Ein Reisender durch den Kosmos des menschlichen Gehirns

Er will das Gehirn vollkommen verstehen: Der gebürtige Südafrikaner und Neurowissenschaftler Henry Markram macht Lausanne zum Zentrum der Hirnforschung.

Mit dem Supercomputer ein Gehirn simulieren: Henry Markram von der ETH Lausanne. Foto: Valentin Flauraud (Reuters)

Mit dem Supercomputer ein Gehirn simulieren: Henry Markram von der ETH Lausanne. Foto: Valentin Flauraud (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Alles ist vernetzt» ist ein banaler Satz. Aber wenn der gebürtige Südafrikaner Henry Markram dieselbe Aussage macht, tönt es eindrücklich. In seinen Worten ist «alles so unglaublich verwoben, dass jede Tat, jede Aktion, die jemand tut, einen immens tiefen Eindruck auf die Gesamtheit der Dinge hinterlässt». Und wenn er dazu seine Hände anhebt und bedeutungsvoll faltet und seine Augen funkeln lässt, scheint man sich in eine Predigt verirrt zu haben. Mag das der Grund sein, weshalb die «Wochenzeitung» unlängst fragte: Ist er ein Scharlatan, ein Guru oder ein verkanntes Genie?

Henry Markram ist der Hirnforscher der ETH Lausanne, der vergangene Woche das Rennen um die EU-Flaggschiff-Projekte gewonnen hat, was seinem Human Brain Project bis zu einer Milliarde Euro an Fördergeldern eintragen kann. Auch wenn über 80 Forschergruppen aus 23 Ländern beteiligt sind, ist dies ein grosser Erfolg für die Schweiz und die ETH Lausanne. Markram möchte mit Supercomputern das menschliche Gehirn vollständig simulieren und so schliesslich verstehen. «Ich bin glücklich», sagt Markram, «Aber es zeigt nur, dass die Welt und die Hirnforschung jetzt bereit sind, ein solch ausserordentliches Ziel in Angriff zu nehmen.»

Hartes Leben auf der Farm

Der 50-jährige Markram wurde als Sohn eines südafrikanischen Farmers geboren, mitten in der Kalahariwüste, wo schon seine Vorfahren riesige Güter mit Rinder- und Schafherden besassen. Die Arbeit dort war entbehrungsreich, alle mussten mithelfen, eigene Flausen kamen da nicht infrage. «Mein Vater war sehr streng», sagte Markram in einem früheren Gespräch, «da gab es keinen Platz für Tränen, nur harte Arbeit und Disziplin.» Seine Mutter wollte jedoch nicht, dass ihr Sohn Farmer werde, und schickte ihn in eine britische Privatschule. Später studierte er Medizin und Physiologie an der Universität Kapstadt, unter anderem bei Rodney Douglas, der heute Professor in Zürich ist und einer der profiliertesten Kritiker von Markrams Projekt.

Ein Stipendium führte ihn im Alter von 26 Jahren nach Israel, wo er Wurzeln fasste. Er forschte fast 10 Jahre am Weizmann-Institut, wurde israelischer Staatsbürger und leistete den obligatorischen Militärdienst. Und er heiratete seine erste Frau Anat, von der er heute getrennt lebt. Der Ehe sind drei Kinder entsprungen. Dazwischen folgten Forschungsaufenthalte in den USA und in Deutschland, wo er elektrophysiologische Eigenschaften und Reaktionen von Nervenzellen erforschte und mit einigen anerkannten Publikationen ein Renommee als Hirnforscher erlangte.

Nach Lausanne statt in die USA

Doch in seinem Kopf dräute bereits damals eine Unrast über das bis heute ungenügende Verständnis des Gehirns. «Ich realisierte bereits in den frühen 90er-Jahren, dass wir ein funktionierendes Computermodell des arbeitenden Gehirns bauen müssen, wenn wir das Gehirn und seine Krankheiten je vollständig verstehen wollen», erklärte Markram gegenüber einem israelischen Newsmagazin. Doch Israel war zu klein, um seine ambitionierten Pläne finanzieren zu können. Er sah sich um und hatte bald eine Anstellung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, einer der bekanntesten Hochschulen weltweit, in Aussicht.

Doch dann kam er im Jahr 2002 mit Patrick Aebischer in Kontakt, der gerade Präsident der ETH Lausanne geworden war und aus dem eher verschlafenen zweiten Polytechnikum der Schweiz eine Spitzenuniversität amerikanischer Prägung machen wollte. Die Lebenswissenschaften und darin insbesondere die Hirnforschung, kombiniert mit der Informationstechnologie, waren für den Neurowissenschaftler Aebischer ein Grundpfeiler seiner Strategie. Markram stellte sein Projekt in Lausanne vor, und nach 45 Minuten trat er von einem bereits ausgehandelten Vertrag mit dem MIT zurück und besiegelte die Zusammenarbeit in Lausanne. Dort gründete er das Brain Mind Institute und 2005 das Blue Brain Project, die Grundlage des nun siegreichen Human Brain Project.

