Ein Medikament nur für Mila

Mila ist der erste Mensch der Welt, der mit einem Medikament behandelt wird, das Forscher eigens für das Mädchen hergestellt haben: Milasen.

«Ich war sicher bei 100 Ärzten mit ihr. Keiner wusste, was sie hatte»: Mutter Julia Vitarello mit Mila. Foto: «The New York Times», Redux, Laif

«Ich war sicher bei 100 Ärzten mit ihr. Keiner wusste, was sie hatte»: Mutter Julia Vitarello mit Mila. Foto: «The New York Times», Redux, Laif

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Mila war drei Jahre alt, als ihre Eltern merkten, dass etwas nicht stimmte. Die Kleine, die zuvor ein Wirbelwind gewesen war, überall hinaufkletterte und fröhlich herumrannte, verdrehte plötzlich beim Gehen den Fuss komisch nach innen. Auch konnte sie auf einmal keine vollständigen Sätze mehr bilden. Als Mila vier war, hatte sie Schwierigkeiten mit dem Sehen. Mit fünf wurde sie immer unbeholfener. «Ich war sicher bei 100 Ärzten mit ihr, in den USA und in Kanada», sagt die Mutter Julia Vitarello am Telefon. Die Familie lebt in der Nähe von Boulder, Colorado. «Keiner wusste, was sie hatte.»

Als sich der Zustand mit sechs Jahren rasant verschlechterte, kam Mila ins Spital. «Sie war gar nicht mehr ansprechbar und blinzelte nicht einmal, als ihr ein Notarzt in die Augen leuchtete», erinnert sich die Mutter. Eine MRI-Untersuchung des Kopfes zeigte: Im Gehirn von Mila ging Gewebe kaputt. Nach einigen weiteren Tests kam die niederschmetternde Diagnose: «Batten-Krankheit». Das ist eine sehr seltene Erbkrankheit, bei der die Nervenzellen im Gehirn absterben. «Die Ärzte sagten uns, wir sollten die verbleibende Zeit mit unserem Kind noch geniessen», sagt Vitarello, es gebe keine Hilfe. Die Lebenserwartung für betroffene Kinder liegt bei 8 bis 12 Jahren.

Doch Julia Vitarello suchte Hilfe. Ihren Facebook-Aufruf las zufällig die Frau des Neurogenetikers Timothy Yu vom Boston Children’s Hospital. «Dr. Yu rief uns wenige Wochen später an», sagt Vitarello. Er wollte nach der Krankheitsursache suchen. Erste Hoffnung für die Eltern, aber keine leichte Aufgabe für die Forscher, denn bei der Batten-Krankheit sind die beiden je von Vater und Mutter geerbten Kopien eines Gens krankhaft verändert. Die Spitalärzte hatten bei Mila aber nur eine Mutation entdeckt.

Nur ein Jahr bis zur Therapie

Vitarello wollte die genaue Krankheitsursache auch deshalb wissen, weil Mila einen kleinen Bruder hat. Könnte auch er die schwere Krankheit bekommen? «Er war damals zweieinhalb», sagt die Mutter.

Wie der Neurogenetiker Timothy Yu zusammen mit einem grossen Forscherteam die Ursache von Milas Krankheit aufklärte und innerhalb nur eines Jahres eine Therapie eigens für sie entwickelte, haben die Wissenschaftler kürzlich im «New England Journal of Medicine» beschrieben. Das Team hat damit den Grundstein für eine personalisierte Behandlung von sehr seltenen Gendefekten gelegt – zunächst für solche, die das Gehirn betreffen.

