Ein Naturstoff mit unbekannten Spätfolgen

E-Zigaretten verbreiten sich und werden zur Rauchentwöhnung empfohlen. Doch wie schädlich ist es überhaupt, Nikotin ohne Tabakrauch zu inhalieren?

Mit E-Zigaretten lässt sich der Nikotinsucht auch ohne Tabakkonsum frönen: Eine Verkäuferin in einem Laden in Peking demonstriert den Gebrauch eines der Verdampfungsgeräte. (30. Januar 2019)

Mit E-Zigaretten lässt sich der Nikotinsucht auch ohne Tabakkonsum frönen: Eine Verkäuferin in einem Laden in Peking demonstriert den Gebrauch eines der Verdampfungsgeräte. (30. Januar 2019) Bild: Thomas Peter/Reuters

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Es ist ein riesiges Experiment, das derzeit in den USA und mit zeitlicher Verzögerung vielleicht auch bei uns stattfindet. Was passiert, wenn grosse Teile der Bevölkerung jahrelang Nikotin ohne die anderen Giftstoffe der Tabakverbrennung inhalieren? Was sind die Folgen bei Jugendlichen und Schwangeren? Bringt es die Menschen vor allem weg vom Rauchen, oder steigen sie deswegen erst in den Zigaretten- oder gar Drogenkonsum ein?

Tatsächlich existieren bis heute keine direkten Untersuchungen zu gesundheitlichen Effekten von längerem Nikotinkonsum. Das bestätigt Reto Auer, Forschungsleiter am Institut für Hausarztmedizin an der Universität Bern, der sich intensiv mit den gesundheitlichen Folgen des Rauchens und von E-Zigaretten beschäftigt: «Die meisten Hinweise zu möglichen Folgen beruhen auf Tierversuchen oder Raucherstudien.» Letztere sind durch die stark schädigende Wirkung auf Lunge und Herz-Kreislauf durch den herkömmlichen Zigarettenrauch verfälscht.

Eine erstaunliche Wissenslücke für einen Naturstoff, der bereits 1928 isoliert wurde. Mit der zunehmenden Verbreitung von elektrischen Zigaretten, die Nikotinlösungen verdampfen, rückt sie nun in den Vordergrund. Erst recht, seit unlängst britische Forscher im Fachblatt «New England Journal of Medicine» nachweisen konnten, dass sich E-Verdampfer für die Rauchentwöhnung eignen – unter Umständen besser als Nikotinersatzprodukte wie Pflaster oder Kaugummi. Bemerkenswert: In der Studie nutzten 80 Prozent der Teilnehmer nach dem Rauchstopp weiterhin regelmässig einen E-Verdampfer.

Innerst Sekunden ins Gehirn zum Suchtkarussell

Bei E-Zigaretten können Duft- und Aromastoffe wie Menthol und Linalool, aber auch Zusätze wie Propylenglycol und Glycerin sowie Verunreinigungen gesundheitlich problematisch sein. Hauptbestandteil ist jedoch Nikotin, das für den Kick sorgt, der Nikotinpflaster und -kaugummi abgeht, weil sie die Substanz nur langsam abgeben und weshalb die Suchtwirkung kleiner ist.

Dass Nikotin rasch körperliche und psychische Abhängigkeit bewirkt, ist unbestritten. Eingeatmet gelangt der Stoff innerhalb von wenigen Sekunden von den Atemwegen ins Gehirn, wo er an spezielle Bindestellen dockt und dadurch für die Ausschüttung zahlreicher Neurotransmitter sorgt, die das Suchtkarussell am Laufen halten. Bei regelmässigem Nikotinkonsum nimmt die Zahl der Bindestellen zu, weshalb die Betroffenen die Dosis steigern müssen, um die gleiche Wirkung zu spüren.

Doch mit einer Sucht lässt sich unter Umständen gut leben. Was ist mit den Gesundheitsrisiken? Bei den Tabakpflanzen dient Nikotin ursprünglich zur Abwehr von Insekten. Doch nicht nur für Schädlinge, auch für den Menschen ist die Substanz in hohen Dosen giftig. Wer neu mit Rauchen beginnt, bemerkt anfangs oft leichte Überdosissymptome wie Übelkeit, Schwindel oder Herzrasen.

