Die Quelle des Erregers liegt in Spanien

Deutsche Wissenschaftler haben die Herkunft des gefährlichen Darmkeims EHEC entdeckt. Die Schweizer Behörden klären jetzt ab, ob solche auch hierzulande im Umlauf sind.

Eine Infektion kann zu akutem Nierenversagen führen: EHEC-Patient an Dialyse-Maschine in Hamburg.

Eine Infektion kann zu akutem Nierenversagen führen: EHEC-Patient an Dialyse-Maschine in Hamburg. Bild: Keystone

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Die Quelle des gefährlichen Darmkeims EHEC, der in Deutschland für zahlreiche schwere Krankheitsfälle sorgt, ist entdeckt: Wissenschaftler des Hamburger Hygiene-Instituts haben den Erreger an vier Salatgurken vom Hamburger Grossmarkt nachgewiesen. Drei davon stammen von zwei spanischen Produzenten, bei der vierten Gurke – einem Bioprodukt – ist die Herkunft noch unklar.

«Die Quelle des Erregers ist eindeutig in Spanien», sagte die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks am Donnerstagmittag an einer Pressekonferenz. Alle Gurken der beiden spanischen Erzeuger werden deutschlandweit aus dem Verkehr gezogen. Auf Tomaten und Salaten fanden die Hamburger Wissenschaftler bislang noch nichts. «Wir warnen jetzt vor Salatgurken», sagt die Senatorin. Grundsätzlich gelte aber auch bei anderen Gemüsen zunächst noch Vorsicht. «Es ist nicht auszuschliessen, dass auch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen», so Prüfer-Storcks.Das Agrarministerium in Madrid will sich bislang noch nicht zu dem Fund von EHEC-Erregern in Salatgurken aus Spanien äussern. Die Informationen aus Deutschland würden jetzt geprüft, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Empfehlung verärgert Bauern

Eine gemeinsame Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Hamburger Gesundheitsbehörden hatte bereits am Mittwoch gezeigt, dass EHEC-Patienten signifikant häufiger rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate verzehrt haben. Dies ging aus einer Befragung von 25 Erkrankten und 96 Gesunden zu Ernährungsgewohnheiten und anderen möglichen Infektionsquellen hervor. Die drei Lebensmittel erklären laut RKI einen Grossteil der schweren Infektionsfälle. Es sei allerdings nicht auszuschliessen, dass auch noch andere Lebensmittel als Infektionsquelle infrage kommen.

Vorsorglich empfahl das RKI aufgrund der Studie zu den üblichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gemüse, bis auf weiteres Tomaten, Gurken und Salate insbesondere aus Norddeutschland nicht roh zu verzehren. Worauf der Deutsche Bauernverband (DBV) umgehend reklamierte: Der Krankheitserreger sei nicht durch heimisches Gemüse in die Lebensmittelkette geraten. Kein vernünftiger Bauer würde sein Gemüse güllen, da Geschmack und Qualität leiden würden. Zudem seien Tomaten, Gurken und Salate im Freiland gar noch nicht reif und im Treibhaus erst recht schwierig zu güllen. Inzwischen ist die Zahl von schweren Fällen mit dem besonders gefährlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) in Deutschland auf 214 angestiegen, wie das RKI am Donnerstag meldete. Am Vortag waren es noch 140 Fälle. Gemeldet werden Verdachtsfälle in Schweden, Grossbritannien und den Niederlanden. In Dänemark wurde bei einem Patienten eine EHEC-Infektion bestätigt. Die Zahl von bestätigten Todesfällen in Deutschland wurde durch das RKI hingegen von drei auf zwei korrigiert. Allerdings kursieren Berichte von weiteren Todesfällen mit Verdacht auf eine EHEC-Infektion.

Schweiz bislang nicht betroffen

Die Schweiz ist weiterhin nicht betroffen. «Der am Dienstag gemeldete 17. HEC-Fall in diesem Jahr war mit Sicherheit nicht durch den momentan grassierenden Keim in Deutschland ausgelöst», sagt Herbert Hächler vom Nationalen Zentrum für enteropathogene Bakterien (Nent). Ein weiterer Fall wird zurzeit abgeklärt. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) wird hierzulande derzeit hauptsächlich inländisches Gemüse vermarktet, spanische Gurken würden nur in geringen Mengen angeboten. Es werde abgeklärt, ob dennoch Lieferungen aus der gleichen Quelle auch in die Schweiz gelangt seien. «Wir nehmen die Sache ernst und stehen im Kontakt mit den deutschen Behörden», sagt Urs Bänziger, Leiter der Sektion Vollzug Lebensmittelrecht beim BAG.

Am Donnerstag haben zudem die auf dem Gebiet von EHEC weltweit führenden Spezialisten von der Universitätsklinik Münster den EHEC-Keim als HUSEC 41 des Sequenztyps ST678 identifiziert. Er gehört laut einer Mitteilung zu einem von 42 bekannten EHEC-Typen, die seit 1996 in Deutschland bei Patienten das HU-Syndrom ausgelöst haben. Er gilt als der Auslöser der aktuellen EHEC-Epidemie in Deutschland. «Wir haben uns schon etwas gewundert, dass der Ausbruchstamm ein Bekannter ist, allerdings ist er bisher nicht auffällig in Erscheinung getreten», sagt der Institutsdirektor Helge Karch. Weder in Deutschland noch sonst wo auf der Welt sei es zuvor zu dokumentierten Ausbrüchen gekommen.«Möglicherweise ist der Stamm mutiert und dadurch virulenter geworden», spekuliert Mikrobiologe Hächler. Kleine Mutationen könnten grosse Auswirkungen haben. «Diese können erst durch die vollständige Analyse des Bakterienerbguts entdeckt werden», sagt Hächler. Die Analyse werde jetzt vorgenommen, werde aber noch einige Zeit dauern.

Eine andere Erklärung für das plötzliche aggressive Auftreten dieses EHEC-Typs könnte aber auch sein, dass aus irgendwelchen Gründen besonders viele Keime in Umlauf gekommen sind. Dadurch könnten entweder sehr viele Menschen betroffen sein, von denen nur ein Bruchteil erkennbar erkrankt sei – «die Spitze des Eisbergs», so Hächler. Die schwer erkrankten Opfer könnten aber auch mit besonders hohen Dosen von Keimen konfrontiert worden sein.

Seltene Antibiotikaresistenz

Der EHEC-Keim produziert ein Eiweiss namens ESBL – einen Faktor, der ihn resistent gegenüber vielen Antibiotika macht. Dieser Befund könnte sich als nützlich bei der Diagnostik erweisen, da EHEC-Bakterien sehr selten über eine solche Antibiotikaresistenz verfügen. Für die Behandlung spielt die Resistenz jedoch keine Rolle, weil Antibiotika die EHEC-Bakterien abtöten, wobei ihre Toxine freigesetzt werden, was die Krankheitssymptome verschlimmert.

An der Universitätsklinik Münster haben die Wissenschaftler nun damit begonnen, einen hochspezifischen Test zu entwickeln. So soll bei Verdachtsfällen eine schnelle Bestätigung der neuen Erregervariante ermöglicht werden. Der Test soll in wenigen Tagen zur Verfügung stehen. EHEC-Experte Helge Karch: «Dieser Test soll auch helfen, die Epidemiologie von HUSEC 41, zu der wir noch nichts wissen, aufzuklären.»

Erstellt: 26.05.2011, 21:35 Uhr

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