Yu fand mit seinem Team nach einer Analyse des gesamten Erbguts von Mila den zweiten Gendefekt. Der Fehler in der DNA war zwar so noch nie zuvor bei der Batten-Krankheit beschrieben worden, er erinnerte den Forscher aber an eine andere genetische Erkrankung: spinale Muskelatrophie (SMA). Gegen diese Erkrankung, die in ihrer schwersten Form für 90 Prozent der betroffenen Neugeborenen tödlich ist, gab es seit kurzem eine innovative Therapie in den USA. Der Wirkstoff heisst Nusinersen und ist seit 2017 als «Spinraza» auch in der Schweiz zugelassen.

«Wir ebnen den Weg für die personalisierte Medizin auch für andere Patienten mit sehr seltenen Gendefekten.»Julia Vitarello, Milas Mutter

Das Prinzip dahinter haben Molekularbiologen und Genetiker geradezu elegant ausgetüftelt. Sie nutzen kurze Mole­küle, die der DNA ähneln, sogenannte Antisense-Oligonukleo­tide (ASO). Diese greifen in den Prozess ein, der ein Gen in ein Protein übersetzt. Dieser Prozess ist bei Betroffenen mit SMA ähnlich gestört wie bei Mila – und das Ergebnis ist bei den Kranken gleich verheerend: Sie können jeweils ein wichtiges Protein nicht herstellen. Bei SMA-Patienten ist es ein Protein mit Namen SMN, das für Nervenzellen nötig ist, welche die Muskeln stimu­lieren. Mila fehlt hingegen die ausreichende Menge an einem Protein, das CLN7 heisst. Es ist für die Abfallbeseitigung in den Zellen nötig.

Das Forscherteam konnte sich also an dem bereits zugelassenen Wirkstoff Nusinersen orientieren. «Wir nutzten ganz ähnliche chemische Bestandteile, um Milas Medizin herzustellen, wie die Medikamentenentwickler bei Nusinersen», sagt David Fischer von Charles River. Die US-Firma führte die Sicherheitstests mit den ASO an Tieren durch.

Drei Millionen Dollar Kosten

Milas Mutter ist dem gesamten Team von Timothy Yu unendlich dankbar. Die Forscher haben nach den wissenschaftlichen Versuchen Kontakt zu den Medikamentenherstellern aufgenommen, die Sicherheitstests orga­nisiert und schliesslich die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragt. Die Kosten für eine derartige experimentelle Therapie bezahlt ebenso wie in der Schweiz auch in den USA keine Krankenkasse. Vitarello gründete deshalb die Stiftung Mila’s Miracle Foundation – und sammelte drei Millionen Dollar. Die Zeit drängte. Kurz vor Milas siebtem Geburtstag verschlechterte sich ihr Zustand erneut. Sie konnte keine Wörter mehr formulieren, kaum noch schlucken und bekam heftige epileptische Anfälle, manchmal 15 bis 30 am Tag, jeweils ein bis drei Minuten lang.

Inzwischen hatten Laborversuche mit Milas Zellen gezeigt, dass die für sie hergestellten Antisense-Oligonukleotide halfen, das Protein CLN7 zu bilden, und dass die Zellen dadurch fast gesund wurden. Dann zeigten die Sicherheitstests mit Nagetieren, dass die Substanz nicht toxisch war. Deshalb bekamen die Ärzte grünes Licht von der Arzneimittelbehörde, und Milas Familie zog nach Boston. Ende Januar 2018 erhielt das Mädchen unter Vollnarkose die erste Infusion der Antisense-Oligonukleotide in den Liquor ums Rückenmark gespritzt, von wo sie ins Gehirn gelangen. Milas Medikament heisst Milasen. «Die ersten vier Monate bekam Mila die Infusion alle zwei Wochen», sagt die Mutter. «Wir waren dann jeweils drei Tage lang im Spital.»

Vor allem das erste halbe Jahr sei ein Erfolg gewesen, sagt Vitarello. Mila konnte ihren Kopf wieder heben, lachen, schlucken, und sie reagierte auf ihre Mitmenschen. Die Zahl der epileptischen Anfälle ging stark zurück.

