«Ein übermässiger Schutz ist falsch»

Zwei Mädchen haben das Blutbad bei Annecy überlebt. Cornelia Bessler, Chefärztin Kinder- und Jugendforensik an der Universität Zürich, sagt, wie Kinder mit einer solchen Extremsituation umgehen.

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Ein vierjähriges Mädchen hat acht Stunden unter Toten im Auto still ausgeharrt, bis die Polizei es entdeckte. Was für Auswirkungen hat das auf das Kind?
Da mir nicht alle Informationen zum Geschehenen vorliegen, ist meine Aussage mit Vorsicht zu geniessen. Grundsätzlich ist es natürlich auffällig, wenn sich eine Vierjährige so lange nicht bewegt, vor allem tagsüber. Das Mädchen könnte in einen Schockzustand geraten sein.

Laut Ermittlern hat das Mädchen erst gelächelt und auf Englisch geplaudert, als es gefunden wurde. Dann habe es realisiert, dass seine Mutter nicht kommt, wenn es sie ruft.
Dass es mit einem Lächeln reagiert hat, kann auch nur eine Reflexreaktion sein. Ein Kind, wenn es in der emotionalen Entwicklung normal fortgeschritten ist, lernt, wie es sich im Sozialkontakt zu verhalten hat, und hat diese verinnerlicht. Es kann aber auch sein, dass das Mädchen übermüdet war, sich bei der Mutter geborgen gefühlt hat und gar nichts mitbekam. Dass es nach der Mutter gerufen hat, spricht dafür.

Wie ist das möglich, harrte das Mädchen doch bei den Toten aus?
Weil es das Geschehene nicht einordnen kann. Ein Kleinkind kann zum Beispiel bei einem brennenden Haus sogar Freude empfinden, weil es nicht weiss, was es bedeutet. Ein älteres Kind wird beim gleichen Anblick traumatisiert, weil es realisiert, was es dabei verliert.

Die achtjährige Schwester des Mädchens hat schwer verletzt mit einer Schädelfraktur überlebt und ist im künstlichen Koma. Die Polizei will sie in den nächsten Tagen anhören. Was kann das Mädchen denn erzählen? Was erhofft man sich?
Das ist sehr abhängig von der Verletzung. Eine Schädelfraktur kann zu einem punktuellen Gedächtnisverlust führen. Es kann also sein, dass das Mädchen gar nichts mehr weiss. Grundsätzlich sind beide Mädchen sicher gefährdet, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Da braucht es sicher fachliche Begleitung. Bei einem Verbrechen ist die Polizei verpflichtet, eine Anhörung zu machen, ausser die Kinder sind nicht einvernahmefähig. Das muss aber von einer Fachperson beurteilt werden.

Wie gehen Fachleute an eine Befragung heran, um die Kinder möglichst wenig zusätzlich zu belasten?
Ein übermässiger Schutz ist falsch, es geht darum, dass das Kind adäquat befragt wird, in einer geschützten Atmosphäre. Es muss Rücksicht genommen werden, wenn das Kind nicht reden will. Zuvor müssen natürlich die Ärzte einschätzen, ob das Kind sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet. Die Kinder aber gar nicht zu befragen, ist keine Lösung, denn es kann sein, dass ein Kind sehr wohl aussagen möchte, weil es ja etwas erlebt hat.

Die Mädchen haben, wie es scheint, ihre Eltern bei einem Gewaltverbrechen verloren, dessen Zeugen sie wurden. Wie müssen sie langfristig betreut werden?
Das Verbrechen ist natürlich ein sehr schweres, tiefgreifendes Erlebnis, welches eine psychische Gefährdung der Mädchen impliziert. Wichtig ist, dass die Mädchen eine tiefe Beziehung zu Ersatzeltern aufbauen können. Das ist das A und das O, um eine Verlustverarbeitung zu unterstützen. Dann geht es darum, mit den Kindern das Erlebnis immer wieder aufzuarbeiten, damit sie es adäquat in ihre Biografie integrieren können.

Besteht denn überhaupt eine Chance, dass die Mädchen später ein unbeschwertes Leben führen können, ohne vom Erlebten heimgesucht zu werden?
Es ist ein Erlebnis, das die Mädchen sicher stark prägt, aber es impliziert nicht unbedingt, dass sie sich nicht altersgemäss entwickeln können. Sie haben durchaus eine Chance, wenn sie bei der Verarbeitung die richtige Hilfe erhalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2012, 18:10 Uhr

«Wichtig ist, dass die Mädchen eine tiefe Beziehung zu Ersatzeltern aufbauen können»: Cornelia Bessler, Chefärztin Kinder- und Jugendforensik an der Universität Zürich.

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