Ein Krebsforscher eckt an

Der Vater der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs, Harald zur Hausen, rechtfertigt sich mit einer Autobiografie gegenüber seinen Kritikern.

Nimm kein Blatt vor den Mund: Krebsforscher und Nobelpreisträger Harald zur Hausen.

Nimm kein Blatt vor den Mund: Krebsforscher und Nobelpreisträger Harald zur Hausen.

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Hanne ist traurig. Soeben hat sie erfahren, dass ihr Grossvater mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt wird. Doch statt sich zu freuen, weint das dreijährige Mädchen. Sie versteht nicht, was die Auszeichnung zu bedeuten hat, dennoch beschwert sich Hanne: «Ich möchte diesen Preis auch haben.»

Für Harald zur Hausen gehören die Tränen der Enkelin zu den unbeschwerten Erinnerungen an das turbulente Jahr 2008. Damals erhielt der deutsche Virologe nicht nur die begehrte Ehrung aus Stockholm für seine langjährigen Forschungen, die zu der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs führte. Er geriet in dieser Zeit auch unvermittelt in einen Strudel massiver Kritik, die bis heute nicht ganz verklungen ist und ihn persönlich belastet.

Medizinprofessoren zweifeln

In seiner kürzlich erschienenen Autobiografie «Gegen Krebs», die der 74-Jährige zusammen mit der Wissenschaftsjournalistin Katja Reuter verfasst hat, schildert zur Hausen seine Sicht auf die Vorwürfe. Und er erzählt, wie er gegen Widerstände von Forscherkollegen zeigen konnte, dass die Ursache der weltweit zweithäufigsten Krebsart bei Frauen eine Infektion durch sogenannte humane Papillomaviren (HPV) ist. Eine Erkenntnis, die zu einer Impfung führte, die in der Schweiz und in vielen anderen Ländern für Mädchen von 11 bis 19 Jahren offiziell empfohlen wird.

Hanna war nicht die einzige, die dem Erfolg von zur Hausen argwöhnisch gegenüberstand. Ernsthafter waren die Einwände der schwedischen Oberstaatsanwaltschaft, die im Dezember 2008 eine Untersuchung wegen Korruptionsverdachts gegen das Nobelkomitee einleitete. Ein bemerkenswerter Vorgang, der auch in der Schweizer Presse Widerhall fand. Zur Hausen erfuhr davon in Stockholm – ausgerechnet am Abend nach der feierlichen Preisübergabe mit anschliessendem Festbankett zusammen mit der Königsfamilie.

Vorwurf Beinflussung

Zurück im Hotel, sah der Nobelpreisträger noch kurz seine E-Mails durch, «was ich an diesem Abend vielleicht besser nicht getan hätte», erinnert er sich. Prompt bat ihn ein Journalist um eine Stellungnahme zum Vorwurf, dass der Nobelpreis durch den Pharmakonzern Astra-Zeneca gesteuert worden sei. «Im ersten Moment wusste ich nichts damit anzufangen, zumal ich bisher keinerlei Verbindung zu Astra-Zeneca hatte. Dennoch war mir klar, dass diese Nachricht nichts Gutes bedeuten konnte.»

In der Presse folgten danach über Monate immer wieder Berichte, die andeuteten, dass beim Nobelpreis für zur Hausen wohl nicht alles sauber gelaufen sei. Im August 2009 lösten sich die Vorwürfe jedoch in Luft auf: Die schwedische Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen ein, weil sie keine Hinweise auf eine Einflussnahme gefunden hatte.

Kurz vor dem Beginn der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, im November 2008, meldete sich eine Gruppe von 13 deutschen Medizinprofessoren mit einem Manifest, das zur Hausen die Nobelfeier zusätzlich versauern sollte. Sie kritisierten die im Vorjahr in Deutschland ausgesprochene Impfempfehlung als vorschnell und forderten eine Neubewertung. Der Grund: Der Wirksamkeitsnachweis der HPV-Impfung sei unzureichend. Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz, wo die kantonalen HPV-Impfprogramme soeben angelaufen waren, fand die von Ärzten geäusserte Kritik grosse Aufmerksamkeit und führte zu Verunsicherung.

Uninformierte Kritiker

«Ich las diesen Bericht mit zunehmendem Erstaunen und aufkeimendem Ärger. Meiner Ansicht nach hatten sich diese ‹Experten› nicht genügend mit den biologischen Hintergründen der Infektion beschäftigt», schreibt zur Hausen in seinem Buch. Als Nobelpreisträger exponierte er sich in der Folge und warb aus Überzeugung für sein «Baby», die HPV-Impfung. Dies brachte ihm unter anderem den Vorwurf ein, dass er die Interessen der Pharmaindustrie vertrete und sich dank der Impfempfehlung eine goldene Nase verdiene. Zur Hausen betont jedoch immer wieder, dass er «keine Erlöse aus den Papillomavirus-Patenten und Impfstoffverkäufen» erhalte.

Ein Beleg für seine Unabhängigkeit ist, dass er selber den hohen Preis des Impfstoffs bis heute öffentlich kritisiert. Seine grösste Sorge ist, dass die Impfung vor allem für Drittweltländer, wo über 80 Prozent der von HPV-Betroffenen leben, zu teuer ist. Im Interview äusserte zur Hausen gar die Hoffnung, dass diese Länder den Patentschutz umgingen und den Impfstoff selber herstellten.

Kein Jahr nach dem Manifest bewertete die Ständige Impfkommission Stiko in Deutschland die HPV-Impfung neu – und blieb aufgrund der Datenlage bei ihrer Empfehlung. Seither ist es ruhiger geworden um zur Hausen.

Pharma hatte kein Interesse

Dass zur Hausen bei Diskussionen «mit seiner Meinung nicht hinterm Berg» hielt und damit aneckte, ist aus seiner Geschichte verständlich. In seinem Buch nimmt der hürdenreiche – manchmal etwas episch erzählte – Weg vom Jungforscher zum arrivierten Wissenschaftler einen grossen Platz ein. Lange Zeit war er mit seiner Idee, dass Papilloma-Viren Gebärmutterhalskrebs auslösten, innerhalb der Wissenschaftsgemeinde isoliert. Und als ihm dann Anfang der 1980er-Jahre der Nachweis gelang, war die Pharmaindustrie an einer Impfung nicht interessiert.

Erfrischend ist, mit wie viel Naivität zur Hausen einst seine Forscherkarriere begann. Wenn er mit überdrehten Forschungsideen kam, reagierte sein Professor am Düsseldorfer Institut für Medizinische Mikrobiologie jeweils salopp: «Nöch, das klingt ja janz juut und interessant, machen See’s mal.»

Zum Karrieresprung in eine Forschungsgruppe in Philadelphia (USA) setzte zur Hausen an, nachdem er in Düsseldorf einen Brief, in dem sein künftiger Chef einen neuen Mitarbeiter suchte, aus einem Papierkorb im Labor gefischt hatte. Seine Stelle in den USA trat er praktisch ohne Englischkenntnisse an – und verstand am ersten Krebskongress entsprechend nur Bahnhof. Doch trotz der Anfangsschwierigkeiten und späterer Hindernisse ging zur Hausen seinen Weg – bis nach Stockholm.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2010, 21:23 Uhr

Das Buch

Harald zur Hausen, Katja Reuter: Gegen Krebs – die Geschichte einer provokativen Idee, Rowohlt 2010, ca. 30 Fr.

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