakterien, sondern einzelne Salmonellen-Komponenten, um in den Schleimhäuten eine Immunreaktion auszulösen. Diese Methode testen die Forscher vorerst bei Mäusen.

Die Doppelrolle Mutter und Professorin ist «absolut machbar»

Mit den Schluckimpfungen verfolgt Slack zwei grosse Ziele: «Eine grosse Sache wäre es, die Menge Antibiotika in der Schweinezucht zu reduzieren», sagt sie. Das andere Ziel liegt sogar noch höher: die Eliminierung der resistenten Bakterien aus dem Mikrobiom. «Wenn es funktioniert, wäre das fantastisch, ein Riesenfortschritt!» Für ihre Forschungen zur Salmonellen-Schluckimpfung erhielt Emma Slack 2017 den mit 25'000 Franken dotierten Latsis-Preis der ETH Zürich für herausragende jüngere Forscherinnen. Ein Jahr zuvor wurde sie mit der Goldenen Eule des Verbands der Studierenden an der ETH ausgezeichnet, einem Preis für exzellente Lehre.

Im Sommer 2018 gab es den nächsten Karriereschritt: Die 38-Jährige wurde zur Assistenzprofessorin im Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie (D-HEST) ernannt. Als sie vor wenigen Wochen ihre Antrittsvorlesung hielt, überraschte sie die Zuhörer im Audimax der ETH gleich zu Beginn mit einem völlig anderen Thema: ihrer Doppelrolle als Mutter von zwei Kindern im Vorschulalter und Spitzenforscherin. «This is totally doable», «das ist absolut machbar», stellte die gebürtige Engländerin klar, auch um den vielen anwesenden Doktorandinnen und anderen Nachwuchsforscherinnen Mut zu machen. Und fragt gleich nach: «Warum stellt man die Frage nach der Vereinbarkeit nie den Männern?»

Bakterienkultur in einer Petrischale. Foto: iStock/Getty

Dass sie heute an der ETH forscht, hat sie (auch) dem Zufall zu verdanken. «Einem guten Zufall», wie sie sofort betont und dabei wieder lacht. Nach ihrer Doktorarbeit am Francis Crick Institute in London zog es sie vorerst nach Kanada für ein Postdoc im Labor des Gastroenterologen Andrew Mcpherson. Als dieser 2009 einen Ruf an die Uni Bern erhielt, zog sie mit ihm in die Schweiz. «Ich sprach kein Wort Deutsch, als ich ankam», erinnert sich Slack, «aber ich fühlte mich in Bern schnell zu Hause.»

In ihrer Freizeit spielte Slack Cello in einem Berner Orchester, und da respektive bei einem gemeinsamen Konzert, machte sie Bekanntschaft mit dem Pianisten Olive Wetter. Daraus wurde mehr, und heute heisst Emma Slack, die in der Wissenschaftsszene immer noch unter diesem Namen bekannt ist, offiziell Emma Wetter Slack, auch auf der ETH-Website. «Die ETH will das so», sagt sie und lacht wieder. Das Paar wohnt in Zürich und teilt sich die Betreuung der Kinder (6,5 und 4 Jahre alt) zu je 50 Prozent. «Das ist das Wichtigste», sagt Slack, damit man eine berufliche Karriere mit einer Familie vereinbaren kann. Seit sie Professorin geworden ist, arbeitet Slack Fulltime, ihr Mann, der beim Bund angestellt ist, derzeit 80 Prozent – vor der Professur war es genau umgekehrt.

Der ETH stellt Slack bezüglich Frauenförderung ein gutes Zeugnis aus. «Frauen erhalten viel Unterstützung, man kann auch vorübergehend Teilzeit arbeiten.» Besonders stolz ist sie auf das eigene Departement, das D-HEST. «30 Prozent der Professoren sind Frauen», sagt sie, «wir sind definitiv das weiblichste Department.»

Erstellt: 17.05.2019, 20:51 Uhr

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