Eigentlich haben wir keine Ahnung von der Vorahnung

Die Forschung über die parapsychologische Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, steckt in der Klemme. Es gibt neue Studien, doch sind sie bis heute nicht reproduzierbar.

Wird Mike Shiva von der Forschung rehabiltiert? Experten streiten darüber, wie und ob parapsychologische Fähigkeiten erforscht werden können und sollen.

Wird Mike Shiva von der Forschung rehabiltiert? Experten streiten darüber, wie und ob parapsychologische Fähigkeiten erforscht werden können und sollen. Bild: SF

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Auf einem Computerbildschirm sind zwei geschlossene Vorhänge zu sehen, einer links, einer rechts. Hinter einem erscheint beim Klicken ein erotisches Bild, hinter dem anderen eine nackte Wand. Es gilt natürlich, auf den Vorhang mit dem versteckten Bild zu klicken. Wer bei diesem Experiment einfach rät – und etwas anderes bleibt ja offenbar nicht übrig –, hat eine Chance von 50 Prozent, per Zufall richtig zu tippen. Doch als 100 Versuchspersonen je 36-mal raten mussten, kamen sie auf eine Trefferquote von 53 Prozent. Durch pures Glück ist das kaum zu erklären.

Die Teilnehmer der Studie scheinen also Ereignisse zu ahnen, die noch gar nicht eingetreten sind. Denn erst nach ihrer Wahl bestimmt ein Zufallsgenerator, wo das Bild auftauchen wird. «Die Zukunft fühlen» überschrieb der emeritierte Psychologieprofessor Daryl Bem seinen Bericht über dieses und andere Experimente, der demnächst im «Journal of Personality and Social Psychology» erscheinen soll. Schon jetzt sorgt er in der Fachwelt für lebhafte Reaktionen. Denn die Zeitschrift ist eine der renommiertesten des Fachs, und Bem kennt jeder, der im Psychologiestudium aufgepasst hat. Der Sozialpsychologe forscht an der Topuniversität Cornell in Ithaca.

Wie in «Alice im Wunderland»

Bem präsentiert neun Experimente mit insgesamt über 1000 Teilnehmern. Acht von ihnen sprechen dafür, dass Menschen in die Zukunft sehen können, wenn auch in eher bescheidenem Umfang. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Treffer nur durch Zufall zustande kamen, beträgt laut Bem 1 zu 74 Milliarden. Acht Jahre arbeitete Bem an diesen Studien. Damit niemand die Ergebnisse unabsichtlich beeinflussen konnte, liefen die Experimente vollautomatisch am Computer ab. Dabei ging es zu wie im von Bem in diesem Zusammenhang erwähnten Wunderland der kleinen Alice. Sie wird einmal von der Weissen Königin belehrt, dass ein Gedächtnis doch sehr armselig sei, wenn es sich nur an Vergangenes erinnere.

Die Königin erinnert sich am besten an Dinge, «die übernächste Woche geschahen». Nach dieser Logik liess Bem Versuchspersonen einen Teil der Wörter einer langen Liste lernen. Doch abgefragt wurden sie schon vorher, nachdem die Versuchspersonen nur einmal kurz die ganze Liste gesehen hatten. Trotzdem schrieben sie bevorzugt die Wörter auf, die sie erst nachher üben würden.

Sex und Säbelzahntiger

Besonders gut schnitten in den meisten Experimenten Menschen ab, die immer auf der Suche nach neuen Reizen sind, sogenannte «Sensation Seekers». Das war schon in früheren parapsychologischen Studien aufgefallen. Bem vermutet, dass parapsychologische Fähigkeiten sich im Lauf der Evolution entwickelt und als nützlich erwiesen haben – etwa bei der Partnersuche und bei Gefahr. Daher verwendet er erotische Bilder und Schockmotive. Die aussersinnliche Wahrnehmung könnte ja auf Sex und Säbelzahntiger geeicht sein.