Bisherige Erkenntnisse lassen auf nicht unerhebliche Langzeitgefahren schliessen. Dies zeigt eine Übersichtsarbeit von 2017 im Fachblatt «Neuroscience & Biobehavioral Reviews». «In der Vergangenheit betrachteten viele Mediziner und Forscher eine alleinige Nikotin-Exposition als wenig risikoreich, besonders für langjährige Raucher», schreiben Autoren um Lucinda England von den Centers of Disease Control und Prevention (CDC) des US-Gesundheitsministeriums. «Für schwangere Frauen und Jugendliche stellt eine grosse Anzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse diese Ansicht infrage.»

Bei werdenden Müttern gelangt das Nikotin über die Plazenta in den Kreislauf des Kindes, das selbst nicht in der Lage ist, den Stoff richtig abzubauen. Gemäss den US-Wissenschaftlern könnte Nikotin dann ähnlich wie Zigarettenrauch einen ungünstigen Einfluss auf die Hirnentwicklung des Kindes haben. Versuche deuten auch auf negative Effekte auf die Lunge, die Asthma und die Lungenkrankheit COPD im Erwachsenenalter begünstigen könnten. Und es gibt Hinweise darauf, dass durch sogenannte epigenetische Vererbung auch Folgegenerationen beeinträchtigt sein könnten. Nicht ausgeschlossen ist schliesslich, dass Nikotin während der Schwangerschaft später einen plötzlichen Kindstod begünstigen könnte.

Auch im Jugendalter sehen die Forscher um Lucinda England Risiken. Die Kinder seien dann besonders gefährdet, abhängig zu werden. Zudem komme es gemäss neuerer Studien zu einem «Priming»-Effekt. Das heisst, dass die Gefahr steigt, später auch andere Drogen zu konsumieren. Raucherstudien und Tierversuche deuteten zudem darauf hin, dass Nikotin Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit beeinträchtigt, so die US-Wissenschaftler weiter. Noch nicht abgeschlossen ist die Diskussion um mögliche Herz-Kreislauf-Risiken von Nikotin. Auch hier gibt es Hinweise, dass die Substanz Arterienverkalkung und damit etwa Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigen könnte.

Vermeintliche Gewissheiten könnten sich in Luft auflösen

Nicht einverstanden mit US-Autoren ist allerdings Reto Auer: «Das muss alles mit Fragezeichen versehen werden», sagt er. Die genannten Risiken würden ausschliesslich aus indirekten, unsicheren Studien mit Rauchern und Versuchstieren abgeleitet. Saubere Untersuchungen zum Nikotinkonsum ohne den Einfluss von Tabakrauch seien bis jetzt nicht möglich gewesen, räumt er ein. Studien mit Nikotinersatzprodukten wie Kaugummis oder Pflaster wurden alle mit ehemaligen Rauchern gemacht, die dadurch bereits eine beeinträchtigte Gesundheit hatten.

Der Mediziner warnt: «Wie so oft in der medizinischen Forschung könnte sich auch beim Nikotin manche vermeintliche Gewissheit in Luft auflösen, wenn dereinst gut gemachte Studien vorliegen.» Er selber führt derzeit mit einem Forschungsteam eine Untersuchung durch, um an 1200 ausstiegswilligen Rauchern die Langzeitrisiken von Nikotinverdampfern zu untersuchen. Die qualitativ hochstehende Studie mit Kontrollgruppe wäre vor der Einführung von E-Zigaretten nicht möglich gewesen.

Für Auer ist klar: «Es ist keine gute Idee, als Jugendlicher oder während der Schwangerschaft mit dem Nikotin-Inhalieren anzufangen, wenn man vorher nie geraucht hat.» Für Raucher seien Nikotinersatztherapien und Entwöhnungsmedikamente die gesündere Alternative – auch für Schwangere, die sonst nicht davon wegkommen. «In Zukunft werden wir besser wissen, wie sicher E-Zigaretten sind, insbesondere für Personen, die traditionelle Hilfsmittel zur Rauchentwöhnung nicht wollen.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.02.2019, 11:59 Uhr

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