Gilde der Hirnforscher gespalten

Markrams Anspruch ist ohne Zweifel hoch. Er möchte eigentlich «alles verstehen». Er sagt: «Einmal gebaut, wird das Computermodell dazu fähig sein, die Aktivitäten des Gehirns beinahe vollständig zu imitieren, und kann so für die Grundlagenforschung, für die Analyse von Behandlungen und für die Entwicklungen neuer Medikamente benutzt werden.» So soll es dereinst gelingen, das gesamte Hirn zu verstehen und wenn möglich auch Krankheiten wie Depressionen, Alzheimer oder Autismus zu heilen. Mit solchen Versprechungen spaltete er die Gilde der Hirnforscher endgültig. Kritiker halten dieses Versprechen für Scharlatanerie, weil das menschliche Gehirn mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen schlicht zu komplex sei, als dass es ein Computer je simulieren könne. Andere halten den Plan, so viele Daten wie möglich zu sammeln, ohne zu wissen, wozu, für unausgegoren.

Solche Auseinandersetzungen hätten ihn sehr ermüdet, sagt Markram heute leise. Hinter seiner sanften Stimme scheinen aber eine Entschlossenheit und eine Selbstüberzeugung durch, die manche abschrecken oder die als arrogant empfunden werden. Menschen, die mit Henry Markram zusammenarbeiten, nehmen allerdings keine Überheblichkeit war. «Henry ist in erster Linie ein guter Kollege und ein Professor wie jeder andere auch», sagt der Lausanner Neurowissenschaftler Pierre Magistretti, seit 2008 alleiniger Direktor des Brain Mind Institute und als solcher Nachfolger von Markram. «Aber er ist vor allem ein kompetenter Neurowissenschaftler.» Markrams Studenten und Doktoranden im Labor rühmen zudem dessen enge Betreuung und ansteckende Begeisterung.

Wichtige Einzelprojekte

«Der Erfolg bei den Flagship-Programmen gibt Henry Markram recht», sagt der Neurowissenschaftler Bruno Weber, Professor am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich. Er profitiert selber vom angekündigten Geldsegen aus Brüssel und wird ein Projekt ausführen können, in dem er das gesamte System der Blutgefässe des Mausgehirns rekonstruiert, um Blutfluss und Hirnstoffwechsel zu simulieren – für Henry Markram ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu seinem Hirnmodell. «Natürlich war das Human Brain Project auch eine PR-Aktion», sagt Weber. «Doch mit dem Geld können jetzt viele Projekte durchgeführt werden, die wissenschaftlich völlig unbestritten sind. Seien wir ehrlich: Ohne Einbettung in diese Initiative wäre es viel schwieriger, ein Projekt wie meines durchzuführen und dafür Fördergelder zu beschaffen.»

Neue Theorie über Autismus

Viel Freizeit gönnt sich Henry Markram nicht. «Die Familie ist meine Freizeit», sagt er selber, «ich habe fünf wunderbare Kinder.» Zwei seiner Kinder wurden in Lausanne von seiner zweiten Frau Kamila geboren, das jüngste ist erst drei Wochen alt. Kamila Markram ist ebenfalls Neurowissenschaftlerin, Wissenschaft sei deshalb Teil ihres gemeinsamen Alltages. Zusammen haben sie auch eine neue – selbstverständliche allumfassende – Theorie des Autismus entwickelt, vielleicht weil Henrys Sohn aus erster Ehe selber an Autismus leidet. Der in Internetforen bereits heftig diskutierte Vorschlag mit dem Namen Intense World Theory basiert auf der Idee, dass autistische Menschen ein überempfindliches Gehirn haben und sich deshalb abschotten.

«Alles mischt sich, alles ist Teil unseres Ziels», kehrt Markram zurück zu seiner Botschaft über das Bewusstsein, die seine Leidenschaft ist. «Als Menschen haben wir das Bewusstsein geschenkt erhalten, aber das Bewusstsein ist ein Spektrum, nicht alle Menschen sind in gleichem Masse bewusst. Die Frage ist also, wie bewusst wir uns werden können. Je bewusster wir leben, umso mehr sind wir Meister unseres Gehirns.»

Seine etwas salbungsvoll gesprochenen Sätze verleihen Markram etwas Guruhaftes, auch wenn er dies mit aller Macht von sich weist. Als er in Israel lebte, praktizierte er Qi Gong, eine fernöstliche Meditationsmethode, um die stetige Vervollkommnung des eigenen Wesens über die drei Pfeiler Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht zu erreichen. Heute spricht er vom unbekannten Gehirn, das den Menschen wie ein wildes Pferd herumwerfe und das es deshalb zu bändigen gelte. «Ich glaube, es macht glücklich», sagt Markram, «wenn Sie spüren, dass Sie endlich im Kommandoraum sitzen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2013, 07:19 Uhr

Artikel zum Thema

«Klar, eine Milliarde klingt nach unglaublich viel Geld»

Interview Die ETH Lausanne erhält für ihr Human Brain Project über eine Milliarde Euro von der EU. Präsident Patrick Aebischer erklärt die Bedeutung des Projekts und wie das Geld verwendet wird. Mehr...

Eine neue Ära der Gehirnforschung

Eine gigantische Computerplattform soll das menschliche Gehirn entschlüsseln: Politik und Wissenschaft freuen sich über die EU-Gelder für das Human Brain Project (HBP) der ETH Lausanne. Mehr...

ETH Lausanne erhält EU-Milliardenprojekt

Die EU gibt die Gewinner von wissenschaftlichen Prestigeprojekten bekannt: Die ETH Lausanne koordiniert ein Hirnforschungsprojekt und soll dafür eine Milliarde Euro Fördergelder erhalten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Mamablog Mit Kindern über Flüchtlinge reden

Nachspielzeit Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Die Welt in Bildern

Zwischenstopp: Eine Heidelibelle rastet auf einem Pfosten in der israelischen Küstenstadt Netanya. (22. Oktober 2018)
(Bild: Jack Guez) Mehr...