Hintergrund

Die Schweiz importiert so viele Organe wie noch nie

Hiesige Patienten profitieren von der höheren Organspendebereitschaft in anderen Ländern.

Dank guter Vernetzung kommen Schweizer Ärzte an viele Spenderorgane. Ein Chirurg hält ein Spenderherz in der Hand.

Dank guter Vernetzung kommen Schweizer Ärzte an viele Spenderorgane. Ein Chirurg hält ein Spenderherz in der Hand. Bild: Keystone

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Die Schweiz kompensiert ihren Organmangel zunehmend mit Importen aus Europa. Während die Spenden weiterhin stagnieren und die Wartelisten immer länger werden, sprang die Zahl der Einfuhren im Jahr 2012 auf ein Allzeithoch von 37 Organen. Die Exporte von Organen, für die auf der Schweizer Warteliste kein passender Empfänger gefunden wurde, bleiben hingegen auf einem tiefen Niveau. Im vergangenen Jahr waren es sieben.

Damit profitiert die Schweiz am meisten vom gegenseitigen Austausch innerhalb von Europa – und damit von der höheren Spendebereitschaft im Ausland. Relativ zur Bevölkerung importiere die Schweiz am meisten Organe, bestätigt Franz Immer, der Direktor der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation Swisstransplant. Und das ist nicht unproblematisch: «Der Organaustausch beruht auf einem Geben und Nehmen, auf die Dauer kann dieses Ungleichgewicht deshalb nicht aufrechterhalten werden», so Immer.

Am meisten eingeführt werden Lebern. 2012 stammten 18 aus dem Ausland, das entspricht 18 Prozent aller in dem Jahr transplantierten Lebern. Bei den Lungen wurden 15 Prozent importiert (8 Organe), bei den Herzen knapp 9 Prozent (3 Organe). Dies geht aus dem diese Woche veröffentlichten Jahresbericht von Swisstransplant hervor. Auch 8 Nieren wurden importiert, was aber bei rund 250 Nierentransplantationen eher wenig ist.

Tiefere Qualitätsansprüche

Hauptspenderland ist Frankreich. Laut Franz Immer stammen rund 80 Prozent aller in die Schweiz eingeführten Organe von dort. «In den letzten fünf Jahren haben rund 50 Schweizer Patienten dank einem Organ aus Frankreich überlebt», sagt er. Diese aus Schweizer Sicht vorteilhafte Situation ist offenbar vor allem persönlichen Kontakten zu verdanken. Auf ärztlicher Ebene geschehe dies über die Transplantationsmediziner der Spitäler in Genf und Lausanne. Wichtig sind aber auch die regelmässigen Treffen zwischen Immer und seiner französischen Kollegin Emanuelle Prada und Karim Laouabdia von der Partnerorganisation Agence de la biomédecine in Paris. «Die Franzosen schätzen die Zusammenarbeit», sagt Immer.

Weitere Organe stammen aus Grossbritannien, Spanien und von Eurotransplant – einem Zusammenschluss von sieben europäischen Ländern, darunter Deutschland und Österreich. Aus Ländern wie Italien werde wegen der Gefahr von nicht erkannten Infektionen hingegen zurückhaltender importiert, so Immer.

Verschiedene Gründe tragen dazu bei, weshalb die Schweiz im internationalen Organaustausch profitieren kann: Sie ist besser organisiert als andere Länder und kann ihre Vielsprachigkeit ausspielen. Hinzu kommt, dass man wegen mangelnder Spenden im Inland weniger wählerisch ist, was die Qualität der Organe betrifft.

Schweizer reagieren schneller

So läuft der Organaustausch konkret ab: Wenn in einem Land für ein gespendetes Organ kein Empfänger gefunden wird, teilt dies die zuständige Institution per Fax den Partnerorganisationen in den anderen Ländern mit. «Weil die Zeit bei Transplantationen immer kritisch ist, bekommt das Land das Organ, welches am schnellsten reagiert», sagt Immer.

Dabei hat die Schweiz besonders gute Karten. Das beginnt bei der banalen Tatsache, dass der Fax meistens nachts eintrifft. Ihn muss jemand in Empfang nehmen und schnell reagieren. Und weil Fax und Antwortformular auf Englisch verfasst sind, ist man offenbar in Ländern wie Frankreich wegen sprachlicher Hürden weniger schnell. Gleichzeitig ermöglicht der Schweiz die französische Landessprache den intensiven Kontakt zu den Franzosen. Diese liefern deshalb praktisch alle frei werdenden Organe in die Schweiz.

Grundsätzlich gelangen nur dann Organe in andere Länder, wenn im Inland keine passenden Empfänger gefunden werden. Dies ist der Fall, wenn der Spender beispielsweise eine seltene Blutgruppe hatte. Oder wenn die Organe von einem Kind stammen, dann müssen auch Grösse und Gewicht beim Empfänger genau passen. Und dann gibt es die Fälle, bei denen in der Schweiz andere Regeln gelten als im Herkunftsland. Etwa wenn der Spender einer Leber mit Hepatitis infiziert war.

In Grossbritannien werden solche Organe beispielsweise nicht transplantiert. Hierzulande jedoch schon, wenn der Empfänger bereits mit Hepatitis infiziert ist. «Wenn es Patienten auf der Warteliste zunehmend schlecht geht, akzeptiert man auch Organe, die in einem schlechteren Zustand sind», sagt Immer. Er betont, dass ohne die Importe die Transplantationsrate der Schweiz deutlich tiefer wäre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2013, 12:12 Uhr

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