Sie mischt die Krebsforschung auf

Claudia Friesen will Methadon als Krebsmittel testen. Damit macht sie sich unter den Ärzten viele Feinde.

Claudia Friesen: «Ich lasse mich nicht in die Wünschelruten-Ecke stellen.» Foto: Tobias Gerber (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1 bis 1,2 Millionen Euro, so viel würde Claudia Friesen benötigen, um ihre Laborbefunde mit 200 Patienten bei einer Krebsart zu überprüfen. Die Chemikerin hatte in Zell- und Tierversuchen Hinweise gefunden, dass Methadon gegen Krebs helfen könnte, und damit 2017 in den Medien für eine gehässige Kontroverse gesorgt. Doch wollte ihr niemand das Geld für eine solche klinische Studie geben.

Nun erhält die Forscherin von der Universität Ulm Unterstützung vom Deutschen Bundestag. Der zuständige Ausschuss überwies im Juli einstimmig eine Petition an die Bundesregierung, die eine finanzielle Unterstützung fordert. «Ich habe nicht erwartet, dass die Politiker so positiv reagieren», sagt Friesen. «Wir hoffen nun, dass die Bundesregierung Gelder für die klinischen Studien zügig bereitstellt.»

Claudia Friesen steht in der Lobby des Hotels Pullman nahe der Messe Basel. Es ist ein sommerlicher Donnerstagnachmittag. Am Vorabend hatte die Chemikerin einen Auftritt an einer Informationsveranstaltung zu Methadon in Sissach. «Es war ausgebucht und es gab viele, auch kritische Fragen von Patienten und Ärzten», erzählt Friesen später in einem Besprechungsraum und stellt gleich zu Beginn klar, was sie nicht ausstehen kann: Wenn sie als «Wunderheilerin» bezeichnet wird, wie unlängst in einer Lokalzeitung geschehen. «Ich lasse mich nicht in die Wünschelruten-Ecke stellen, ich bin seit über 30 Jahren eine Hardcore-Wissenschaftlerin», insistiert sie.

Potenzial von Methadon wird klein eingeschätzt

Doch so sehr sie auf ihre Wissenschaftlichkeit pocht: Bei gewichtigen Ärztegesellschaften im deutschsprachigen Raum ist Friesen in Ungnade gefallen. Hauptauslöser waren im Jahr 2017 ein Fernsehbeitrag auf dem deutschen Sender ARD und darauffolgende Medienberichte über Claudia Friesen und ihre ersten Resultate mit Methadon. Das Opioid, bekannt aus der Drogenersatztherapie, könnte möglicherweise in der Krebsbehandlung unterstützend zu herkömmlichen Therapien helfen, so die Erwartung.

Doch in der Folge drängten Krebspatientinnen und -patienten ihre Ärzte, ihnen Methadon zu verschreiben. Fachgesellschaften warnten in Stellungnahmen entschieden vor der Substanz: Daten aus gut gemachten Patienten­studien würden fehlen, und es könnten gravierende Nebenwirkungen auftreten. In der Schweiz veröffentlichte die Krebsliga eine Erklärung, in der sie sich auf die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) berief.

Friesen hat jedoch nie etwas anderes behauptet, als dass es klinische Studien mit Patienten braucht, um ihre Befunde aus Zell- und Tierversuchen sowie von einzelnen Heilversuchen mit Patienten in eine Therapie überzuführen. Auch wenn ihre Laborstudien bei verschiedenen Krebsarten und auch von unabhängigen Teams bestätigt wurden, ist sich Friesen bewusst: Klinische Studien könnten auch zeigen, dass sich Methadon gar nicht für die Behandlung von Krebs eignet. «Das kann durchaus geschehen», sagt Friesen.

Wenn alle eine Patientenstudie fordern – wieso wurde sie nicht längst in Angriff genommen?

Doch wenn alle eine Patientenstudie fordern: Wieso wurde nicht längst eine in Angriff genommen? Claudia Friesen selbst bekommt kein Geld von der Deutschen Krebshilfe, die ihr früher Laborstudien finanziert hat. Auch andere potenzielle Quellen wie die Förderinstitution Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) erteilten ihr abschlägige Antworten. Ob es am Stigma liegt, das nach den öffentlichen Kontroversen an ihr haftet, oder an ungenügend ausgearbeiteten Studienprotokollen, lässt sich von aussen nicht beurteilen. Immerhin geht es bei dem eingereichten Gesuch um mehrere gross angelegte Studien, für die mehrere Zentren in Deutschland zugesagt haben. Zudem erhielt auch Wolfgang Wick, Neuro-Onkologe am Deutschen Krebsforschungszentrum und Methadon-Kritiker, eine abschlägige Antwort von der Krebshilfe auf ein Gesuch für eine entsprechende Studie.

