Herzchirurg mit Tellerwäscherkarriere

Geboren ist Omer Dzemali in einem albanischen Bergdorf in Mazedonien. Jetzt ist er ein gefragter Spezialist am Zürcher Stadtspital.

Omer Dzemali hat viel auf sich genommen, um Medizin zu studieren. Foto: Dominique Meienberg

Omer Dzemali hat viel auf sich genommen, um Medizin zu studieren. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

23 Jahre Mazedonien, 16 Jahre Deutschland, 7 Jahre Schweiz. Und wo ist Ihre Heimat? «Am Triemli, hier verbringe ich die meiste Zeit.» Omer Dzemali lacht. Tatsächlich arbeitet der stellvertretende Chefarzt für Herzchirurgie viel. Fast täglich steht er im Operationssaal und gehört damit in seinem Fach zu den Ärzten in der Schweiz, die am häufigsten operieren.

Doch auch wenn er das Spital am Fusse des Uetlibergs als seine Heimat bezeichnet: Omer Dzemali ist Albaner, einer von 200'000 in der Schweiz. Das verrät nicht nur sein Nachname, der wegen seines Beinahe-Namensvetters und Fussballprofis Blerim Dzemaili vielen geläufig ist. Seine Herkunft verrät auch sein Büro in der Klinik für Herzchirurgie des Stadtspitals, im Stock C des Triemliturms, wo das Treffen stattfindet. Während der Chefarzt einen Espresso für seinen Besuch holt, fällt der Blick auf ein grosses, hyperrealistisches Gemälde von Mutter Teresa. Es zeigt die wohl berühmteste Albanerin, wie man sie kennt, in inniger Pose und mit zerfurchtem Gesicht, das Güte und Strenge gleichzeitig ausdrückt. Gemalt hat es der Bruder eines Patienten zum Dank. Weniger auffällig hängen an einer ­anderen Wand auf zwei Tonwappen der albanische Doppeladler und der Nationalheld Skanderbeg.

Omer Dzemali ist der lebende Beweis, dass auch in der Schweiz und in Deutschland so etwas wie eine Tellerwäscherkarriere möglich ist. Und er mahnt uns daran, mit Zugewanderten freundlich umzugehen – erst recht, wenn sie im Gastgewerbe arbeiten. Der eine oder die andere könnte uns dereinst als Arzt das Leben retten.

«Ich trinke lieber ein Glas Wein»

Trotz der zur Schau getragenen Herkunft, Dzemali ist längst in der Schweiz angekommen. Er versteht Mundart problemlos. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er auf dem Land im Aargau, bestens integriert, wie er versichert. Als Arzt vertritt er die Interessen der Schweizer Fachgesellschaft für Herzchirurgie bei den deutschen Kollegen, wenn es um neue Leitlinien geht. Obwohl Muslim, unterscheidet er sich auch bei der Religion nicht wesentlich von den meisten Schweizern. Moscheen sucht er so gut wie nie auf, das letzte Mal, um einen Vortrag über Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu halten. «Ich trinke lieber ein Glas Wein», sagt er. Und bei Patienten, die irritiert auf seinen Namen reagieren, gewinnt er mit seiner freundlichen und offenen Art bereits nach wenigen Minuten das Vertrauen.

In gepflegtem Hochdeutsch schildert Dzemali die Kurzversion seiner Lebensgeschichte. 1970 geboren, wuchs er als Einzelkind eines Lehrerehepaars in einem albanischen Dorf in einer gebirgigen Region Mazedoniens auf. Schon früh wollte er Medizin studieren. In Skopje wurde er abgelehnt, in Sarajevo klappte es jedoch. Nach dem Militärdienst in der jugoslawischen Armee begann er 1990 dort sein Studium. «Damals war es friedlich in der Stadt, ich hatte ein schönes Leben», erinnert sich Dzemali. Doch das Geld war knapp. Dzemali absolvierte möglichst schnell die Prüfungen und finanzierte das zweite Studienjahr mit einem Sommerjob in Deutschland.

Stehend im Flugzeug

Doch dann brach der Bosnienkrieg aus, und ­Sarajevo wurde von bosnisch-serbischen Truppen eingekesselt. «Von einem Tag auf den anderen ­wurden aus Freunden und Nachbarn Feinde», sagt Omer Dzemali. Er versuchte, aus der belagerten Stadt zu fliehen. Um über die wenigen Kilometer von der Innenstadt zum Flughafen zu gelangen, brauchte er mehrere Tage. Dort erwischte er den letzten Flug weg von Sarajevo. «Das Flugzeug war so voll, dass ich zusammen mit anderen stehen musste», er­innert er sich.

