Ebola-Ausbruch als Chance für die Wissenschaft

Der Ebola-Ausbruch in Westafrika schockte die Welt. Für Kritik sorgte vor allem die zögerliche Reaktion der WHO. Der jetzige Ausbruch im Kongo zeigt, dass die Weltgemeinschaft gelernt hat. 

Medizinische Mitarbeiter desinfizieren in der kongolesischen Stadt Beni einen Sarg. Foto: John Wessels (AFP)

Medizinische Mitarbeiter desinfizieren in der kongolesischen Stadt Beni einen Sarg. Foto: John Wessels (AFP)

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Die Atempause währte nur kurz: Gerade hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo für beendet erklärt, da tauchte das gefährliche Virus erneut auf. Diesmal gut 1000 Kilometer entfernt, im Osten des riesigen Landes. Beide Epidemien hatten nichts miteinander zu tun, wie genetische Analysen der Erreger ergaben.

Der erste Ausbruch in der nordwestkongolesischen Provinz Équateur hatte Anfang Mai begonnen. 54 Menschen erkrankten, 33 davon starben, bevor die WHO am 24. Juli Entwarnung gab. Eine Woche später, am 1. August, gab die kongolesische Regierung einen weiteren Ebola-Ausbruch bekannt, diesmal in der Provinz Nordkivu. Es ist die zehnte registrierte Ebola-Epidemie im Kongo, wo das hochansteckende Virus 1976 erstmals identifiziert wurde.

«Kein Land hat mehr Erfahrung mit Ebola als der Kongo», sagt Cesar Muñoz-Fontela, Leiter der Arbeitsgruppe Virusimmunologie am deutschen Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Umgehend entsandte die Regierung Notfallteams, die vorher schon in Équateur geholfen hatten, zusammen mit Ausrüstung wie etwa Kühlboxen für Medikamente und Geräten zum schnellen Ebola-Nachweis.

Flüchtlingslager mit schlechter Hygiene

Gemeinsam ist beiden Provinzen, dass sie sehr schlecht zugänglich sind – was gleichzeitig Vor- und Nachteil ist: «Einerseits behindert das die Ausbreitung deutlich, andrerseits erschwert es auch die Arbeit der Helfer», sagt Muñoz-Fontela.

Ansonsten ist die Situation in beiden Provinzen kaum vergleichbar: Nervös macht Beobachter vor allem der Umstand, dass Nordkivu, mit acht Millionen Einwohnern eine der dichtestbesiedelten Gegenden des Landes, ein teilweise nicht zugängliches Konfliktgebiet ist, in dem Dutzende schwer bewaffnete Rebellengruppen operieren. Zudem leben hier etwa eine Million Vertriebene, viele davon in Flüchtlingslagern unter schlechten hygienischen Bedingungen.

«Das ist der erste Ebola-Ausbruch in einer Konfliktzone», sagt Karin Huster, die für Médecins sans Frontières (MSF) den Einsatz in der Kleinstadt Mangina koordiniert hat, dem Epizentrum der Epidemie. «Plötzlich hat man eine neue Ebene von Komplexität.» Was das bedeutet, zeigt die Geschichte der Epidemie. Denn der Ausbruch in Nordkivu begann – ähnlich wie der in Équateur – schon Anfang Mai. Der bewaffnete Konflikt in der Region hat das Feststellen um viele Monate verzögert.

Die WHO wertet die Ringimpfung als Erfolg und spricht von ermutigenden Zeichen.

«Es dauerte, bis jemand Alarm schlug», sagt Huster, die schon andere Ebola-Epidemien erlebt hat. Als MSF darauf aufmerksam wurde, verlegte die Organisation ein Team nach Mangina, das bis Mitte August ein Behandlungszentrum mit einer Kapazität von 68 Betten aufbaute.

Sorge macht Experten der Umstand, dass Nordkivu mit Uganda und Ruanda an zwei Staaten grenzt. Und die benachbarte Provinz Ituri, wo es bis Mitte September rund ein Dutzend bestätigte und wahrscheinliche Fälle gab, grenzt an den Südsudan, ein weiteres Konfliktgebiet. «Alle sind besorgt, dass die Epidemie sich über die Grenzen ausbreitet», sagt Huster. Auch um dies zu verhindern, entsandte die WHO spezielle Teams nach Südsudan, Uganda, Ruanda und ins nahe gelegene Burundi.

Die grenznahe Lage weckt Erinnerungen an die bislang mit Abstand grösste Ebola-Epidemie, jene von 2014 bis 2016 in Westafrika. Dort gab es – hauptsächlich in Guinea, Liberia und Sierra Leone – fast 29'000 Verdachtsfälle, mehr als 11'300 Menschen starben. Die beispiellose Ausbreitung des Erregers – auch in Senegal, Mali und Nigeria gab es Fälle – erklärten Experten damals vor allem mit den guten Verkehrsverbindungen in der betroffenen Region.

Studien liefen dank Schweizer Fachleuten an

Zudem hatte die WHO damals spät reagiert und erst nach monatelangem Zögern den inter­nationalen Gesundheitsnotfall ausgerufen. Diesmal agierte die Organisation entschiedener, Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus besuchte die Region gleich im August.

