Ein direkter Zugang zur Forschung

Lawrence Rajendran von der Uni Zürich will die Publikation wissenschaftlicher Studien revolutionieren. Dafür hat er die Internetplattform «Science Matters» gegründet.

«Zum Erfolg verpflichtet»: Lawrence Rajendran, Initiant von «Science Matters». Foto: Esther Michel

«Zum Erfolg verpflichtet»: Lawrence Rajendran, Initiant von «Science Matters». Foto: Esther Michel

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Das Inserat im Wissenschaftsmagazin «Nature» war ein Coup. Sein Text: «Die schlechte Nachricht: Du konntest weder in ‹Science› noch in ‹Nature› publizieren. Die gute Nachricht: Das spielt keine Rolle, es gibt jetzt ‹Matters›.» Lawrence Rajendran, Alzheimerforscher an der Universität Zürich und geistiger Vater von «Science Matters», einer neuen Publikationsplattform für wissenschaftliche Ergebnisse, lacht, als er vom Handstreich erzählt. «Matters», so die Kurzform, ist eine Kampfansage an die dominanten Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Wiley oder Springer, aber auch an das wissenschaftliche Publikationssystem per se, in dem «Science» und «Nature» eine Hauptrolle spielen.

Rajendran hat ambitiöse Ziele: Mit «Matters» will der 40-Jährige nichts weniger als das wissenschaftliche Publizieren revolutionieren. Heute könne man in einem der hoch angesehenen Journals wie «Science» oder «Nature» nur dann veröffentlichen, wenn man eine ­Fragestellung von allen Seiten beleuchte. «Man muss eine ganze Geschichte erzählen», sagt Rajendran. Wenn etwa ein kenianischer Forscher in Eukalyptusbäumen eine Substanz entdeckt, die gegen Schuppenflechte hilft, könne er diesen Befund nicht veröffentlichen. «Erst wenn er alles über das Molekül weiss und wie es bei der Bevölkerung wirkt, hätte er eine Chance.» Aus verschiedensten Gründen sei dies oft aber nicht möglich. Die Konsequenz: Der an sich interessante Befund verschwindet in der Schublade.

Dabei bilden doch gerade solche Einzelbefunde und Beobachtungen die Grundpfeiler der Wissenschaft, sagt ­Rajendran, «und nicht Geschichten». «Matters» soll nun dafür sorgen, dass die Puzzlesteine nicht unter den Tisch fallen, sondern dass auch sie ihren Platz finden in der wissenschaftlichen Literatur. «Geschichten können warten, die Wissenschaft nicht», lautet das Credo der Online-Plattform.

Mit offenem Zugang

In diesem heutigen Publikationssystem fallen immer wieder wichtige Erkenntnisse darum durch, weil sie die Vorgaben der Zeitschriften nicht erfüllen. Etwa, wenn eine Forschergruppe die Resultate eines ­anderen Teams nicht bestätigen kann; oder umgekehrt, wenn ein Experiment ein früheres, möglicherweise umstrittenes, bestätigt. Zum anderen würden, um publizieren zu können, jene Befunde, die nicht in die «Geschichte» passen, weggelassen oder in einzelnen Fällen sogar gefälscht, schreiben Rajendran und seine Leute auf ihrer Website. Rajendran sagt, er habe selbst in renommierten Journals öfters mangelhafte Papers gelesen.

Den Druck, in möglichst guten Fachzeitschriften – also in solchen mit einem hohen «Impact Factor» – zu publizieren, generiert das Wissenschaftssystem selber. Jede Jungforscherin und jeder Jungforscher weiss: Nur wer in den für das Fach wichtigen Top-Zeitschriften publizieren kann, hat eine Chance auf eine Professur oder eine Karriere in der Wissenschaft. «Publish or perish» heisst das Motto: «Publiziere oder gehe unter.»

«Das geht heute alles zu weit», sagt Rajendran. Es brauche in der Wissenschaft auch Platz für langweilige und negative Resultate. Und wenn man eine interessante Beobachtung gemacht habe, solle man sie nicht so lange unter dem Deckel halten, bis daraus eine Geschichte werde, sagt Rajendran, sondern sofort publizieren können. Dafür hat er Ende 2015 also «Matters» lanciert, offiziell läuft die Plattform seit Februar. Sie hat «Open Access» (OA). Das heisst: Forschende auf der ganzen Welt haben freien Zugang zu den dort publizierten Beobachtungen und Studien. Bei «Matters» gehen die Kosten, wie bei OA-Zeitschriften üblich, zulasten der Studien­autoren. Sie zahlen 150 Dollar – ein Klacks gegenüber kommerziellen OA-Journals, die bis zu 5000 Dollar pro Artikel verlangen. Forscher aus Entwicklungsländern sollen gar kostenlos publizieren können, so Rajendran, ein gebürtiger Inder.

