«Die WHO war nie gerüstet, um auf Krisen zu reagieren»

Bruno Jochum, Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen (MSF) Schweiz, wirft der Weltgesundheitsorganisation in der Ebola-Krise Versagen vor. Seine Organisation verhindert derzeit eine humanitäre Katastrophe.

«Die Rolle der WHO muss neu definiert werden»: Bruno Jochum, Chef von Ärzte ohne Grenzen Schweiz. Foto: Jean Revillard (Rezo)

«Die Rolle der WHO muss neu definiert werden»: Bruno Jochum, Chef von Ärzte ohne Grenzen Schweiz. Foto: Jean Revillard (Rezo)

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Sitz in Genf hat in der Bekämpfung des Ebola-Virus versagt. Darin sind sich Ärzte und Hilfsorganisationen einig. Bruno Jochum, Chef der NGO Ärzte ohne Grenzen (MSF) Schweiz, warnte bereits Ende März, gestützt auf konkrete Fakten, vor dem Ausbruch einer Epidemie. Doch die WHO reagierte erst im August auf die Warnzeichen. Im Interview mit dem TA sagt Jochum nun: «Die WHO hat die Gefährlichkeit des Virus klar unterschätzt.» Sie sei ihrer Rolle, Empfehlungen abzugeben und für die betroffenen Länder Guinea, Liberia und Sierra Leone Hilfe zu organisieren, viel zu spät nachgekommen.

Die UNO-Institution, der 194 Staaten angehören, kann nur noch das Allerschlimmste verhindern. Zum Beispiel sorgt sie dafür, dass die Körper von Ebola-Toten korrekt verbrannt werden. Gemäss aktuellem WHO-Bulletin haben sich seit dem Ausbruch der Epidemie über 13 000 Menschen mit dem Ebola-Virus angesteckt, rund 5000 sind gestorben. Es handelt sich dabei lediglich um offiziell nachgewiesene Fälle. Die tatsächlichen Werte dürften höher sein.

Beat Stoll, Basler Arzt und Spezialist für Entwicklungsmedizin, wundert das Versagen der WHO nicht. Stoll sagt: «Sie wollte in den letzten Jahren mit neuen internationalen Gesundheitsregulationen dafür sorgen, dass ihre Mitgliedsstaaten genau wissen, was sie in Fällen von Epidemieausbrüchen tun müssen. Noch im Jahr 2012 meldeten nicht weniger als 100 Staaten, sie bräuchten mehr Zeit, die Vorschriften umzusetzen.» Er frage sich, so Stoll, ob die WHO genügend Unterstützung leistete.

Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen bekommen die Nachlässigkeiten in Westafrika direkt zu spüren. Sie müssen in der Ebola-Krise die Staaten ersetzen, weil deren Gesundheitssysteme zusammengebrochen sind. MSF-Chef Jochum fordert die Staatengemeinschaft auf, in Zukunft dafür zu sorgen, dass die WHO bei Pandemien eigene Teams in Krisengebiete schickt – und genügend Geld dafür hat.

Hat sich Margaret Chan, die ­Direktorin der Weltgesundheits­organisation WHO, schon bei Ihnen ­entschuldigt?
Eine Entschuldigung erwarte ich nicht. Aber es ist auch Frau Chan klar, dass die WHO viel zu spät auf die Ebola-Epidemie reagiert hat. Die Gefährlichkeit des ­Virus wurde klar unterschätzt.

Dabei warnten Sie bereits Ende März vor einer Ebola-Epidemie, und das erst noch in Genf, also quasi vor Frau Chans Haustür.
Wir wurden Mitte März in einem Behandlungszentren in Guinea auf die Epidemie aufmerksam. Sofort liessen wir Proben von erkrankten Patienten im Labor untersuchen. Als das Ergebnis feststand, habe ich eine Pressekonferenz abgehalten und vor einer beginnenden Epidemie gewarnt. Gefährlich war, dass das Virus, das man zuvor von ländlichen Gebieten her kannte, schnell in urbanen Zentren aufgetaucht war.