Andere Forscher kümmern sich nicht um Methadon, weil sie dessen Potenzial als klein betrachten. Roger von Moos, Chefarzt Onkologie/Hämatologie am Kantonsspital Graubünden und Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK), sagt, man sei 2017 zum Schluss gekommen, dass die vorliegenden Daten zu unsicher seien und es vielversprechendere Ansätze mit anderen bereits existierenden Medikamenten gebe. «Wenn uns ein gutes Studienprotokoll zu Methadon vorgelegt wird, schauen wir es uns bei der SAKK aber sicher nochmals an», sagt von Moos, um gleich wieder einzuschränken: «In der Krebsmedizin erleben wir alle ein, zwei Jahre einen Hype um irgendeine Substanz, mit der Patienten falsche Hoffnung gemacht wird.»

Eine klinische Studie könnte auch negativ ausfallen

Im Fall von Methadon könnte dies jedoch anders sein. Daniel Büche, Palliativ- und Schmerzmediziner am Kantonsspital St. Gallen, setzt Methadon immer mal wieder als Schmerzmittel ein. Er hält es für nicht unwahrscheinlich, dass sich Methadon als Krebsmittel bewähren könnte. «Wir wissen, dass Opioide aufs Immunsystem wirken. Es ist deshalb denkbar, dass sie dadurch auch bei Krebs einen Effekt haben.»

Die radikale Ablehnung von Methadon durch die Onkologen versteht Büche nicht. «Rational wäre es, wenn jetzt unabhängig von Claudia Friesen eine klinische Studie gemacht würde», sagt er. Finanzieren müssten dies die öffentliche Hand, die Krankenkassen oder Förderinstitutionen wie die SAKK oder die Stiftung Krebsforschung Schweiz. «Das Medikament ist nicht gefährlich, und wenn die Behandlung funktioniert, wären die Kosten schnell amortisiert.»

Methadon wurde in der Schweiz in den Neunzigerjahren als Heroinersatz eingesetzt: Abgabestelle in einer ehemaligen Metzgerei in Zürich. Foto: Keystone

Ein heikler Punkt bei Methadon ist die Dosierung. Zwar kennt man die Substanz seit Jahrzehnten und verwendet sie bei der Drogensubstitution in viel höheren Konzentrationen als bei der Schmerzbehandlung von Krebspatienten und als Friesen für die Behandlung vorschlägt. Allerdings: «Es braucht eine Woche, bis Methadon die volle Wirkung als Schmerzmittel entfaltet», sagt Büche. Die Gefahr ist, dass die verabreichte Methadonmenge zu schnell erhöht wird und es dann nach Tagen zu einer Überdosierung komme. Die Folge: eine gefährliche Verlang­samung der Atmung, die im schlimmsten Fall tödlich sein kann. «Mit der richtigen fachlichen Betreuung lässt sich der Wirkstoff aber mit gutem Gewissen verwenden», sagt Büche.

Für den Onkologen Roger von Moos ist dies der wahrscheinlich wichtigste Punkt: «Es ist gefährlich, wenn Patienten Methadon von sich aus einnehmen oder Ärzte ohne genügend Erfahrung es verschreiben.» Selbst die meisten Onkologen würden sich nicht gut genug mit der Substanz auskennen.

Der Gegenwind, den Claudia Friesen in den letzten beiden Jahren erlebt hat, ist gross. «So heftig hatte ich das nicht erwartet», sagt sie. Die Forscherin schildert, wie sie beispielsweise von der DGHO an der Jahresversammlung 2017 richtiggehend vorgeführt geworden sei. Dies, nachdem sie im Vorjahr noch einen Preis für ihr wissenschaftliches Poster zu Methadon erhalten hatte. Friesen vertrat ihre Resultate in einer Pro-Kontra-Debatte, durfte falsche Behauptungen der Gegenseite aber nicht richtigstellen. Am Ende der Veranstaltung fiel eine Abstimmung der Fachärzte im Publikum tausend zu null zu ihren Ungunsten aus. «Mit Wissenschaft hat so etwas nichts zu tun», sagt die Chemikerin.