Eine dreifache Kontrolle

OA-Zeitschriften haben in den letzten Jahren geboomt. Doch noch immer publizieren sie nur einen Bruchteil aller Studien. Der Löwenanteil der bis zu 5000 neuen wissenschaftlichen Arbeiten pro Tag landet in kostenpflichtigen Zeitschriften. Wer eine solche Studie lesen will, muss hoffen, dass die eigene Bibliothek die entsprechende Zeitschrift abonniert hat – oder bereit sein, für einen einzelnen Artikel bis zu 30 Dollar oder mehr hinzublättern.

Dieses System will «Matters» brechen. Die Hürden für eine Publikation bei Matters sind bewusst tief angesetzt, eine einzelne interessante Beobachtung reicht. Allerdings werden auch hier – wie bei wissenschaftlichen Publikationen üblich – die eingereichten Artikel durch Experten begutachtet. Sie durchlaufen einen sogenannten «Peer Review»-Prozess. Gut die Hälfte der eingereichten Manuskripte erfüllt laut Rajendran die geforderten Kriterien. Dieses Kontrollsystem ist das vor allem Revolutionäre an «Matters». Bei klassischen Journals dauert es normalerweise Monate bis Jahre, ehe ein Paper publiziert wird, bei Matters zwei bis drei Wochen.

In dieser Zeit begutachten drei unabhängige Experten den Artikel – ohne zu wissen, wer der Autor ist. Danach bearbeiten ihn wissenschaftliche Redaktoren und publizieren ihn samt den Kommentaren der Gutachter. Ist ein Artikel publiziert, können alle Interessierten ihn online kommentieren. Sowohl die Reviewers als auch die Redaktoren erhalten für ihre Arbeit ein kleines Entgelt von 25 Dollar. Derzeit ist «Matters» auf Artikel aus der Chemie, der Biologie und der Medizin beschränkt. «Physik wird bald dazukommen, Ökonomie und Psychologie ebenfalls», sagt Rajendran.

Wen immer man fragt, es gibt lobende Worte für «Matters».

Damit «Matters» nicht einfach zu einer riesigen Datenbank mit unzähligen Einzelbeobachtungen verkommt, sollen einzelne Artikel zum gleichen Forschungsthema – bestätigende, ergänzende, weiterführende – untereinander verlinkt werden und im besten Fall einen Cluster bilden. Dabei soll diejenige Publikation, die diesen Cluster begründet hat, «belohnt» werden, erklärt Rajendran. Künftig, hofft er, soll man Forscher nicht mehr daran messen, wie viel sie in wie guten Journals publiziert haben. Sondern daran, wie gut sie als «Säer» oder «Erweiterer» von neuen Ideen sind. Die Artikel müssten auch gewissen ethischen Standards genügen. Nicht akzeptiert werden etwa Artikel, welche die ­Herstellung von gefährlichen Viren beschreiben.

Wen immer man fragt, es gibt lobende Worte für «Matters». «Extrem positiv», sagt etwa der Astrophysiker Kevin Schawinski von der ETH Zürich zum Projekt. Und Christian Fuhrer, der an der Hauptbibliothek Irchel der Universität Zürich für das Thema Open Access zuständig ist, nennt die neue Plattform «sehr spannend, geradezu ein Testfall dafür, ob ‹Open Science› funktioniert». Im Juli erhielt «Matters» sogar Unterstützung von der EU-Kommission: Die Seite sei ein «nützliches Tool», um die Ziele von «Open Science» voranzutreiben.

Angetan sind auch hochkarätige Wissenschaftler. Der Nobelpreisträger Thomas Südhof von der Stanford University, der Rektor der Uni Zürich, Michael Hengartner, der Alzheimerforscher Rudolph Tanzi von der Harvard University und der Epidemiologe und Wissenschaftskritiker John Ioannidis von der Stanford University: Sie alle sitzen im wissenschaftlichen Beirat von «Matters». Initiant Rajendran konnte zudem bereits über 400 Experten als Begutachter und Redaktoren gewinnen.

Noch fehlt es an Geld

So richtig Fahrt aufgenommen hat die Plattform allerdings noch nicht. Mitte August, ein halbes Jahr nach der Lancierung der Website, finden sich darauf erst knapp fünfzig Artikel. Am Anfang sei es immer schwierig, sagt Rajendran: Eine neue Publikation werde erst nach einem Jahr in die relevanten Datenbanken wie PubMed aufgenommen und erhalte auch erst dann einen «Impact Factor».

Woran es hapert, ist die Finanzierung. Von der Velux-Stiftung hat Rajendran 380 000 Franken an Starthilfe erhalten, er selber hat von seinem Professorengehalt 180 000 Franken investiert. Das reicht aber nicht für einen regulären Betrieb. «Wir stecken so viel Geld in die ­Wissenschaft», sagt Rajendran, «da sollte es doch auch möglich sein, eine Plattform zu unterstützen, die auch einfache Befunde und negative oder bestätigende Ergebnisse publiziert.» In vier bis fünf Jahren, hofft er, soll sich sein «Matters» selbst finanzieren. Er ist überzeugt: «Dieses Projekt ist zum Erfolg verpflichtet.»

www.sciencematters.io (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2016, 18:15 Uhr

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