Muñoz-Fontela betont eine weitere Veränderung: «Der grösste Unterschied zu damals ist, dass wir inzwischen eine Impfung haben.» Der Impfstoff VSV-EBOV ist ein sogenanntes vesikuläres Stomatitis-Virus (VSV), das ein Oberflächenprotein des Ebola-Virus trägt. Das soll dafür sorgen, dass das Immunsystem den Erreger erkennt und bekämpft.

Insbesondere dank dem Engagement von Schweizer Fachleuten konnten die Studien zu dem Impfstoff 2015 gerade noch rechtzeitig gegen Ende der Epidemie in Westafrika anlaufen. Sie zeigten, dass die Vakzine bei vertretbaren Neben­wir­kungen zuverlässig Schutz vor dem Erreger bietet. Ein weiterer Vorteil ist, dass dafür eine ein­zige intramuskuläre Injektion ausreicht.

Ringimpfungen helfen das Virus einzudämmen 

Der Impfstoff ist zentraler Teil der jetzigen Bekämpfungsstrategie – der Ringimpfung. Sobald bei einem Patienten eine Ebola-Infektion nachgewiesen ist, werden seine Kontakte und sicherheitshalber auch deren Kontakte gegen das Virus geimpft. Gemäss den aktuellen Zahlen vom 16.September hat die kongolesische Regierung 142 wahrscheinliche und bestätigte Ebola-Fälle registriert, 97 Menschen sind an der Krankheit gestorben. Geimpft wurden bis dahin mehr als 8200 Kontaktpersonen und Helfer.

Auch die Ringimpfungen werden durch die unsichere Lage in dem Konfliktgebiet erschwert. Laut MSF sei es schwierig, In­fektionsketten und Kontaktpersonen zu ermitteln und deren Gesundheitszustand nachzuverfolgen.

Die WHO wertet die Ringimpfung bislang als Erfolg und spricht von ermutigenden Zeichen. Vorläufige Zahlen würden zeigen, dass sich die weitaus meisten Infizierten im Juli und August angesteckt hätten, schreibt die Organisation auf ihrer Website. «Die aktuellen Trends deuten darauf hin, dass die Kontrollmassnahmen funktionieren.» Der Virologe Stephan Günther lobt das bisherige Vorgehen. «Die WHO hat aus der Krise in Westafrika gelernt», sagt der Leiter der Abteilung Virologie am Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. «Die Response-Strukturen haben sich geändert.» Unter anderem dokumentiere die Organisation inzwischen ihr Vorgehen öffentlich und stelle alle wichtigen Dokumente online.

Insofern bietet der Ebola-Ausbruch die Chance, Wirkstoffe und Strategien zu prüfen.

Gemeinsam mit gut einem Dutzend Experten, darunter Günther, hat die WHO eine Risiken-Nutzen-Analyse für fünf verfügbare, aber noch nicht zugelassene Ebola-Medikamente erstellt. Dazu zählen etwa das Präparat Remdesivir und der Antikörper-Cocktail ZMapp, der das Immunsystem für das Ebola-Virus sensibilisieren soll.

Die Empfehlungen der WHO hängen nicht nur davon ab, wie gut die Präparate getestet sind, sondern auch davon, wie leicht sie zu transportieren sind, wie sehr sie gekühlt werden müssen und wie leicht sie zu verabreichen sind. «Das schafft mehr Transparenz», sagt Günther.

Im September stieg die Zahl der Fälle in der Region nur noch leicht. Bis eine Epidemie für beendet erklärt wird, müssen allerdings zwei grosszügig berechnete Inkubationszeiten von insgesamt 42 Tagen ohne einen neuen Fall verstreichen.

Während des Ausbruchs werden das Vorgehen und der Einsatz von Medikamenten in speziellen Behandlungsprotokollen umfassend dokumentiert – um bei späteren Epidemien möglichst viele Schlüsse daraus ziehen zu können. So wurden bisher – nach Zustimmung von Ethikräten unter anderem der Regierung – Dutzende Patienten mit einem der Medikamente behandelt. Insofern bietet der Ebola-Ausbruch die Chance, Wirkstoffe und Strategien zu prüfen.

Das Ausmass nicht für möglich gehalten

Gerade die Epidemie in Westafrika habe vor einigen Jahren gezeigt, dass die Weltgemeinschaft sich gegen solche Erreger wappnen müsse, sagt der Virologe Stephan Becker von der Uni­versität Marburg. «Vorher hätte man einen Ebola-Ausbruch dieses Ausmasses nicht für möglich gehalten.»

«Wenn sich die Ringimpfungen bewähren, kann man das Konzept auch auf andere hochpathogene Erreger übertragen. Wir müssen uns auf eine ganze Gruppe solcher Erreger vorbereiten.» Dazu zählt Becker etwa 15 Erreger, darunter die Viren Lassa, Marburg, Krim-Kongo, Nipah und Mers. Er schlägt vor, Impfstoffe und Medikamente gegen solche Erreger bis in die Phase 2 zu entwickeln – also Wirkstoffe schon am Menschen auf Sicherheit und optimale Dosierung zu testen. So könne man sich auf einen Ernstfall vorbereiten. «Wenn dann ein Ausbruch erfolgt, kann man die als sicher bestätigten Präparate in den Krisengebieten in einem kontrollierten Rahmen einsetzen», sagt der Virologe. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.09.2018, 18:23 Uhr

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