«Wir haben sehr früh gesehen, dass Milasen einen positiven Effekt hat», sagt David Fischer von der Firma Charles River. Wie gross der Effekt ist, beschreibt Vitarello inzwischen mit: «Es gibt gute Wochen und schlechte.» Einerseits ist Mila derzeit noch immer besser dran als andere Kindern mit der Batten-Krankheit. Sie kann mithilfe ihrer Mutter sogar etwas gehen, was anderen Betroffenen in dem Alter nicht mehr möglich ist. Andererseits: Mila ist nicht geheilt. Ihr Gehirnvolumen ist weiter geschrumpft. «Der Krankheitsverlauf ist so schnell und die Auswirkungen oft nicht umkehrbar», sagt Fischer. Deshalb müssten zukünftige Patienten möglichst früh zu Beginn der Batten-Krankheit die Behandlung erhalten, so die Hoffnung.

Kritik an den Eltern

«Manch einer hat uns kritisiert, dass wir für Mila solch eine experimentelle Therapie haben entwickeln lassen», sagt Vitarello. Die Substanzen seien schlecht erprobt, und das sei unethisch. «Ich finde es unethisch, meiner Tochter nicht zu helfen.» Vita­rello setzt sich mit ihrer Stiftung auch für andere Betroffene ein. «Wir ebnen den Weg für die perso­nalisierte Medizin auch für andere Patienten mit sehr seltenen Gendefekten», sagt sie.

Mila hat heute Geburtstag. Sie wird neun. «Ja, wir werden feiern», freut sich die Mutter. Auch der Bruder wird dabei sein. Die genetischen Tests haben ergeben, dass Julia Vitarello eines der Krankheitsgene an Mila vererbt hat – aber nicht an ihren Sohn. Er ist gesund.


Lesen Sie zum Thema weiter: Die Expertin für fundamentale Fragen
Effy Vayena erforscht, wie wir als Gesellschaft mit Fragen umgehen, die die rasante ­Entwicklung etwa in der personalisierten Medizin oder bei den Gesundheitsdaten uns stellt.

Erstellt: 04.11.2019, 17:43 Uhr

Auch eine Schweizerin wartet auf eine solche Behandlung

Seit Juni therapieren US-Ärzte eine weitere Patientin mit einem personalisierten Medikament. Die 25-jährige Jaci Hermstad leidet an einer sehr seltenen erb­lichen Form von Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Bei ihrer Zwillingsschwester Alex brach die Krankheit bereits im 11. Lebensjahr aus und schritt rasch voran. Die Nervenzellen, welche die Bewegung steuern, starben ab. Zuletzt konnte das Mädchen nur noch dank eines Atemgeräts Luft holen. Sie starb mit 17 Jahren. Jaci hat den gleichen Gendefekt, bestätigten die Ärzte vor einigen Monaten. Jetzt erhält die junge Frau als experimentelles Medikament Antisense-Oligonukleotide (ASO), eigens für ihre Genveränderung angepasst, wie Mila.


Jaci Hermstad kämpft ums Überleben. Foto: Desmoinesregister.com

Die nächste Patientin könnte Valeria werden. Die kleine Schweizerin wurde im Februar 2018 in Luzern mit einem sehr seltenen Gendefekt geboren. Ihren Nervenzellen ist es nicht möglich, miteinander zu kommunizieren, die elektrische Reizleitung ist gestört. Sie kann weder lachen noch laufen. Im Mai wendeten sich ihre Eltern an die Öffentlichkeit, um die Hälfte des Geldes für die 1,8 Millionen Franken teure Therapie zu sammeln, die noch fehlte. Erfolgreich. David Fischer von der Firma Charles River wird demnächst die eigens für Valeria hergestellten Antisense-Oligonukleotide im Labor testen. «Voraussichtlich kann Valeria Ende des Jahres behandelt werden», sagt Fischer.


Valeria wartet auf die eigens für sie entwickelte Therapie. Foto: PD

(afo)

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