Die WHO reagierte erst im August. Die Krise war bereits zur ­Katastrophe geworden.
Es ist nicht an mir, zu sagen, aus welchen Gründen die WHO zögerte und was sie hätte besser machen können. Aber ich stelle fest: Die WHO ist in den letzten Jahren zu einem technischen Rat, der Normen setzt, geworden. Sie war nie besonders gut gerüstet, um auf humanitäre Krisen zu reagieren. Die Fähigkeit, auf Epidemien wie Ebola zu antworten, hat in den letzten Jahren sogar weiter abgenommen.

2009 strich die WHO ein Drittel ihrer Stellen. Zudem entscheiden Geberstaaten zunehmend selbst, in welchen Ländern und Krisen ihre Hilfsgelder eingesetzt werden. Lässt sich damit ihr Versagen erklären?
Fehlende Mittel spielen sicher eine Rolle, aber es stellt sich auch die Frage nach ihrer Mission. Die 194 Mitgliedsstaaten sorgten dafür, dass die WHO heute Expertisen erarbeitet und Gesundheitsminister berät, statt die Hilfe vor Ort zu organisieren. Die operative Arbeit übernehmen wir, die NGOs. Nun ist es an der Staatengemeinschaft, dafür zu sorgen, dass die WHO bei drohenden Pandemien intervenieren kann und genügend Geld dafür hat.

Aber die operative Arbeit ist doch genau das Business der NGOs.
Schon, aber wenn staatliche Gesundheitssysteme zusammenbrechen, können NGOs die WHO nicht ersetzen. Zwar haben wir in der Bekämpfung von Epidemien ein grosses Wissen und viel Erfahrung, aber es gibt Grenzen, die aktuell überschritten werden.

Konkret?
Zum Beispiel werden Malariakranke in Guinea nicht mehr behandelt. Schwangere Frauen sollten Kinder gebären, aber finden wegen der Ebola-Krise keine funktionierenden Spitäler mehr. Kinder, die an Durchfall leiden, werden nicht mehr behandelt. Viele Menschen haben Angst vor den Spitälern, Ärzten und Pflegern und davor, sich anzustecken. Also schicken wir lokale Hilfskräfte los, um die Bevölkerung über uns und unsere Tätigkeit zu informieren und das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Unsere Behandlungszentren haben wir mittlerweile so eingerichtet, dass Angehörige von Patienten Sichtkontakt zu ihren Familienmitgliedern haben können. Mit solchen Dingen sollten wir uns als NGO nicht auseinandersetzen müssen, tun wir aber. Es gibt in den Ebola-Krisengebieten ein gefährliches und darum inakzeptables Verantwortungsvakuum.

Ein solches gibt es doch bei der UNO selbst. Die internationale Hilfe lief erst an, als westliche Staaten Angst bekamen, das Virus könnte sich auch bei ihnen ausbreiten.
Zur Verteidigung der WHO muss man sagen: In Afrika gibt es viele Epidemien, Cholera zum Beispiel, und die Opferzahl ist oft sogar höher.

Aber selten starben so viele ­Menschen in so kurzer Zeit. Die Ebola-Opferzahl liegt bereits bei 5000. Laut WHO könnte sie bis Dezember auf 10'000 Opfer steigen.
Stimmt. Aber Ebola kennt man sei Jahrzehnten und forderte bislang nie viele Opfer. Zu einem Zeitpunkt vielleicht 10, ein anderes Mal 100. Das Virus wurde sogar erforscht. Seit die Epidemie ausser Kontrolle geriet, hat sich seine Erforschung beschleunigt. Es werden Impfstoffe erprobt. Zwar müssen wir vorsichtig bleiben, aber ich hoffe, der Impfstoff liegt 2015 vor. Er sollte nicht zu teuer sein und darf im tropischen Klima in Westafrika keinen Schaden nehmen.