Wie Ereignisse in der Zukunft die momentane Wahrnehmung beeinflussen könnten, weiss Bem auch nicht. Allerdings hat er Physik studiert, bevor er sich der Psychologie zuwandte. So kann er darauf verweisen, dass auch in der modernen Quantentheorie vieles dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Aber hat Bem überhaupt bewiesen, dass Menschen irgendwie in die Zukunft blicken können? Viele Psychologen glauben das nicht. Eric-Jan Wagenmakers von der Universität Amsterdam wirft Bem sogar vor, die Daten mit den falschen statistischen Methoden auszuwerten. Allerdings räumt Wagenmakers ein, dass diese Methoden weit verbreitet seien. Daher sei «etwas grundlegend falsch mit der Art, in der experimentelle Psychologen ihre Studien anlegen und auswerten». Hinter der Kritik verbirgt sich ein Grundsatzstreit der Experten.

Bisher keinen Fehler gefunden

Wirkliche Fehler konnten die Skeptiker bislang nicht nachweisen. Selbst der ausgewiesene Parapsychologie-Zweifler Richard Wiseman von der britischen University of Hertfordshire fand nur eine Kleinigkeit, und die hat Bem inzwischen ausgeräumt. Bleibt die grosse Frage, ob andere Forscher die Ergebnisse werden bestätigen können. Unabhängige Wiederholungen sind seit jeher die «Achillesferse» der Parapsychologie, sagt Ray Hyman von der University of Oregon.

Der führende Kritiker bemängelt diesen Sommer, die Parapsychologen hätten es in «über einem Jahrhundert nicht geschafft, auch nur ein einziges reproduzierbares Experiment hervorzubringen». Anlass dafür war die Debatte um die letzte grosse Anstrengung dazu: die Ganzfeld-Studien. Auch Bem war massgeblich an ihnen beteiligt. Er sollte Fehler in den ersten Ganzfeld-Experimenten finden. Als ihm dies nicht gelang, stieg er selbst als Forscher ein.

Mitmach-Experiment online

Das Ganzfeld ist einfach ein rotes Nichts, in das die Versuchsperson blickt. Denn sie hat halbe Tischtennisbälle auf den Augen, die von rotem Licht beschienen werden. Von der normalen Wahrnehmung abgeschnitten, soll sie Gedanken von einem sogenannten Sender empfangen, der sich beispielsweise auf ein Bild des Weihnachtsmanns mit Coca-Cola-Flasche konzentriert. Einem «Empfänger» kam dabei ein «Mann mit einem dunklen Bart» in den Sinn sowie eine Coca-Cola-Werbetafel. Bis heute ist umstritten, ob Studien aus den letzten 25 Jahren die ursprüngliche Erfolgsmeldung von 1985 bestätigen.

Bei Bems neuer Studie läuft es nicht unbedingt besser. Forscher in Schweden, England und den USA konnten seine Ergebnisse nur angreifbar machen oder gar nicht bestätigen. Wer will, kann das Wörter-Lern-Experiment auf einer Website der Carnegie Mellon University selbst probieren (Englischkenntnisse vorausgesetzt). Es dauert etwa eine Viertelstunde, dann folgt auch schon die Auswertung. Bei einem Versuch des Autors lautete sie übersetzt: «Wir haben eine aussersinnliche Wahrnehmung von 0 Prozent für Sie errechnet.» Den meisten anderen der bisher gut 300 Teilnehmer ging es nicht besser – null ist bislang der Durchschnittswert.

Warum klappt es bei Bem mit dem Übersinnlichen und bei den Kollegen nicht? Solche Fragen stellen sich Parapsychologen nun schon seit über 100 Jahren. Zum aktuellen Fall spottet ein britischer Psychologie-Blogger: «Vielleicht ist was im Trinkwasser der Cornell University.»

Mitmach-Experiment der Carnegie Mellon University: //consumerbehaviorlab.com/esp1_live/esp1_live.php (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2010, 20:47 Uhr

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