In der Schweiz formiert sich Methadon-Verein

Wenig hilfreich waren auch erfolglose Versuche von Forschern der Universitäten Heidelberg und Leipzig, die Resultate von Friesen zu reproduzieren. Die Arbeiten hätten offensichtliche Fehler und seien falsch interpretiert worden, sagt Friesen. Trotzdem dienen sie weiterhin als Argument gegen Methadon.

Immer wieder wurde auch versucht, Friesen an Veranstaltungen zu diskreditieren. Ihre Studien seien geschönt und verfälscht, so die Behauptung. Die Chemikerin wehrte sich wiederholt juristisch. Mit Erfolg: «Ich habe bis jetzt alle Gerichtsverfahren gewonnen.» Freuen kann sie sich nicht darüber: «Es ist schlimm, dass das Ganze auf dieses Niveau gesunken ist», sagt Friesen. «Ich hätte das nie gedacht. Eigentlich sollten wir doch zusammenarbeiten.»

Um Methadon ist es ruhiger geworden. Doch trotz der Einwände von Krebsmedizinern setzen Patienten weiterhin auf die Substanz. Friesen erhält immer noch täglich Dutzende Anfragen. In der Schweiz formiert sich derzeit ein Verein aus Ärzten und Betroffenen, der Informationen und die Substanz für Krebskranke zugänglich machen soll. Treibende Kraft ist Julia Strasser, deren Vater von Methadon profitieren konnte, wie sie glaubt. Sie hat Friesen nach Sissach eingeladen. Ende August soll die nächste Informationsveranstaltung in Regensdorf ZH stattfinden, im März in Egerkingen SO. Strasser: «Wir bekommen zunehmend Unterstützung.»

Erstellt: 15.08.2019, 17:12 Uhr

Zufallsentdeckung in der Rechtsmedizin

Seit 30 Jahren forscht die promovierte Chemikerin Claudia Friesen im Bereich Onkologie. Wie die Deutsche erzählt, entwickelte sie anfangs neue Chemotherapeutika, später war sie am Deutschen Krebsforschungszentrum tätig sowie in der Kinderklinik und der Nuklearmedizin an den Universitäten Heidelberg und Ulm. Claudia Friesen wurde in Ulm in der Rechtsmedizin zur Laborleiterin, konnte aber weiterhin im Bereich Onkologie forschen.

Friesen untersuchte in Zellkulturen die Drogenwirkung von Opioiden und stiess dabei zufällig auf die Antikrebswirkung von Methadon. Zuerst an Blutkrebszellen, dann bei Hirntumoren und später mit Zellen aus Brusttumoren, Bauchspeicheldrüsentumoren und weiteren Krebszellarten. Ihre Befunde konnten Forschungsgruppen in Deutschland, China, Norwegen und den USA bestätigen.

Später kam die Forscherin in Kontakt mit dem Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher, der ein Hospiz mit Krebspatienten leitet. «Wir arbeiten seither eng zusammen», sagt die Chemikerin. Patienten erhalten auf Wunsch in der letzten Phase ihrer Erkrankung Methadon statt Morphium gegen die Schmerzen. Immer wieder scheint dies die Wirkung der Chemotherapie zu verstärken und die Lebensqualität zu verbessern. In einigen Fällen ist der Krebs verschwunden. Ob Methadon wirklich die Ursache dafür ist, kann heute letztlich niemand sagen. (fes)

Artikel zum Thema

«Kommerzielle Gentests stehen auf sehr dünnen Beinen»

Immer mehr Leute lassen ihr Erbgut übers Internet analysieren. Doch aus ihren Ergebnissen lassen sich schnell falsche Schlüsse ziehen. Mehr...

Die unglaubliche Heilung des Peter Rohr

Eine 370'000 Franken teure Therapie hat den 73-jährigen Krebskranken geheilt. Doch die Geschichte hat einen Haken. Mehr...

Das sind die gefährlichsten Krebsarten

Infografik Krebs ist bei Männern die häufigste Todesursache geworden. Warum die Schweiz im internationalen Vergleich trotzdem gut dasteht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...