Vorerst wird der Druck auf die Ärzte ohne Grenzen aber bestehen bleiben.
Die Belastung ist enorm. Wir waren die erste Organisation, die vor Ort war. In den betroffenen Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia betreiben wir sechs Behandlungszentren mit insgesamt 650 Betten. In den Krisengebieten arbeiten rund 3400 MSF-Mitarbeiter. Das Team setzt sich aus 3100 lokalen Arbeitskräften und 280 internationalen MSF-Spezialisten zusammen. Dazu zählen natürlich Ärzte und Pflegepersonal, aber auch Laboranten und Logistiker. Damit die internationalen Helfer nicht ausbrennen, tauschen wir die Teams alle vier bis sechs Wochen aus. Denn mit der Arbeitsbelastung steigt auch das Risiko, dass unsere Mitarbeiter plötzlich die rigiden Schutz- und Hygienevorschriften nicht mehr konsequent genug anwenden.

Wie viele Ebola-Patienten hat MSF bisher behandelt?
3200 Personen, die am Virus erkrankt sind, wobei 1200 überlebten. Weil es weder Impfungen noch Medikamente gibt, sind wir in den Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Wir versuchen über die Intensivpflege und die Ernährung die Überlebenschancen zu verbessern, und verteilen Schutzsets, vor allem in Familien, bei denen jemand an Ebola gestorben ist, also akute Ansteckungsgefahr ­besteht. Seuchenbekämpfung bedeutet auch, das Verhalten der Leute zu ändern.

Haben Sie angesichts der Gefährlichkeit von Ebola und der Passivität der Staatengemeinschaft nie daran gedacht, sich aus dem Krisengebiet zurückzuziehen?
Nein, nie. Jede Schwierigkeit spornt MSF an, sich noch stärker zu engagieren. Unser Einsatz hilft uns, in der Welt noch mehr Vertrauen zu gewinnen.

Kamen auch keine Zweifel auf, als Einheimische ihre Ärzte mit Steinen bewarfen und MSF-Mitarbeiter an Ebola erkrankten?
Auch dann nicht. Drei Betroffene aus unserem internationalen Team überlebten Ebola. Leider verstarben lokale Mitarbeiter. Sie steckten sich aber im privaten Umfeld an. Eines muss klar sein: Was in Westafrika passiert, ist in Europa noch nicht so lange her. Im 19. Jahrhundert starben in Europa die Leute zu Tausenden an Cholera. Niemand wusste, warum. Es standen anfangs weder Medikamente noch Impfstoffe zur Verfügung. Der Aufwand war gross, die Epidemie in den Griff zu bekommen und die Cholera auszurotten. Beim Ebola wird es schneller gehen.

Wie schnell?
Der Kampf kann noch ein ganzes Jahr lang dauern. Vieles hängt davon ab, wie rasch der Impfstoff kommt.

Ist die Ebola-Krise vorbei, muss sie aufgearbeitet werden. Welche ­Botschaft haben Sie an die UNO?
Die Staatengemeinschaft darf bei einer nächsten Krise nicht mehr abseits­stehen. Die Rolle der WHO muss neu ­definiert werden. Es braucht eine klare, ­institutionalisierte Autorität für Epidemien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 18:32 Uhr

Bruno Jochum

Afrika, Afghanistan, Iran

Der Elsässer Bruno Jochum ist General­direktor von Médecins sans Frontières (MSF)Schweiz. Der Politologe und Spezialist für internationales Recht war für MSF zuvor in Afrika, Afghanistan und im Iran tätig. In Genf betreut Jochum eines von fünf europäischen Operationszentren, die hierarchisch gleich­gestellt sind. MSF Schweiz verfügt über ein Jahresbudget von 175 Millionen Franken, wobei sie sich zu 85 Prozent aus Privatspenden finanziert. Nur 12 Prozent kommen von staatlicher Seite. (phr)

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