Doch trotz Krieg und Unsicherheit, Dzemali wollte unbedingt weiter Medizin studieren. Korruption und nicht erfüllbare Zulassungsbedingungen in Skopje trieben ihn nach Deutschland, das er von seinem Sommerjob bereits kannte und wo er Bekannte hatte. Er erhielt ein Studentenvisum und hatte ein Jahr Zeit, einen Studienplatz zu ergattern. Abends arbeitete er in einer Pizzeria, zuerst in der Küche, später im Service. Am Tag lernte Dzemali Deutsch an der Volkshochschule. Nach Bewerbungen an 32 Universitäten und kurz vor Ablauf der Frist bekam er schliesslich einen Studienplatz in Mainz. «Mit 23 stieg ich dort aus dem Zug, hatte nur eine Tasche und 700 Mark dabei und kannte niemanden», erzählt Dzemali. «Das war vielleicht der schwierigste Moment in meinem Leben.»

Doch Dzemali packte die Chance und fiel bald auf. Zwar wurde sein Teilstudium in Sarajevo nicht anerkannt, dafür hatte er einen Wissensvorsprung. Bald gab ihm sein Anatomieprofessor eine begehrte Tutorenstelle, mit der sich Dzemali weiterfinanzieren konnte. Nach dem Studium erhielt er eine der raren Assistenzstellen in Frankfurt und bildete sich dort zum Facharzt in Herzchirurgie weiter. Dabei musste er jährlich sein Visum verlängern, bis er 2005 zum deutschen Staatsbürger wurde.

Dzemali hat viel auf sich genommen, um Herzspezialist zu werden. «Ich könnte ein Buch darüber schreiben», sagt er. Der starke Berufswunsch wurde schon früh in ihm geweckt. Seine Grossmutter ­väterlicherseits, welche ihn viel betreut hatte, war herzkrank und verstarb, als Dzemali neun Jahre alt war. «Die medizinische Versorgung war nicht gut, und finanziell hatten wir nicht die Möglichkeiten», sagt er. Nach ihrem Tod wollte Omer Dzemali Arzt werden, um dies zu ändern. Prägend war auch sein Grossvater mütterlicherseits: «Piloten und Ärzte waren seine Helden», erinnert sich Dzemali. «Er sagte immer: ‹Ich habe nichts dagegen, wenn Mäuse in meinem Haus herumrennen – solange sie ein ­Diplom haben.›»

Autogramm von Angus Young

Dzemali steht auf und geht zur Wand, an der Fotos eines AC/DC-Konzerts und ein Autogramm von Angus Young hängen. Ein dankbarer Patient hat ihn dazu eingeladen. «Dieser enge Kontakt zu den Menschen ist der Grund, weshalb ich meinen Beruf heute ausübe», sagt er. Seine Stelle am Stadtspital ermöglicht ihm dies. «Ich möchte kein weltberühmter Forscher werden, sondern meinen Patienten die bestmögliche Behandlung anbieten.» Trotzdem kann er auch hier innovativ sein. Nicht nur im Rahmen der Allianz, die das Triemlispital und das Unispital Zürich in diesem Jahr eingegangen sind. Auch am Stadtspital selber testet er neue Verfahren. Unlängst verwendete er zum ersten Mal in der Schweiz eine Art Herzverschlusssystem. Damit konnte er nach einer Herzklappenoperation einen kleinen Schnitt im Herzen ohne Naht verschliessen.

Seine Fachkompetenz gibt Dzemali auch in seine alte Heimat zurück. In Skopje, wo er als Student abgelehnt wurde, hat er geholfen, eine Uniklinik für Herzchirurgie zu etablieren. Er ist regelmässig dort, um zu operieren. Und Ärzte aus Skopje kommen regelmässig ans Triemli, um sich weiterzubilden. Daneben engagiert sich Dzemali in einem Kulturverein, der von der Schweiz aus das Dorf unterstützt, in dem er aufgewachsen ist. «Ich möchte ein Vorbild sein», sagt er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2016, 11:15 Uhr

Artikel zum Thema

Star der Intelligenzforschung

Porträt Elsbeth Stern glaubt, dass klugen Kindern aus benachteiligten Familien der Platz am Gymi weggenommen wird. Das will sie ändern. Mehr...

Analytiker menschlicher Abgründe

Porträt Der Klinikdirektor Marc Graf hat Patienten, die in den Augen vieler zum Abschaum der Gesellschaft gehören: Pädophile, Vergewaltiger und Kindsmörder. Mehr...

Der Bionik-Pionier

Porträt Der einstige Extremkletterer Hugh Herr hat Prothesen nach dem Vorbild der Natur entwickelt. Dank seiner Forschung soll der Mensch bald über sich hinauswachsen. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Geldblog Prüfen Sie nach der Scheidung die Vorsorge!
Mamablog Der wahre Held meiner Geschichten
Sweet Home 10 festliche Köstlichkeiten

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...